50. Hamburger Bürgermilitär
Militärische Sauerei
Die Hamburger Aufklärung misstraute dem Militär, nicht weil sie pazifistisch war, sondern weil sie wusste, wie leicht bewaffnete Tugend in bewaffnete Willkür kippt. Im Übrigen: Der Arbeiter sollte arbeiten und seine Zeit nicht bei Paraden auf dem Heiligengeistfeld vertrödeln. Aber die Wehrpflicht war nicht zu vermeiden. Der Druck der nationalen Begeisterung war zu groß.
Dies ist Teil 50 der Aufklärung in Hamburg: Johann Heinrich Bartels, Amandus Augustus Abendroth, Ferdinand Beneke und die Verbesserung einer deutschen Republik 1790–1835. Die Einleitung beschreibt, worum es geht, und ein Überblick über die bisher veröffentlichten Kapitel findet sich hier.
Für die Ruhe des Staates sorgte im alten Hamburg die Bürgerwache unter der Führung ihrer Kapitäne. Ihr musikalischer Wert lag aber möglicherweise höher als ihr militärischer. Georg Philipp Telemann hatte Anfang des 18. Jahrhunderts die Kapitänsmusiken für ihre vornehmen Festlichkeiten im Drillhaus komponiert. Neben der Bürgerwache gab es die Garnison, die aus schlecht bezahlten Soldaten bestand und einen leicht verlotterten Eindruck machte. Militärische Eliteformationen waren beide nicht, sie wurden 1810 aufgelöst, die Armee Napoleons konnte sie nicht brauchen.
1813, im Jahr der nationalen Erhebung, organisierte Jonas Ludwig von Heß die Bürgergarde. Sie sollte die Stadt gegen die wiederanrückende kaiserlich-französische Armee verteidigen und hatte damit keinen Erfolg. Ihre Reste vereinigten sich in Holstein und Mecklenburg mit bewaffneten Bürgern aus Bremen und Lübeck zur Hanseatischen Bürgergarde. Die Bürgergarde war zu unterscheiden von der Hanseatischen Legion, die direkt in die Verbände der Alliierten Mächte integriert war. Beide Formationen kämpften im Frühjahr 1814 vor Hamburg. Aber was sollte nach dem Ende des Krieges aus ihnen werden?
Mit dieser Frage beschäftigte sich die Politik über Jahre. Die nationale Erhebung liebte das Militär mit seinen fliegenden Fahnen, der strammen Marschmusik und den vaterländischen Reden, die aufgeklärte Republik hingegen hatte sich im 18. Jahrhundert in ein pazifistisches Gemeinwesen verwandelt. Nie können und dürfen wir … ein eigentlich militärischer Staat werden oder auch nur zu seyn versuchen; dies paßt durchaus nicht zu unserm ganzen Seyn und zu unserm Fortkommen.[1] Das schrieb Amandus Augustus Abendroth 1814, als der zivil-kommerzielle Charakter des Gemeinwesens gerade stark in Frage gestellt wurde.
Der elegante Gesellschaftsmensch vom Neuen Wall verachtete die verlauste militärische Armut und versuchte sie schon an den Stadttoren abzufangen. Es werden zu viele mit Kindern belastete Familien, hier aufgenommen, so der Bevölkerungspolitiker Abendroth schon 1802, von denen die Männer sich bey der Garnison und Nachtwache engagiren lassen und die wenn sie einige Zeit hier gewesen sind ihre Frauen und Kinder nachkommen lassen. Es handele sich dabei um Gesindel, das sich in ganzen Haufen auf St. Pauli breit mache. Seine Ansiedlung war zu verhindern.[2] Irgendwann landeten diese Leute bei der Armenanstalt, so die bürgerliche Sozialprognose für Soldaten und Nachtwächter. Von Letzteren war schon 1792 aufgefallen, dass sich einige von ihnen illegal bei der Armenanstalt Geld besorgt hatten.[3]
Die Verachtung des Militärs war das mentale Pendant der neutralen Friedfertigkeit der Handelsrepublik. Mit der Verteidigung des Vaterlandes kam man diesen vernünftigen Kosmopoliten besser nicht. Militär war lästig, besonders wenn es die Reisepläne störte. Im Herbst 1792 ging es Johann Heinrich Bartels und seinem Freund Abendroth so. Auf der Rückreise nach Hamburg suchten sie in einem kleinen Gasthof in Süddeutschland Quartier. Preußische Truppen waren unterwegs, der Krieg gegen das revolutionäre Frankreich hatte begonnen. Krieg hin oder her, für die Nacht brauchte man Quartier. Wir fütterten dort die Pferde, schrieb Dr. Bartels schlecht gelaunt in sein Reisetagebuch, und stiegen in dem Gasthof ab, wo militärische Sauerei und Grobheit herrschte.[4]
Die aufgeklärte Bürgerwelt hatte keinen Sinn für angeheuertes Militär, das bei der Armenanstalt den Sozialbetrug pflegte. Doch dann mussten sich Senator Bartels und Kollege Abendroth auf einmal selbst um die Bewaffnung der Republik kümmern. Sie waren zwischen 1799 und 1802 für Artillerie und Fortifikation zuständig. Die Artillerie beschäftigte sich gerade mit dem Verkauf der Kanonen, die Fortifikation mit dem Abriss der Befestigungen und ihrer Umwandlung in Promenaden. Die Fortification wird sich in eine Aufsicht auf die Promenaden verwandeln,[5] schrieb der unmilitärische Senator Abendroth 1814. Unter seiner Direktion war sie schon zuvor zu einer Agentur für Notstandsarbeiten geworden, denn, so fügte er erläuternd hinzu, unsere Lage kann es nie mit sich bringen, daß unsere Stadt mit Nutzen für uns vertheidigt werde.[6]
Die deutschen Enthusiasten sahen das aber 1814 ganz anders: Hanseatische Bürgergarde und Legion leisteten schweren Dienst am Vaterland und sollten dafür belohnt werden. Die Kämpfer blieben trotzdem in mancher Hinsicht ein Fremdkörper in der Bürgergesellschaft. Sie pflegten zum Beispiel ausgefallene Vorstellungen von militärischer Ehre. Im August 1815 duellierten sich Peter Godeffroy und David Christopher Mettlerkamp aus der Führungsriege der Bürgergarde.[7] Beneke war Mettlerkamps Sekundant. Frau Caroline durfte davon nichts wissen, den Säbel trug er heimlich aus dem Haus. Die Herren gaben sich nonchalant. Allgemeines, belebtes Gespräch beym Frühstück,[8] verzeichnete Beneke, als die Gesellschaft am Wandsbeker Wald angekommen war. Die Kombattanten schossen dann mehr oder weniger absichtlich vorbei. Dr. Bartels duldete diese unzivilisierten Sitten nicht und schritt als Polizeichef zügig ein. 1820 ließ er einen General unter Hausarrest stellen, weil der einen erotischen Konkurrenten zum Duell gefordert hatte.[9] Die Hamburger Gesellschaft kannte vorübergehend kein anderes Thema. Zu erinnern war in diesem Zusammenhang auch an Bürgermeister Dr. Lienau. Ach, was Ehre, hatte der einmal einem dieser bewaffneten Herren eröffnet, dafür bekommen Sie bezahlt.[10] Das saß.
Wichtiger waren die strukturellen Probleme von Militär in einer Bürgergesellschaft. Die Hanseatische Legion, so sah es aus, versank von Anfang an in militärischer Sauerei.[11] Alles, was sich meldete, Lumpengesindel, Landstreicher, Straßenbuben, wurde ohne Unterschied aufgenommen, und dieser zusammengeraffte Haufen zugleich mit den gebildeten jungen Leuten einem gemeinen Corporal übergeben, der seinen von beständigem Fluchen begleiteten Worten mit dem Stocke Nachdruck zu verschaffen suchte.[12] Das war die Ansicht Piter Poels, des Altonaer Publizisten. Abendroth schrieb Anmerkungen zu seinem Text. Zu dieser Passage nicht, er fand sie wohl ganz richtig. Vielleicht lag es auch an seiner Frau. Johanna Abendroth machte Anfang 1814 in Cuxhaven ihre eigenen Erfahrungen mit den Kämpfern der Hanseatischen Legion. Sie musste feststellen, dass die sich sehr ungezogen aufführten. Sie verlangten doppeltes Logis und bessere Kost wie wir sie den Leuten liefern konnten. Die Bremer und Lübecker waren die Schlimmsten. Ich beschwerte mich bei dem Commandanten; der zuckte die Achseln und sagte: es wären Freiwillige, die sich nicht befehlen liessen.[13]
Beneke hingegen registrierte im Frühjahr 1813 bei der Hanseatischen Legion Zulauf von jungen Leuten aus den ersten Familien der Stadt.[14] Das stimmte nur bedingungsweise, er konnte es in der eigenen Familie wahrnehmen. Eduard von Axen, noch nicht 20 Jahre alt, Bruder seiner Frau Caroline, wollte sich der Legion anschließen. Schwiegervater Otto von Axen, erfolgreicher Verbesserer und Aufklärer, Freund und politischer Verbündeter von Bartels und Abendroth, war entschieden dagegen. Er misstraute begeisterter, aber sichtlich aufklärungsbedürftiger Jugend. Eduard will in die Legion, und der Vater wills nicht – !,[15] schrieb Beneke in sein Tagebuch.
Verständnis hatte er für die undeutsche Haltung dieses Vaters nicht. Unedel, so hieß das im gehobenen nationalen Sprachgebrauch. Also bearbeitete er ihn. Otto von Axen schien nachzugeben, aber aus den falschen Gründen, nicht zuletzt nämlich, um dem Verdachte vaterlandswidriger Gesinnungen zu entkommen.[16] Ferdinand und seine Caroline hätten Eduard beredet und verführt, warf der verärgerte Otto von Axen schließlich der radikalisierten Verwandtschaft vom Holländischen Brook vor.[17] Jetzt hatte er auch noch Ärger mit seiner Frau, die aus mütterlicher Sorge ihren Eduard vor dem Militär retten wollte.
Der nahm dann selbst Abstand von der Waffe, was Beneke ihm wiederum übelnahm: Eduard scheint ohne allen begeisternden Willen übertölpelt zu seyn.[18] Die familiären Verhältnisse waren schon einmal entspannter und Beneke gönnte sich dann auch noch verspätete Rache gegen Frau von Axen. Seine Schwiegermutter hatte – die französische Armee war nach zwischenzeitlichem Abzug seit Sommer 1813 wieder da – den General Loison im Hause, ob sie wollte oder nicht. Aber die nationale Begeisterung hatte keine Lust mehr zu differenzieren. Deine Mutter, liebe Line, schrieb Beneke streng an seine Gattin, hat gestern mit einem kleinen Verdruße ihre Voreiligkeit, mit Loison unter einem Dache zu wohnen, gebüßt.[19] Sie hatte in ihrem Stadtgarten Spargel gestochen, der von einem Franzosen konfisziert und zerstört worden war. Ferdinand nahm weniger Anstoß am konfiszierten Spargel als an der undeutschen Haltung der Frau von Axen. Sie erschien ihm wohl als Verrat der herrschenden Klasse, die ja bekanntermaßen ihre Söhne daran hinderte, militärischen Ruhm für das Vaterland zu erringen.
Die Legion sah dann auch nicht aus wie eine Truppe zur Verteidigung des bürgerlichen Eigentums. Ihre Forderungen stellte sie nach gehabtem kämpferischem Einsatz trotzdem. Sie hatte schließlich auch für das teure Vaterland Leib und Leben riskiert. Und so verlangte 1814 das hanseatische Musikcorps seinen Sold. Die Engländer, die es bisher finanziert hatten, wollten nicht mehr. Die Hamburger Republik auch nicht, musste aber irgendwie. Sie verlangte jedoch, dass die städtische Militärkommission sich zuvor davon, daß das Corps von dem Herrn General Tettenborn im Namen der Stadt wirklich so engagirt worden, überzeuge.[20] Latentes Misstrauen war spürbar und kurze Zeit später reichte es dem Senat. Dr. Bartels ging zur Zwanziger-Kommission, die sich gerade mit dem Neubau der Republik beschäftigte, und verlangte die Auflösung der ganzen Hanseatischen Legion. Das Ja der Kommission kam ohne viel Zögern.[21] Aus war es mit den Hanseaten, und dies, nachdem sie erst kurz zuvor, Ende Juni 1814, unter Glockengeläut in die Stadt eingezogen waren, ein vollkommen harmonisches herrliches deutsches Volksfest,[22] wie Beneke meinte. Aber er hatte sich wohl verschätzt. Eine augenblicklich günstig scheinende Stellung der Umstände hat den Senat erdreistet, nunmehr seinen LieblingsPlan auszuführen, und die Hanseatische Legion gänzlich aufzuheben.[23]
Beneke hatte sich auf einen Tagebucheintrag beschränkt, einer der adligen Offiziere der Legion zog die Öffentlichkeit vor. In mehreren Zeitungen, unter anderem in der Allgemeinen, erschien ein offener Brief von Ernst von Baumbach, gerichtet an die Senatoren der Hamburger Republik. Sie kamen dabei nicht gut weg. Hauptanklagepunkt: schäbige Verachtung der vaterländischen Leistungen der Legion: Jetzt haben Sie Ihren Zwek erreicht, Sie, die nie etwas zur Rettung Ihres Vaterlands beitrugen, haben nun viele von denen, welche dazu redlich und aus reinem deutschen Gemüthe mitwirkten, ohne eine Spur herzlicher Gesinnung, ja, mit der Ueberzeugung, daß selbst ihr Anblik Ihnen lästig war, aus dem Wege geschaft.[24] Baumbach war Mitte 20, deutsch fühlende Jugend in großer Zeit gegen verknöcherte Bürokraten von vorgestern. Für den Senat war es eine deutschlandweit verbreitete Beleidigung. Immerhin blieb es dabei, die Legion war aufgelöst. Der aufgeklärte Bürger mochte kein militärisches Gewese, schon gar nicht das von Lumpengesindel und Straßenjungen unter der Führung von Offizieren aus dem Kleinadel.
Was aber sollte nach dem Ende des Krieges aus den Freiwilligenverbänden der Hanseatischen Bürgergarde werden? Bartels wollte sie für die innere Sicherheit einsetzen, so wie die 1810 aufgelöste Bürgerwache, an die sich der Senator immer gerne erinnerte. Einem alten Hamburger Bürger wird man … die Bemerkung nicht verargen, daß unsre ehemalige Bürgerwache … zu Zeiten der Noth doch immer von großem Nuzen war. Wie im Jahre 1791 rebellirende Handwerker, Unfug machend Schaarenweise durch die Stadt zogen, und durch ordentliche Mittel nicht zu bändigen waren, ward die Sturmgloke gezogen. Alles jung und alt, reich und arm griff zu den Waffen, die kräftige Maße erschien und verschwunden war Rebellion und Unfug![25] Etwas banal war diese Aufgabe aber wohl auch. Die Bürgergardisten oder wie immer man sie nennen würde, sollten möglichst nichts kosten und sonntags exerzieren, wo sie nichts damit zu versäumen haben.[26] So die unterkühlt-funktionale Ansicht Dr. Abendroths, der den bürgerlichen Erwerbsbetrieb von militärischen Störungen freihalten wollte. Ansonsten sollten sie sich gefälligst um die Sicherung des Eigentums kümmern. An der Bereitschaft dazu aber gab es Zweifel. Das erfuhr Beneke von einem Freund, der erhebliche Schwierigkeiten hatte, sich die Hanseatische Bürgergarde als einen kräftigen Hüter des Privateigenthums gegen anderweitige Anfälle zu denken.[27] Bei den Kaufleuten der Republik war diese Erkenntnis auch schon angekommen. Sie hatten sich verabredet, keine Bürgergardisten mehr anzustellen.[28]
Am 24. Juni 1814 wurde die Hanseatische Bürgergarde aufgelöst. 500 Bewaffnete hatten sich gegen Mittag bei schönem Wetter auf dem Großneumarkt versammelt. Senator Bartels hielt eine feierliche Rede über Hamburgs Ruhm und Befreiung, zu verdanken den getreuen Bürgergardisten und ihren tapferen Offizieren. Er sagte alles, was in solchen Fällen gesagt werden musste, er war der Senatsspezialist für Volksreden. Dann ging es mit Musik in die Michaeliskirche. Hier kam die große Stunde Benekes. Mit dem Gardechef Mettlerkamp stand er vor dem Altar, die Fahne in der Mitte, Pastor Johann Jakob Rambach segnete, und die Gemeinde sang Eine feste Burg ist unser Gott. Beneke war unbeschreiblich gerührt.[29] Das war etwas voreilig.
Kurze Zeit später am Neuen Wall sollten die Gardisten ihre Waffen abliefern. Jetzt passierte das halbwegs Vorhergesehene, halbwegs Befürchtete: Sie weigerten sich, und es entwickelte sich ein veritabler Tumult. Die ehemaligen Kämpfer fühlten sich durch einen undankbaren Senat beleidigt – beim Einzug in die Stadt hatte es keine Erfrischungen gegeben –, und sie verlangten das versprochene Geld für ihre vaterländischen Dienste. Das alles sagten sie mit lauter Heftigkeit, so die Beobachtungen Benekes, stießen die Kolben gegen den Boden, fällten auch wol drohend die Bajonette, und die von den liberalsten Versprechungen begleitete Gegenrede des Senators Bartels vermehrte nur den Trotz, da der Lärm schon zu groß war, so, daß die Rede deßelben nicht gehört, dagegen nur seine ermahnenden Gebehrden bemerkt wurden. Prösch – ein Senatskollege – zitterte wie Espenlaub, und auch Bartels verlor den Muth.[30]
Luer Anton Prösch war in Hamburg für seine Departemental-Beredsamkeit[31] bekannt. Ein Cicero für die Kleinigkeiten. Vor dem Volk verließ ihn seine Beredsamkeit. Es war der Tiger Volk, Bartels kannte ihn, aber auch er konnte sich vorübergehend nicht durchsetzen. Mettlerkamp und Beneke versuchten es mit guten Worten, dann brüllten sie ihre Gardisten an, Fäuste flogen, ein Angriff auf die Senatoren schien kurz bevorzustehen. Am Ende kamen reguläre russische Soldaten und die Lage beruhigte sich. Der Tag endete mit einem Diner im eleganten Stadthaus bei Senator Bartels, an dem der halbe Senat teilnahm. Die Stimmung war wohl etwas verhalten. Die Verantwortlichen hatten aber verstanden und beeilten sich. Am nächsten Tag bekam jeder Gardist 24 Mark – zwei oder drei Wochenlöhne, immerhin. Die Hanseatische Bürgergarde löste sich auf, aber die Herren Senatoren Bartels und Prösch dürften mit der Erkenntnis nach Hause gegangen sein, dass bewaffnete Kämpfer eine Gefahr für die zivilen Autoritäten der Stadt darstellen konnten.
Mit der Auflösung von Hanseatischer Legion und Hanseatischer Bürgergarde distanzierte sich der Senat der Republik Hamburg deutlich von der allgemeinen Begeisterung für das Militär und die nationale Erhebung. Kritik wegen undeutschen Gebarens folgte auf dem Fuß. Aus Frankfurt am Main meldete sich Ende Juli 1814 der Freiherr Karl vom und zum Stein – auch Edelstein[32] genannt, so Ferdinand Beneke. Die Jahre der Macht als Leiter der preußischen Reformen lagen hinter ihm, aber jetzt führte er das Zentraldepartement für die befreiten Gebiete. Diese Frankfurter Behörde wollte er zur Zentrale für die Erneuerung Deutschlands machen. Dem Hamburger Rat warf er vor, im Hinblick auf die Wehrverfassung ganz veraltete … und verworfene Formen zurückzuführen und dabei die Wünsche der Bürger nach allgemeiner Volksbewaffnung zu ignorieren.[33]
Der Bremer Dr. Gildemeister, Verbindungsmann des Freiherrn bei den Hansestädten, hatte Beneke nahegelegt, diese Rüge unter der Hand bekannt zu machen, damit die Bürgerschaft durch die Männer, denen sie zu trauen Ursache hat, mit Bestimmtheit erfahre, auf welchen Puncten man bestehen kann und muß.[34] Es war ein Versuch, die regierenden Herren in Hamburg unter Druck zu setzen. Nach Lage der Dinge konnte er durchaus erfolgreich ausfallen. Möglicherweise hing damit eine Meldung der Allgemeinen Zeitung zusammen, die ihr von interessierter Seite zugekommen war. Wie man hört, hieß es dort vielsagend, ist von hoher Hand unserm Senate Verwunderung bezeugt worden, daß Hamburg, nachdem es früher so viel Patriotismus bewiesen, jetzt seine Bürgergarde aufgelöst, und sein Militär so stark reduzirt habe.[35] Das Blatt erwartete ob dieser Insinuation der hohen Mächte die schleunige Einführung der Wehrpflicht. Der Senat, dem die allgemeine Volksbewaffnung gerade noch gefehlt hatte, hielt sich auffällig zurück, was wiederum den Agenten Gildemeister auf die Palme brachte, man fertigt mich … mit einer albernen nichtssagenden Erklärung ab.[36] Und dann ging da noch ein Brief von Senator Amandus Augustus Abendroth ein, der sich spitz und wohl nicht ganz zufällig fragte, wie weit denn die Kompetenzen des Chefs des Zentraldepartements für die befreiten Gebiete, also Steins, wohl reichten.[37] Er schrieb angeblich privat, aber Gildemeister war sich sicher, dass dahinter der ganze Senat steckte.
In Hamburg stand jetzt die Neuorganisation der militärischen Verbände der Republik auf dem Programm, ganz ohne ging es offensichtlich nicht, obwohl wahrscheinlich die aufgeklärten Kritiker des Militärs gerne darauf verzichtet hätten. Zu beachten war dabei nicht nur der Reichsfreiherr vom und zum Stein, sondern auch die Solidarität der vaterländischen Kämpfer und Befreier vor Ort. Die pflegten Kameradschaft und erinnerten sich großer Zeiten im Felde. Es gab festlich-bewegte Treffen, selbstorganisiert, von offizieller Seite war nichts zu erwarten. An einem etwas regnerischen Sonntag im März 1817 spielte ein Orchester zum Mittagessen im ehemaligen Schimmelmannpalais nahe der Michaeliskirche. Die Versammlung trank auf das Wohl der Nation. Unter den 200 Teilnehmern war auch Beneke. TyrannenHaß, GottVertrauen, und Liebe zum Deutschen Vaterlande, das sind die Gesinnungen, welche seit 3 Jahren eine Gemeinschaft zwischen uns gestiftet haben. Mögen wir letztre einander erhalten! mögen wir jene Gesinnungen bey unsern älteren Mitbürgern Achtung, und Vertrauen erwecken, und sie den jüngern einzuflößen nie müde werden!‘[38] So lautete einer der kernigen und sinnreichen Trinksprüche, mit denen sich die Gesellschaft in Stimmung brachte. Ob die älteren Mitbürger unbedingt immer Achtung und Vertrauen zu den Vaterlandskämpfern hatten, war eine offene Frage. Die aufgeklärte Republik reagierte auf Deutschheit bekanntermaßen verhalten.
Mit dem Neubau des Bürgermilitärs ging es im ersten Anlauf 1814/15 in Hamburg wider Erwarten glatt,[39] gerade im Vergleich zu Bremen, wo um die Bürgerbewaffnung ziemlich viel Wind gemacht wurde. Die Wahrheit aber ist, schrieb Karl Gries aus Hamburg an seinen Bruder in Jena, daß sie fast bloß dem Namen nach existiert. Bei uns hat man weniger gelärmt, aber die Sache ist im besten Gange, in 2 Monaten wird alles eingeübt sein, und von unsern 8000 Waffenfähigen sind doch schon über 5000 uniformiert.[40] Wer wollte, konnte auf den Straßen sehen, dass es voranging. Anfang 1815 besetzte das neue Bürgermilitär die Wachen – in flotten Uniformen, wie Kenner Beneke bemerkte.[41] Dann machte er sich ans Werk, mischte sich ein – und verursachte Schwierigkeiten über Schwierigkeiten. Im Juli entwarf er eine Verfassung für die Truppe.[42] Er erwartete nunmehr Großes. Gleich im ersten Paragrafen war denn auch die Rede von deutscher Volksbewaffnung.[43]
Im Mittelpunkt stand die Wehrpflicht, die für die national Erweckten das Wesen urdeutscher Verfaßung[44] ausmachte, so Beneke 1816. Der ideologische Aufwand machte die Gespräche mit ihm nicht leichter. Auf Kritik seiner Rathauskollegen reagierte er schrill: wie so ganz sind sie in eine judenthümliche WeltAnsicht, und VaterlandsPolitik versunken.[45] Für jeden Aufklärer war das provozierend und skandalös. In der Tat gab es im Bürgerpräsidium der Oberalten eine Fraktion, die von der Nation unter Waffen gar nichts hören wollte, weder von der Nation noch von den Waffen. Einer der Oberalten der Republik – Beneke war fassungslos – sprach nicht bloß von gänzlicher Neutralität Hamburg’s als eines zu Deutschland nicht zu rechnenden Handelsstaates (also Judenstaat!), von der Schädlichkeit daher, daß wir an irgend eine Bewaffnung dächten, sondern auch von dem „unnützen Spielwerke“ Krieg führen zu wollen, wobey nichts, als Schaden herauskäme, und „wer so thörigt seyn könne, sich für etwas, das sein PrivatIntereße nicht wäre, in Gefahr zu begeben“ – und „wenn er (Sprecher) zehn Söhne hätte, auch nicht Einem würde er Teil daran erlauben, sondern sie lieber fortschicken.[46] Zur Erinnerung: Auch der Oberalte von Axen hatte seinem Sohn kürzlich verboten, sich einer militärischen Einheit anzuschließen – mit anschließendem Familienzerwürfnis.
Aufsteigende Wut beim nunmehrigen Oberaltensekretär Dr. Beneke. Der hatte doch seinerzeit mit seinen tapferen Kameraden im Felde gestanden und für die teure Freiheit gekämpft, was die Herren vom Präsidium der Bürgerschaft ja nicht von sich behaupten konnten – und auch nicht wollten. Er mochte nicht länger an sich halten, stilisierte sich wohl in seinem Tagebuch auch etwas zur zukünftigen Erbauung: Da brach ich los …, und es stürzte eine Flut von Vorwürfen über die Oberalten herein: Unpatriotische Sprache bei den Vorstehern der Bürgerschaft verbunden mit Hohn und Tadel für die Kameraden, die auf dem Feld der Ehre ihr Leben gelassen hatten.[47] Die Herren waren wohl etwas erschrocken. Die Ausgestaltung der Wehrpflicht machte Schwierigkeiten ohne Ende.
Derweil schlug sich der verantwortliche Bartels mit Details herum. Die Bürgersoldaten mussten sich selbst ausrüsten, viele aber hatten dafür kein Geld – oder wollten nicht. Also bewilligte die Republik 140.000 Mark aus öffentlichen Mitteln. Dienstpflichtige Bürger, die das Geld in Anspruch genommen hatten, sollten es nach und nach zurückzahlen. Pures Wunschdenken. Bis Anfang 1818 waren erst 20.000 Mark rückerstattet worden, und Bartels erwartete nicht viel mehr.[48] Im Übrigen machten sich die Freunde des Militärs Illusionen. Der Durchschnittsbürger wolle Geld verdienen und fühle sich durch die Exerziererei belästigt. Alle dienstfähigen Bürger murren hier über den Dienst, und ich glaube daher, daß wir an eine große Reduction denken müßen.[49] Senator Bartels wollte daraus die Konsequenzen ziehen.
Im Spätsommer 1819 versuchte er diese Reduktion – und wieder einmal scheiterte eine Vorlage in der Bürgerschaft und zwar mit Eklat. Alle Kammern stimmten dagegen, 5:0 gegen den Senat. Es war eine persönliche Niederlage für Senator Bartels, die nicht ganz spurlos an ihm vorüberging. Er hatte den Entwurf vorbereitet, mit den Ausschüssen verhandelt, und nun das. Es hat mich tief geschmerzt, schrieb er an Beneke, daß die K.P.O – die Kriegspflichtordnung, das Wehrpflichtgesetz also – und wie ich höre in allen Kirchspielen abgeschlagen ist. Indes ich hoffe die Philister und die Ultra’s werden zur Raison gebracht werden.[50] Trotz kerniger Sprache war er ratlos und erkundigte sich beim Bürgerschaftspräsidium, bei Freunden und Bekannten, was die Opposition denn eigentlich wollte. Dort konnte er hören, dass in der Bürgerschaft tiefe und nachhaltige Unzufriedenheit über den Senat herrschte. Seine Gesprächspartner ergingen sich in dunklen Andeutungen. Beneke zum Beispiel mussten die Tatsachen aus der Nase gezogen werden. Ich ersuche Sie inständigst, schrieb der Senator an den Oberaltensekretär, mir das mitzutheilen, was Sie am Ende Ihres Briefes erwähnen, denn ich weis nicht was EB. – die Ehrbare Bürgerschaft – für Ursachen haben kann, um gegen den Senat gestimmt zu seyn.[51]
Konkret hatte Bartels in Erfahrung gebracht, daß die Alten nichts wie geworbene Soldaten, und die Neuen, nichts wie die Bürger Garde wollen.[52] Die Alten, das waren die Philister, die gut mit den armen und verlausten Schluckern der Garnison von Anno dazumal leben konnten, für die sie insgeheim nur Verachtung übrig hatten, eben die militärische Sauerei.[53] Die Neuen waren gefährlicher, sie waren die Ultras, die Vaterlandsfreunde und patriotischen Eiferer. Sie waren es, die sich im männlichen Kampf bewiesen hatten, die die Nation unter Waffen verlangten, nämlich die Bürgergarde mit voller Wehrpflicht. Bartels – wer ihn kannte, war nicht sonderlich überrascht – betrachtete diese eigenartige Begeisterung für das Soldatische mit Skepsis und erinnerte sich sehr genau, dass die Bürgergarde keineswegs die ruhmreiche Rolle gespielt hatte, die neuerdings gerne erinnert wurde. Vernünftigerweise konnte sie es auch gar nicht, da ihre Schlagkraft begrenzt und für ernsthafte militärische Konflikte ungeeignet war.
Es tauchte jetzt wieder die Sinnfrage auf, Bartels hatte sie mit vielen diskutiert, die Antworten blieben für seinen Geschmack wie immer schon unzulänglich und vage. So oft ich jene Frage aufwarf, der Senator war sichtlich dabei, die Geduld zu verlieren, erhielt ich immer die Antwort: Hätten wir 1813 eine Bürger Garde gehabt, wie sie jezt ist, wir wären nie wieder in französische Hände gefallen, also, um Gottes Willen! man rühre sie nicht an! Ist das aber eine Antwort auf eine Frage! Selbst wenn es auch wahr wäre, und das war es natürlich nicht, daß sie damals Hamburg … hätte retten können, kann das einen Grund dagegen abgeben ihr gegenwärtiges Verhältnis näher zu untersuchen und dem Bedürfnis gemäs zu bestimmen.[54] Aus der Sicht des Senators war diese Bestimmung nicht schwierig. Hamburg war keine Festung, eine fremde Armee nicht in Sicht, eine Bürgergarde als nationale Volksarmee also überflüssig.
Anders stand es um das innere Gleichgewicht der Republik. Hier konnten Unruhen nie ganz ausgeschlossen werden und eine bewaffnete Bürgermacht in der Hinterhand beruhigte jeden Senator – für den Fall der Fälle. Darin bestand die Aufgabe der Bürgergarde – und in nichts anderem: Ihr einziger hoher Zweck ist und bleibt, meiner Ansicht nach: bei Unruhen im Innern die Ruhe wiederherzustellen und die Verfaßung zu erhalten.[55] Oder eben, wie 1791 und 1813, den bürgerlichen Status quo samt zugehöriger Besitzverhältnisse zu verteidigen. Dr. Bartels wurde immer entschlossener.
Und die Wehrpflicht, auf die die nationalen Ultras so viel Gewicht legten? Hier kam das alte bürgerliche Ressentiment wieder zu voller Geltung. Sie schädigte die Wirtschaft, denn, so die Meinung des Senators, sie kostet den Arbeiter viele Zeit, viel Geld, nimmt ihm die Lust und die Kraft zur Arbeit, verrükt sein häusliches Verhältnis, verwildert ihn, und macht Trunkenbolde und Müßiggänger.[56] Die andere, noch größere Sorge bestand darin, dass die republikanische Freiheit in Gefahr kommen könnte. Es war schon passiert. Bürger saßen im Gefängnis, weil sie sich den Offizieren widersetzt hatten,[57] und es gab eine Flut von Beschwerden gegen die militärischen Anmaßungen. Die Offiziere der Bürgergarde hatten keinen so großen Rückhalt, wie sie selbst glaubten.
Im Gegenteil drohte das Bürgermilitär selbst zu einer Gefahr für die Freiheit zu werden, zu der Form von Freiheit jedenfalls, die die Republik bisher hochgehalten hatte. Bürgermeister Bartels war entschlossen, diese Bedrohung abzuwehren. Dieser Fall bedroht uns – wenn nicht alle Anzeichen trügen – in dem bewaffneten Bürgermilitair, in so fern nicht bald einschränkende Verfügungen bey demselben getroffen werden. Während der Zeit daß die bürgerliche Freiheit jedes einzelnen Gardisten durch unnöthige militairische Uebungen sehr beschränkt, und selbst über seine Person wegen geringfügiger Ursachen mit Verhaftung verfügt wird, … wird so bald sich nur eine Stimme zur Einschränkung erhebt, vorgespiegelt, daß jede Einschränkung der Willkühr der Officiere, und jede Verminderung der Militair Last, ein Attentat gegen die bürgerliche Freyheit sey. Mir scheint …: man führt unter dem Prätext der Rettung der bürgerlichen Freyheit, Militair Druck, elende Sclaverey ein.[58] Die harschen Worte wurden dadurch noch harscher, dass sie in einem polemischen Angriff des Bürgermeisters auf den überaktiven Oberaltensekretär Beneke auftauchten, der für die nationale Aufrüstung federführend verantwortlich war. Die Republik musste seine Ambitionen stoppen, und dabei versagte leider das Bürgerschaftspräsidium der Oberalten, das von seinem Sekretär anscheinend überrumpelt worden war. Niemand ist hierbey zu tadeln, schrieb Bartels, als die gesezgebende Gewalt, die nicht in Zeiten die erforderlichen Maasregeln zur Einschränkung trifft. Und wenn ich behaupte, daß Ehrbare Oberalten die so vieles moniren in dieser Hinsicht selbst bei den schreiendsten Veranlassungen ein unerklärliches und unverzeihliches Stillschweigen bewahren, so kann unmöglich jemand auftreten der diesen Vorwurf für ungerecht erklärt.[59]
Das Bürgerschaftspräsidium hatte sich also in die Irre führen lassen, aber nicht mit dem taktisch gewieften Bürgermeister Bartels gerechnet. Der entwickelte seine eigene Strategie, um das Militär und seinen Prediger Beneke in die Schranken zu weisen: Die Rüstung im Rahmen des Deutschen Bundes schob er dem Kontingent zu, das Hamburg zusammen mit Bremen, Lübeck und Oldenburg für das Bundesheer stellen mussten. Das Bürgermilitär hingegen beschränkte er auf die Sicherung der inneren Ordnung. Darin lag der Sinn des Rat- und Bürgerschlusses vom 6. September 1821. Jeder Bürger und Einwohner war wehrpflichtig – im Prinzip. Hamburgs Kontingent entpuppte sich dann aber faktisch als eine Einheit von Berufssoldaten. Das war auch die Absicht. Die Wehrpflichtigen, die Bürger und die kleinen Gewerbetreibenden der Republik also, mussten nur ein paar Wachdienste im Bürgermilitär leisten. Zum dreijährigen Wehrdienst im Kontingent wurden sie nur dann eingezogen, wenn keine professionellen Soldaten zu finden waren. Die Auswahl traf das Los.
In den Kammern war das Ergebnis knapp. Die Geschäftsleute der Republik hielten das Wehrpflichtgetue für Zeitverschwendung und stemmten sich ein letztes Mal mit Energie dagegen. In den wütenden Worten Benekes waren es Philister …, die ihre lieben Söhne zu gut für die Vaterlands Vertheidigung halten, und solche (für Geld) andrer Leute Kindern überlassen mögten.[60] Der militante Sekretär lief zu Hochform auf, er redete bei Gelegenheit gerne über Memmen. Die Geschäftsleute hatten sich derweil damit beschäftigt, genug Stimmen gegen die Wehrpflicht zusammenzubringen. Sie wussten, wo, und hatten eine Menge von Amtsmeistern, und Erbgeseßenen der Mittelklaßen auf die Beine gebracht.[61] Dort steckte das parlamentarische Mobilisierungspotenzial der Republik. In diesem Falle allerdings hatte die Kampagne keinen Erfolg, es reichte nicht, und die Wehrpflicht wurde beibehalten, aber eben auch wesentlich gemildert. Zufrieden sein konnten die Geschäftsleute trotzdem. Das Wehrpflichtgesetz war meilenweit von der nationalen Poesie von 1813/14 entfernt. Zufrieden war überraschenderweise auch Beneke, wahrscheinlich weil der mit der Einführung der Wehrpflicht verbundene Anschluss an die Militärorganisation des Bundes ihm alle Kompromisse in rosigem Licht erscheinen ließ. Er schrieb in seinem Tagebuch vom neu erwachten wehrhaften Patriotismus. Dann war wieder Zeit für Rührung, und mich überkam noch einmal die hochbegeisterte Stimmung, in welcher ich 1813 das ‚Heergeräth‘ schrieb.[62]
Mit der Trennung von Kontingent und Bürgermilitär erfüllte die Republik zum einen ihre Bundesverpflichtungen. Zum anderen war es Bartels gelungen, das Bürgermilitär als eine innerrepublikanische Einrichtung zur Sicherung von Ruhe, Ordnung und Eigentum auszugestalten. Das hatte die sehr erwünschte Folge, dass die Wehrpflicht wesentlich weniger störend für den bürgerlichen Erwerbsbetrieb ausfiel und nicht mehr so viel Müßiggänger und Trunkenbolde hervorbrachte. Diese Wehrpflicht der besonderen Art produzierte dann auch einigermaßen verrückte Ergebnisse, bei denen von Wehrpflicht eigentlich nicht mehr die Rede sein konnte. 1835 wurde der Geburtsjahrgang 1811 ausgelost. Wehrpflichtig waren im ersten Distrikt, dem bei Weitem größten, 1.789 Männer, zur Untersuchung wurden einberufen 190. Von denen waren 30 tot, 54 nicht zu finden, 5 verschollen, 43 untüchtig. Letzten Endes blieben 52 Dienstpflichtige, von denen aber auch nur 18 persönlich ihren Dienst antraten. 31 heuerten einen Stellvertreter an, 3 gingen in die Reserve.[63] Der arbeitsame Wehrpflichtige musste sich keine großen Sorgen machen, zum Kontingent eingezogen und dort zum Säufer zu werden.
Beneke war von diesem Militär so enttäuscht, dass er selbst die Wehrpflicht hintertrieb. Sohn Otto kam in Gefahr: Von 7–11 Konferenz in der Börsenhalle mit mehreren Familienvätern (v Hostrup, Lutteroth Legat, Soltau, Pastor Strauch, u.v.a.) wegen Errichtung eines Stellvertreter Vereins für die bevorstehende (erste) Konskripzion zu unserm (seit 1815 wieder tiefherabgewürdigten, und daher militärisch wie moralisch versunkenen) Militair.[64] Angesichts seiner Begeisterung von 1813 war das etwas befremdlich.
Die ungeliebte Wehrpflicht blieb ein gefährlicher Punkt, an dem sich jederzeit populäre Opposition entzünden konnte. Diese gewann mehr und mehr vormärzlichen Charakter. Anfang 1832 passierte es in Bremen, als eine Petition gegen den Militärdienst mehr als 2.000 Unterzeichner fand. Bremen war ja nicht weit entfernt von Hamburg. Es waren die Handwerker und kleinen Leute, die Bürgermeister Bartels in Alarmbereitschaft versetzten. Donandts Supplik – gemeint war wahrscheinlich Ferdinand Donandt, Handwerkersohn und zukünftiger liberaler Bremer Senator – hat mich besorgt gemacht, schrieb er, nicht wegen der Spiesbürgerlichen Tendenz, die in dem Entziehen der Militair Pflicht liegt, sondern weil darin deutlich ausgesprochen ist, daß auch der ärmere Bürger künftig mitsprechen wolle. Wohin kann das anders als zur Anarchie führen?[65] Im Inneren war und blieb es schwierig, aber Militär musste sein. Bartels hatte die deutsche Reputation im Blick.
Das Argument des Hamburger Staatsoberhaupts lautete, der Bund schütze die Unabhängigkeit der Republik, also müsse sie unter allen Umständen ihren militärischen Bundesverpflichtungen nachkommen. Damit hatte es jedoch eine geheime und eigenartige Bewandtnis. Der Feind stand nicht am Rhein, bei näherem Hinsehen war es der Bund selbst, der in den Augen besorgter Bürgermeister und Senatoren die republikanische Freiheit bedrohte. Ende der 1820er-Jahre diskutierten die Frankfurter Gesandten über Bundesexekutionen in Hessen und Braunschweig, und den Verantwortlichen auf dem Rathaus wurde bei dem Gedanken flau im Magen, dass auch ihre Stadt ein Ziel von Truppenaufmärschen der deutschen Großmächte werden könnte. Daher der unheroische Grundsatz, in keinem Falle den Bund oder eine dieser Mächte herauszufordern, schon gar nicht in Militärfragen.
Die Republik sollte sich bewaffnen, ihren guten Willen zeigen, alle Forderungen der Bundesgesetze erfüllen und damit ihre Unabhängigkeit sichern, so gut es auf diesen verschlungenen Pfaden eben ging. Wollte der Himmel alle kleinen Regierungen Deutschlands giengen von demselben Gesichtspunct aus. Nach meiner Ansicht, so Dr. Bartels, hängt unser (der kleinen Staaten) künftiges Wohl und Wehe von der künftigen Militair Einrichtung und dem festen Zusammenhalten ab.[66] Er ging noch weiter. Unter keinen Umständen durfte die Republik bei den Großen des Bundes ihre Unabhängigkeit durch kleinliches Geschacher in Gefahr bringen. Unzweideutige Instruktionen gingen nach Frankfurt. Es war aber eher die Angst, nicht die Großzügigkeit, die dazu motivierte. Wir sind also gegen Militair Erleichterungen, und wünschen daß sie nicht zugestanden werden, ja wir würden selbst das Zugeständnis hintertreiben, wenn es von uns abhinge, überzeugt daß die Kleinen Staaten sich durch nichts mehr in den Augen der Mächtigen herabsezen, als wenn sie um ein Paar Mann oder ein Paar Pferde weniger, sich die Beine ablaufen. … Es kann seyn, daß ich die Sache für wichtiger halte, als sie ist: aber ni fallor hat sich bei den Conferenzen der Wiener Schlusacte Metternich mit Verachtung über die kleinern Staaten erklärt, die die Erhaltung der Unabhängigkeit nicht des Opfers das die Militär Einrichtung fordert werth halten.[67]
Aber Hamburgs Beitrag zur deutschen Sicherheit finanzierte sich nicht von selbst. Steuerforderungen wurden an die Bürgerschaft gerichtet. Kollege Abendroth befürchtete, dass sich die Republik mit ihren militärischen Organisationskünsten übernahm und sich mit wichtiger Miene lächerlich machte. Bey unserer Einrichtung ist es gar sehr zu bedauern daß wir so klug zu seyn glaubten alles propria vortex machen zu können, und keine auswärtigen Officiere zu consultiren – wenn wir nun meinen alles recht schön gemacht zu haben, und dies gefällt dem General en chef nicht so wird er sich wenig an unseren Verordnungen kehren …, dann sind wir auch unser Geld los – die Wahrheit steht fest daß niemand in der ganzen Welt sich schlechter zum Kriegführen past als wir.[68] Nach Meinung des Senators war das auch ganz gut so.
Abendroth neigte im Übrigen dazu, bei vorkommenden Finanzklemmen beim Militär zu sparen. Als sich 1829 nach der Senkung des Zolls große Defizite ankündigten, schlug er vor, doch einfach einige bezahlte Soldaten zu entlassen und dafür die Bürgergarde ein paar Mal mehr Wache schieben zu lassen. Die Finanzkontrolleure der Republik hatten so etwas vorgeschlagen, nämlich daß das Militair vermindert werde, was wohl angehen kann, wodurch die Bürgergarde etwa statt 4 mahl, 5 mahl im Jahre die Wache beziehen müste.[69] Um das schöne Geld für’s Militär machte sich die Republik häufiger Sorgen und ärgerte sich dabei über die Nonchalance der Großen, denen man vieles zutraute. Der Deutsche Bund hatte Millionen für den Bau von Festungen eingesammelt. Wo waren sie geblieben? fragte sich Bürgermeister Bartels. Es heist daß sie bei Rothschild niedergelegt sind, und die Zinsen von den Ministern der Mächtigen verzehrt werden.[70] Das war nicht seine Vorstellung vom verantwortlichen Umgang mit öffentlichen Geldern.
Das Bürgermilitär aber, dabei blieb es, war wichtig für die innere Sicherheit, nicht für deutsche Verwicklungen. Das bestätigte sich im Sommer 1830, als auf dem Neuen Wall die Steine flogen. Abendroth brachte im September dieses Jahres in seiner Beleuchtung der Flugschrift: Rechte und Forderungen der freien Hamburger noch einmal auf den Punkt, was das Gemeinwesen an seinen Bürgern unter Waffen hatte: Den Werth der Bürgergarde verkennt gewiß niemand weniger als der Verfasser dieser Beleuchtung, der von dem hohen Werthe derselben, als einer der Hauptstützen unsers Staats auf das lebhafteste überzeugt ist, der wir die Wiederherstellung der öffentlichen Ruhe ganz verdanken, welche sie gewiß um sie lieber bewirkt hat, da auch ihr Eigenthum dadurch geschützt ward.[71] Hauptstütze des Staats, Schutz des Eigentums, dem war wenig hinzuzufügen. Es galt 1830, wie es auch schon 1813 gegolten hatte, auch wenn die national Erhitzten sich das anders gedacht hatten. Die ganze Übung hatte also einen sehr praktischen Sinn, von Militärparaden und ähnlichen Absurditäten war möglichst abzusehen. Die störten das bürgerliche Erwerbsleben. Senator Abendroth hatte es in Ritzebüttel so gehalten: die Bürger werden nicht mit künstlichen Bewegungen, die doch bald vergessen werden, ermüdet; es genüget wenn sie das Gewehr hinlänglich gebrauchen lernen.[72] Das reichte in Ritzebüttel und sollte wohl auch in Hamburg reichen. Der Lebenszweck der Hamburger Republik war ja nicht die Wehrpflicht, wie Beneke geneigt war zu glauben, sondern der Welthandel.
Die Abkürzungen StAHH, StAB und StACux beziehen sich auf Bestände der Stadt- und Staatsarchive von Hamburg, Bremen und Cuxhaven; die Fußnoten auf die Literaturliste.
[1] Abendroth: Wünsche, S. 18.
[2] StAHH, Senat Cl VII Lit Bc No 7b Fasc 6a Dok 2, Memorandum Abendroths, September 1802.
[3] Voght: Gesammeltes, S. 27.
[4] StAHH, Familie Bartels Johann Heinrich Bartels III b, Tagebuch, 16.11.1792.
[5] Abendroth: Wünsche, S. 157.
[6] Abendroth: Wünsche, S. 157.
[7] Beneke: Tagebücher, 25.8.1815.
[8] Beneke: Tagebücher, 25.8.1815.
[9] Allgemeine Zeitung, 17.1.1820.
[10] Zitiert nach Gallois: Geschichte, Bd. 3, S. 101f.
[11] StAHH, Familie Bartels Johann Heinrich Bartels III b, Tagebuch, 16.11.1792.
[12] Poel: Hamburgs Untergang, S. 34.
[13] Abendroth’sche Lebenserinnerungen, S. 7.
[14] Beneke: Tagebücher, 21.3.1813.
[15] Beneke: Tagebücher, 11.4.1813.
[16] Beneke: Tagebücher, 12.4.1813.
[17] Beneke: Tagebücher, 13.4.1813.
[18] Beneke: Tagebücher, 16.4.1813.
[19] Ferdinand an Caroline Beneke, 21.5.1814, Beneke: Tagebücher, Bd. III/5, S. 541.
[20] Voigt: Protokolle, S. 52.
[21] Voigt: Protokolle, S. 53.
[22] Beneke: Tagebücher, 30.6.1814.
[23] Beneke: Tagebücher, 1.9.1814.
[24] Beilage zur Allgemeinen Zeitung, 17.11.1814.
[25] StAHH, Familie Perthes Friedrich Perthes I 11b Dok 385, Bartels an Perthes, 24.9.1819.
[26] Abendroth: Wünsche, S. 155.
[27] Hinrich Droop an Beneke, 29.1.1814, Beneke: Tagebücher, Bd. III/5, S. 101.
[28] Gallois: Geschichte, Bd. 3, S. 34.
[29] Beneke: Tagebücher, 24.6.1814.
[30] Beneke: Tagebücher, 24.6.1814.
[31] Poel: Bilder, Bd. 2, Abtlg. 2, S. 39. Der Begriff fiel Karl Sieveking ein, als er in London eine Sitzung des Unterhauses besuchte.
[32] Beneke: Tagebücher, 16.6.1819.
[33] Heinrich Karl Friedrich vom und zum Stein an den Senat, 23.7.1814, Beneke: Tagebücher, Bd. III/5, S. 650.
[34] Johann Carl Friedrich Gildemeister an Beneke, 2.8.1814, Beneke: Tagebücher, Bd. III/5, S. 648.
[35] Allgemeine Zeitung, 13.9.1814.
[36] Johann Carl Friedrich Gildemeister an Beneke, 2.8.1814, Beneke: Tagebücher, Bd. III/5, S. 648.
[37] Johann Carl Friedrich Gildemeister an Beneke, 10.9.1814, Beneke: Tagebücher, Bd. III/5, S. 669f.
[38] Beneke: Tagebücher, 17.3.1816.
[39] Am 10.9.1814 verabschiedete die Bürgerschaft das Gesetz zum Bürgermilitär, vgl. Anderson/Lappenberg: Sammlung, Bd. 1, S. 203–231.
[40] Karl Gries an seinen Bruder Diederich, 21.4.1815, zitiert nach Reincke: Briefwechsel, S. 273.
[41] Beneke: Tagebücher, 24.1.1815.
[42] Beneke: Tagebücher, 14.7.1815.
[43] Benekes Entwurf einer Verfassung des Hamburger Bürgermilitärs, Beneke: Tagebücher, Bd. III/6, S. 209.
[44] Beneke: Tagebücher, Jahresrückblick 1816, S. 475.
[45] Beneke: Tagebücher, 1.4.1816.
[46] Beneke: Tagebücher, 8.4.1816.
[47] Beneke: Tagebücher, 8.4.1816.
[48] StAB, 2 B 5 a 7, Vol 2, Bartels an Gröning, 14.2.1818.
[49] StAB, 2 B 5 a 7, Vol 2, Bartels an Gröning, 14.2.1818.
[50] StAHH, Familie Beneke Ferdinand Beneke C 11, Bartels an Beneke, 16.9.1819.
[51] StAHH, Familie Beneke Ferdinand Beneke C 11, Bartels an Beneke, 16.9.1819.
[52] StAHH, Familie Perthes Friedrich Perthes I 11b Dok 385, Bartels an Perthes, 24.9.1819.
[53] StAHH, Familie Bartels Johann Heinrich Bartels III b, Tagebuch, 16.11.1792.
[54] StAHH, Familie Perthes Friedrich Perthes I 11b Dok 385, Bartels an Perthes, 24.9.1819.
[55] StAHH, Familie Perthes Friedrich Perthes I 11b Dok 385, Bartels an Perthes, 24.9.1819.
[56] StAHH, Familie Perthes Friedrich Perthes I 11b Dok 385, Bartels an Perthes, 24.9.1819.
[57] StAHH, Familie Perthes Friedrich Perthes I 11b Dok 385, Bartels an Perthes, 24.9.1819.
[58] StAHH, Senat Cl VII Lit Ba No 1 Vol 5a, Memorandum Bartels’ zu Dok 25, Mai 1823.
[59] StAHH, Senat Cl VII Lit Ba No 1 Vol 5a, Memorandum Bartels‘ zu Dok 25, Mai 1823.
[60] Beneke an Bartels, 6.9.1821, zitiert nach Stieve: Kampf, S. 83.
[61] Beneke an Bartels, 6.9.1821, zitiert nach Stieve: Kampf, S. 83.
[62] Beneke: Tagebücher, 6.9.1821.
[63] Neddermeyer: Statistik, S. 729.
[64] Beneke: Tagebücher, 10.2.1835.
[65] StAB, 2 B 5 a 7 Vol 2, Bartels an Smidt, 21.2.1832.
[66] StAB, 2 B 5 a 7 Vol 2, Bartels an Smidt, 12.3.1822.
[67] StAB, 2 B 5 a 7 Vol 2, Bartels an Smidt, 13.7.1824.
[68] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel I Fach 13 Vol B Fasc 2 Dok 119, Abendroth an Hartung, 12.4.1831.
[69] StAHH, Senat Cl VII Lit Ea Pars 2 No 10 Vol 1a Fasc 28, ungezeich. und undat. Brief Abendroths.
[70] StAB, 2 B 5 a 7 Vol 2, Bartels an Smidt, 8.7.1823.
[71] Abendroth: Beleuchtung, S. 13.
[72] Abendroth: Ritzebüttel, Tl. 1, S. 61.


