Das sparsame alte Hamburg wollte seine Senatoren und Bürgermeister nicht pensionieren. Alle mussten sich darauf einstellen, im Amt zu sterben. Das System erhielt dadurch eine gewisse republikanische Gravitas.
Dies ist Teil 77 der Aufklärung in Hamburg: Johann Heinrich Bartels, Amandus Augustus Abendroth, Ferdinand Beneke und die Verbesserung einer deutschen Republik 1790–1835. Die Einleitung beschreibt, worum es geht, und ein Überblick über die bisher veröffentlichten Kapitel findet sich hier.
Die politische Führung der Hamburger Republik konnte mit Achtung und Respekt rechnen, selbst wenn sie in konservatives Fahrwasser geriet. Der Bürger zeigte eine gewisse Langmut und Toleranz, man gewöhnt sich, die Leiter der Regierung als orthodox zu betrachten, und doch ihre guten Eigenschaften vollkommen anzuerkennen,[1] analysierte das Morgenblatt für gebildete Leser und kam im selben Atemzug auf den hochverdienten Bürgermeister Bartels zu sprechen. Sein Name konnte ohne dieses Eigenschaftswort nicht mehr erwähnt werden. Die Republik feierte also versöhnliche Bürgerfeste: 1845 das 25-jährige Jubiläum der Bürgermeisterwahl der Magnifizenz Bartels, 1848 sein 50-jähriges Senatsjubiläum, zuvor schon 1842 die goldene Hochzeit der beiden Bürgermeister Abendroth und Bartels.[2] Sinnreiche Geschenke wurden überreicht. Senatskollegen verehrten Bartels 1845 eine von Otto Speckter gestaltete höchst kunstreich verzierte Adresse, 1848 gab der Senat eine Marmorbüste in Auftrag. Der Dargestellte war Bürgermeister Bartels selbst – es war beispiellos. Die Büste wurde in der Stadtbibliothek aufgestellt.[3] Öffentliche Teilnahme und Anerkennung waren bei diesen Gelegenheiten groß, die Zeitungen berichteten, Volk und Bürger brachten ihre Lebehochs aus.[4]
Trotz aller Wertschätzung aber war es nicht einfach, im Senat zu alt zu werden. Das bemerkte im Juli 1816 Martin Hieronymus Hudtwalcker, als er seinen alten Onkel Johann Michael Hudtwalcker besuchte. Er war in seinen besten Jahren eine Leuchte der aufgeklärten Reform im Senat, hatte noch vor kurzem die Wünsche Abendroths für die Zukunft der Republik klug kommentiert und befand sich jetzt am Ende seiner Lebensbahn. Dem Neffen fiel das merkwürdige Verhalten des alten Onkels auf: Er sprach ziemlich lange ganz zusammenhängend mit mir, hielt mich aber für den längst verstorbenen Dr. Gruno. Seltsam ist, daß er sich Vieles doppelt denkt, er hat zwei Köchinnen, zwei Bettdecken, seine Bedienten sind Johann und dessen College.[5] Aber in stoisch aufgeklärter Art hatte der alte Senator Hudtwalcker seine zunehmende Schwäche vorausgesehen und rechtzeitig seine Demission beantragt. Genauso wichtig, der Senat hatte sie im Mai 1814 akzeptiert. Das aber war die Ausnahme. Die Republik erwartete lebenslanges Ausharren und schien sich im 19. Jahrhundert eher noch darauf zu versteifen. War das sinnvoll?
Irgendwann machte sich das Alter durch verminderte Leistungsfähigkeit bemerkbar. Bei Beneke ließen die Kräfte ab 1840 nach. Fast 25 Jahre lang hatte er die Oberalten beraten und geleitet. Die Arbeit fiel ihm zunehmend schwer, so schwer, dass er im Falle von Krankheit offiziell Sohn Otto als seinen Stellvertreter in die Verhandlungen schickte. Senat und Bürgerschaftspräsidium erklärten sich einverstanden.[6] Es war keine Ideallösung, und im April 1845 wurde Nicolaus Adolph Westphalen als offizieller Stellvertreter Benekes vereidigt. Der alte Sekretär beanspruchte aber weiter zu regieren. Er betrachtete diesen Dr. Westphalen nur als seine Erscheinung und die Erscheinung musste sich lange und ausführliche Instruktionen gefallen lassen.[7] Es dürfte nicht ganz einfach gewesen sein, denn dem kranken Sekretär fehlte für die neue Zeit der Sinn. Er wurde bei Spaziergängen durch sein altes Hamburg, das der Spitzhacke der neuen Technik zum Opfer fiel, melancholisch. Auf dem Wall sangen die Vögel, es war Mai, wie schön, aber dann das – schon ist der erste Wurmstich der EisenbahnIndustrie in die reizende Bertholdusbastion zu sehen. Es mußte verschmerzt werden, aber die Durchkreuzung der Thorpassage, da helfe Gott![8] Wahrscheinlich hatte August Abendroth, Sohn des Bürgermeisters, Stratege und Finanzier des Eisenbahnbaus, es nicht leicht mit Beneke, den er in dieser Sache mehrmals aufsuchte.[9] Ende 1847 gab Beneke dann die Geschäftsführung an Westphalen ab.[10] Kurze Zeit später, am 1. März 1848, war er tot.
Aber ausgerechnet Ferdinand Benekes Melange von christlichem Glauben und glühender Vaterlandsbegeisterung hatte Zukunft. In Zeiten vernünftigen Fortschritts und rationaler Verbesserung war sein Einfluss viel geringer als gemeinhin angenommen. Sein Traum war ja eine Hamburger Republik, die im nationalen Rausch den deutschen Kaiser und die Apotheose der Macht feierte. Ein Zeitalter später war das Realität. Die alten Aufklärer hätten sich darüber sehr gewundert.
Förderlich für den Fortschritt waren die langen Amtszeiten nicht, siehe Bürgermeister Abendroth, der sich 1832 über eine zu lange Perennirung oder Versteinerung beklagte, die grosse Nachtheile bringe.[11] Praktisch aber stellte sich sofort die Frage nach dem Ruhegehalt. Fraglich, ob sich die sparsamen Bürger darauf einlassen, fraglich, ob sich alternde Senatoren mit ihrer Entmachtung anfreunden würden. Die Hochbetagten bildeten allerdings auch keine Mehrheit, jedenfalls nicht im Senat. Von den vier Syndikern hatte 1835 einer mehr als 15 Jahre im Amt verbracht, von den 24 Senatoren waren es sechs.[12] Dann aber gab es eben die sehr Alten. Die Regeln der Anciennität führten dazu, dass sie sich an der Spitze der Republik konzentrierten. Bartels erreichte schließlich eine Amtszeit von mehr als 50 Jahren, Abendroth immerhin noch eine von mehr als 40. Es führte zu Reibungen mit jüngeren Kollegen. Manche der alten Herren trugen das ihrige dazu bei.
Bürgermeister Bartels hatte für sich persönlich eine Art Vetorecht entdeckt. Eigentlich gab es so etwas nicht, aber wenn ein Bürgermeister schweres Geschütz auffuhr, dann zuckten die Jüngeren erst einmal zusammen. Es führte zumindest zu Verzögerungen. 1843 passierte es. Bartels hatte Protest gegen die geplante Trennung der Kriminaljustiz vom Senat eingelegt. Dem Senatskollegen Martin Hieronymus Hudtwalcker wurde es zu viel. Obgleich Se. Magnifizenz dergleichen Proteste schon oft eingelegt, z.B. noch vor einigen Jahren bei Gelegenheit des Expropriations Gesetzes für die Eisenbahn, – es wurde mit 389 gegen 40 Stimmen angenommen[13] – wo sie sich unstreitig bald nachher selbst von dem Ungrund ihrer Besorgnisse überzeugt, und daher vielleicht auch nicht besonders darauf zu achten wäre, so wünsche ich doch Ihre Ansicht darüber zu wissen, ob ich den Protest reassumiren soll oder nicht.[14] Hudtwalcker erkundigte sich also beim Kollegen Kellinghusen, ob er den schon zur Gewohnheit gewordenen Alarm des Bürgermeisters Bartels nicht einfach ignorieren sollte. Genau das, bestätigte Kellinghusen, empfahl aber gleichzeitig beruhigende Worte unter vier Augen.
Der entnervte Senator fand es nicht ganz einfach, höflich zu bleiben. Bartels wollte bei nächster Gelegenheit wieder als Senatspräsident antreten, und Hudtwalcker fragte sich spitz, ob ich mich nicht nach Eid und Gewissen für verpflichtet halten muß, das ganze Verhältnis in Frage zu stellen, zumal da Se. Magnifizenz, trotz ihrer Blindheit, über Dinge urtheilen, die zu beurtheilen selbst einem Halb-Blinden unmöglich ist.[15] Der Streit zog sich hin. Die Frage nach der Amtsfähigkeit stand im Raum. Das wird dem Bürgermeister nicht entgangen sein, zumal sich Hudtwalcker keine besondere Zurückhaltung auferlegte. Sein Verhalten grenzte an Feindseligkeit, so jedenfalls nahm es Bartels wahr. Er wolle Patriotismus und Wohlwollen des Senators nicht in Frage stellen – das sagte man so, wenn deutliche Worte folgen sollten –, doch haben Sie mich bey Ihrer Relation aufs höchste beleidigt, da Sie bey meinem dringenden Ansuchen um eine Conferenz, damit ich mit Ihnen den Verfassungs-Gegenstand bereden mögte, mir zur Antwort gaben, ‚Sie hätten schon einmal mit mir über diese Sache gesprochen und könnten Ihre Zeit besser benutzen‘ Diese verhöhnende Antwort hat den 83 jährigen, nicht unthätig gewesenen Geschäftsmann, bitter gekränkt.[16]
Andererseits konnte sich der alte Bürgermeister nicht beklagen. Wenn es darauf ankam, war auch er stark im Austeilen. Als Hudtwalcker seine Vorschläge im Senat verlas, ging es dort hoch her und Bartels warf ihm Meineid und Verfassungsbruch vor.[17] Einmal fiel der aufgeregte Hudtwalcker in Ohnmacht.[18] Aber der Bürgermeister hielt sich ja überzeugt, für eine gute Sache zu kämpfen, hatte er sich doch zum Ziel gesetzt, der leichtsinnigen und vorlauten Neuerungssucht, dieser allgemeinen Krankheit des Zeitalters, den Weg zu versperren.[19] Gelegentliche senatorische Ohnmachten mussten dabei in Kauf genommen werden.
Aber die Mehrheitsverhältnisse im Senat waren, wie sie waren, die Bedenkenträgerei des Bürgermeisters hatte keine Chance mehr, der Rat beschloss, die Justizreform an die Kollegien zu bringen. Bartels stand kurz davor, seinen Protest auch dort einzulegen. Syndikus und Schwiegersohn Dr. Edward Banks legte ihm dringend nahe, so schilderte Bartels es selbst, meine Popularität nicht aufs Spiel zu setzen und mir Unannehmlichkeiten zu ersparen.[20] Wenn denn Popularität eine Rolle spielte, und das tat sie ganz offensichtlich, war es ein kluger Rat. Trotzdem fiel dem alten Kämpfer die Entscheidung schwer. Ich entsage daher meinem Protest und meinem Widerspruch,[21] schrieb er etwas elegisch seinem alten Gegner Hudtwalcker und bat ihn, den Senat entsprechend zu informieren. Es war eigentlich etwas überraschend, zumal er praktisch im selben Atemzug noch vor dem Umsturz der Verfassung gewarnt hatte – er konnte es nicht lassen.[22]
Die Warnung war für Beneke gedacht, als Vorbereitung des Protests in der Bürgerschaft und enthielt noch einmal eine volle Breitseite des Bürgermeisters gegen die geplante Justizreform. Der ganze Vorschlag, des Senats ist durch die Lieblingsidee welche jetzt im Publico vorwaltet, daß, nämlich Justiz und Administration völlig getrennt werde, veranlasst, eine Sache die ich nach unserer Verfassung unmöglich halte nach aller Strenge durchzuführen, und die eine Superiorität u Unabhängigkeit der Gerichte veranlasst, welche ich für unvereinbar mit unserer Verfassung halte. - [23] Aber da eben im Publico schon so eindeutig darüber entschieden worden war, entsagte er – nicht gerne. Die Popularität verlangte es. Es lag darin auch Resignation und Tragik des Alters. Ich fühle daß ich zum vorigen Jahrhundert gehöre, schrieb er einige Tage später in einem versöhnlichen Brief an Hudtwalcker, und nicht mehr in den Geist der gegenwärtig herrscht eindringen kann.[24]
Allzu versöhnlich aber war die Magnifizenz auch nicht gestimmt. Es folgte ein Generalangriff auf den gesamten Senat, dem Bartels immerhin immer wieder als Präses vorstand, wenn auch in tiefer Entfremdung. In jüngster Zeit beklagten sich die Herren gern über Arbeitsüberlastung. Aufgeklärte Vielarbeiter, vorweg Bürgermeister Bartels, konnten nichts lächerlicher finden, besonders im Rückblick auf die Vergangenheit, wo einzelne Männer ungeheuer beschäftigt waren – hier durfte man an die Kollegen Abendroth und Günther denken – ohne sich zu beschweren und nur darauf hinarbeiteten daß der vielbeschäftigte Geschäfts-Mann nicht Mangel leiden dürfe. Nachdem das Ziel erreicht ist so kommen die Klagen über überhäufte Arbeiten. – Man will es sich also bequemer machen![25] Das warf jetzt nicht unbedingt ein günstiges Licht auf den Senat.
Auch der bekannt ungeduldige Bürgermeister Abendroth geriet ob seiner Ungeduld in Konflikte mit dem Senat. Alter und Krankheit machten die Kooperation nicht einfacher. 1839 wollte er die Reform der Volksschulen voranbringen, sein altes Lieblingsprojekt, bei dem seit Jahren nichts Greifbares zustande gekommen war. Ein Mittel, die Geschäfte des hohen Hauses zu beschleunigen, bestand darin, die Federführung an Kollegen zu delegieren, von denen ein Ergebnis, möglichst auch ein passendes und praktikables Ergebnis, zu erwarten war. Also schickte Abendroth Akten und Auftrag an Syndikus Kauffmann. Sie gingen aber versehentlich an Hudtwalcker – er schon wieder. Der fühlte sich berufen und weigerte sich sie herauszurücken. Das führte zu schwerer Verärgerung beim Bürgermeister, er verlangte eine offizielle Rüge Hudtwalckers durch den Senat.[26] Dazu kam es letzten Endes nicht, weil Hudtwalcker einen Rückzieher machte. Aber der Ärger war wechselseitig und zeigte tiefe persönliche Spannungen im Senat an. Herr Bürgermeister Abendroth befiehlt, daß ich das Referat über die letzte Eingabe der Herren Hauptpastoren in der Volksschulsache an Sie abtrete … Die Art und Weise, wie er diesen Befehl, ohne alle vorherige Rücksprache mit mir, erlassen hat, ist freilich in der Rathsstube beispiellos, und ich habe einige Zeit Anstand genommen, darauf einzugehen, insonderheit auch der Folgen wegen, weil auf diese Weise ein Referent dem tel est notre plaisir der Praesidii preisgegeben ist. Indes habe ich doch, bei der ganzen Persönlichkeit gerade dieses Herrn Praesidii, beschlossen, mich ohne weiteres zu fügen.[27] Meinte Hudtwalcker, man dürfe den cholerischen Bürgermeister nicht durch Widerspruch reizen? Es hörte sich so an.
Dann die Gesundheit. Natürlich wurde sie nicht besser. Im Oktober 1842 erreichte eine eilige Meldung ihres Hamburger Korrespondenten die Redaktion der Allgemeinen Zeitung in Augsburg: Bürgermeister Abendroth hatte um die Entlassung aus dem Senat nachgesucht.[28] Es war eine kleine Sensation. Er war krank, seit Jahren schon, gelähmt an Leib und Seele, so hieß es im Artikel. Niemand konnte sich an einen vergleichbaren Fall erinnern. 1764 hatte ein Bürgermeister seine Demission eingereicht, aber er war insolvent, der Rücktritt obligatorisch. Davon konnte hier keine Rede sein. Die Zeitung vermutete, dass der Senat sich nicht darauf einlassen würde. Damit sollte sie Recht behalten. In Anbetracht der Verdienste des erkrankten Abendroth war es allerdings etwas kleinlich und auch nicht sonderlich klug im Hinblick auf die Führung der Republik. Die lag praktisch allein in der Hand des Bürgermeisters Bartels, der bekanntlich nicht mehr zu den Jüngsten gehörte. Es wäre sehr wünschenswert, so hieß es in der Zeitung, wenn Abendroth und der dritte Bürgermeister Dr. Schlüter, der viel älter und seit langer Zeit bettlägerig ist, ausschieden, um jüngern rüstigeren Männern Platz zu machen. Diese könnten dann dem ersten Bürgermeister Dr. Bartels, der bereits 83 Jahre alt aber noch im völligen Besitz seiner geistigen und körperlichen Fähigkeiten (mit Ausnahme der Sehkraft) ist die Last erleichtern.[29]
Es kam nicht dazu, am 17. Dezember 1842 starb Abendroth. Die Republik legte Trauer an. Von edelstem Patriotismus schrieb der Correspondent, von Aufopferung für das Wohl der Mitbürger und wärmster Menschenliebe.[30] Von der gescheiterten Demission war weiter nicht die Rede, es passte wohl nicht. Trotzdem blieb es nicht beim Konventionellen und allzu Konventionellen. Der Redakteur hatte sich bei den Zeitgenossen des Bürgermeisters erkundigt. Die erinnerten sich noch sehr gut an die Konflikte von 1813/14, und die Zeitung informierte auch über die Sympathien des damaligen Maire für das napoleonische Regime.
Über den Tod dieses Bürgermeisters berichtete auch das Morgenblatt für gebildete Leser, die wichtigste Kulturzeitung Deutschlands. Es erschien bei Cotta, wo Klassik auf wirtschaftlichen Pioniergeist traf. Der Verlag hielt die Exklusivrechte an Goethe und Schiller und druckte mit Dampfmaschinen. Diese Kombination war wahrscheinlich ganz im Sinne des Verstorbenen. Vom Tod eines ermatteten Kämpen also schrieb mit viel Sympathie das Morgenblatt und berichtete dann noch einmal über seine enorme Popularität. Abendroth ward als vollkommen uneigennützig verehrt, und der Bürger Vertrauen zu ihm war wirklich unbeschränkt.[31]
Das Blatt deutete auch diskret an, dass sein Nachfolger auf der Linie der Verbesserung bleiben würde, sogar von einer Partei der Reform war die Rede. In einer Hamburger Zeitung hätte das so nicht gestanden. Bei der Wahl seines Stellvertreters scheint die Partei in Hamburg, welche für die Reform ist, einen Sieg erhalten zu haben: Der Sieger war Senator Dr. Kellinghusen, der ein tüchtiger Mann seyn soll.[32] Was dann folgte, ließ aber wahrscheinlich an einigen Frühstückstischen die Teetassen klirren. Einem der Uebersprungenen, schrieb das Blatt über die Verlierer der Wahl, soll starke Spielsucht, einem andern Mangel an Festigkeit, einem dritten ein schlimmerer Fehler vorzuwerfen seyn.[33] Nach den klassischen Maßstäben des aufgeklärten öffentlichen Diskurses – keine persönlichen Angriffe in den Zeitungen – war das ein ziemlich starkes Stück.
Aber die Zeiten änderten sich gerade rapide. Eine Rolle spielte jetzt bei den Wahlen, ob die Kandidaten sich mit dem mächtigen Bürgermeister Bartels vertrugen. Das zeigte sich nach dem Tod Abendroths. Nach Länge der Zugehörigkeit zum Senat hätte Johann Ludwig Dammert die größten Chancen gehabt. Aber der galt als nicht wählbar, er könne aus verschiedenen Gründen nicht Bürgermeister werden, schrieb delikat die Allgemeine Zeitung.[34] Abendroth hatte sich gelegentlich über seine Amtsführung als Polizeichef aufgeregt.[35] Vielleicht hing es auch damit zusammen, dass er für seine Anhänglichkeit an Preußen[36] bekannt war. Damit war aber die Frage noch nicht beantwortet, wer es denn werden sollte. Die im Rang nächsthöheren und damit aussichtsreichsten Kandidaten waren die Senatoren Hudtwalcker und Nicolaus Binder, der amtierende Polizeichef. Da gab es allerdings ein Problem. Hudtwalcker war ein versierter juristischer Geschäftsmann, aber eben auch erweckter Christ. Und an diesem Punkt verstand der Rationalist und Extheologe Bartels keinen Spaß. Er verhinderte die Wahl, unser Dandolo, dem Senator Hudtwalcker oft zu widersprechen wagt, kann seine Orthodoxie nicht leiden, und das genügt, um ihn nicht zu wählen.[37] So der Korrespondent der Augsburger Allgemeinen über Hamburgs Bürgermeister Bartels.
Der Vergleich war etwas gewagt. Enrico Dandolo war ein venezianischer Doge des 12./13. Jahrhunderts von zweifelhaftem Ruf. Statt Jerusalem ließ er die Kreuzfahrer Konstantinopel erobern. So weit gingen Bartels‘ Pläne nicht. Aber ein erweckter Christ als Bürgermeister war eine Zumutung für ihn. Nachdem die verhindert war, versuchte er die Wellen zu glätten. In diesem spezifischen Falle bedeutete das: Es wäre für alle Beteiligten peinlich gewesen, Binder, den nächsten in der Rangfolge, zu wählen: ein klarer Affront gegen den übergangenen Kandidaten. Das Ergebnis war dann eine echte Überraschung. Neuer Bürgermeister und Nachfolger Abendroths wurde Heinrich Kellinghusen, einer der jüngsten Senatoren, nach allgemeinem Urteil aber auch einer der fähigsten. Er gehöre zu den gescheitesten jüngern Juristen,[38] hatte Bartels einige Jahre zuvor zu Kellinghusens Senatswahl nach Bremen geschrieben. Kurze Zeit später gab es eine weitere Überraschung. Der etwas ungeliebte Dammert wurde doch noch gewählt. Binder musste noch etwas länger warten, er kam 1855 an die Reihe.
Am Ende hatten die kleinen Leute vielleicht mehr Achtung vor ihren verstorbenen Bürgermeistern als die ungeduldigen Kollegen. Als Abendroth kurz vor Weihnachten 1842 starb, schlossen die Theater, Glocken läuteten und viele Menschen versammelten sich in der Fuhlentwiete zum feierlichen Leichenkondukt zum Hammer Friedhof. Vom gegenüberliegenden Haus aus beobachtete das Martin Haller und war tief bewegt.[39] Die gleichen Szenen beim Tode Bürgermeister Bartels‘. Er starb schnell und leicht, nachdem er bei einem seiner anderthalbstündigen Spaziergänge im kalten Januar des Jahres 1850 an einem Lungenkatarrh erkrankt war.[40] Die Ratsversammlungen hatte er schon seit zwei Jahren nicht mehr besucht, obwohl er nach wie vor politisch aktiv war.[41] In dichten Scharen versammelte sich das Volk in fast vollkommener Stille und begleitete ihn zur letzten Ruhe. Die eigenthümlich ehrerbietige Haltung fiel den trauernden Bürgern auf.[42] Es schien, als hätten sich Volk und Bürgermeister miteinander versöhnt, keine Rede mehr vom Volk, dem grinsenden Tiger.[43] Bürgermeister Bartels und Kollege Abendroth hatten es gefürchtet, aber auch gefördert und dabei einiges für seine Versöhnung mit der Republik getan.
Die auswärtige Presse allerdings erlaubte sich auch eine gewisse Respektlosigkeit. War Bartels in gewisser Weise der Repräsentant des Althamburgerthums, meinte die Augsburger Allgemeine, so liegt vielleicht in seinem Tod ein Wink des Schicksals daß die von ihm vertheidigte alte Verfassung ihm bald nachfolgen werde.[44] So sicher aber war das nicht. Zum einen dauerte es mit der neuen Verfassung noch einige Jahre, zum anderen war es möglicherweise weniger das Althamburgertum, das der verstorbene Bürgermeister repräsentierte, sondern die klassische politische Aufklärung der fortschrittlichen Eliterepublik, die im Zeitalter der Massen, der Industrialisierung und der ungehemmten Interessenpolitik der regierenden Klasse ihre Aktualität verloren hatte, nicht jedoch ihren republikanischen Sinn. Diese Form von Aufklärung und Vernunft, geprägt von Gemeinsinn und Verantwortungsbewusstsein, hatte dem Bürger der Mitte des 19. Jahrhunderts noch einiges zu sagen.
Die Abkürzungen StAHH, StAB und StACux beziehen sich auf Bestände der Stadt- und Staatsarchive von Hamburg, Bremen und Cuxhaven; die Fußnoten auf die Literaturliste.
[1] Morgenblatt für gebildete Leser, 25.6.1845.
[2] Über die Medaillen zur goldenen Hochzeit der beiden Bürgermeister vgl. Morgenblatt für gebildete Leser, Kunstblatt, 16.5.1843.
[3] Beneke: Bürgermeister, S. 19f.
[4] Beneke: Bürgermeister, S. 24.
[5] Hudtwalcker: Jahrhundert, Bd. 2, S. 535, Tagebuch Hudtwalcker, 11.7.1816.
[6] Beneke: Tagebücher, 28.10.1840, 13.11.1840.
[7] Beneke: Tagebücher, 11.4.1845, 26.4.1845.
[8] Beneke: Tagebücher, 28.5.1840.
[9] Beneke: Tagebücher, 7.4.1840.
[10] Beneke: Tagebücher, 29.12.1847.
[11] StAHH, Familie von Voght Caspar von Voght I 39, Abendroth an Voght, 12.7.1832.
[12] Hamburgischer Staats-Kalender, 1835, S. 51.
[13] Beneke: Tagebücher, 18.12.1839. Freie Bahn erhielt durch das Expropriationsgesetz August Abendroth, einer der fünf Direktoren der Hamburg-Bergedorfer Eisenbahn. Zusammen mit H.C. Meyer, dem sozialpolitisch verantwortungsbewussten Schirmfabrikanten, hatte er schon vor der Verabschiedung des Gesetzes mit dem Ankauf großer Flächen begonnen. Spekulanten, kritisierte ein Teil der Öffentlichkeit. Overlack: Vordenker, S. 141.
[14] StAHH, Cl VII Lit Ma No 10 Vol 1 Fasc 12a Invol 5b Dok 5, Hudtwalcker an Kellinghusen, 19.6.1843.
[15] StAHH, Cl VII Lit Ma No 10 Vol 1 Fasc 12a Invol 5b Dok 5, Hudtwalcker an Kellinghusen, 19.6.1843.
[16] StAHH, Cl VII Lit Ma No 10 Vol 1 Fasc 12a Invol 5b Dok 10, Bartels an Hudtwalcker, 31.10.1843.
[17] Hudtwalcker: Jahrhundert, Bd. 1, S. VI.
[18] Hudtwalcker: Jahrhundert, Bd. 1, S. V.
[19] Bartels: Abhandlungen, S. III.
[20] StAHH, Cl VII Lit Ma No 10 Vol 1 Fasc 12a Invol 5b Dok 10, Bartels an Hudtwalcker, 31.10.1843.
[21] StAHH, Cl VII Lit Ma No 10 Vol 1 Fasc 12a Invol 5b Dok 10, Bartels an Hudtwalcker, 31.10.1843.
[22] StAHH, Cl VII Lit Ma No 10 Vol 1 Fasc 12a Invol 5b Anlage zu Dok 10, Bartels an Beneke, 31.10.1843.
[23] StAHH, Cl VII Lit Ma No 10 Vol 1 Fasc 12a Invol 5b Anlage zu Dok 10, Bartels an Beneke, 31.10.1843.
[24] StAHH, Cl VII Lit Ma No 10 Vol 1 Fasc 12a Invol 5b Dok 12, Bartels an Hudtwalcker, 2.11.1843.
[25] StAHH, Cl VII Lit Ma No 10 Vol 1 Fasc 12a Invol 5b Dok 12, Bartels an Hudtwalcker, 2.11.1843.
[26] StAHH, Senat Cl VII Lit He No 5 Vol 1 Fasc 1 Dok 47, Vortrag Abendroths, 12.11.1839.
[27] StAHH, Senat Cl VII Lit He No 5 Vol 1 Fasc 1 Dok 49, Hudtwalcker an Kauffmann, 12.11.1839.
[28] Allgemeine Zeitung, 24.10.1842.
[29] Allgemeine Zeitung, 24.10.1842.
[30] Hamburgischer Correspondent, 22.-24.2.1843.
[31] Morgenblatt für gebildete Leser, 8.3.1843.
[32] Morgenblatt für gebildete Leser, 8.3.1843.
[33] Morgenblatt für gebildete Leser, 8.3.1843.
[34] Allgemeine Zeitung, 29.12.1842.
[35] StAHH, Allg. Armenanstalt I 6, Kommentar Abendroths zum Memorandum Westphalens, 25.3.1831.
[36] Das war die Ansicht des preußischen Gesandten von Hänlein, zitiert nach Baasch: Geschichte Hamburgs, Bd. 1, S. 61.
[37] Allgemeine Zeitung, 29.12.1842.
[38] StAB, 2 B 5 a 7 Vol 2, Bartels an Smidt, 12.7.1831.
[39] Tilgner: Abendroth, S. 137f.
[40] Stromeyer: Erinnerungen, Bd. 2, S. 283.
[41] Allgemeine Zeitung, 6.2.1850.
[42] Beneke: Bürgermeister, S. 24.
[43] Bartels: Briefe, Bd. 3, S. 196.
[44] Allgemeine Zeitung, 9.2.1850.


