54. Mehr Energie im Senat
Wer wählt die Regierung einer Republik? Hamburger Antwort: Sie wählt sich selbst
Ein Selbstergänzungsrecht des Senats klingt fragwürdig. Hamburgs Aufklärer erwarteten davon aber mehr Energie und Entschlossenheit der republikanischen Exekutive. Eine entscheidende Rolle dabei spielte das Los.
Dies ist Teil 54 der Aufklärung in Hamburg: Johann Heinrich Bartels, Amandus Augustus Abendroth, Ferdinand Beneke und die Verbesserung einer deutschen Republik 1790–1835. Die Einleitung beschreibt, worum es geht, und ein Überblick über die bisher veröffentlichten Kapitel findet sich hier.
Der Senat, die Regierung der Republik, bestand aus 32 Herren: 4 Bürgermeistern, 24 Senatoren und 4 Syndici, alle auf Lebenszeit gewählt. So legte es die Verfassung fest.[1] Das waren nicht wenige.
Es gab viel Gerede, viel Auf-die-lange-Bank-Schieben und wenig Energie. Führung und Autorität hatte die Runde nicht bestellt, auch nicht von den Bürgermeistern. Sie reagierte darauf allergisch. Senator Dr. Bartels, seit 1820 selbst Bürgermeister, versuchte es wohl einmal, hatte damit aber wenig Erfolg und wusste, dass er vorsichtig sein musste. Ach, die Trägheit der fähigsten Köpfe, wird oft in einem Collegio, wo man mit paribus zu thun hat, und nur bei wirklicher Ungebühr die Autorität gebrauchen darf, ein schwer zu heilendes Hindernis.[2] Seine Magnifizenz hätte es lieber mit inferioribus zu tun gehabt, durfte das aber nicht so deutlich sagen.
Autorität und exekutive Energie – darauf kam es an. Die aber waren im kollegialen Format nicht zu haben. 1814 hatte Kollege Abendroth den Versuch unternommen, dieses Hindernis zu heilen – mit gemischtem Erfolg. Ein Collegium von 36 Personen, so der Senator,[3] kann unmöglich, in Zeiten wie den unsrigen die Regierung, auch des kleinsten Staats, mit Energie führen; man bestimme jede Art der Controllen, … nur gebe man die eigentliche Regierung nicht in zu viele Hände.[4] Eigentlich hätte Abendroth die kollegiale senatorische Regierung am liebsten ganz abgeschafft und eine Art Präsidialrepublik eingeführt – was unrealistisch war, aber den Wunsch konnte man ja einmal äußern: Obgleich ich wünschen würde, daß ein beständiger Administrationsbürgermeister, als Präsident, die Direction führen mögte, so glaube ich doch, daß es unsrer bisherigen Verfassung angemessener ist, zwey Administrationsbürgermeister zu wählen, die jährlich im Praesidio alterniren.[5] Vom Senatspräsidenten zum Präsidenten der Republik war es dann auch nicht mehr weit. Wer die Direktion im Senat führte, würde sie im gesamten Staatswesen führen. Aber das war ein frommer Wunsch und Abendroth wusste es.
Realisierbar war immerhin die Trennung des alten Senats in eine administrative und eine juristische Sektion. Etwas in der Art forderte auch die Reformkommission der Zwanziger.[6] Die Regierung, die administrative Sektion, sollte aus zehn Senatoren und zwei Syndici bestehen, dazu eben, da ein präsidialer Bürgermeister nicht zu vermitteln war, zwei jährlich alternierende Bürgermeister.[7] Allein eine größere Zahl würde gewiß höchst lästig seyn, die Kosten vermehren und sicher die Kraft der Administration lähmen.[8] Das sah hinreichend nach Achtung vor der alten Verfassung aus, versprach aber trotzdem mehr Energie und Initiative.
An formalen Rechten gegenüber den Bürgern fehlte es dem Senat dabei nicht. Hier kam es eher darauf an, sie zu erhalten, als sie zu erweitern. Anders formuliert, Senator Abendroth war gegen jede Schwächung des Rats gegenüber der Bürgerschaft. Es traf sich gut, dass er diese Position sehr staatstragend mit dem Verweis auf das Grundprinzip der alten Verfassung begründen konnte. Der erste Grundsatz unsrer alten Verfassung, so schrieb er 1814 an die Bürger der Republik, daß nur der gemeinschaftliche Wille des Raths und der zur Besuchung der Versammlungen der Bürgerschaft qualifizirten Bürger ein Gesetz mache, sey uns heilig.[9] Das klang wunderbar konservativ. Es steckte dahinter aber ein gewisses Quantum von Machtkalkül. In jedem Falle lief es auf ein Veto der präsidialen Exekutive gegen die Beschlüsse der Bürgerschaft hinaus, auf eine Regierung, die mit etwas Geduld und Finesse das letzte Wort behalten und auf diese Weise den Kurs der aufgeklärten Reform sichern würde.
Der Senat sollte Sitz der vernünftigen Administration von oben sein, die Dr. Abendroth ja auch schon in Ritzebüttel gegen Aristokratie und Kastengeist installiert hatte.[10] Dafür musste seine Handlungsfreiheit und sein Einfluss auf die Bürgerschaft gesichert werden. Der Senator war schlicht der Meinung, dass die viel redenden fünf Kammern der Bürgerschaft nicht im Stande sein würden, größere Gesetzgebungsprojekte ans Ziel zu bringen. In der aktuellen politischen Situation des Jahres 1814 aber hatte die starke Exekutive noch einen anderen, ebenso wichtigen Effekt: Sie sicherte die Autorität der Aufklärer gegen den national-christlichen Sturm und Drang in den Kirchspielen.
Die Brigade im deutschen Rock wollte 1814 nach dem Ende der Union mit Frankreich in eine ganz andere Richtung, von Legitimität, von unmittelbarem Recht des Senats auf Wiedereinsetzung, wollte man nicht hören. … von einzelnen Senatoren wurde mit unverhohlener Geringschätzung geredet,[11] erinnert sich der dänische Geschäftsträger in Hamburg Johann Georg Rist, Ferdinand Beneke war einer seiner besten Freunde. Die angefeindeten Senatoren reagierten mit Empörung, Bürgermeister Wilhelm Amsinck zum Beispiel, der auch in der Bürgerschaft schon ungesunde[12] Mehrheiten von Krämern und Kleinstimmobilienbesitzern ausgemacht hatte. Muß man sich doch selbst auf die ungerechteste Weise die gröbsten Mishandlungen öffentlich gefallen lassen, und wird ein ganzes RegierungsCollegium ganz unverdient und unverschämt von seinen eigenen Mitbürgern izt wiederholt gemishandelt,[13] schrieb er 1816 ausgerechnet an Beneke, der an den öffentlichen Misshandlungen nicht ganz unschuldig war.
Der öffentliche Vertrauensverlust war bedenklich. Nur zu deutlich merkte man, daß der alte Senat das Vertrauen der Bürger verloren, seit die meisten Mitglieder sich … wie Viele behaupteten, der französischen Uebermacht dienstwillig bewiesen hatten. Noch bedenklicher war, dass gewaltsamer Widerstand in der Luft lag. Mettlerkamp – Bleideckermeister und Kommandeur der Hanseatischen Bürgergarde – schlug an sein Schwert und versicherte, so leicht, wie die Herren sich dächten, würde es nicht abgehen.[14] So schlimm kam es nicht, aber selbst potenzielle Kandidaten für die Wahl in den Senat, Martin Hieronymus Hudtwalcker zum Beispiel, mussten sich eingestehen, dass die öffentliche Wertschätzung des Hauses tief gesunken war. Die Stimmung ist hier fast durchaus dem Senat sehr ungünstig,[15] schrieb er 1815 in sein Tagebuch. Dr. Beneke hatte schon Ende 1813 personalpolitische Ideen daraus abgeleitet, die im Extremfall auf einen nationalen Machtwechsel hinauslaufen würden: Nur solche Menschen möge die Vorsehung von unserm künftigen RegierungsWesen entfernt halten, welche entweder durch wirkliche Anhänglichkeit an die Franzosen ihre Nichtswürdigkeit, oder durch neue Erbettelung französischer Aemter ihre CharakterSchwäche erwiesen haben.[16] Das konnte ziemlich viele betreffen. Es wurde noch stärker. Er forderte für die Leitung der Republik Christen in dem Harnische festen Glaubens an den Willen des Herrn.[17] Für Kosmopoliten und rationale Aufklärer konnte es im Harnisch eng werden.
So einen massiven öffentlichen Vertrauensverlust hatte es in den letzten 100 Jahren nicht gegeben. Das Misstrauen äußerte sich in einer Flut von Rekursen. Im Prinzip waren das Beschwerden gegen den Senat, die ein Bürger quer durch die Kollegien bis in die Bürgerschaft bringen konnte.[18] Senator Bartels wusste schon, was er davon zu halten hatte. Das Verfahren hat immer eine revolutionaire Tendenz, sein Missbrauch sollte deshalb hochverpönt seyn.[19] Die revolutionäre Tendenz war besonders dann zu befürchten, wenn Männer in den bürgerlichen Collegien sitzen, welche eine falsche Popularität affectirend, … den unruhigen und streitsüchtigen querulirenden Bürgern und Einwohnern unzeitig … nachgeben, oder gar sie zu Klagen anreizen, und überhaupt im Herabsetzen der Obrigkeit ihre Freude, und in Lähmung ihrer Energie oder im innern Zwist ihre Freude finden.[20]
Am radikalsten war die Forderung nach Beteiligung der Bürgerschaft an der Wahl neuer Senatoren. Der Zeitpunkt war gerade günstig, allgemeine Aufbruchsstimmung, Schwäche der senatorischen Autorität, viele Vakanzen im Hohen Haus. Zwei Senatoren waren gestorben, drei zurückgetreten. Schütze, Gabe und Hudtwalcker haben resigniert, der Erste aus Unwillen, der Zweite aus Unlust, der Dritte wegen Altersschwäche,[21] schrieb Karl Gries etwas sarkastisch, und so sollte es wohl auch klingen. Die Senatswahl durch die Bürgerschaft aber stellte ein Grundprinzip der republikanischen Machtbalance in Frage – gleichberechtigte Souveränität von Senat und Bürgerschaft, das Kyrion, wie es die Verfassung nannte.[22]
Praktisch konnte die Beteiligung der Bürgerschaft an Senatswahlen zu einem ganz neuen Kandidatentyp führen: Senatoren im deutschen Rock, die sich auf ihren Rückhalt in der Bürgerschaft beriefen. Und genau das wollte die Opposition. Nach vertrauenswürdigen Berichten aus dem Innern des Hamburger Senats fehlte dort der deutsche Mann, überall nur laue Aufklärer und Verbesserer von gestern. Dieses trostlose Bild entwarfen Besucher im Hause Beneke: Spät kam noch der Bremische Dr. Gildemeister, seine deutschen MahnBesuche bey den hiesigen engherzigen, undeutschen SenatsMitgliedern mir erzählend,[23] regte sich Beneke auf. Johann Friedrich Carl Gildemeister war ein enger politischer Vertrauter Johann Smidts, 1814 auch Agent Steins, zuständig für die Hansestädte.[24] 1816 wurde er selbst in den Bremer Senat gewählt.
In Bremen wurde die Beteiligung der Bürgerschaft an den Ratswahlen realisiert. Merkwürdig war nur, dass die Bürger relativ uninteressiert waren. Der Bremer Senat war es, der die Bürgerbeteiligung auf die Agenda setzte. Seine Begründung fiel etwas grundsätzlicher aus, und unmittelbar war dort von Deutschheit nicht die Rede: Die Aufgabe welche jeder Freystaat … zu lösen hat, ist bekanntlich die, wie Einheit, Consequenz und Kraft in den Ansichten, Grundsätzen und Maasregeln einer Regierung zu erhalten sey, welche durch Gesetze von allen Seiten beschränkt, nur durch den vereinten Willen Vieler, in zweckmäßige Wirksamkeit gesetzt und fortdauernd darin erhalten werden kann.[25] Bei diesem Argument kam es auf den vereinten Willen Vieler an. Der werde gestört, wenn Rat und Bürgerschaft durch zu große Distanz untereinander in sterile Opposition verfielen. Die Gefahr bestand, dass sich beyde wechselseitig mehr oder minder als Partheyen[26] betrachten würden. Als Gegenmittel galt nun die Beteiligung von Bürgern an den Senatswahlen. Aber es steckte noch mehr dahinter.
Beneke veröffentlichte die Bremer Texte 1815 im Niederelbischen Merkur, dem Haus- und Hofblatt der nationalen Erweckung in Norddeutschland. Er hatte den Publikationsort nicht zufällig gewählt, denn Bürgerbeteiligung und deutsche Bewegung hingen zusammen. Beneke erklärte den Zusammenhang in einem sehr hohen Sinne. Er verstand die neue, aktive Rolle der Bürger, die sich in Bremen allerdings faktisch auf die Auswahl einiger Wahlmänner durch die Bürgerschaft beschränkte, als Zeichen einer Union von Volk und Obrigkeit. Das eigentliche Volk, so schrieb Beneke, ist gegenwärtig durch ganz Deutschland gar triebsam zu allem Guten, und ist da, wo die Obrigkeiten angeschlossen bleiben, gar Herrliches und Großes von ihm selbst zuerst ausgegangen, und hat die Obrigkeiten in dem Strom mit fortgerissen; und dennoch hat es allezeit ehrlich und treuherzig gewollt, Befehl und Ruhm sollen der Obrigkeit verbleiben, welches diese denn auch, als gute Zeit darnach kam, so hingenommen. Da aber, wo Obrigkeit und Volk einander mit treuen Werken gleichzeitig entgegenkommen, da muß Segensfülle jeden Widerstand Einzelner ersticken und durch Bürger-Werth wie durch Bürger-Glück der kleinste Freystaat felsenfest stehen in der Nachbaren Achtung und Wohlwollen.[27] Für den Fall, dass sich Volk und Obrigkeit nicht mit treuen Werken entgegenkamen, konnten die Regierungen darin auch eine Drohung lesen – vom Volksstrom fortgerissen zu werden nämlich. Damit es dazu nicht kam, passierte das neue Wahlgesetz im März 1816 einstimmig Rat und Bürgerschaft in Bremen.[28]
Diederich Gries, der schöngeistige Bruder des Syndikus Johann Michael Gries, schrieb auch über Senatswahlen durch die Bürgerschaft – in Hamburg. Er schrieb privat, nur sein Bruder Karl las es, was auch besser war, die Herren im Hamburger Senat hätten einen Schlag bekommen. Das Nötigste wäre, stand dort sehr freizügig, daß der Senat sein heilloses, ganz unrepublikanisches Privilegium, sich selbst zu ergänzen, auf immer verlöre. Schwachköpfe finden es immer ihrem Vorteil gemäß, andere Schwachköpfe zu Kollegen zu haben; und so ist es denn geschehen, daß gerade die fähigsten und verdientesten Bürger von der Verwaltung ausgeschlossen blieben.[29] Dabei dachte er an Georg Heinrich Sieveking, dessen Wahl von einer senatorischen Mehrheit nachhaltig verhindert worden war. Aber was war in Diederich Gries gefahren? Normalerweise verfertigte dieser schwarzbärtige Gelehrte in Jena Sonette und übersetzte Calderón für das gebildete Publikum. Er hatte sich wohl von der allgemeinen nationalen Aufregung anstecken lassen.
Auch Rechtsanwalt Beneke favorisierte die Senatswahl durch die Bürger, drückte sich aber etwas skurril aus: Senat. Mitglieder. A. F.2. H.2.[30] Das war keine chemische Formel und auch kein Schachzug. A stand für Pflichtamt, F2 für Präsentation durch einen Bürgerrat und Ernennung durch den Senat, H2 für Wählbarkeit jedes Deutschen. Typisch Beneke. Er entwarf gerne republikanische Organisations-Charts, die es trotz ihrer verrückten Form in sich hatten. F2 bedeutete immerhin die Aufhebung des alten Kyrion, der verfassungsmäßig geheiligten Gleichberechtigung von Senat und Bürgerschaft. Wenn der Rat nur noch unter Kandidaten auswählen durfte, die die Bürger vorher auf eine Liste gesetzt hatten, konnte davon nicht mehr die Rede sein. H2 war völlig unrealistisch. Welcher Hamburger im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte würde einen Nichthamburger in den Senat wählen? Doch gerade um die Deutschheit ging es diesem Verfassungskonstrukteur.
Alles nichts für Senator Abendroth. Die Eliterepublik war am besten von oben zu regieren. Konkret bedeutete dies, dass der Senat sich so wählen sollte, wie er es schon immer getan hatte. Die Formalitäten, die bey Rathswahlen stattfanden, scheinen … die zweckmäßigsten; dadurch, daß … es dem Loose überlassen ist, wer von den drey oder vier, am würdigsten geachteten Candidaten gewählt seyn soll, werden alle Cabalen und Intriguen entfernt.[31] So kam es in der Tat. Am Wahlverfahren wurde nichts verändert, der Senat wählte sich selbst und das Los spielte dabei eine zentrale Rolle. Von Beteiligung der Bürgerschaft war nach kurzer Zeit nicht mehr die Rede. In einem Brief an den Kollegen Smidt erklärte Bartels, wie es in Hamburg funktionierte. Wir wählen erstlich durchs Loos vier Vorschlagsherren. Diese leisten einen förmlichen Eid, daß sie ohne Nebenabsichten den Tüchtigsten zum Regiment vorschlagen wollen. Dann schlägt jeder successive einen vor und tritt ab. Dann wird durch geheime Stimmsammlung darüber ob er zum Loose zuzulaßen sey oder nicht entschieden. Wir haben es oft daß mehrere wegfallen, und erhalten gewöhnlich vier sehr qualificirte Männer zum Entscheidungs Loose.[32] Und das Entscheidungs-Los bestimmte dann, wer es wurde. So war es und so blieb es. Die Aufklärer im Senat fanden nichts daran auszusetzen.
Sie hielten sich im Übrigen auch überzeugt, dass mehr Freiheit zu politischem Stillstand führen würde. Eine solche Freiheit, daß jeder thun kann was er will, darf ferner nicht stattfinden,[33] so Senator Abendroth. Reformer wollten verbessern und brauchten dafür eine unabhängige Exekutive mit weitreichender Autorität. Und sollte auch hie und da einer seyn, schrieb Bürgermeister Dr. Bartels einige Jahre später, … der die ausübende Gewalt mit der Gewalt oder dem Vorrechte der Bürgerschaft … in nähere Verbindung gebracht, und von ihr abhängiger gemacht, als der Freiheit angemessener halten sollte; so wird er sich doch gewiß bald überzeugen, … daß es unmöglich im Interesse des Staates seyn könne, alle Energie auszumerzen und jede Kraft zu lähmen, daher es ein großes Wagestück sey, das wahrlich meisterhaft bestimmte Gleich- und Gegengewicht zu verrücken oder zu verletzen, woraus weit eher Anarchie als eine vollkommene Gleichheit, die bei den so verschiedenen Fähigkeiten der Menschen nothwendig immer eine Chimäre bleiben wird, erzeugt werden könnte.[34] Es war noch nicht so lange her, dass politische Kommentatoren die Ansicht geäußert hatten, Republiken eigneten sich am besten für Gemeinwesen, in denen es nicht mehr viel zu tun gab. Damit ergab sich eine unangenehme Nähe von Republik und Stagnation. Mit einem führungsstarken Senat wollte jetzt die Hamburger Republik das Gegenteil unter Beweis stellen.
Die wichtigste Form der Energiezufuhr für die Exekutive erfolgte dann durch die Trennung von Justiz und Administration. Sie stand für die Reformer aller Schattierungen an der Spitze der politischen Agenda, in Hamburg wie auch in Bremen.[35] Die Senate sollten effektiver agieren, so Johann Smidt: Alle unsere projectirten Verbesserungen sind Nebensache gegen die Trennung der Justiz und Regierung, schrieb er 1814 einem Kollegen.[36] Abendroth sagte faktisch das Gleiche. Eine große, wesentliche und lange gewünschte Verbesserung unsrer Staatsverfassung, ist die Trennung der Justiz von der Administration; der Nutzen einer solchen Trennung ist so einleuchtend, in allen wohlorganisirten Staaten so wesentlich nothwendig anerkannt, bey uns so oft der Wunsch aller Patrioten gewesen, daß es deshalb einer Auseinandersetzung der Gründe schwerlich bedarf: die Justiz und die Administration gewinnen dabei beide.[37] Die Reform schätzte sachliche und fachliche Kompetenz und hatte die Erfahrung gemacht, dass große Kollegien viel redeten und wenig taten. Im Dezember 1815 beschlossen Rat und Bürgerschaft in Hamburg daher die Trennung des Senats in Regierung und Obergericht.[38]
Wider Erwarten gab es aber zuvor viel böses Blut. Die Bürger wollten dem neuen Obergericht Vorschriften über seine personelle Besetzung machen. Das kam nicht gut an. Rücksichtlich der Besetzung des Obergerichts könne er – der Senat – sich … nichts vorschreiben lassen.[39] Das ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Die Herren hatten den Eindruck, dass die Bürgerschaft an der Gewaltenteilung rührte und fühlten sich persönlich beleidigt. Sie setzten sich zur Wehr und blockierten. Ergebnis: Administration und Justiz blieben relativ eng verbunden. Für die Gesetzgebung bildeten sie ein Plenum. Abendroth hatte grundsätzlich nichts dagegen. Ob es nun besser sey, hier ein Plenum zu formiren, oder schriftlich sich zu berathen, wird die Erfahrung lehren.[40] Das Plenum hatte Vor- und Nachteile. Ein Vorteil lag zweifellos darin, dass es nicht nötig war, die diffizile Frage zu beantworten, welche Sektion im Konfliktfall den Vorrang haben sollte. Solche Konflikte bahnten sich an. Die Republik hatte die Unkündbarkeit der Staatsschulden verkündet. Einige Inhaber der Obligationen waren damit ganz und gar nicht einverstanden. Sie klagten – und bekamen vor Gericht Recht. Empörung im Senat. Die Gerichte müssen sich den Rath- und Bürgerschlüssen fügen und haben nicht zu fragen, ob ein Gesetz recht oder zweckmäßig sei.[41]
Das wäre bei einem völlig autonomen Höchsten Gericht – einem Hamburger Supreme Court – möglicherweise nicht zu halten gewesen. Aber Nachteile gab es auch: Justiz und Administration behinderten sich weiter gegenseitig, das war der neueste Erfahrungswert fünf Jahre später. Bei uns versammelt sich das Gericht, schrieb Bürgermeister Bartels nach Bremen, an denselben Tagen wenn der Senat sich versammelt, und wenn das Gericht 2 Stunden gearbeitet hat, tritt es nach 2 Stunden in den Senat und bildet das Plenum. Dann werden die wichtigsten administrativen Sachen durchgejagt. Darin mus eine Aendrung kommen.[42] Bartels hoffte auf eine neue Geschäftsordnung, hatte gehört, dass Smidt in Bremen so etwas entworfen hatte. Ich bitte ergebenst um Ihre Mittheilung.[43]
Neben mehr Energie durch Trennung von Regierung und Rechtsprechung kam es entscheidend auf die politische Farbe des Senats an. Von den Mehrheitsverhältnissen hing die Politik der Verbesserung ab. Aufmerksame Leser der Allgemeinen Zeitung konnten die Windrichtung schon nach den ersten Wahlen bestimmen. Reform im aufgeklärt-französischen Stil stand auf dem Programm. Seit Kurzem sind hier drei Senatoren erwählt worden, war in einem Artikel vom 19. September 1814 zu lesen, welche insgesamt unter den Franzosen Stellen bekleideten. Doktor Hasse war Friedensrichter, Herr Sillem Präsident der Handelskammer, und Herr Jencquel Mitglied der Munizipalität.[44] Das Blatt deutete auch sachte an, welcher Sprengstoff darin steckte, hatte es doch ein paar Sätze zuvor ausgeführt, wie wenig beliebt die Franzosen in der Öffentlichkeit waren. Die senatorischen Wähler setzten sich darüber hinweg. Sie bevorzugten andere Kriterien. Mitgliedschaft in der Reformkommission der Zwanziger war ein klarer Pluspunkt. Sechs ihrer Mitglieder – Jencquel, Luis, Merck, Mönckeberg, Pehmöller und Sillem – wurden in den Jahren nach 1814 in den Rat gewählt.[45] Der Senat blieb auf Kurs.
Das zeigte sich im Frühsommer 1816 bei der Wahl von Christian Nicolaus Pehmöller. Der neue Senator musste Kaufmann sein. Das Los bestimmte vier Vorschlagsherren. Einer war Johann Georg Bausch. Er hatte wenig Einfluss, Abendroth fand ihn träge und uneffektiv.[46] Bausch schlug Jacob Albers vor, einen der Direktoren der Fünften Assekuranz-Kompanie. Die Begeisterung hielt sich in Grenzen, der Kandidat wurde mit hauchdünner Mehrheit von 12:11 akzeptiert. Wunschkandidat des Senats war Georg Knorre, Firma Conrad Rücker & Knorre, 1814 Zwanziger und Ex-Präses der Finanzverwaltung. Er war 1811 mit Abendroth und Bartels nach Paris gefahren, hatte im Munizipal- und Präfekturrat gesessen und 1813 zusammen mit Bartels versucht, mit dem anrückenden Russen-General Tettenborn zu verhandeln. Der alte Senator Claus Hinrich Sonntag schlug ihn vor, die Runde sprach ihm mit 18:3 ihr Vertrauen aus. Fast ebenso viele Stimmen bekam Pehmöller, 17:5, den Johann Matthias Hasse vorgeschlagen hatte. Jacob Hinrich Jencquel hatte mit seinen Personalien weniger Glück. Sein erster Kandidat fiel mit 4:17 krachend durch, der zweite wurde immer noch mit 10:13 abgelehnt, erst den dritten, Heinrich Johann Merck, Zwanziger, Gründer von H. J. Merck & Co, einen der reichsten Hamburger, ließen die stimmenden Senatoren mit 14:9 zum Los zu. Damit hatten drei der vier Kandidaten zuvor in der Deputation der Zwanziger das Reformprogramm für eine verbesserte Republik entworfen, der Nichtzwanziger hatte im Übrigen das schlechteste Ergebnis aufzuweisen. Der Senat wählte, soweit er konnte, Reformkandidaten. Das Los entschied für Pehmöller.
Der neue Senator war reich, Firma Droop & Pehmöller, zuvor stellvertretender Maire-Bürgermeister und Präses der Bank, seit 1814 Mitglied der Finanzkammer – und scharfer Kritiker der Armenanstalt. 1808 hatte er einen radikalen Sparkurs gefordert, teilweise auch durchgesetzt, und man konnte von ihm dunkle Prognosen von drohender Gleichheit durch fehlgeleitete Sozialpolitik hören. Er hatte die Stimme Westphalens bekommen. Mit Pehmöllers Wahl, schrieb der jedenfalls an Abendroth, bin ich sehr zufrieden, so nicht der plebs.[47] Es gab also feindselige öffentliche Reaktionen. Während der Union mit Frankreich war Pehmöller Chef der Einquartierungskommission. Er hatte den Leuten Soldaten auf den Hals geschickt und damit keinen Preis für Volkstümlichkeit gewonnen. Für das Volk, die Mieter, die kleinen Hausbesitzer, war er französische Autorität in Person. Wilde Angriffe waren die Folge und er musste verärgert feststellen, daß vielseitiger Haß und Feindschaft sich unsäglich laut gegen mich ausgesprochen.[48] Das schrieb er 1813 an Abendroth, der gerade aus gleichen Gründen gleiche Erfahrungen machte.
Benekes Vorwürfe hörten sich etwas differenzierter an, gingen aber in die gleiche Richtung. Tüchtig und verständig, meinte er über den neuen Senator, aber dann: liberale Ansichten im Geschmack der RevoluzionsVorzeit die indeß wohl die größere Zeit seitdem berichtigt hat; – … eine höchst prosaische, ungemütliche unschöne Natur, mehr Glauben an irdische Realität, als an eine höhere WeltOrdnung in sich tragend, kalt, hart, und eigensinnig, ohne Bösartigkeit jedoch, – so wird Pehmöller einerseits nutzen, indem er dem flauen Wesen des Raths einen tüchtigen Willen zubringt, andrerseits, wenns Gott nicht wendet, schaden, indem er leicht ein republikanisch zugeschnittener Tyrann werden kann. Dem nun zertrümmerten Baal – Dr. Beneke meinte Napoleon – war er dienstbar, nicht aus Neigung, sondern aus einer Ueberzeugung von politischsittlicher Nothwendigkeit, die seinem Mangel an Gottvertrauen, und seinem Bauen auf irdische Realität entsprang; ich vermuthe, daß sein Wille jetzt deutsch ist.[49] Das war aber keineswegs sicher.
Deutschheit war bei Senatswahlen kein Kriterium, oder besser, ein negatives Kriterium. Das betraf auch Beneke selbst – und er wusste es. Ihn würde der Senat freiwillig wohl kaum wählen. Seit 1806. war ich in seinen Augen ein revoluzionärer Germanomane (schon früher ein exaltirter Republikaner, Demokrat, und wol gar, Gott beßre’s, ein Jakobiner) 1813. war ich ganz des Teufels, war Tettenbornianer, Rebell, … trug einen Knebelbart, … bruskierte Hamburgs Abendroth, … zog sogar an der Spitze der Befreyer am 31. May 1814 mit ein, … schrieb wol gar am Rheinischen Merkur, … regierte, seit ich 1815. die Bürgerschaft wiederbesuchte, sichtbar mein Kirchspiel, das von da an allezeit in einer hartnäckigen Opposizion blieb, … will die ‚magnifiken‘ Juden nicht, … predige Deutsches Volksthum auf Kosten Hamburger Neutralität, und bin, wenn ich auch gar nicht den Mund aufthue, doch eine höchst anstößige Person.[50] Nicht nur der Senat zeigte ihm im Übrigen die kalte Schulter, sondern auch die Patriotische Gesellschaft. Bei ihrem 50-jährigen Jubiläum im Oktober 1815 blieb kaum ein Name unerwähnt. Beneke wurde nicht geehrt und nicht genannt.[51]
Aus seiner deutsch-oppositionellen Ecke gab er alle Anfeindungen reichlich zurück. Bei Neuwahlen in den Senat hatte er dazu auch hinreichend Anlass: Über Johann Matthias Hasse, in den Rat gewählt August 1814: er wird den Senat nicht reformiren;[52] über Martin Johann Jenisch, schon länger dort: Falschheit, Schlechtigkeit, Undeutschheit, dazu ein Schweinsgesicht.[53] Über Senator Westphalen: Recht sehr ungern bin ich mit dem mir politischunerträglichen Westphalen beysammen, auch bin ich stumm zu allen seinen Aeußrungen.[54] Im September 1815 dann die Wahl Christian Daniel Beneckes. Auf ihn passten alle Schlüsselworte der aufgeklärten politischen Verbesserung: liberal, vorurteilsfrey, gebildet, und kourant.[55] Deshalb hatte der Senat ihn ja gewählt. Reich war er auch, was nie schaden konnte. Aber das waren für Ferdinand Beneke keine Komplimente mehr. Er diagnostizierte eine voltaire=rousseau’sche Richtung, entstanden aus der abgestandenen Philosophie der französischen RevoluzionsPeriode.[56] Der Senat wollte nicht so wie die Freunde der Deutschheit, Flügel verleihen wollte er ihnen schon gar nicht.
Zu den Wunschkandidaten der Senatoren gehörte dagegen Johann Georg Mönckeberg. Lange Zeit schlugen alle Anläufe fehl, ihn in das Hohe Haus zu hieven. Immer wieder wurde er vorgeschlagen, jedes Mal fand er eine Mehrheit, jedes Mal machte das Los einen Strich durch die Rechnung. Erst 1826 wurde er gewählt. Es wurde auch Zeit, fand Bürgermeister Bartels. In Mönckebergs Wahl haben wir eine vortreffliche Acquisition gemacht, schrieb er an den Kollegen Johann Smidt nach Bremen. Es ist dies unser alter Freund, der seit 19 Jahren jedes mal im Loose gewesen ist, und nie hat herauskommen wollen.[57] Er war, um genau zu sein, sieben Mal im Los gewesen.[58] Auch ihn hatte seine Arbeit als Chef der Reformkommission der Zwanziger für höhere Ämter empfohlen, ein gar tüchtiger Mann für diese Stelle,[59] fand im Übrigen sogar Dr. Beneke. Selbst nach der Revolution von 1830 waren französisch-liberale Ansichten der Kandidaten kein Hinderungsgrund für die Wahl in den Senat. 1834 wurde Eduard Sthamer gewählt, bis jetzt … ungemein befangen in einem Gewebe von schroff razionalistischen und französisch liberalen Idéen und Vorurteilen.[60] Das war wieder die Ansicht Ferdinand Benekes, der umgehend mit Bekehrungsversuchen begann. Der Senat schätzte Sthamer vielleicht gerade wegen seiner französisch-liberalen Ideen. Ein Jahr später wählte er Ascan Wilhelm Lutteroth. Sein politisches Interesse hatte er 1830 im Lafitte II unter Beweis gestellt.[61] Was war das? Oder wer war das? Jacques Laffitte gehörte zur Pariser Hochfinanz und sorgte als Führer des Parti du mouvement in der Deputiertenkammer dafür, dass die Krone an den liberalen Bürgerkönig Louis-Philippe überging. Er war der parlamentarische Königsmacher des neuen Regimes. War Lafitte II also ein politischer Club, der sich an avancierten Pariser Einsichten über die Zukunft Frankreichs und Europas orientierte? Gut möglich. In gewissem Sinne hatte dann die Republik Hamburg einen eingeschriebenen Freund des Mouvements zum Senator erhoben.
Selbstverständlich hatte auch Dr. Abendroth seine Vorstellungen über die Besetzung des Senats, nicht nur der nörglige Advokat Beneke. Zu seinen Favoriten zählte Syndikus Jakob Albrecht von Sienen, der Finanzchef der Republik, er ist immer der respectabelste Mann in unserm Collegio der 10mahl so viel thut ohne davon zu sprechen als andre die stundenlang von ihrer Arbeit parliren.[62] Zu den uneffektiven Vielrednern gehörten hingegen einige Ritzebüttler Gouverneure. Die 7 fetten und 7 magern Jahre wechseln, orakelte er 1828, Heise Jänisch Abendroth Schrötteringk, es ist Gottlob iezt die Periode der guten Jahre wieder eingetreten – Dies ist Landessitte der sich niemand widersezen darf.[63] Die guten Jahre kündigten sich mit Caspar Hartung an, der gerade zum Amtmann gewählt worden war. Abendroth schickte humorvolle Glückwünsche, aus denen umstandslos abzulesen war, welche seiner Kollegen er für senatorische Nieten hielt: Johann Joachim Jänisch und seinen eigenen unmittelbaren Nachfolger Martin Hieronymus Schrötteringk. Hartung, der neue Gouverneur und binnen Kurzem Senator, war in jeder Hinsicht ein Lichtblick. Zum Glück hatte Kollege Binder zuvor die Wahl abgelehnt, er hatte Manschetten gekriegt,[64] wie Abendroth etwas maliziös anmerkte.
Nun nahm er Gratulationen zur Wahl seines Wunschkandidaten an. Der Schwiegervater kam auch zu mir und sagte mir: daß ich doch nun meinen Willen gekriegt; ich sagte ihm, daß dies freilich mein herzlichster Wunsch gewesen, daß ich Sie aber auf keine Weise dazu beredet. Sie werden es erfahren, daß Ihnen diese Administration viel Freude machen wird und daß Sie je länger Sie da sind desto mehr Sich an das Land attachiren werden.[65] Hartung attachierte sich in der Tat, ließ sich ein zweites Mal zum Gouverneur wählen und gründete in Cuxhaven eine Filiale der Hamburger Sparkasse. Abendroth kündigte seinen Besuch zur Amtseinführung in Ritzebüttel an. Er wollte Senator Georg Christian Lorenz Meyer mitbringen, dies ist ein charmanter netter Mann.[66] Der charmante Mann war vergleichsweise jung, seit 1821 im Rat, Dr. Meyer, der Chef der Patriotischen Gesellschaft war sein Onkel, er gehörte also zum familiären Establishment der Reform.[67] Seine Frau war eine Freundin Cäcilies, der Tochter des Bürgermeister Bartels.[68] Er war in der Sozialpolitik der Republik aktiv. Unter Präses Senator Abendroth leitete er Ende der 20-er Jahre den dritten Hauptbezirk der Armenanstalt um die Petri- und Jacobikirche herum.[69] Im Sommer widmete sich dieser tätige Mann der Blumenpflege und Obstcultur.[70]
Jüngere Senatoren waren etwas Erfreuliches, nur fiel daneben Alter und Gebrechlichkeit der Reformfreunde, die im 18. Jahrhundert ihre Karriere begonnen hatten, umso mehr ins Auge. Selbst Abendroth geriet ins Sinnieren, vielleicht auch, weil die Ablösung wichtiger politischer Partner in Sicht kam. Unser College Rentzel wird körperlich sehr schwach – durch eine Art Wunder erhält sich sein Geist immer frei, und arbeitet er noch immer thätig, bisweilen bis zur Erschöpfung, Westphalen ist mitunter ganz thätig nur trifft ihn seine Krankheit häufiger, auch wollen seine Beine nicht recht fort.[71] Tätiges Leben näherte sich seinem Ende, aber ihren Unternehmungsgeist hatten die beiden immer noch nicht verloren. Von einem anderen älteren Herren im Senatsgehege wollte Abendroth das nicht unbedingt sagen. Es war Johann Georg Bausch. Er hatte wohl nicht immer direkt nach Arbeit gesucht, es auf diese Weise aber geschafft, sich 50 Jahre lang dem hohen Hause zu erhalten. Bausch wird sein 50jähriges Jubiläum wohl noch erleben … er kriegt ein (unverdientes) Belobigungs Decret über seine Amtsführung.[72] Es war dann wohl auch besser, dass Bausch sein Rathsherrn-Jubelfest in stiller Feier[73] beging. Gegen 1830 war auch festzustellen, dass der Elan einiger Senatsmitglieder nachließ. Besonders bei zwei Bürgermeistern war das zu beobachten – zumindest aus der Perspektive Abendroths: BürgerMeister Heise komt fast gar nicht in den Senat, obwohl er zu seinen Kindern in Gesellschaft fährt, BürgerMeister Amsinck wird immer breiter in seinen Vota so daß unglaublich Zeit darüber verlohren geht, wiewohl seine Kenntnisse und Erfahrungen sonst uns sehr wichtig sind.[74]
Dr. Bartels, seit 1820 Bürgermeister, hatte auch zu kritisieren und entdeckte in der Zusammensetzung des Rats einen systemischen Fehler. Über die Majorität unsers Senats, (unter der viele respectable, aber unter uns viel zu viele Kaufleute sind),[75] schrieb er 1825 an Smidt nach Bremen. Anscheinend stellte er sich neuerdings die Leitung des Staates als eine Aufgabe für juristische, mit Gemeinsinn begabte Spezialisten vor. Das kollidierte mit der inoffiziellen, dafür umso häufiger zitierten Bestimmung des Staatszwecks der Republik, nämlich ein Handel treibender Staat zu sein. Möglicherweise spielten die pausenlosen, aus seiner Sicht unverantwortlichen Rufe der Kaufleute nach Senkung des Zolls bei dieser Abkühlung der Sympathie für den Kommerz eine gewisse Rolle.
Wie standen die Dinge zwischen Bartels und Abendroth? Neben vielen Gemeinsamkeiten gab es Konflikte, die sich im Laufe der Zeit akzentuierten. Abendroth registrierte ein Nachlassen der persönlichen Spannkraft seines Freundes. Es blieb ihm auch nicht verborgen, dass sich ihre Wege an manchen Stellen trennten. Abendroth machte sich Sorgen. Im Herbst 1825 schrieb er an Smidt: Ich habe mich recht gefreut daß mein Schwager Bürgermeister Bartels so froh einige Tage in Bremen zugebracht hat, ich bemerke es leider, daß sein froher Sinn sich seit einiger Zeit sehr verlohren hat, er ist … verschlossen geworden Wir wollen uns von diesem bösen Geist nicht ergreifen lassen sondern froh durch das Leben gehen bis es aus ist mit uns, dann geht alle Arbeit viel leichter von statten und wir erleichtern uns und den unsrigen das Leben – allein freilich kann man sich diesen Frohsinn nicht geben, doch kann man ihn durch ein eifriges Bestreben erhalten, wenn man ihn gehabt hat – doch dies unter uns.[76]
Der Bürgermeister wurde eigensinnig und fing an, den Kollegen Abendroth in aller Öffentlichkeit zu kritisieren. Ihm gingen dessen Wünsche nicht aus dem Sinn, und je länger er sich damit beschäftigte, desto skeptischer wurde er: Es ist nicht zu leugnen, daß der Verfasser dieser Schrift – einer unsrer geachtetsten Geschäfts-Männer – bei seiner großen Geschäftskunde und seinem Wunsche, rasch vorwärts zu gehen, doch hie und da vielleicht zu durchgreifend bei seinen Vorschlägen ist, wenn gleich nirgends der gute Wille und der ächte patriotische Bürgersinn vermißt wird.[77] Bürgermeister Bartels teilte den Hamburgern mit, dass es ihm mit den ganzen Reformen langsam etwas zu weit ging. Davon wird im Einzelnen noch ausführlich die Rede sein.
Mit dem Alter und den Jahren verschoben sich im Übrigen bei den ehemals so aktivistischen senatorischen Reformern die idealen Kriterien für die Berufung in den Senat. Im Juli 1831 war Heinrich Kellinghusen gewählt worden. Er ist ein sehr wohlhabender Mann und gehört zu den gescheitesten jüngern Juristen. Die Familie ist eine der ältesten in Hamburg,[78] berichtete Bartels an Smidt. Man tritt ihm nicht zu nahe, wenn man festhält, dass er bei seiner eigenen Wahl die Kriterien eins und drei, Geld und Familie, nicht ohne Weiteres verteidigt hätte. Gegen Gescheitheit war natürlich nichts einzuwenden.
Bis in die 30er-Jahre hinein gelang es den aufgeklärten Reformern, ihre Position im Senat zu halten. In der Führung der Bürgerschaft, bei den Oberalten hingegen, kam es 1816 zu einem Dammbruch. Sie wählten den deutsch-begeisterten Dr. Ferdinand Beneke zu ihrem Sekretär. Innerhalb kürzester Zeit löste er einen heftigen Zusammenstoß zwischen Senat, Bürgerschaftspräsidium und Bürgerschaft aus.
Die Abkürzungen StAHH, StAB und StACux beziehen sich auf Bestände der Stadt- und Staatsarchive von Hamburg, Bremen und Cuxhaven; die Fußnoten auf die Literaturliste.
[1] Bartels: Abdruck, S. 205f, Hauptrezess, Art. 2.
[2] Beneke: Tagebücher, Beilage zum 21.7.1830, Bartels an Beneke, 7.7.1830.
[3] Abendroth zählte auch die vier Sekretäre mit.
[4] Abendroth: Wünsche, S. 59.
[5] Abendroth: Wünsche, S. 58.
[6] Voigt: Protokolle, S. 54.
[7] Abendroth: Wünsche, S. 62.
[8] Abendroth: Wünsche, S. 59.
[9] Abendroth: Wünsche, S. 22.
[10] Zur vernünftigen Administration von oben vgl. StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel I Fach 2 Vol A II, S. 12, Abendroth Handbuch Ritzebüttel.
[11] Rist: Lebenserinnerungen, Bd. 2, S. 345f.
[12] Erklärung Amsincks vom 3.11.1816, zitiert nach Dreyer: Hamburg, S. 134.
[13] Wilhelm Amsinck an Beneke, 12.8.1816, Beneke: Tagebücher, Bd. III/6, S. 456.
[14] Rist: Lebenserinnerungen, Bd. 2, S. 341. 1842 nach dem großen Brand verlangte Mettlerkamp, durch einen Aufenthalt in Moldawien gealtert, aber nicht gemildert, die Einsetzung eines Diktators. Seelig: Entwicklung, S. 110.
[15] Hudtwalcker: Jahrhundert, Bd. 2, S. 507, Tagebuch Hudtwalcker, 15.6.1815.
[16] Beneke: Tagebücher, 24.12.1813.
[17] Beneke: Tagebücher, 24.12.1813.
[18] Bartels: Abhandlungen, S. 315–355.
[19] Bartels: Abhandlungen, S. 347.
[20] Bartels: Abhandlungen, S. 340.
[21] Karl Gries an seinen Bruder Diederich, Juli 1814, zitiert nach Reincke: Briefwechsel, S. 263. Die drei zurückgetretenen waren Johann Wilhelm Schütze, Johann Gabe und Johann Michael Hudtwalcker.
[22] Bartels: Abdruck, S. 197, Hauptrezess, Art. 1.
[23] Beneke: Tagebücher, 22.6.1814.
[24] Beneke an Georg Wilhelm Keßler, 28.7.1814, Beneke: Tagebücher, Bd. III/5, S. 645.
[25] Antrag des Bremer Senats im Bürgerkonvent vom 22.9.1815, Beneke: Tagebücher, Bd. III/6, S. 41.
[26] Antrag des Bremer Senats im Bürgerkonvent vom 22.9.1815, Beneke: Tagebücher, Bd. III/6, S. 42.
[27] Kommentar Benekes zum Antrag des Bremer Senats im Bürgerkonvent vom 22.9.1815, Beneke: Tagebücher, Bd. III/6, S. 36.
[28] Heinrich Lampe an Ferdinand Beneke, 25.3.1816, Beneke: Tagebücher, Bd. III/6, S. 406.
[29] Diederich Gries an seinen Bruder Karl, 22.7.1814, zitiert nach Reincke: Briefwechsel, S. 268.
[30] Beneke: Tagebücher, Bd. III/4, S. 62.
[31] Abendroth: Wünsche, S. 36.
[32] StAB, 2 B 5 a 7 Vol 2, Bartels an Smidt, 12.7.1831.
[33] Abendroth: Wünsche, S. 58.
[34] Bartels: Abhandlungen, S. 103.
[35] Wurthmann: Senatoren, S. 313–323.
[36] Smidt an Gröning, 8.12.1814, zitiert nach Wurthmann: Senatoren, S. 315.
[37] Abendroth: Wünsche, S. 32.
[38] Bartels: Abhandlungen, S. 372.
[39] Zitiert nach Gallois: Geschichte, Bd. 3, S. 58.
[40] Abendroth: Wünsche, S. 81.
[41] Senatsproposition in der Bürgerschaft im Juni 1835 referiert von Gallois: Geschichte, Bd. 3, S. 345.
[42] StAB, 2 B 5 a 7 Vol 2, Bartels an Smidt, 20.11.1821.
[43] StAB, 2 B 5 a 7 Vol 2, Bartels an Smidt, 20.11.1821.
[44] Allgemeine Zeitung, 19.9.1814. Das waren Johann Matthias Hasse, Martin Garlieb Sillem und Jacob Hinrich Jencquel.
[45] Voigt: Protokolle, S. VI.
[46] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel I Fach 13 Vol B Fasc 2 Dok 148, Abendroth an Hartung, 27.3.1832.
[47] StAHH, Familie Voigt B 76 Unterakte 2, Westphalen an Abendroth, 25.6.1816.
[48] Pehmöller an Abendroth, 19.3.1813, zitiert nach Schmidt: Hamburg, Teil 1, S. 566.
[49] Beneke: Tagebücher, 19.6.1816.
[50] Beneke: Tagebücher, 1.10.1815.
[51] Beneke: Tagebücher, 10.10.1815.
[52] Beneke: Tagebücher, 23.8.1814.
[53] Beneke: Tagebücher, 2.2.1815.
[54] Beneke: Tagebücher, 4.4.1815.
[55] Beneke: Tagebücher, 13.9.1815.
[56] Beneke: Tagebücher, 13.9.1815.
[57] StAB, 2 B 5 a 7 Vol 2, Bartels an Smidt, 23.12.1826.
[58] Reincke: Briefwechsel, S. 263.
[59] Beneke: Tagebücher, 4.12.1826.
[60] Beneke: Tagebücher, 17.3.1834.
[61] Beneke: Tagebücher, 9.3.1835.
[62] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel VIII Fach 3 Vol A Fasc 2 Conv I, Abendroth an Graepel, 19.2.1815.
[63] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel I Fach 13 Vol B Fasc 2 Dok 28, Abendroth an Hartung, 25.3.1828.
[64] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel I Fach 13 Vol B Fasc 2 Dok 14, Abendroth an Hartung, 27.10.1827.
[65] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel I Fach 13 Vol B Fasc 2 Dok 14, Abendroth an Hartung, o.D., wahrscheinlich 1828.
[66] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel I Fach 13 Vol B Fasc 2 Dok 29, Abendroth an Hartung, 27.3.1828.
[67] Beneke: Geschichte und Genealogie, S. 65-68.
[68] Trepp: Männlichkeit, S. 264.
[69] Staats-Kalender, 1829, S. 82.
[70] Beneke: Geschichte und Genealogie, S. 68.
[71] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel I Fach 13 Vol B Fasc 2 Dok 148, Abendroth an Hartung, 27.3.1832.
[72] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel I Fach 13 Vol B Fasc 2 Dok 148, Abendroth an Hartung, 27.3.1832.
[73] Beneke: Geschichte und Genealogie, S. 60.
[74] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel I Fach 13 Vol B Fasc 2 Dok 102, Abendroth an Hartung, 25.5.1830.
[75] StAB, 2 B 5 a 7 Vol 2, Bartels an Smidt, 22.11.1825.
[76] StAB, Nachlass Smidt 7 20 VIII C d 1, Abendroth an Smidt, 11.10.1825.
[77] Bartels: Abdruck, S. 114.
[78] StAB, 2 B 5 a 7 Vol 2, Bartels an Smidt, 12.7.1831.


