53. Das Handelsgericht – die Reichweite der nationalen Presse – the Great Stink
Der liberale Dr. Rentzel wird beschossen
1816 wurde in Hamburg das Handelsgericht eröffnet, für die kaufmännische Republik gab es kaum etwas Wichtigeres. Sein Vorbild waren die Handelstribunale des napoleonischen Kaiserreichs, die in der Stadt einen guten Ruf hatten.
Dies ist Teil 53 der Aufklärung in Hamburg: Johann Heinrich Bartels, Amandus Augustus Abendroth, Ferdinand Beneke und die Verbesserung einer deutschen Republik 1790–1835. Die Einleitung beschreibt, worum es geht, und ein Überblick über die bisher veröffentlichten Kapitel findet sich hier.
Einfach war die Einführung des Handelsgerichts nicht. Es gab hinhaltenden Widerstand und giftige öffentliche Polemiken. Aber weshalb dieser Streit und warum die schlechte Laune? Es lag wohl daran, dass im Senat niemand daran interessiert war, der Deutschheit Flügel zu verleihen und viele seiner Reformen sich im Gegenteil am französischen Modell der Vernunft und der Effizienz orientierten.[1] Besonders Senator Dr. Abendroth war ja der Ansicht, man solle den napoleonischen Fortschritt gerade im Rechtsbereich und gerade beim Handelsgericht einfach übernehmen: Die wohlthätigen Wirkungen eines Handelsgerichts haben wir während der Reunion wahrgenommen, und es scheint unbezweifelt nützlich, dasselbe beizubehalten.[2] Auf einen Nenner gebracht: Nützlichkeit ging vor Nationalität. Aber die Republik hatte gleich nach ihrer Wiederherstellung im Frühjahr 1814 sämtliche französischen Gesetze und Gerichtshöfe abgeschafft – etwas voreilig.
Also gelangte im Sommer des Jahres 1814 der Entwurf für ein neues Handelsgericht an das Bürgerschaftspräsidium. Die Herren Oberalten waren voll des Lobes für diese schöne Arbeit des Senats und wussten auch, wo das Vorbild für praktische Einrichtungen dieser Art zu finden war. Die Vorlage zeuge von dem liberalen Geiste der dessen Redactoren geleitet hat, von der Unbefangenheit ihrer Ansichten und von der Anerkennung des Werthes des französischen Justizwesens bis zu einem gewissen Grade.[3] Hier sprach Dr. Eduard Rentzel, aktuell Sekretär Ehrbarer Oberalten. Beneke hatte ihn bei Gelegenheit Giftzwerg genannt.[4] Rentzel war das Muster des aufgeklärten und vor allem unbefangenen Frankreichkenners, denn er war auch nach dem Ende der Union, wie Senator Abendroth, der Meinung, man könne und müsse vom Kaiserreich lernen. In der national aufgeheizten Atmosphäre von 1814/15 war das nicht ungefährlich. Gewalt lag in der Luft. Dem Dr. Rentzel, der im Rufe steht, sehr französisch gesinnt zu sein, ward eine Kugel ins Fenster geschossen, die einen Schirm durchlöcherte. Schon Tags zuvor ward von hinten in sein Haus geschossen.[5] Das trug im Juli 1815 Martin Hudtwalcker in sein Tagebuch ein und wunderte sich über die coole Reaktion des Beschossenen. Er erzählt dies selbst fast öffentlich.[6] Der deutsch-jakobinische Nationalismus der Nachkriegsjahre konnte zu terroristischem Aktivismus führen.
Umso erstaunlicher, dass Senator Abendroth keine Hemmungen hatte, in aller Öffentlichkeit auf kaiserlich-französische Vorbilder hinzuweisen. Ohne Risiko war das nicht. Er kannte das schon aus seiner Zeit nach dem ersten Regimewechsel im Frühjahr 1813. Das Volk pöbelte und wusste es nicht besser. Man durfte nicht allzu viel Rücksicht darauf nehmen. Er selbst wusste sehr genau, was die französische Administration, seine eigene mit Verlaub, zu leisten im Stande war. So wird selbst aus dieser Vereinigung mit Frankreich, die, wie dies die französischen Staatsschriftsteller selbst bezeugen, die Politik Frankreichs und nicht das Wohl Hamburgs, für den Augenblick nothwendig machte, noch ein spätes Heil für Hamburg hervorgehen. Diese Vereinigung kann, so paradox es auch klingt, Hamburgs Glück auf Jahrhunderte gründen, wenn wir durch kluge Mäßigung in unsren kleinen Verhältnissen, durch Verminderung des großen Elends um uns her durch eine wohlüberlegte Wohlthätigkeit, und durch thätige Gemeinnützigkeit uns dieses unschätzbaren Geschenkes der Vorsehung würdig machen.[7] Die Union mit Frankreich als Geschenk der Vorsehung? Das war ziemlich stark. Abendroth schrieb es den Predigern des nationalen Glücks direkt in die roten Gesichter. Irgendjemand musste ja für den Sieg der kalten Vernunft sorgen.
Die Kaufleute wollten das Handelsgericht. Es ist so gut als beschlossen, daß man es einführen will, meinte im August 1814 die Reformkommission der Zwanziger.[8] Trotzdem war die Zustimmung der Bürgerschaft nicht sicher. Wie immer vermischten sich viele Interessen und das ließ manchmal Zweifel am Erfolg des ganzen Projekts aufkommen. Im Septemberkonvent von 1814 fiel es sogar in allen Kammern durch. Das hatte mit einigen sachfremden, eher zufälligen Verwicklungen zu tun. Es gab aber auch gezielte Opposition, in diesem Falle von den Herren Graduierten. Ihnen grauste vor dem mündlichen Prozess, den der etwas behäbige Hamburger Jurist bisher nicht gekannt hatte. Wer elegant und unwiderleglich in Schriftform argumentieren konnte, war noch lange kein Meister des schnellen und scharfen Wortgefechts. Einigen schwante offensichtlich, dass ihnen die besten Argumente erst nach Sitzungsende einfallen würden, und sie hatten vielleicht diese leidvolle Erfahrung schon in den französischen Kammern gemacht. Abendroth drückte das etwas anders aus, es lief aber auf das Gleiche hinaus, wenn er etwas wegwerfend feststellte, es sei doch viel bequemer – Bequemlichkeit war keine Kategorie, die er goutierte – auf ordentlich verhandelte Akten zu sprechen als durch mühsames Nachforschen aus den contestiven Vorträgen der Partheyen das Protocoll zu führen und den Proces zu instruiren.[9] Scharfe Wortgefechte der Prozessgegner, aus denen der Richter sich ein Urteil bilden musste, waren nichts für bequeme Aktenmenschen.
Der mündliche Prozess sollte der Kern des Verfahrens bilden, aber die Juristen machten dagegen mobil, schoben die Commerzdeputation vor und brachten das Handelsgericht vorerst zu Fall. Otto von Axen als frischgebackenes Mitglied des Bürgerschaftspräsidiums beobachtete diese Winkelzüge, auch war es der Wunsch der Juristen durch das Commercium gegen das Plädiren zu wirken. Sonst ist der allgemeine Wunsch ein Handelsgericht zu haben.[10] Die Nachricht ging sofort an Gouverneur Abendroth in Ritzebüttel. Aber der Schiffbruch war schnell überwunden. Im Februar 1816 wurde das neue Gericht eröffnet – inklusive mündlichem Prozess.[11] Zudem war wichtig: Kaufleute dominierten das Handelsgericht. Diese Besetzung sollte juristische Winkelzüge verhindern und Prozesse im Keim ersticken. Hier ist der von seinen Mitbürgern geliebte Kaufmann, so Senator Abendroth, ganz an seinem Platze; die bisherigen Mitglieder können sich selbst dies Zeugniß mit voller Gerechtigkeit geben. Hier kann der erfahrne Kaufmann den größten Nutzen stiften, viele verderbliche Processe verhüten, und so manche Familie vom Untergang retten.[12]
Aber es blieb spannend, Stellenbesetzungen standen an. Präsident wurde nach einigem Wahlgerangel – davon wird noch ausführlich die Rede sein – Eduard Rentzel, der Kenner und Freund moderner französischer Zustände, Vizepräsident Carl Anton Schönhütte. Dieser Schwätzer,[13] meinte Beneke über Schönhütte und ärgerte sich. Er konnte sich die Polemik wieder einmal nicht verkneifen, Rentzel allerdings auch nicht. In einer ersten Runde war er selbst nämlich durchgefallen und Andreas Christian Wolters zum Präses gewählt worden. Der war Gegner des mündlichen Verfahrens und hätte wohl durch die Hintertür wieder viel Schriftlichkeit einführen können. Dann aber wurde er zum Senator gewählt. Das führte zu einer sehr spitzen Äußerung des bekanntlich in seinen Ausdrücken gerade nicht sehr höflichen Rentzel, der in einer Gesellschaft die Wahl des Präses Wolters zum Senate als ein Glück für Hamburg bezeichnet haben soll, ‚weil derselbe nun doch außer Stande sei, das Handelsgericht zu verpfuschen.‘[14] Es war auch ein Glück für Rentzel selbst. Er wollte unbedingt Präses des Gerichts werden, für das er so viel getan hatte. In zweiter Runde gelang es ihm auch. Republikanische Wahlen waren eben ein kompliziertes Geschäft, bei dem es auch ruppiger zugehen konnte.
Nicht dass sich Beneke beruhigte, er agitierte weiter gegen diese wegen ihrer französischen Form verworfene PlaidirAnstalt.[15] Der Frontalangriff auf den undeutschen Senat verstand sich dann schon von selbst. Senatus, dem das Unsinnigste möglich ist, will die französische Proceßform für alle Handelssachen beybehalten.[16] Es könnte gut sein, dass Beneke mit großem ideologischen Aufwand auch einfach persönliche Defizite kaschierte. Er war für den scharfen Schlagabtausch nicht gemacht und fiel auf jedes Manöver herein. Ich tauge zum Plaidiren vollends nicht,[17] musste er sich eingestehen. Dabei zeigte sogar Abendroth an diesem Punkt Verständnis: Die öffentliche Verhandlung der Justiz scheint mir unserm deutschen Charakter nicht ganz angemessen; der Richter kann sich zu leicht durch den brillanten Vortrag einer Sache hinreißen lassen.[18] Aber da reichte schon etwas Vorsicht. Niemand hinderte das Gericht daran, sich zur Beratung zurückziehen.
Das Handelsgericht[19] war dann ein großer Erfolg. Ein Aspekt war dabei besonders wichtig: Von keinem andern Gericht wird wohl nach Verhältniß so häufig gütlicher Vergleich der Partheien in wichtigen Streitsachen vermittelt,[20] so die Ansicht von Adolph Soetbeer, Bibliothekar der Commerzbibliothek und Berater der Commerzdeputation. Das genau auch war die Absicht, das Gericht setzte Maßstäbe für die deutsche Handelsgerichtsbarkeit.[21] Und es wurde zu einem Musterinstitut des neuen Hamburger Staats: französisch-aufgeklärt in seiner Organisation, juristisch präventiv in seiner Absicht und kaufmännisch-elitär in seinem ganzen Zuschnitt.
Es gab an der Spitze der Republik eine Partei der Verbesserung, die der Ansicht war, dass vernünftige und zweckmäßige Reformen nicht von den Nationalfarben abhingen. Beneke hatte dafür nur Verachtung, besonders für Eduard Rentzel, im Senat vielgeliebt, so schätzte er ihn ein – aber verhasst im Volk.[22] Zuzugestehen war vielleicht, dass der Umgang mit ihm etwas schwierig war. Er war verwachsen, ungemein häßlich, malitiös und witzig, sehr eitel, dabei talentvoll und ein ungemein guter Kopf,[23] so schätzte Martin Hudtwalcker ihn ein. Es hörte sich an, als hätte Dr. Rentzel für Aufklärung und Verbesserung ziemlich schneidend argumentieren können. Aber verhasst im Volk? Starke Worte.
Ob das stimmte, steht dahin. Vaterlandskämpfer wie Beneke sahen im Geiste immer das Volk auf ihrer Seite, Volk war ihre besondere Kompetenz – glaubten sie zumindest. Und so stellten sie gerne die sehr zu wünschen lassenden Gesinnungen in den obrigkeitlichen Collegien und den höhern Classen dem Jubel des in diesem Momente so wohlgesinnten Volks[24] gegenüber. Das hatte ja auch schon Johann Smidt in Bremen getan, der das Volk damit beauftragen wollte, die Deutschheit gegen die aufgeklärten Eliten aus ihrer Raupenhülle zu befreien.[25] Das war eine fragwürdige Sache. Nicht in Frage stand, dass die aufgeklärten Verbesserer von diesem deutsch eingefärbten Volksgerede nichts hielten. Die Republik war eine Eliterepublik, Verbesserungen waren von gebildeten und humanitär gesinnten Fachleuten zu erwarten, nicht von Phantasten und Schuhmachern mit deutscher Gesinnung. Könnte es aber sein, dass der Hurrapatriotismus mit seinen schwarz-rot-goldenen Paraden und Festtafeln gar nicht so dominant war, wie die Sänger der Nation es vorspiegelten? Es scheint so. Zumindest lohnte sich die aufgeklärte Gegenrede und die fiel manchmal scharf und polemisch aus.
Welche Rolle spielten die Christnationalen in der öffentlichen Meinung, wie stark waren sie? Schwer zu sagen, aber ihr publizistischer Erfolg hielt sich in Grenzen. 1813 gründete Jakob Bendix Friedrich Daevels den Deutschen Beobachter, der programmatisch deutsch beobachtete.[26] Daevels hatte bei Friedrich Perthes in Hamburg eine Buchhändlerlehre absolviert und kam im Tross der russischen Armee Tettenborns zurück. Perthes veröffentlichte 1813 im Beobachter seine Patriotischen Beherzigungen,[27] Friedrich Gottlieb Zimmermann, der lokale Intellektuelle und spätere Professor am Johanneum, schrieb ebenfalls für das neue Blatt.[28]
Die Redakteure schwelgten im nationalen Triumph, propagierten teutsche Freiheit und Sitte, und das Druckwerk verwandelte sich kurz in die Zeitung aus dem Feldlager, bevor es im Sommer 1814 unter altem Namen, aber mit offiziellem Privileg in Hamburg wieder erschien.[29] Der Verleger Johann Friedrich Cotta und der preußische Staatskanzler Hardenberg unterstützten es zeitweilig, Cotta aus geschäftlichen Gründen, weil er dem Hamburgischen Correspondenten Konkurrenz machen wollte, Hardenberg aus politischen Erwägungen.
Der Versuch, die öffentliche Meinung der Republik im preußisch-deutschen Sinne zu beeinflussen, endete mit einem Fiasko. Der Deutsche Beobachter konnte sich ohne Finanzspritzen nicht über Wasser halten, 1819 erschien die letzte Ausgabe. Cotta verlor 22.000 Mark, Daevels ging mit 19.000 Mark Schulden in Insolvenz. Gedruckt wurden pro Ausgabe 700 Exemplare, nur 110 davon konnten in Hamburg und Altona abgesetzt werden, nicht annähernd die Auflage des Correspondenten, von dem in seinen besten Zeiten, also kurz nach 1800, um die 36.000 Exemplare gedruckt wurden.[30] Von ihm galt wohl immer noch, was ein Freund dieser Publikation einige Jahre zuvor geschrieben hatte: Ich wenigstens traue nicht eher einer politischen Nachricht, bis ich sie im Correspondenten gelesen habe.[31]
Der Nationalismus war in Hamburg kein publizistischer Selbstgänger. Ein weiterer Indikator: Der selbsternannte Befreier Tettenborn sank bald tief in der öffentlichen Meinung. Die neue Abscheu war das leidenschaftliche Urtheil des großen Haufens in Hamburg.[32] Das Hamburger Volk hatte – wenn auch etwas verspätet – gemerkt, dass Davout nicht an allem schuld war. Bürgermeister-Maire Abendroth hatte das ja schon früher gesagt. Es sieht nicht so aus, als hätte der Senat einer massiven neupatriotischen öffentlichen Meinung gegenübergestanden. Gut möglich, dass Beneke und seine Freunde in der Minderheit waren. Laut waren sie in jedem Falle, neigten dabei aber eher zu allgemeiner Volksbeglückung, während die verbessernde Reform über ein genau gerechnetes und berechnetes Programm verfügte, das von konstitutionellen Korrekturen bis zur Zollordnung reichte. Senator Abendroth erwartete jedenfalls wie selbstverständlich progressive Mehrheiten gerade in gut besuchten Bürgerkonventen.[33]
Die Rolle der Bürgerschaft im Prozess der Modernisierung aber betrachtete eines der führenden deutschen Blätter sehr viel skeptischer: die in Augsburg erscheinende Allgemeine Zeitung, die in den 1830er-Jahren Heinrich Heines Berichte aus Paris drucken würde. Aus ihr war über die Verspannungen und Konflikte der Hamburger Politik viel zu erfahren. Die Allgemeine Zeitung interessierte sich für die Republik, spezifisch auch für ihre Bürgerschaftsversammlungen, was Senator Abendroth und Bürgerschaftspräses Otto von Axen sehr genau registrierten. Es war eben dieses Blatt, so schrieb Axen seinem Freund im Oktober 1814 nach Ritzebüttel, das über Hamburg jetzt sehr ausführlich ist und jede Verhandlung der Bürgerschaft sehr richtig abdrucken läßt.[34] Vielleicht hatte er den Artikel vom Ende September gelesen, der sich mit den Aussichten der Reform in Hamburg befasste. Man fängt nun hier an, thätig an der innern Einrichtung unsrer Stadt zu arbeiten,[35] hieß es dort.
Die nächsten Sätze umrissen – in aller Vorsicht –, dass es sich um das spezifische Programm eines Senats der politischen Aufklärung handelte, der sich erkennbar von französischen Vorbildern inspirieren ließ: Es ist nicht zu verkennen, daß unser Senat, an dessen Spize sehr erfahrne und aufgeklärte Männer stehen, die Absicht hat, aus den vielen drükenden Institutionen, wodurch sich die französische Verwaltung auszeichnete, das wenige Gute mit Prüfung und Behutsamkeit auszuheben, und der gesezgebenden Versammlung der Bürgerschaft vorzulegen.[36] So etwas hatte Senator Abendroth mit fast den gleichen Worten schon im Februar desselben Jahres in seinen Wünschen bey Hamburgs Wiedergeburt für die Zukunft der Republik angekündigt.[37] Einige Bürger in den Konventen schienen dann aber jegliche Vernunft über Bord zu werfen. Die Allgemeine Zeitung registrierte da eine denkwürdige Erscheinung: Zuweilen kann man wohl sagen, daß das Herz mit dem Kopfe davonlaufe.[38] Ein Motiv für diese sonderbare Übung fiel dem Korrespondenten des Blattes besonders auf. Es ließ Hamburgs Parlamentarier in keinem guten Licht erscheinen: Antisemitismus. Jüdische Richter am Handelsgericht schlug der Senat vor und die Politiker in den Kammern bekamen apoplektische Anfälle: Gegen diese Neuerung schreien nun sehr viele Bürger, welche den Juden nicht hold sind.[39]
Daneben aber regierte wieder die Vernunft. Hamburgs Parlament schaffte die Admiralität ab – große Einkünfte, kleiner Nutzen – und schickte den Bauhof gleich hinterher, der ziemlich unbegreiflicher Weise … im Durchschnitt eine halbe Million pro Jahr kostete. Die wilde Agitation in den Kammern beschränkte sich also auf partielle Blockaden. Im Vordergrund wurde es laut, gefühlvoll und ideologisch, im Hintergrund passierte das aufgeklärte Verbesserungsprogramm weitgehend intakt die parlamentarischen Hürden.
Was war also aus Senator Abendroths Programm für eine aufgeklärte Musterrepublik, das die Reformkommission der Zwanziger in eine prägnante Kurzform gebracht hatte, geworden?
Sein alter Freund Dr. Johann Heinrich Bartels jedenfalls war überzeugt, dass Senat und Bürger dieses Programm in seinen Kernforderungen realisiert hatten: Uebrigens umfassen die Postulate, Bartels meinte das Programm der Zwanziger-Kommission, … das Gesammte der Verfassung und Verwaltung, und zeichnen sich … vortheilhaft aus, weil sie nur Gegenstände enthielten, worauf die Gesetzgebung auch ohne dies, durch die öffentliche Stimme, durch die Sachkunde des Senats, und seinen Beförderungs-Eifer geleitet ward. Daher den Postulaten in ihrem wesentlichen Theile das Verdienst … zurückbleibt, daß sie das … zusammenstellten, was bald nachher wirklich ins Leben trat.[40]
Damit waren zentrale Teile des Verbesserungsprogramms legislatorisch umgesetzt, die teuren Bauadministrationen zu Land und zu Wasser professionalisiert, der Haushalt zentralisiert und der Kontrolle der Bürgerschaft unterworfen sowie die bedrohliche Staatsschuld nach allen Regeln der politischen Arithmetik konsolidiert. Zudem befand sich die Öffnung von Senat und Bürgerschaft für Katholiken und Reformierte auf gutem Wege, die Sozialpolitik und die Gesundheitsfürsorge wurden revitalisiert, und die Republik erhielt durch die neu organisierte Polizei ein Maß von exekutiver Energie, das sie vorher nie besessen hatte. Von allem wird noch im Detail die Rede sein. Es war der Höhepunkt, aber nicht das Ende der Reform. Die Republik konnte sich beglückwünschen, sie war effektiver und moderner geworden. Sie hatte dabei aber der laut agitierenden Deutschheit ziemlich deutlich die kalte Schulter gezeigt. Die Germanomanen verziehen es ihr nicht.
Diese Germanomanen verstanden auch nie wirklich, wo eigentlich die praktischen Herausforderungen für die Republik lagen.
Neben den großen Gesetzgebungsprojekten nämlich gab es auch noch dringende Aufgaben, banal, sogar anrüchig, aber es ging um Leben und Tod. Die Stadt musste gereinigt werden, und zwar sehr schnell, um den Ausbruch von Epidemien zu verhindern. In Mainz hatte es gerade eine Katastrophe gegeben. Fleckfieber, übertragen durch Läuse und Flöhe, hatte 18.000 Tote gefordert.[41] In Hamburg hatten sich während der Belagerung in den Militärhospitälern – Pestgruben, so Abendroth – ansteckende Krankheiten ausgebreitet. Von Juni 1813 bis Juni 1814 waren dort fast 10.000 französische Soldaten gestorben.[42] Ärzte wurden zwangsverpflichtet, auch einige von ihnen starben. Dr. Chaufepié war krank geworden, erholte sich aber.[43] Chaban, der Finanzchef der französischen Administration, steckte sich an und starb im März 1814.[44] Jetzt näherte sich der Sommer, die Temperaturen stiegen und auf den Straßen türmten sich nach der Blockade Mist, Unrat und die Kadaver verendeter Tiere. Es stank gewaltig.
Erfahrenen Gesundheitspolitikern, die Sterbequoten im Blick, musste niemand die Zusammenhänge erklären. Also listete Abendroth die Stadtreinigung in seinem Sofortprogramm neben der Verfassungsreform auf. Er fand diese Kombination wohl nicht weiter bemerkenswert, Aufklärer hatten ihre eigenen Prioritäten. Die Sorge für die Gesundheit einer aus dem Zustande der Belagerung hervorgehenden Stadt ist von der allergrösten Wichtigkeit.[45] Bei den Militärbehörden hatte er 100 Pferde angefordert und sich von Experten Vorschläge für die Säuberung und Desinfektion von Häusern machen lassen. Die Aktion musste gut organisiert werden. Abendroth skizzierte für den Senat die Organisation und Besetzung einer Sanitätskommission. Sie könne nur dann zugkräftig würken, wenn sie eine geregelte Vollmacht hat, und wenn nicht zu viele Geschäfte auf die Schultern eines Mannes gewälzt werden – In jedem Quartir der Stadt mus ein Bürger angesezt werden, der dann über den Gang der Geschäfte referirt.[46] Es konnte leicht zu Widerständen kommen. Kein Bürger sollte in seine requirierte Wohnung zurückkehren, ohne dass sie vorher desinfiziert worden war.[47] Die Kommission musste also durchsetzungsstark und kompetent sein. Deshalb stand sie unter dem Präsidio des Polizey-Herrn, Senatoris Bartels.[48] Der kümmerte sich auch um die Verteilung eines Merkblatts, das die Symptome des Nervenfiebers und angemessene Heilmittel auflistete.
Der Erfolg ließ nicht auf sich warten. Die … Sanitätscommission ist äußerst tätig. Die Sterblichkeit ist zwar noch nicht ganz auf das Gewöhnliche herabgekommen, allein von Epidemie keine Spur.[49] In wenigen Wochen überwand die Stadt ihren Great Stink. Unhygienische Verhältnisse waren eine Herausforderung, keine Abschreckung. Wenn wir unsern Nachkommen unsere glükliche Freyheit und Verfassung erhalten wollen, müssen wir auch immer für sie thätig seyn,[50] erklärte Abendroth seinen Kollegen ein paar Jahre später. Man kann sich diese Art von Aufklärung nicht praktisch genug vorstellen.
Dafür war die Konzentration von Macht und Verantwortung im Senat notwendig. Darum wird es im nächsten Kapitel gehen.
Die Abkürzungen StAHH, StAB und StACux beziehen sich auf Bestände der Stadt- und Staatsarchive von Hamburg, Bremen und Cuxhaven; die Fußnoten auf die Literaturliste.
[1] Smidt an Gröning, 17.3.1815, zitiert nach Wurthmann: Senatoren, S. 318.
[2] Abendroth: Wünsche, S. 41.
[3] StAHH, Senat Cl VII Lit Ma No 10 Vol 2a Fasc 4 Inv 1 Dok 3, Resolution der Oberalten, 29.8.1815.
[4] Beneke: Tagebücher, 13.6.1800.
[5] Hudtwalcker: Jahrhundert, Bd. 2, S. 508, Tagebuch Hudtwalcker, 2.7.1815.
[6] Hudtwalcker: Jahrhundert, Bd. 2, S. 508, Tagebuch Hudtwalcker, 2.7.1815.
[7] Abendroth: Wünsche, S. 8.
[8] Kähler: Zivilrecht, S. 293.
[9] StAHH, Senat Cl VII Lit Lb No 28a2 Vol 13, Abendroth im Senat 13.2.1824.
[10] StAHH, Familie Voigt B 76 Unterakte 2, Axen an Abendroth, 12.9.1814.
[11] Sutor: Errichtung, S. 126.
[12] Abendroth: Wünsche, S. 42.
[13] Beneke: Tagebücher, 12.1.1816. Vielleicht war etwas daran. Dr. Schönhütte kümmerte sich sehr angelegentlich um die feierliche Kostümierung des Gerichts und fiel damit etwas lästig. Sutor: Errichtung, S. 139f.
[14] Sutor: Errichtung, S. 136.
[15] Beneke: Tagebücher, 12.1.1816.
[16] Beneke: Tagebücher, 30.8.1814.
[17] Beneke: Tagebücher, 21.1.1811.
[18] Abendroth: Wünsche, S. 50.
[19] Soetbeer: Handel, S. 67; zur Handelsgerichtsordnung vgl. Anderson/Lappenberg: Sammlung, Bd. 2, S. 207–230.
[20] Soetbeer: Handel, S. 67.
[21] Kähler: Zivilrecht, S. 295.
[22] Beneke: Tagebücher, 1.10.1815.
[23] Hudtwalcker: Jahrhundert, Bd. 2, S. 521, Tagebuch Hudtwalcker, 8.1.1816.
[24] Beneke: Tagebücher, III/4, S. 659, so Beneke in einem Text von 1813/14 über die neuere Geschichte der Hansestädte.
[25] Smidt an Gröning, 17.3.1815, zitiert nach Wurthmann: Senatoren, S. 318.
[26] Böning: Presse, S. 112–120.
[27] Aaslestad: Place, S. 281.
[28] Wohlwill: Geschichte, S. 455.
[29] Es hieß auch, Daevels habe sich von Tettenborn ein Generalprivileg für alle Hamburger Zeitungen ausstellen lassen und der Hamburgische Correspondent habe sein Privileg für einige Tausend Taler von Daevels zurückkaufen müssen. Vgl. Wurm: Wächter’s, Bd. 2, S. 337.
[30] Kopitzsch: Grundzüge, Tl. 2, S. 646.
[31] Hamburg und Altona, 1. Jahrgang, 1. Bd., 1801, S. 205.
[32] Zitiert nach Poel: Bilder, Bd. 2, Abtlg. 2, S. 139.
[33] Abendroth an Perthes, 25.10.1814, zitiert nach Wurm: Abendroth, Text bei Stubbe da Luz/Wurm: ‚Hamburg‘ Hamburg, Bd. 1, S. 337.
[34] Axen an Abendroth, 21.10.1814, zitiert nach Wurm: Abendroth, Text bei Stubbe da Luz/Wurm: ‚Hamburg‘, Bd. 1, S. 341.
[35] Allgemeine Zeitung, 26.9.1814.
[36] Allgemeine Zeitung, 26.9.1814.
[37] Abendroth: Wünsche, S. 8.
[38] Allgemeine Zeitung, 26.9.1814.
[39] Allgemeine Zeitung, 26.9.1814.
[40] Bartels: Abhandlungen, S. 372.
[41] Evans: Tod, S. 249.
[42] Allgemeine Zeitung, 1.7.1814.
[43] Möller: Briefe Speckters, S. 89.
[44] Abendroth: Antwort, S. 20.
[45] StAHH, Senat Cl VII Lit Ba Nr 1 Vol 5a, Abendroth: Puncta deliberanda, o. D., April/Mai 1814.
[46] StAHH, Senat Cl VII Lit Ba Nr 1 Vol 5a, Abendroth: Puncta deliberanda, o. D., April/Mai 1814.
[47] StAHH, Senat Cl VII Lit Ba Nr 1 Vol 5a, Abendroth: Puncta deliberanda, o. D., April/Mai 1814.
[48] Anderson/Lappenberg: Sammlung, Bd. 1, S. 71–73, Zitat S. 71.
[49] Karl Gries an seinen Bruder Diederich, Juli 1814, zitiert nach Reincke: Briefwechsel, S. 265.
[50] StAHH, Senat Cl VII Lit Lb No 28a2 Vol 12 Dok 1, Abendroth im Senat, 13.2.1824.


