55. Der aristokratische Sekretär
Eine Wahl bei den Oberalten
Die nächsten Kapitel beschäftigen sich mit dem Parlament der Hamburger Republik. Geleitet wurde die Bürgerschaft, so die traditionelle Bezeichnung, von 15 Oberalten und ihrem Sekretär. Überraschenderweise übte der Sekretär großen Einfluss aus, obwohl er formal gar keine Stimme hatte. Dafür verfügte er über eine Agenda, für die er zu kämpfen bereit war.
Dies ist Teil 55 der Aufklärung in Hamburg: Johann Heinrich Bartels, Amandus Augustus Abendroth, Ferdinand Beneke und die Verbesserung einer deutschen Republik 1790–1835. Die Einleitung beschreibt, worum es geht, und ein Überblick über die bisher veröffentlichten Kapitel findet sich hier.
Im Ratssaal verhinderte der Senat den Durchbruch eines deutsch-christlichen Kandidaten. Im Bürgerschaftspräsidium hingegen passierte es an prominenter Stelle. Im Februar 1816 wählten die 15 Herren, drei aus jedem der fünf Kirchspiele, Ferdinand Beneke zu ihrem Sekretär. Die Neubesetzung des Sekretariats Ehrbarer Oberalten stand seit dem Herbst 1815 an. Amtierender Sekretär war Dr. Eduard Rentzel, der auf diesem Posten maßgeblich dafür gesorgt hatte, dass die Republik ein vorbildlich-modernes Handelsgericht bekam. Jetzt wollte er, was folgerichtig war, Präsident des neuen Gerichts werden.
Das führte umgehend zum Zusammenstoß der Parteien – vorneweg Ferdinand Beneke in polemischer Hochform gegen Fortschritt und Franzosen. Renzel …, dieser vom Volk gehaßte, beym Senate vielgeltende, Abdruck eines biß auf Verstand, und Talent an Leib, und Seele verunglückten Naturspiels. … bewirbt sich, durch eine seltsame Liebhaberey zu den öffentlichen französischen Gerichtsformen bestimmt, um die HandelsGerichts Präsidenten Stelle, ohne sich jedoch zu melden.[1] Das deutete auf Intrigen, die ihm aber gleichgültig sein konnten, da er sich bestimmt nicht bei dieser gallischen PlaidirAnstalt[2] bewerben würde.
Aber wenn es Rentzel gelang, musste der Oberaltensekretär neu gewählt werden, und an dieser Position war Beneke dringend interessiert. Sie brachte Geld, viel Geld, 6.000 bis 7.000 Mark, das Honorar lag höher als das der meisten Senatoren. Er konnte zudem einen Teil seiner juristischen Praxis – Testamente, Vergleiche, Verträge – fortführen und damit noch einmal einige Tausend Mark verdienen.[3] Zugleich erschloss sich eine lang gesuchte, lange vermisste politische Perspektive. Schaffen im Geiste der Zeit, was der frömmere WeltVerstand unsrer deutschen WiedergeburtsZeit auch zwischen Elbe, Weser, und Trave fodert,[4] so stellte Beneke sich seine Aufgabe im Bürgerschaftspräsidium vor. Dieses Schaffen im Geiste der Zeit aber würde automatisch auf Opposition gegen die Regierung, den Senat also, hinauslaufen, die von Frömmigkeit und deutscher Wiedergeburt nicht so viel hielt. Mit anderen Worten, er sah sich als Führer der deutschen Partei der Republik, als Seele der jetzt so besonders nöthigen, in jeder Republik aber heilsamen, Opposizion gegen die ausübende Macht.[5]
Illusionen über sein politisches Kapital in höheren Sphären machte Beneke sich nicht. Für die Wahl war ein gut funktionierendes Netzwerk von Freunden nötig. Damit sah es bei ihm vorübergehend nicht so gut aus – jedenfalls nicht dort, wo es zählte. Er nahm im Katharinenkirchspiel an den Sitzungen der Bürgerschaft teil, war in den Kammern aber nicht sonderlich beliebt. Im März 1815 hatte die Bürgerschaft eine Untersuchungskommission zur Justizreform eingesetzt. Von den sechs rechtsgelehrten Kandidaten für die Kommission bekam Johann Georg Mönckeberg – vor noch nicht langer Zeit hatte er das aufgeklärte Reformmanifest der Zwanziger formuliert – mit 120 die meisten Stimmen, Beneke mit 62 die wenigsten.[6] Im Senat sah es noch schlechter aus. Hinge die Wahl vom Rathe ab, so dürfte ich mir keine Hoffnung machen,[7] schrieb er Anfang Oktober 1815 ins Tagebuch.
Es kam mit anderen Worten alles auf Schwiegervater Otto von Axen an, der in der Hamburger Politik zählte – und strategisch genau auf dem richtigen Posten saß. Seit Ende 1814 war er selbst Oberalter. Er wusste auch, dass es um die Finanzen im Hause Beneke nicht gut bestellt war, und machte sich Sorgen um seine Tochter. Beneke notierte im Juni 1815: Herr v Axen ist jetzt freundschaftlicher, als je, gegen uns, und hat mir in diesen Tagen, fast ganz aus freyem Antriebe, und recht mit Lust einen Dienst in GeldAngelegenheiten geleistet.[8] Das war erfreulich, deutete aber zugleich auf Schwankungen im Verhältnis. Benekes Streit mit dem Schwiegervater wegen des Militärdienstes von dessen Sohn bei der Hanseatischen Legion lag noch nicht lange zurück.[9] Nicht zu übersehen war jedenfalls, dass er ihn weiterhin mit Sie und Herr anredete. Auf Rückendeckung bei der Wahl zum Oberaltensekretär konnte Beneke sich gleichwohl verlassen. Otto von Axen forderte seinen Schwiegersohn umsichtig dazu auf, alles zu tun, um Rentzels Wahl zum Gerichtspräsidenten zu fördern. Eine überraschende Allianz entstand. Der deutsch-christliche Beneke unterstützte Rentzel, den Freund der zweckmäßigen Verbesserung – Karriereförderung über Parteigrenzen hinweg.
Rentzel plante genauso. Am nächsten Tag trafen sich die beiden im Rathaus. Rentzel gab die Verbindlichkeit in Person und versicherte Beneke in aller Gemütlichkeit, er müsse unbedingt sein Nachfolger bei den Oberalten werden. Kalkül, das wusste der Umschmeichelte selbst und zog seine Schlüsse, so erfahre ich durch sein Benehmen, (welches sich auf seine größere Kunde der persönlichen Verhältniße in Hamburg gründet.) daß die Zahl, und Bedeutung meiner Freunde von einiger Wichtigkeit sey.[10] Dann ging Beneke geradewegs zu Herrn von Axen, der sich sehr für meine Aussicht interessirt.[11] Er hielt sich genau an die Regieanweisungen seines Schwiegervaters.[12] Das war klug, denn Axen gehörte zu den einflussreichsten Mitgliedern des Präsidiums.[13] Mitte November gab es allerdings einen Dämpfer. Die Commerzdeputation musste Rentzel vorschlagen, tat es aber nicht. Sie nominierte unter anderem Andreas Christian Wolters,[14] Dr. jur. und Ex-Präfekturrat. Beneke mäkelte herum, er schrieb über die Vortrefflichkeit des Code Napoleon.[15] Ein paar Tage später wurde Wolters mit knapper Mehrheit vom Senat zum Handelsgerichtspräses gewählt.[16] Aus der Traum, Rentzel würde Oberaltensekretär bleiben. Oder doch nicht?
Kurze Zeit später hieß es, Rentzel wolle sich zum Vizepräsidenten des Handelsgerichts wählen lassen. Neue Hoffnung für Beneke also, der ihm eifrig zuredete. Die Intrigen wurden immer abenteuerlicher.
Plötzlich war von Geld die Rede. Als Vizepräsident hätte Rentzel eine erhebliche Gehaltseinbuße hinnehmen müssen. Wie wäre es, wenn die beiden prospektiven Kandidaten des Oberaltensekretariats, der eine eben Beneke, der andere Jakob Schleiden, ihm versprechen würden, diesen Verlust zu ersetzen? Dann könnte er sich möglicherweise zu einer Bewerbung und eben einer Räumung seines alten Postens erweichen lassen. Rentzels hauptsächliche Rede, notierte Beneke – ging dahin, es komme ihm allerdings auf das Weniger von 1000 Mark an, welches das HandelsGerichtsVicepräsidat gegen seine jetzige Stelle ergäbe; da nun die Sache so stände, daß entweder ich, oder Schleiden sein Nachfolger würde, so habe er bey Schleiden angefragt, ob er ihm in solchem Falle jährlich 1000 Mark abgeben würde; Schleiden wolle das nicht, da nun Schleiden im Grunde mehr Aussicht zu der Stelle habe, als ich (wobey er allerley häßliche mich nur mittelbar betreffende Ränke, und HaßVerhältniße erwähnte, welche die Mehrheit zu Schleiden hinziehen würde, um nur meinem Schwiegervater zu widerstreben!) so sey die Sache damit aus.[17]
Dann ging es aber trotzdem weiter. Beneke fand das zwar alles tiefgemein, ließ sich aber auf das Manöver ein, so faßte ich mich, Vaterland, und Familie an mich preßend, dennoch um dringender Eile willen (morgen wird schon gewählt) schnell, und sagte ihm die 1000 Mark zu.[18] 1.000 Mark pro Jahr waren ernsthaftes Geld. War das Bestechung? Möglicherweise. Die Absprache kam allerdings nicht zum Tragen. Rentzel ließ sehr cool mitteilen, nur einer der Kandidaten habe dem Deal zugestimmt, die Wahl zum Vizepräsidenten bleibe für ihn also ein finanzielles Risiko – und trat zurück.[19] Diese Information erhielt Beneke von Johann Georg Mönckeberg, der sich in diesen Fragen offensichtlich gut auskannte.
Nur wenige Tage später neue Überraschungen: Wolters, der Handelsgerichtspräses und Freund des Code Napoléon, wird in den Senat gewählt, und Renzel spannt alle Segel vor,[20] um sein altes Ziel doch noch zu erreichen. Die Aspekten, so nannte man das, verbesserten sich, und am 5. Januar 1816 gelang Rentzel beim zweiten Anlauf der Sprung an die Spitze des Handelsgerichts. Das Oberaltensekretariat war frei.
Noch am selben Tag begann Beneke seinen Wahlkampf mit einer Besuchsrunde bei allen Oberalten. Für diejenigen, die nicht zu Hause waren, hatte er eine Karte vorbereitet, jede persönlich adressiert, kouvertiert und versiegelt: ‚Beneke meldet sich ehrerbietigst zu dem erledigten Sekretariat H. Collegio Ehrbarer Oberalten‘.[21] Auf den ersten Blick sah es ziemlich günstig aus. Freunde und Bürger kamen vorbei, wünschten Glück und erzählten ihm, ich hätte im eigentlichsten, und populärsten Sinne des Worts die ganze Stadt auf meiner Seite, und zwar in einer Art von Affekt.[22] Es dürfte dem Kandidaten wohl klar gewesen sein, dass seine aufgeklärten Gegner eines am allerwenigsten schätzten: Politik im Affekt, aber hier war sie. Dann tauchte ein Konkurrent auf, Joachim Nicolaus Schaffshausen, erst seit Kurzem Präses des Niedergerichts – er hatte das Amt noch nicht einmal angetreten. Beneke vermutete, zwei seiner Gegner unter den Bürgerschaftspräsiden, Hinrich Kühl und Johann Gotthard Martens, hätten ihn angestiftet.[23] Kein Trick blieb ungenutzt. Schaffshausen hatte Geld, war auf die private Praxis nebenher nicht angewiesen. Jetzt wurden Versuche unternommen, eben diese Privatpraxis des Oberaltensekretärs zu beschränken. Die Parteigänger Schaffshausens wussten, dass sie Beneke damit schadeten.[24] Es wirkte aber nicht.
Am 15. Februar 1816 wählte das Bürgerschaftspräsidium Ferdinand Beneke zu seinem Rechtsberater und Sekretär, zum Actuarius Civium oder eben Oberaltensekretär. Die Wahl war kein Selbstgänger, eine bedeutende Partey war absolut gegen mich.[25] Das waren die älteren und vornehmeren Leute der Republik, so nannte Beneke sie. Er meinte die etablierte politische Klasse der Aufklärer, mittlerweile etwas in die Jahre gekommen, in der öffentlichen Wertschätzung lädiert durch ihre Aktivitäten während der Réunion. Aber auch er hatte seine Partei, vor allem Leute aus dem Bürgermilitär, die Waffengenossen von 1813/14. Kämpferische Frauen wurden aktiv, Philippine Kleudgen, die fast terroristisch für mich gewirkt hat, und eine ungemeine Teilnahme erwiesen hat – Frau v. Struve, die gleichfalls (natürlich ohne mein Wißen) sehr thätig für mich gewesen ist.[26] Die Frage war nur, ob seine Freunde genügend Einfluss im Präsidium selbst geltend machen konnten.
Sie konnten. Die Wahl fiel 8:5 für Beneke aus.[27] Die Vaterlandspartei feierte. Sein Lübecker Freund Carl Georg Curtius, vor kurzem noch Hanseatischer Direktor, begrüßte ihn im schönen und ehrenvollen Amte des Sprechers deiner Mitbürger![28] Der alte Kämpfer David Christopher Mettlerkamp gratulierte als Waffenbruder, bei Theaterdirektor Herzfeld flossen die Tränen. Es war der, der Beneke für den Freiheitskampf ein Schwert aus dem Theaterfundus geliehen hatte. Bürgergardenmajor Mutzenbecher brachte eine etwas herbe Note in das festliche Getriebe und warnte vor falschen Gratulanten.[29] Wie dem auch sei, es wurde getrunken und getanzt. Einen Tag später leistete der neue Oberaltensekretär im Sitzungssaal der Oberalten im Maria-Magdalenen-Kloster den Amtseid, Dr. Bartels kam als Repräsentant des Senats.
Dann machte sich Dr. Beneke an die Arbeit. Er war sichtlich guter Dinge. Im Umgang mit den etwas schwerhörigen und kurzsichtigen alten Herren müsse er nun wohl neue Gewohnheiten einüben, z.B. laut sprechen, großschreiben.[30] Schaden konnte das in jedem Falle nicht, aber zuvor verlangte die republikanische Etikette ihr Recht. Am folgenden Tag setzte er sich bei frostigem Sonnenwetter in eine Kutsche und verteilte offizielle Karten zum Amtsantritt. Eigentlich klopfte der berühmte Lohnlakay Westphal[31] an die Türen. Zusammen mit Kollegin Clara hatte er schon das Fest der Glückwünsche sachkundig betreut. Er war auf verantwortungsvolle Aufgaben wie diese spezialisiert und hatte Beneke auch vor zwanzig Jahren bei seiner ersten zeremoniellen Rundfahrt sicher durch das Dickicht der republikanischen Etikette gelotst. Der neue Amtsinhaber selbst blieb unterdessen in seinem Fahrzeug sitzen und las Zeitung. Das war praktisch, seit drei Tagen war er nicht mehr dazu gekommen.
Natürlich wurde auch in aller Form gegessen, was dem Oberaltensekretär allerdings schon wieder die Laune verdarb. Er war etwas empfindlich: Dann officieller Schmauß ‚Satz‘ bei Renzel; HerrenGesellschaft, RathsHerren, Oberalten u.s.w. Völliges Wiederaufleben der heillosen Völlerey, und Ziererey der eiteln heillosen Zeit der vorletzten Jahrzehnte; – zahllose Gerichte, und Weine, Schuh, und Strümpfe nebst Clak’s, (nicht ich, aber der einzige), frostige Unterhaltung, amtliche Toasts ohne alle Genialität.[32] Beneke hatte ganz eigene Vorstellungen von trauter und genialischer Geselligkeit entwickelt, deutsch und christlich gefärbt mit Tendenz von Herz zu Herz. Damit stand er in dieser Runde ziemlich allein. Die genoss das gute Essen und die teuren Weine. Die Politprofis der Republik nahmen die Dinge, wie sie kamen.
Und zu guter Letzt gingen zur Wahl reichlich Geschenke in Form von Weinzetteln und Portugalösern ein.[33] Etwas auffällig war, dass die Senatoren Bartels und Abendroth auf der langen Liste der Schenkenden fehlten.[34] Es wurde dann sehr genau berechnet, wer wie viel gegeben hatte und ob man selbst im Plus oder Minus stand. Der reine Ertrag dieser Geschenke, kalkulierte Beneke, beträgt ungefähr 1.500 Mark Courant. Seit ich in Hamburg war, habe ich wenig mehr, als das, für solche AmtsGeschenke ausgegeben, komme also ungefähr wieder zu meinem Gelde.[35] In dieser kommerziellen Republik achteten auch die Schwärmer beim Schenken darauf, unterm Strich auf ihre Kosten zu kommen.
Mit der Wahl zum Oberaltensekretär war Beneke Rechtsberater der Bürgerschaft und führte bei den Sitzungen von Präsidium und Sechzigern das Protokoll. Das war die Kurzversion seiner Aufgaben, wie Bürgermeister Bartels sie einige Zeit später für seine Leser definierte. Er ahnte aber schon, dass er damit zu kurz gegriffen hatte und ließ sich etwas genauer aus. Ich halte die Stelle für die einflußreichste in der ganzen Stadt. Leidenschaftlichkeit, böser Wille und vorgefaßte Meinung dieses einen Mannes kann, wenn er das Zutrauen der Oberalten sich zu verschaffen weiß, leicht hindernd auf die öffentliche Thätigkeit des Raths einwirken und die zweckmäßige Anwendung der Vorschriften der Verfassung im Geist der Zeit hintertreiben. Widersetzlichkeit von dieser Seite bewirkt einen völligen Stillstand in der Gesetzgebung und lähmt die Kraft der Verwaltung.[36] Wie war das zu verstehen? War es vielleicht ein verschlüsseltes Porträt des neuen Amtsinhabers?
1816 war es noch nicht lange her, dass sich Beneke von den vernünftigen Herren im Senat den Vorwurf hatte gefallen lassen müssen, ein Schwärmer zu sein. Was war ein leidenschaftlicher Mensch anderes als ein Schwärmer? Und davon, dass es diesem Schwärmer gelang, sich das Zutrauen des Bürgerschaftspräsidiums zu verschaffen, würde sich Bartels in Kürze selbst überzeugen können. Es war eine höchst ärgerliche Erfahrung, später mehr davon. Vielleicht schwante ihm auch schon, dass Beneke versuchen würde, eine Art populäre national-christliche Opposition gegen den Senat anzuführen, deutsch fühlendes Volk also gegen kosmopolitisch-aufgeklärte Obrigkeit in Stellung zu bringen. Beneke hatte das in der Tat vor und war schon dabei, sich als Vorkämpfer nationalen Volksempfindens zu stilisieren.
Dieses Empfinden war besonders in der Mittelklasse verbreitet, bei den Krämern, Schiffern, Zuckerfabrikanten und Maurermeistern, mit denen er bei der Einweihung der Neuen Dröge auf St. Pauli laute Vivats ausgebracht hatte.[37] Das größere Hamburger Publikum, – das Volk im beßeren Sinne des Worts, – ist nach allen Anzeichen ungemein zufrieden mit meiner Wahl. Jemehr es mit der Regierung wegen der alten französischen Geschichten noch mault, desto lieber sehen sie diese eigentliche VolksHoffnungsStelle in den Händen eines nach ihrer Meinung durch alle ZeitVeränderungen in Wort, und That deutscherprobten Mannes.[38] Diese Qualifikation fiel umso stärker ins Gewicht, als sein national unempfindlicher Vorgänger, Dr. Rentzel, ja auf kaltsinnigste Weise im Verein mit der senatorischen Regierung Errungenschaften des gestürzten Kaiserreichs verteidigt hatte, wofür ihm als Dank eine Kugel ins Fenster geschossen worden war.
„Oberalte vermehrten durch diese Wahl ihre Popularität“[39] wollten Benekes Freunde im Correspondenten einrücken lassen. Syndikus von Sienen, der verlässliche Rechner und Aufklärer, darüber hinaus auch Zensor, strich diesen skandalösen Satz.
Martin Hieronymus Hudtwalcker, dem Rechtsanwalt und späteren Senator, der den christlich Erweckten nahestand, gefiel die Wahl. Mein Freund, Dr. Ferdinand Beneke, schrieb er in sein Tagebuch, ist an Rentzels Stelle Oberaltensecretair geworden. Das ist gewiß eine sehr gute Wahl. Manche behaupten, er sei unpraktisch. Wahr ist, daß er kein gewöhnlicher Hamburger Philister ist und eine poetische Ader hat, daher es ihm mit der Praxis nicht besonders gut glücken wollte. Wäre er nicht Schwiegersohn des Oberalten von Axen, eines der wenigen Lichter in diesem ehrbaren Collegium, schwerlich hätte er die Stelle bekommen. Seine Gesinnung ist ächtdeutsch, und er legt auch den deutschen Rock nicht ab, hat sich in der schlimmen Zeit vortrefflich benommen.[40]
Trotz echt deutscher Gesinnung und deutschen Rocks kam es letzten Endes auf die Familie an. Das Bürgerschaftspräsidium hatte den Schwiegersohn Otto von Axens gewählt, nicht den treudeutschen Mann von 1813. Wahrscheinlich wussten das die meisten. Wie der Poet im Nationalkostüm sich im nüchtern-aufgeklärten Gemeinwesen hielt, würde die Zukunft zeigen. Man muß sehen, wie er mit den Spießbürgern und mit dem starren Senat fertig wird,[41] kommentierte Hudtwalcker, der die Riege der krassen Aufklärer nicht mochte.
In jedem Falle nahm Dr. Beneke den Kampf auf und fühlte sich dabei unter höherem Schutz, der liebe Gott steht mir dann oft so recht merklich bey, daß was sich christlich, und deutsch in mir (gegen die sogenannte Aufklärung, den flauen Kosmopolitismus, und jene unendlich schlaue, selbstsüchtige Politik) regt, auch Platz findet zu Kampf, und Sieg.[42] So schrieb er im Februar 1817 nach einem besonders anstrengenden Tag auf dem Rathaus. Das Ergebnis war erstaunlich und schwer erklärbar. Innerhalb kürzester Zeit gelang es dem neuen Sekretär, nachhaltigen Einfluss auf das Bürgerschaftspräsidium zu gewinnen. Voraussetzung war wohl, dass er in diesem Gremium der einzige Vollzeitbeschäftigte war.[43] Alle anderen gingen ihren Geschäften nach, waren vielleicht auch nicht mehr die Jüngsten und hatten wenig Zeit und Neigung, sich um Resolutionsentwürfe und Protokolle zu kümmern. Beneke nutzte das gezielt und übernahm, wenn möglich, in der Runde den Vortrag. War jemand ernsthaft anderer Meinung, musste er den Sekretär widerlegen und selbst kreativ werden, mit anderen Worten, er musste sich Arbeit machen und ein gewisses Maß an Ärger in Kauf nehmen – nicht jedermanns Sache.
Ein paar Jahre später, 1827, der Bau eines neuen Untersuchungsgefängnisses stand an, beschrieb Beneke seine Verfahrenstricks für Senator Abendroth, der das Projekt durch Senat und Bürgerschaft lotste: Wäre die Gefängnissache, wie in der Regel bey allen SenatsAnträgen geschieht, mir zum Berichte gestellt, so wären wir längst am Ziele, und da mir der Antrag hinreichend selbständig scheint, so wären alsdann auch EO – Ehrbare Oberalten – wol damit ausgekommen. Nun aber machte man, vermuthlich mit Hinsicht auf den guten Martens, eine Ausnahme, und beschloß erst Cirkulirung des Antrages bey 4 Mitgliedern, und dann erst Bericht von mir. Dadurch ist nun die Sache außer meinen WirkungsKreis gerathen, und gelangt erst nach dem Umlauf wieder an mich.[44] Andreas Ehrenfried Martens war eine Autorität auf dem Feld des Strafvollzugs, 1823 hatte er ein Werk über die Hamburger Gefängnisse veröffentlicht. Seine Expertise konnte man nicht gut ignorieren. Aber zur Sicherung des Einflusses musste man das Verfahren in der Hand behalten, erste Regel des Oberaltensekretärs Beneke.
Trotzdem gab es im Bürgerpräsidium Widerstand, einer unter ihnen haßt mich wirklich, der ist Rücker; vielleicht habe ich seinen sonst starken Einfluß vernichtet; in keinem Falle ist sein Haß eine besondere Auszeichnung, da dieser Mensch nichts zu lieben scheint; er ist für alles Gute, und Schöne das böse Princip unseres Collegii.[45] Es handelte sich um Siegmund Diederich Rücker, Oberalter seit 1808.[46] Er war ein formidabler Gegner aus dem Lager des aufgeklärten Fortschritts. Immer wenn die Republik sich verbessern wollte, konnte er damit rechnen, zur Mitarbeit aufgerufen zu werden. 1814 war er der einzige Oberalte bei den Zwanzigern, 1815 wurde er in die Deputation zur Neuordnung der Gerichte gewählt, 1820 befasste er sich mit dem politischen Dauerbrenner der Republik, der Senkung der Zölle. Der neue Sekretär hatte den Einfluss Rückers also keineswegs vernichtet. 1828, zum 300. Geburtstag der Verfassung, hielt Rücker mit Bürgermeister Bartels die Festreden. Seine Tochter war mit Eduard Rentzel verheiratet, neuerdings Senator, Benekes ungeliebtem Vorgänger, dem Giftpilz. Es könnte also sein, dass Dr. Beneke den eigenen Einfluss überschätzte und über seinen national-christlichen Träumen etwas die Bodenhaftung verlor. Abendroth jedenfalls nahm zunehmend reaktionäre Verstockung dieses Beamten wahr. Seinem Freund Caspar Hartung schrieb er vom Aristocratischen Secretair nach Ritzebüttel.[47] Aristokrat war unter aufgeklärten Bürgern kein Kompliment.
Welchen Einfluss der aristokratische Sekretär ausüben konnte, hing letzten Endes davon ab, wie die Bürgerschaft insgesamt sich verhalten würde, und das hing wiederum davon ab, wie sie sich zusammensetzte.
Die Abkürzungen StAHH, StAB und StACux beziehen sich auf Bestände der Stadt- und Staatsarchive von Hamburg, Bremen und Cuxhaven; die Fußnoten auf die Literaturliste.
[1] Beneke: Tagebücher, 1.10.1815.
[2] Beneke: Tagebücher, 12.1.1816.
[3] So kam es dann auch in der Praxis, eine mir kürzlich zugefallene TestamentsVollstreckung über eine reiche Erbschaft gewährt noch erfreulichere Aussichten. Beneke: Tagebücher, Jahresrückblick 1826.
[4] Beneke: Tagebücher, 1.10.1815.
[5] Beneke: Tagebücher, 1.10.1815.
[6] Beneke: Tagebücher, 9.3.1815.
[7] Beneke: Tagebücher, 1.10.1815. Er hatte allerdings auch in Erfahrung gebracht, dass er bei der Ratswahl Wolters’ Ende 1815 vorgeschlagen und im Los war. Mangels Alternative, wie er meinte. Beneke: Tagebücher, 12.12.1815.
[8] Beneke: Tagebücher, 8.6.1815
[9] Beneke: Tagebücher, 11.4.1813.
[10] Beneke: Tagebücher, 2.10.1815.
[11] Beneke: Tagebücher, 2.10.1815.
[12] Beneke: Tagebücher, 9.10.1815.
[13] Beneke: Tagebücher, 25.2.1818.
[14] Sutor: Errichtung, S. 135.
[15] Beneke: Tagebücher, 27.11.1815.
[16] Beneke: Tagebücher, 23.11. und 27.11.1815.
[17] Beneke: Tagebücher, 1.12.1815.
[18] Beneke: Tagebücher, 1.12.1815.
[19] Beneke: Tagebücher, 2.12.1815.
[20] Beneke: Tagebücher, 13.12.1815.
[21] Beneke: Tagebücher, 5.1.1816.
[22] Beneke: Tagebücher, 12.1.1816.
[23] Beneke: Tagebücher, 10.1.1816.
[24] Beneke: Tagebücher, 15.1.1816.
[25] Beneke: Der funfzehnte Februar 1816, Beneke: Tagebücher, Bd. III/6, S. 359.
[26] Beneke: Der funfzehnte Februar 1816, Beneke: Tagebücher, Bd. III/6, S. 361. Philippine war die Tochter des sehr reichen Senators Johann Daniel Koch, verheiratet mit Peter Kleudgen, dem ersten Chef des Bürgermilitärs. Sie war die Prinzeßin von Hamburg, von der weiter oben schon die Rede war. Vgl. Beneke: Tagebücher, 18.3.1799. Frau von Struve war die Frau des russischen Gesandten bei den Hansestädten, Heinrich Christoph Gottfried von Struve, auch bekannt als Naturforscher und Mineraloge.
[27] Beneke: Der funfzehnte Februar 1816, Beneke: Tagebücher, Bd. III/6, S. 360.
[28] Carl Georg Curtius an Beneke, 17.2.1816, Beneke: Tagebücher, Bd. III/6, S. 378.
[29] Beneke: Tagebücher, Bd. III/6, S. 364–366.
[30] Beneke: Tagebücher, 16.2.1816.
[31] Beneke: Tagebücher, 17.2.1816.
[32] Beneke: Tagebücher, 19.2.1816.
[33] Portugalöser waren wertvolle Gedenkmünzen, mit dem Weinzettel konnte der Beschenkte zum Ratsweinkeller gehen und seinen Wein abholen – oder ihn auch gleich trinken. Er war eine Art Weingutschein. Vgl. Bärmann: Hamburg, S. 132.
[34] Liste der Schenker und der Geschenke, Beneke: Tagebücher, Bd. III/6, S. 369–373.
[35] Beneke: Der funfzehnte Februar 1816, Beneke: Tagebücher, Bd. III/6, S. 361.
[36] Bartels: Abhandlungen, S. 140.
[37] Beneke: Tagebücher, 14.12.1814.
[38] Beneke: Der funfzehnte Februar 1816, Beneke: Tagebücher, Bd. III/6, S. 363.
[39] Beneke: Der funfzehnte Februar 1816, Beneke: Tagebücher, Bd. III/6, S. 363.
[40] Hudtwalcker: Jahrhundert, Bd. 2, S. 523f., Tagebuch Hudtwalcker, 18.2.1816. Zum deutschen Rock vgl. Beneke: Tagebücher, Bd. III/6, S. 422–427.
[41] Hudtwalcker: Jahrhundert, Bd. 2, S. 523f., Tagebuch Hudtwalcker, 18.2.1816.
[42] Beneke: Tagebücher, 19.2.1817.
[43] Beneke: Tagebücher, 23.12.1816.
[44] StAHH, Senat Cl VII Lit Mb No 2 Vol 6a Dok 102, Beneke an Abendroth, 23.1. o. J, wahrsch. 1827.
[45] Beneke: Tagebücher, 2.1.1818.
[46] Buek: Oberalten, S. 295–301.
[47] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel I Fach 13 Vol B Fasc 3 Dok 22, Abendroth an Hartung, 25.10.1832.


