Die Aufklärer entwarfen seit 1789 eine friedliche Alternative zur gewalttätigen Pariser Revolution. Die Hamburger Wortführer von Reform und Verbesserung erhofften ein Zeitalter europäischen Friedens durch eine elastische Politik des sozialen Ausgleichs. 1830 schien es aber in Europa zu einer Neuauflage der Revolution zu kommen. Selbst Hamburg blieb nicht verschont.
Dies ist Teil 76 der Aufklärung in Hamburg: Johann Heinrich Bartels, Amandus Augustus Abendroth, Ferdinand Beneke und die Verbesserung einer deutschen Republik 1790–1835. Die Einleitung beschreibt, worum es geht, und ein Überblick über die bisher veröffentlichten Kapitel findet sich hier.
In Paris stürzte im Sommer 1830 der König. Die Bürgerpolitiker in Hamburg hatten so etwas kommen sehen. Die Reaktionäre in Paris, Wien oder Berlin waren keinen vernünftigen Gedanken mehr zugänglich, genehmigten sich neuerdings sogar imperialistische Abenteuer in Nordafrika, vielleicht um die öffentliche Meinung von zunehmenden inneren Spannungen abzulenken. Es konnte auf Dauer nicht gut gehen. Allerdings – als die Revolution Ende Juli wirklich ausbrach, waren trotzdem alle überrascht.
Nur wenige Tage zuvor hatte Bürgermeister Bartels an den verehrten Herrn Doktor Beneke geschrieben, es sei doch jetzt der ideale Zeitpunkt, sich ein paar Wochen Urlaub zu gönnen. Das legislative Programm für das Jahr – Zunftgesetze, Bürgerrechts- und Gymnasialreform – könne bis zum Herbst warten. Reisen Sie daher unbesorgt weg, und stärken Sie Ihre Gesundheit. Dies wird den Geschäften sehr ersprießlich seyn.[1] Er schrieb dann auch noch von unerwarteten Dingen, die schwerlich kommen werden.[2] Dann schlug der Blitz ein.
In den Ratssälen der Republik herrschte zuerst eine leicht selbstgefällige Haben-wir-doch-gesagt-Stimmung, ironisch-humoristisch gefärbt. Es folgte die Schwarzmalerei, gelegentlich kam auch beides gleichzeitig vor, bei Bürgermeister Bartels zum Beispiel. Es sind wahrlich unerhöhrte Dinge, schrieb er im August 1830 an Smidt in Bremen, die mit einem Schlage in Frankreich vollbracht wurden; und die, während wir deliberirten, ob wir Carl dem Xten nicht etwas angenehmes über den Sturz des Dei‘s von Algier sagen sollten, ihn dem Dei nachstürzten. Aber der Dei ist mit mehr Ehre gefallen als er, ihn hat eine auffallende Dummheit seiner Umgebung ins Elend gestürzt.[3] So weit durfte mit einer gewissen Häme über royale Reaktionäre gelacht werden. Es scheint in Hamburg weitverbreitet gewesen zu sein. Das Pariser Volk habe die königliche Schlafmütze abgeworfen,[4] schrieb Beneke in sein Tagebuch. Es war ein etwas bemühter Humor, anfangs wurde gelacht, dann verbreitete sich Schrecken. Die erste Revolution hatte auch als innenpolitische Krise Frankreichs begonnen und mit einem Weltkrieg geendet. Stand so etwas jetzt wieder vor der Tür? Ich befürchte, so der Bürgermeister, wir werden den 2then Theil zu der französischen Revolution von 1789 in allen seinen Einzelheiten aufführen sehen. Die Freiheitsmänner werden ihr Haupt erheben, sich unter einander die Hälse brechen, und man wird gezwungen seyn den Tiger gegen Deutschland loszulaßen, wenigstens ich halte einen Krieg für unvermeidlich.[5] Beneke aus der Bürgerschaft sekundierte. Die unseligen Zeiten der 90er Jahre entstehen wieder, und ich kann mich nur wieder an der von 1813 erheben.[6] Das klang jetzt nicht so zuversichtlich. Es brach aber kein Krieg aus, sondern die Revolution selbst sprang nach Deutschland über, was bei Dr. Beneke eine tiefe Krise auslöste. Auch Du, mein Deutschland! O wie mich das im tiefsten Gemüthe verletzt! - [7] Bei den Welschen wunderte ihn ja nichts mehr, aber bei den Deutschen!
In Hamburg äußerte sich das revolutionäre Getriebe als Randale auf den Straßen. Parolen wurden gerufen und Flugblätter kursierten. Auch Senatoren lasen sie, um zu ergründen, wer wohl dahintersteckte, und Bürgermeister Bartels war sichtlich interessiert. Merkwürdig ist noch daß in allen schriftlichen Ausstreuungen zur Aufregung der Maße es hies, das Juden Pak weg, die Mystiker und Pastor Rautenberg[8] weg, die Accise verringert, fast zu den Waffen Bürger! Einzelne von uns (ich war so viel ich weis nicht darunter) sollten weg, und man nannte die, welche in den Senat sollten.[9] Die Demonstranten waren auch gegen Chausseen und die Verschönerung der Wallanlagen, forderten Freiheit und Gleichheit und ließen die Liberalen hochleben.[10] In Cafés und Restaurants begeisterte sich revolutionäre Avantgarde für die Marseillaise, auf den Straßen rief es Hepp, Hepp und die Fenster reicher jüdischer Geschäftsleute wurden eingeworfen. Kein Ruhmesblatt für die Aktivisten.
Ansonsten gab es viel ziellose Gewalt und Bürgermeister Bartels bemühte sich, die Sache nach außen hin möglichst herunterzuspielen. Es thut mir leid daß im Auslande von uns gesagt wird, daß unser Pöbel die Freiheit Frankreichs mit so vielem Enthusiasmus gefeiert habe. Daran ist aber nichts. Nur wie die erste Nachricht von der großen Katastrophe in Frankreich ankam, waren eine Maße Comtoiristen, und unter ihnen mehrere Franzosen im Alster Pavillon, und diese stimmten den Marseiller Marsch an. Das Ding ist hier in Hamburg selbst gar nicht bemerkt worden, und der eigentliche Pöbel hat die Jungens ausgelacht.[11] Schön und gut, aber dabei blieb es nicht. Es sah zwischendurch ziemlich bedrohlich aus. Senat und Bürgermeister hatten den Eindruck, dass der Sturm auf das Stadthaus am Neuen Wall bevorstand. Das war höchst bedenklich, zumal Bartels und Abendroth immer davon ausgegangen waren, dass revolutionärer Zündstoff sich in den reformresistenten Monarchien angesammelt hatte, nicht aber in ihrer kleinen Musterrepublik. Das stellte sich als Irrtum heraus.
Etwas anderes auch: Das Bürgermilitär war in kritischen Situationen keineswegs so verlässlich wie angenommen. Das war eine unangenehme Überraschung zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt, gerade für Bartels, der sich Jahr für Jahr um die bewaffneten Bürger gekümmert hatte und nicht müde wurde, ihnen die Erhaltung der öffentlichen Ordnung als erste Pflicht einzuschärfen. Jetzt war die öffentliche Ordnung gefährdet, hochgradig gefährdet, und das Bürgermilitär zierte sich. Natürlich erinnerte auch das die Verantwortlichen der Republik sofort wieder an die erste Revolution. Die hatte 1789 auch einen Kommandanten der Nationalgarde mit erkennbar eigenen Ambitionen gehabt, den Marquis de Lafayette. Jetzt, 1830, war er es schon wieder. Manchmal änderten sich die Zeiten eben nicht, was auch nicht sonderlich beruhigend war.
In Hamburg spielte Johann Friedrich Anton Wüppermann beim Bürgermilitär eine entscheidende Rolle. Konnte es sein, dass der sein Rollenmodell in Paris gefunden hatte? Bürgermeister Bartels ahnte so etwas. In diesem Augenblik schike ich unsern Lafayette, den Chef unsers Bürgermilitärs zu Hause, schrieb er im September an Senator Friedrich Wilhelm Heineken, er hatte sich schon wieder etwas beruhigt. Er ist ein braver guter angesehener Bürger, der seitdem er den Puls der Bürgerschaft gefühlt, und sich von der Natur des Uebels unterrichtet hatte, seine Pflicht gethan; aber daß er im Anfange den Steinregen auf das Stadthaus wohin das Hauptquartier verlegt war, und der präsidirende Bürgermeister sich befand, duldete, und meiner Ordre den Haufen zu vertreiben ungeachtet, zwei volle Stunden sich dabei beruhigte dem Unfug zuzusehen, und in der ausgesprochenen Absicht, den Haufen austoben laßen zu wollen, allerlei Zögerungen sich erlaubte, hat mir dennoch deutlich genug bezeigt, daß ein regulaires Militair uns unerläslich sey.[12] Bartels befahl, die Kavallerie anrücken zu lassen. Wüppermann geriet in Panik, bat den Bürgermeister händeringend, den Befehl rückgängig zu machen. Der lenkte ein, aber nur unter einer Bedingung: Das Bürgermilitär musste selbst die Demonstration auflösen – sofort. Er entsprach und führte es aus, und seit der Zeit kehrte in Hamburg keine Unordnung zurük.[13] Republikanische Autorität hatte gesiegt.
In der Öffentlichkeit kursierten allerdings unterschiedliche Versionen dieser Zwischenfälle. Das Bürgermilitär sei zu spät gekommen, verbreitete ein Flugblattschreiber. Der hatte für die Forderungen des Tages viel übrig, war aber kein Freund des randalierenden Volks und regte sich über die verschlafenen bewaffneten Bürger auf. Das versetzte Senator Abendroth wiederum in Angriffsstimmung: vielleicht wäre es möglich gewesen, wenn der Herr Verfasser, im Fall daß er mit zu den Unruhigen und Tumultuanten gehört, die Güte gehabt hätte, die Behörde von dem Vorhaben im voraus zu präveniren; ohne diese Nachricht war es unmöglich etwas zu präpariren.[14] Unter den richtigen Umständen konnte Abendroths Ironie schnell in Sarkasmus umschlagen. Es wäre alles nicht sonderlich schlimm gewesen, wenn es nicht in St. Pauli zu veritablen Schießereien mit Toten und Verletzten gekommen wäre. Für die Republik gab es keine Alternative. Sie musste Ordnung und Eigentum verteidigen. Welche Verantwortlichkeit würde sich die Behörde zugezogen haben, wenn sie anders gehandelt hätte! Wenn das rechtliche Eigenthum der Willkühr derjenigen Preis gegeben wäre, die nichts zu verlieren haben? was ist ein Staat, in dem zügellose Ungebundenheit die Oberherrschaft hat, wo nicht mehr das Gesetz sondern der Wille des Einzelnen regiert?[15] Das war ein Staat unter roter Jakobinermütze und der war zu verhindern. Würden diese Jakobiner nach gehabten Unruhen vielleicht in der Bürgerschaft auftauchen? Es gab Befürchtungen dieser Art, aber im Septemberkonvent blieb alles ruhig. Einfach auf sich beruhen lassen konnte die Republik die Zwischenfälle aber nicht. Bürgermeister Bartels redete die Bürger in seiner gewohnten Rolle als Sprecher des politischen Gemeinwesens an. Es war eine etwas diffizile Aufgabe, deutliche Worte waren nötig, möglichst aber ohne dabei zu provozieren. Es gelang. In des praesidierenden Bürgermeisters. (Bartels) Rede sprach sich der Unwille über den erlebten Aufruhr kräftig aus, doch so, daß es im Namen aller Loyalen geschah.[16] So sah es auch die Allgemeine Zeitung und schrieb von einer treflichen Rede.[17] So weit, so gut. Dann blieb die große Rathausuhr stehen. Der Bürgermeister war gerade im besten Schwunge. Was konnte das bedeuten?
Unmittelbare Folge der Revolution vom Sommer 1830 war ein Wutausbruch Dr. Abendroths. Gleich nach den Unruhen war eine anonyme Flugschrift erschienen, im Titel stand wohltönend etwas über die Rechte und Forderungen der freien Hamburger. Es war dieselbe, die sich auch schon über den verspäteten Auftritt des Bürgermilitärs aufgeregt hatte. Sie kritisierte Arbeitslosigkeit, hohe Steuern, die Untätigkeit der Armenanstalt im Winter, die Ausschreibung öffentlicher Aufträge, den allgegenwärtigen Hausierhandel auf den Straßen – und die Entfestigungssteuer zur Verschönerung der Promenaden, die die kleinen Leute bezahlen mussten, ohne selbst die Zeit zum Lustwandel unter den Linden zu haben. Die krönende Forderung zum Abschluss: Freilassung und Entschädigung der Demonstranten. Es hörte sich ziemlich populistisch an. Wie von einem liberalen Aufklärer zu erwarten, der anfing, sich Sorgen um seine Popularität zu machen, stellte Abendroth energisch und öffentlich die Fakten richtig. Es sprach der Gewerbeförderer und Sozialpolitiker, der Wirtschaftspolitik für Mittelstand und kleines Gewerbe gemacht hatte. Er erklärte den Bürgern die Problematik fallender Warenpreise, die den Großkaufmann, nicht den behaglich-wohlhabenden Mittelstand in Bedrängnis brachten;[18] die Steuerreformen nach 1814, die per Saldo zu einem niedrigeren Besteuerungsniveau geführt hatten;[19] die großen Einsparungen durch die öffentliche Auftragsvergabe;[20] die Entfestigungssteuer, die die Reichen belastete und durch öffentliche Arbeitsbeschaffung für eine Reduzierung der Arbeitslosigkeit sorgte.
Abendroth machte die Rechnung auf und verband sie mit einem Frontalangriff. Die hämisch pathetische Aufstellung, daß der kummerbelastete Bürger Promenaden nicht gern besucht, die ihm eine doppelte Steuer kosten, da er die Seinigen vielleicht darben lassen muß, widerlegt sich am besten durch einfache Ansicht des Gesetzes: Leute von 400 Mk. jährlicher Einnahme und darunter bezahlen gar nichts – Leute von 400 – 1.000 Mk. jährl. Einnahme bezahlen 1 Mk. jährlich und jetzt bey der Verdoppelung 2 Mk. jährlich; ein unerträglicher Druck![21] Dann kam der Senator auf die sozialpolitischen Leistungen der Republik, die schon zu Stande gebracht hatte, was der Autor ahnungslos forderte. Es war wie bei den Buddenbrooks bei ähnlicher Gelegenheit. Wir wollen eine Republik, forderte das Volk. Aber es hatte doch schon eine.[22] Wir wollen Entlastungen für Arbeiter und Mittelstand, forderte das Pamphlet. Aber die waren schon entlastet. Darauf bestand Senator Abendroth. Wie ist es nun möglich, mehr für den kleinen Mann zu sorgen, als hier angegeben? Durch d i e s e Abgaben ist der kleine Bürger wahrlich nicht „kummerbelastet!“[23] Und wie war es möglich, dass dieses Geschwätz im Druck erschien? Es folgte ein Seitenhieb auf die reaktionäre Zensur des Deutschen Bundes. Wenn sie wirklich einmal gebraucht wurde, wie in diesem Falle, dann versagte sie auch noch.[24] Herzlichen Glückwunsch. Das Machwerk war irgendwo in Deutschland erschienen, jedenfalls nicht in Hamburg.
Dann die Entschädigung der Demonstranten, Senator Abendroth hatte sich sichtlich in Fahrt geschrieben. Es ist wohl, seitdem Staaten existiren, zum erstenmal vorgeschlagen, Unruhstifter nicht nur nicht zu bestrafen, sondern sie auf freyen Fuß zu setzen und zu entschädigen – Wenn solche Principien anwendbar wären, wer könnte dann noch in einem Staate leben, wo dergleichen geübt wird? Der Scribent tadelt den Ausdruck G e s i n d e l. Hat er die … Steinwerfer gesehen? Gehören diese zur Gentry oder zum Gesindel?[25] Das Gesindel war immer noch das gleiche wie 1789 in Frankreich oder 1813 in Hamburg. Ordnung und Eigentum mussten gesichert werden und eine vernünftige und verbessernde Wirtschafts- und Sozialpolitik durfte sich nicht weiter durch diese popularen Ausbrüche beeindrucken lassen. Es war eine Ansicht, die die Öffentlichkeit im Großen und Ganzen billigte.
Gleich nach Erscheinen der abendrothischen Beleuchtung druckten die Kritischen Blätter der Börsen-Halle eine kurze Notiz, eher eine Randnotiz, was nicht zu verwundern war, da zu diesem Zeitpunkt die wenigsten wussten, dass sie aus dem Inneren des Senats vom Vordenker der aufgeklärten Reform stammten. Dem Rezensenten fiel der eilige Stil auf, womit er sicher Recht hatte, denn in Eile war Abendroth immer. An der Grundtendenz aber fand er nichts auszusetzen. Wenn wir gleich die Ansichten des Verfassers über mehrere Punkte nicht unterschreiben können, so glauben wir doch, daß die kleine Schrift dazu beitragen wird, unter den Bürgern ein richtigeres Verständnis der Dinge, auf welche es hauptsächlich ankömmt, zu verbreiten, und ebendadurch gewissenlosen Einflüsterungen sowohl als einer Indolenz, welche sich um das allgemeine Beste nicht kümmert, entgegenzuwirken.[26] Der Senator konnte mit seiner Wirkung zufrieden sein. Die 1830 gegründeten Kritischen Blätter waren ein vielgelesenes literarisch-politisches Rezensionsblatt, das sich gerade sichtlich vormärzlich politisierte. Herausgeber von 1830 bis 1834 war Christian Friedrich Wurm. Er sollte sich noch viel mit Abendroth beschäftigen.
Die Republik hatte ihre Revolution mit blutigem Gesicht überstanden: acht Tote, 14 Verletzte, 80 Festnahmen, einige der Arretierten saßen im Zuchthaus und warteten auf ihren Prozess, das war die Zählung des Bürgermeisters Bartels.[27] Bürger und Senatoren blieben verunsichert. Der Rat betrieb Ursachenforschung. Viel kam dabei nicht heraus, es ließ sich wenig beweisen.[28] Dr. Bartels aber entwickelte seine eigenen Theorien und die waren hochgradig überraschend.
Schuld war in seinen Augen nicht das Volk. Es hatte sich mitreißen lassen, mehr nicht. Die eigentlich Schuldigen saßen für ihn in den Kontoren der Handelshäuser. Es war noch nicht so lange her, dass von dort die große Agitation gegen den Zoll gelenkt worden war. Bartels verurteilte sie bekanntlich als Beginn des Klassenkampfes der Reichen gegen die Armen. Der schien in den Monaten nach der Zollsenkung tatsächlich zu beginnen. Die Republik hatte die Verbrauchssteuern erhöht, um das Defizit zu decken, und die unteren Klassen begriffen auch ohne Abitur, dass sie für die Senkung der Zölle mit höheren Milchpreisen zahlten. Das sorgte für Ärger und die öffentliche Meinung wendete sich merklich gegen die Handelsfirmen. Die Plünderung des kleinen Volks war das große Thema in den Kneipen und in den Läden. In den Büros der Handelsprinzen blieb es nicht unbemerkt. Natürlich muste dieser große Ausfall gedekt werden, schrieb Bartels im September 1830 an Senator Heineken nach Bremen, und ein Theil davon für jezt auf die Accise geworfen werden. Dies indignirte die größere Maße, der Schankwirth erhizte die Köpfe seiner Gäste, der Mittelmann überhaupt die der geringern und ärmern Claßen. Daher eine Unzufriedenheit in ihrer Mitte. Natürlich erzeugte dies Besorgnisse in den Familien der reichern Kaufleute, die sich als Hauptbeförderer der Zollherabsezung gezeigt hatten. Diese äußerten sich gegen ihre Commis mißbilligend über den Druk der geringern Claße, und über die neue Steuervertheilung und verfehlten nicht dabei der Juden zu erwähnen, als solcher die dem christlichen Kaufmann so manchen Gewinn vor der Nase wegschnappen. Diese Commis, die häufig die vielen Pavillons besuchen, wo junge Israeliten häufig mit einiger Anmaßung erscheinen, wollten sich einen Spas machen, riefen Juden heraus, so war der Funken in die Pulvertonne geworfen.[29]
Er schrieb dann auch noch von den Zollstürmern, die die Unruhen geschürt hätten, wahrscheinlich um das Odium des Volkes von sich abzulenken.[30] Dr. Bartels unterstellte mit anderen Worten Hochverrat der Reichen und Gebildeten am Gemeinwesen, die zu diesem Behufe ihre Angestellten vorschoben und dann auch noch auf der antisemitischen Klaviatur spielten. Ob dieser Vorwurf stichhaltig war, konnte niemand mit Sicherheit sagen. Öffentlich ließ die Regierung der Republik so etwas nicht verlauten. Es hätte nur Öl ins Feuer gegossen. Aber es war eben der entschiedene Standpunkt des Bürgermeisters. Wenn man ihn jetzt als konservativ bezeichnen wollte, dann war es der Konservatismus eines alten, aufgeklärten Sozialpolitikers, der großen Wert auf das gesellschaftspolitische Gleichgewicht der Republik legte und dieses Gleichgewicht eher von den Reichen als von den Armen bedroht sah. Die folgenden Maßnahmen trugen dieser Sorge Rechnung. Die Bürgerschaft vom 9. Dezember 1830 nahm die Erhöhung der Fleischakzise zurück und hob die Milchakzise auf.[31] Bartels behauptete in seinen Briefen nach Bremen allerdings, das habe gar nichts mit den gerade erlebten Unruhen zu tun.[32] Das konnte man auch anders sehen.[33] Aber dem Bürgermeister ging es darum, das beschädigte Ansehen von Senat und Bürgerschaft zu reparieren. Seine Analyse des sich anbahnenden Kampfes zwischen Reich und Arm war damit nicht gegenstandlos geworden.
Es wurde auch unmittelbar nicht besser. Harte Winter standen bevor, die für Not unter den Armen und Streit unter den Sozialpolitikern sorgten. Die Cholera brach im Sommer des folgenden Jahres aus und das Kreditsystem der Republik zeigte wieder Risse. Die Centralkasse ging mit lautem Knall bankrott. Alles sorgte für Unruhe auf den Straßen. Sogar zu einem versuchten Mordanschlag auf Bartels, Abendroth und Hudtwalcker kam es Ende 1830. Ein Tischler wurde festgenommen.[34] Die Entwicklung der Lage in Paris war auch nicht hilfreich. Vielleicht half Humor. Den Zeitungen war Anfang 1831 zu entnehmen, dass die linken Pariser Aktivisten sich wieder ein paar Ausschreitungen erlaubt hatten. Abendroth musste über die Dummheit der Reaktion, die scheinbar keine Grenzen mehr kannte, lachen. Der Erzbischof von Paris höchstselbst hatte alles gegeben, um die Revolutionäre erneut auf die Barrikaden zu treiben. Seine Eminenz …, der sich erst kürzlich neue Meublen spendirt, sind abermahls derselben durch Spoliation beraubt da Sie eine Seelenmesse für den Herzog von Berry gehalten und dabey die gekrönte Büste des Herzogs von Bordeaux ausgestellt – Seine Eminenz sind ausgekniffen.[35]
Der Scherz war etwas kompliziert, er erklärt sich so: Der Erzbischof hatte für den Herzog von Berry eine Totenmesse lesen lassen, der schon elf Jahre zuvor ermordet worden war. Bis zum Zeitpunkt seines gewaltsamen Todes ruhten auf diesem reaktionären Herrn alle Hoffnungen der bourbonischen Legitimisten auf langfristige Sicherung der Thronfolge der Dynastie. Eine Seelenmesse für ihn war das roteste aller roten Tücher für die Liberalen der Pariser Kammern. Sein Sohn, der Herzog von Bordeaux, war wunderbarerweise sieben Monate nach dem gewaltsamen Tod des Vaters geboren worden, ein enfant du miracle. Die aristokratische Reaktion erkannte die Hand Gottes und fühlte sich getröstet und gestärkt. Diesen kleinen Herzog von Bordeaux erklärte der Erzbischof also per gekrönter Büste zum legitimen Thronfolger.[36] Für den kürzlich installierten Bürgerkönig Louis Philippe war das nicht ganz ungefährlich, da er noch sehr provisorisch auf dem Thron saß. Den kannte man im Übrigen persönlich. Im Haus von Senator Westphalen war er in den 90-er Jahren ein und ausgegangen. Wie dem auch sei, mehr Provokation war nicht möglich und Seine Eminenz bekam, was Sie bestellt hatte: einen revolutionären Mob, eine verwüstete Kirche und einen zerstörten Palast.
Dr. Abendroth amüsierte sich über so viel Verblendung. Der Erzbischof hatte übrigens die Cholera zu einer Strafe Gottes erklärt. Die Bürger der Republik, die Krankenhäuser bauten und Gesundheitskommissionen besetzten, waren sprachlos. Soll die Canaille doch krepieren, so hatte Abendroth einmal das Prinzip der aristokratischen Volksverachtung auf den Punkt gebracht.[37] Unter den Pariser Reaktionären stand es in voller Blüte. Der Senator der Republik verachtete sie. Aber vielleicht dachte er auch an Szenen, die sich vor etwas längerer Zeit im Hamburger Stadthaus abgespielt hatten. Eine Büste Napoleons musste in aller Eile vor randalierendem Volk versteckt werden und den Verantwortlichen stand der Schrecken im Gesicht. Mit dem Volk war es so eine Sache, es konnte sowohl die fortschrittsgläubige Republik als auch Kaiser- und Königreiche in Bedrängnis bringen. Und der Bürger hatte schließlich auch noch andere Sorgen, sein Vermögen zum Beispiel, das an den Börsen in diesen unruhigen Zeiten unter Schwindsucht litt. Abendroth verfolgte das in den Zeitungen. Die französischen 3-prozentigen Staatsanleihen, die vor dem Beginn der Unruhen bei 86 gestanden hatten, waren auf 46 gefallen.[38]
Und konnte es sein, dass auch aufgeklärte Republiken und wohlmeinende Bürger nicht mehr im Stande sein würden, den Rutsch in die Anarchie zu bremsen? Im Armenkollegium hatten die Sozialpolitiker Hamburgs diese Sorge vor 1810 des Öfteren zur Sprache gebracht, als Europa und der kleine Elbstaat mit der ersten revolutionären Welle zu kämpfen hatten. Die Senatoren Bartels und Abendroth hatten damals dafür plädiert, Ausgaben nicht zu scheuen, um die innere Ruhe zu sichern. War die einmal verloren, sah es schlecht aus. Bürger und Volk der kleinen Republik reagierten allergisch auf Befehle. Ihre politische Kultur forderte Ausgleich, Verständigung und freiwillige Unterordnung und viel hing von dem ab, was Ferdinand Beneke einmal natürliche Subordinazion![39] genannt hatte. Diese Regel galt immer noch. Die Unruhen hatten aber gerade gezeigt, dass selbst die Bürgergarde in kritischen Momenten zum Raisonnement neigte und sich Zeit ließ mit der Erfüllung senatorischer Anordnungen. Den Herren im Rat mit etwas längerem historischen Gedächtnis kamen die bedenklichsten Vergleiche in den Sinn, der zum Lafayette mutierte Herr Wüppermann zum Beispiel. Der Schreck saß tief. Wer giebt uns Ruhe wieder, wenn sie gewaltsam gestöhrt worden? Wer bezahlt die Opfer, die die Wiederherstellung der Ruhe kosten?[40] Das fragte sich Dr. Abendroth in schlaflosen Nächten.
Er kam dann irgendwann auf die napoleonische Option, die napoleonische Unvermeidbarkeit, die Fortschrittsdiktatur, die den revolutionären Klassenkampf beenden musste. Ohne sie würde die bürgerliche Ordnung vielleicht nicht standhalten. Politica betreffend, erläuterte er seinem jungen Freund, dem Gouverneur Hartung in Ritzebüttel, so bin ich nicht Ihrer Meinung, daß die Unruhen sich in der allgemeinen Ermattung enden werden – Die ganz und gar nichts habenden, und dies sind, mit wenigen Ausnahmen fast alle die Schwindelköpfe werden nicht ruhig bis sie etwas haben; ich fürchte daß nur ein eisernes bonapartisches Scepter die Welt beruhigen wird.[41] Die ganz und gar nichts Habenden also, von denen gab es ja noch genug, auch in Hamburg. Auf dem Neuen Wall waren Steine geflogen und auf den Mob in St. Pauli musste geschossen werden, obwohl die aufgeklärte Reform mit Versicherungen und Sparkassen versucht hatte, die kleinen Leute mit der Eliterepublik der Bürger zu versöhnen. Es war wohl noch nicht ganz gelungen. Es war eine tief pessimistische Ansicht, Ultima Ratio, möglichst zu vermeiden durch Entgegenkommen und republikanischen Kompromiss. Das betrieb Abendroth gerade in St. Georg, wo es neben Tumult und Aufruhr auch sehr konstruktiv um die gute Sache ging, ein liberales politisches Kostüm für die wachsende Stadt nämlich, und wo verbiesterte Auftritte einiger Oberalter auch ein paar scharfe senatorische Witze inspirierten, über den Esel von Beseler zum Beispiel.
Zur Schwarzseherei neigte gelegentlich Kollege Bartels. Ähnlich wie Abendroth trieb ihn die Furcht vor 1789 um. Er fürchtete die Ableitung der inneren Spannungen Frankreichs nach außen, in einen Krieg, der sich naturgemäß zuerst gegen Deutschland richten würde. Half dagegen der Bundestag? Nicht wirklich. Er hatte seine Aktionen in den 20er-Jahren hinreichend beobachtet. Gebe dann Gott, daß mehr Eintracht unter den deutschen Regierungen herrscht als früher, sonst erleben wir wieder, das Abschlachten der Einzelnen, und die Erniedrigung der Gesamtheit. Vielleicht sehe ich zu schwarz, schrieb er an Smidt in Bremen, aber ich fürchte man wird von uns sagen, wir haben alles vergeßen und nichts gelernt.[42] Dr. Bartels selbst hatte glücklicherweise nicht alles vergessen und daraus seine Schlüsse gezogen.
Die große Politik neigte zum Extrem, dagegen war wenig zu tun. Aber die Hamburger Republik hatte ihre Verfassung. Die hatte er liebevoll studiert, kommentiert, ediert und den vielgeliebten Mitbürgern ans Herz gelegt. Bürgermeister Dr. Bartels war zu dem Ergebnis gekommen, dass an ihr eigentlich nichts zu verbessern war – gerade in Zeiten revolutionärer Umtriebe. Das Neueste auf dem Markt der politischen Theorien war die Volkssouveränität. Die Hamburger Grundgesetze kannten diese Einrichtung selbstredend nicht. Ihr Prinzip war die Regierung der Besten, was durchaus den Anspruch auf Modernität erhob. Die Eliterepublik hatte ja nichts grundsätzlich Reaktionäres an sich. Politisch sollte sie für Reform und Verbesserung sorgen, so stellten sich die Verantwortlichen in Rat und Bürgerschaft das vor. Die populäre Demokratie konnte so etwas nicht. Das war die nicht ganz so laut ausgesprochene Ergänzung zur Idee des fortschrittlichen Gemeinwesens unter Führung aufgeklärter und durch Vermögen legitimierter Bürger.
Dieser Anspruch wurde spätestens seit den Straßenunruhen des Sommers 1830 angefochten. Volkssouveränität stand auf dem Programm und dem Bürgermeister reichte es. Die Marotte von Volkssouverainität wird mir zum Ekel, schrieb Bartels 1832 an Smidt. Dem Volk muß man so viel es die Ordnung erlaubt, Freiheit verschaffen, sonst aber muß es regiert werden. – Die Beßern müßen die Herrschaft führen, und wer regieren soll, muß die Verfaßung, und wie regiert werden soll müßen die Geseze bestimmen. Darin kann keine verschiedene Meinung obwalten, und ich habe nicht den mindesten Zweifel daß jeder vernünftige und wohlgesinnte Mensch, der in das Horn der Volkssouverainität bläst, Nebenabsichten erreichen will.[43] Es war eine progressive Ansicht des 18. Jahrhunderts, die neuerdings etwas aus der Zeit gefallen wirkte.
Wie man sich das souveräne Volk vorzustellen hatte, davon würde der Bürgermeister in Kürze in den Zeitungen lesen können. Zwei Monate, nachdem er seinem Ärger Luft gemacht hatte, Ende Mai 1832, versammelte es sich in Hambach. Mehr als 20.000 Menschen kamen und zogen unter Glockengeläut und Böllerschüssen zum Schloss hinauf. Redner forderten Pressefreiheit, Bürgerrechte und – Volkssouveränität. Metternich reagierte mit Repression und schränkte die Rechte der Bundesstaaten und ihrer Parlamente ein. Die sechs Artikel, die Maßregeln zur Aufrechterhaltung der gesetzlichen Ordnung und Ruhe in Deutschland, verboten den Landständen, durch Verweigerung von Haushaltsmitteln Druck auf die Regierungen auszuüben, Angriffe auf den Bund in den Debatten wurden der Zensur unterstellt und eine Kommission wurde gegründet, um die Kammern zu kontrollieren. Es war ein massiver Angriff auf die Rechte der Parlamente und die Autonomie der Bundesstaaten. Schlimmer konnte es kaum kommen und der Staatschef der Hamburger Republik justierte eilig seinen Standpunkt. Er hielt nicht allzu viel von popularen Bewegungen, aber das Volk hatte auch seine Rechte, hatte Anspruch auf Freiheit und Mitsprache. Das musste respektiert werden. Der Bund und Metternich taten das Gegenteil, und das auch noch mit einer besonderen Provokation: Sie verlangten von Hamburg im Voraus die Zustimmung zu den Artikeln, zu dem miserablen Machwerke,[44] wie sich Bartels etwas präziser ausdrückte. Das ging zu weit.
Die Freiheit der ständischen Verhandlung soll beschränkt werden, schrieb Bartels besorgt nach Bremen. Zu den Forderungen der Fürsten sollen die Stände nur ja sagen dürfen, und damit sie sich ferner nicht mausig machen, soll eine am Bundestage einzusezende Commißion die Aufsicht auf die ständischen Verhandlungen haben und nöthigenfalls einschreiten. Meiner Ueberzeugung nach geht das nicht und man wird es durch solche Maneuvres dahin bringen, daß die Völker ihre Fürsten wegjagen.[45] Trotz dieser entschiedenen Meinung hielt die Republik sich bedeckt. Sie tat offiziell so, als handele es sich bei den geplanten Artikeln lediglich um Ausführungsbestimmungen bestehender Gesetze und bot diplomatisch glatt, aber leise zitternd ihre Mitarbeit an.[46] Bürgermeister Dr. Bartels aber erwartete eine von Reaktionären provozierte Revolution. Sollte … von keiner Modification weiter die Rede seyn, so fürchte ich erleben wir Scenen in Deutschland, denen ähnlich welche die bekannten Verordnungen in Frankreich veranlaßten; denn die Anträge haben dieselbe Tendenz, das Volk soll nicht raisonniren, sondern gehorchen, soll bezahlen was gefordert wird, und sich das Fell über die Ohren ziehen laßen, und dabei schweigen. Das geht nun und nimmer nicht! In den Anträgen geschieht alles für die Aufrechterhaltung der Autorität des Oberhaupts, und nichts zum Schuz der Rechte des Volkes. Ja sogar wird daßelbe als ein verdächtiger Haufe behandelt, den man mit Spionen in den ständischen Versammlungen umgiebt, wo es frei seine Meinung zum Wohl des Ganzen glaubt äußern zu müßen.[47] Wenn das Volk sich das Fell über die Ohren ziehen lassen musste, war möglicherweise sogar die Stimmfreiheit in den Hamburger Bürgerkonventen gefährdet.
Vielleicht war diese Befürchtung ein tieferer Grund dafür, dass Bartels es kategorisch ablehnte, die Bürger in den Konventen als Repräsentanten zu betrachten. Gleichberechtigte Teilhaber der republikanischen Souveränität waren sie, nicht mehr, nicht weniger. Das hatte sich ursprünglich einmal gegen die Modernisierungsideen des Kollegen Abendroth gerichtet. Jetzt aber wurde es überraschend in einem ganz anderen Sinne aktuell. Die Bürgerschaft hatte nichts mit Landständen zu tun, das brachte er immer wieder zu Papier. Dass sie damit – hoffentlich – auch den Überwachungsansprüchen des Bundes entzogen war, schrieb er vorsichtshalber nicht auf, sondern überließ es dem Scharfsinn seiner Leser.
Hatte er selbst Vorschläge für den Bund und seine reaktionären Monarchen? Er hatte. Man sollte suchen das von den Regenten in Heßen, Braunschweig, Baden, Baiern u.s.w. verscherzte Vertrauen des Volkes wieder zu gewinnen: aber gerade das was vorgeschlagen wird regt, wie mir scheint, mehr auf, und bringt durch eine unwürdige Behandlung das Volk zur Verzweiflung.[48] Das war der sehr liberale Standpunkt des Bürgermeisters der Republik Hamburg. Aber kaum jemand kannte ihn. Den Deutschen Bund interessierte er schon gar nicht. Der tat, was er wollte, verabschiedete die sechs Artikel und ließ in Kürze noch zehn weitere folgen.
Diese Kampfansage der Reaktion war im Übrigen ganz im Sinne des aristokratischen Sekretärs, wie Abendroth Dr. Beneke bekanntermaßen gerne nannte. Seit dem 14. Mai, so Beneke in seinem Tagebuch, (wo uns die erste geheime Mitteilung davon ward, daß endlich etwas geschehen solle) harrte ich dem Bundesbeschlusse entgegen, welcher dem aufrührerischen Treiben der sogenannten (d.h. der von den Journalisten vergifteten) öffentlichen Meinung zurechtweisend in den Weg treten soll; … Nun wirds erst recht zischen, gähren, und brodeln! desto besser! Im Kampfe ist einem doch freudiger zu Muthe, als vor dem Kampfe. Es gilt izt Alles, was auf Erden wichtig ist; Gott wird lenken, u. helfen, doch helfen nur dem, der im Vertrauen auf Ihn, tapfer kämpfend, das Seine thut. - [49] Für die Republik sprach er damit nicht. Beneke war im Parteisinne zum Aristokraten geworden, zum Anhänger des Grundsatzes „von Gottes Gnaden“,[50] in Verbindung mit seinen beruflichen Aufgaben eben zum aristokratischen Sekretär.[51] Das war jetzt auch der Öffentlichkeit klar. Der große Haufe der sogenannten Liberalen bezeichnet mich als Aristokraten.[52] Es war nicht nur der große Haufe, Bürgermeister Abendroth tat es auch.
Es kam dann so schlimm, wie Bartels und Abendroth es befürchteten. Ein paar agile Revolutionäre stürmten im April 1833 in Frankfurt die Wachen. Es sollte ein Fanal sein, aber daraus wurde nichts. Volk und Bürger von Frankfurt hielten sich bedeckt. Die kleine Republik war nicht Paris, auch wenn dort der Bundestag seinen Sitz hatte. Es kam, wie es kommen musste, eine schnelle Niederlage gefolgt von scharfer Repression deutschlandweit. Das hatte den aufgeklärten Verbesserern gerade noch gefehlt. Die unglükliche Frankfurter affaire, so Hamburgs Bürgermeister Abendroth zu diesem Desaster, die bey dem Unsinne noch dazu so unglüklich und dumm organisirt war, wie möglich halte ich für das gröste Unglük was iezt über Deutschland hätte kommen können – Die Sache an sich Unsinn, ist so verkehrt angelegt wie möglich, so daß man gar nicht weis wie man sich ein solches Unglük erklären soll – Wir liegen Gottlob ausser Schuß für solche Sachen da im Innern niemand etwas arges im Sinn hat – allein wer da stehet sehe wohl zu daß er nicht falle.[53] Nach den Ereignissen der letzten Jahre war diese Vorsicht ganz angebracht. Die Frage war nur, weshalb die Elbrepublik fallen sollte? Eher nicht wegen innerer Unruhen. Es war mit großer Wahrscheinlichkeit wieder die Furcht vor dem Deutschen Bund und seinen Exekutionen, die diesen Bürgermeister um die Unabhängigkeit fürchten ließ. In den Augen der aufgeklärten Politiker der Republik hatten die radikale Linke und die reaktionäre Rechte in Deutschland einen Totalschaden für die Sache von Reform und Verbesserung verursacht. Diese Meinung teilte auch Bürgermeister Dr. Abendroth, nach preußischer Ansicht der Chef der liberalen Parthey.[54] Ganz falsch war das wohl nicht.
Ferdinand Beneke von den Oberalten sah sich derweil als konservativer Fels im Strom der Revolution. Ende 1830 waren einige Senatoren auf die Idee gekommen, ihn zum Syndikus zu wählen. Freund Martin Hieronymus Hudtwalcker war auch darunter. Aber Beneke wollte nicht. Oder – um genau zu sein – Gott wollte nicht. Das war die etwas anmaßliche Ansicht des Umworbenen selbst. Deus non vult; - auf meinem jetzigen Platze wirke ich zum Gemeinwohl mehr, als ein Syndikus, oder Senator, vor allen Dingen aber wäre es undankbar von mir gegen Gott, u. Vaterland, wenn ich meinen Platz jetzt verließe, - jetzt, wo der Aufruhr wirbt, in mir den Opposizionslenker optirt, u. diesen gar leicht in meinem Nachfolger finden könnte, wenn dieser nicht ebenso unempfindlich gegen das Glück „populär“ … zu seyn, wäre, als ich es bin.[55] In der Tat, in diesen Zeiten durfte man nicht versuchen populär zu sein. Das Volk war auf Abwege geraten. Es musste zur Ordnung gerufen werden, wenn nötig mit Entschlossenheit. Nachgiebigkeit förderte den Aufruhr, das war die Ansicht des Oberaltensekretärs. Und da er alles Gute von der Deutschheit erwartete, war es denn nun eben am Deutschen Bund, Härte zu zeigen, die Lindigkeit der Regierungen gegenüber den Kompromittirten bringt am Ende Uebermuth hervor; gut noch, daß der Bundestag über das Ganze wacht, u. für ein gehöriges Gleichmaß im Benehmen der Einzelnen Sorge trägt. - [56] Dr. Beneke war nach vielen Irrungen und Wirrungen endlich im Reiche der Reaktion angekommen. Es hatten nur noch nicht alle gemerkt. Denn wie konnte es sein, dass der Aufruhr in ihm einen Opposizionslenker erkannte und ihn für sich zu gewinnen suchte?
Vielleicht erinnerte sich ja die Opposition, die am 5. September auf den Straßen die drei farbige Fahne hoch![57] gerufen hatte, dass dieser Beneke 1813/14 ganz vorne für die schwarz-rot-goldene deutsche Freiheit agitiert hatte. Vielleicht erinnerte sie auch, dass der Sekretär mit seiner Wahl sich selbst zum Anführer der bürgerlichen Opposition erklärt und unfreundliche Resolutionen an die Herren im Senat verfasst hatte, um sie auf deutsche Wege zu schicken. Aber das war lange her und Dr. Beneke als Führer der Opposition von 1830 war ein kolossaler Irrtum. Aber vielleicht doch nicht ganz. Die Demonstranten vom 5. September hatten auch Nieder mit den Juden! und Weg mit den Hausirern![58] skandiert. Und diese Sache war für den Antisemiten Beneke immer aktuell. Bei Kleinhändlern und Zünften wusste man das wohl sehr gut. Es wirft kein gutes Licht auf das revolutionäre Getriebe, noch weniger auf den Sekretär Ehrbarer Oberalten.
Der wollte den Aufruhr unterdrücken, notfalls mit Gewalt, selbst wenn Bürgermeister Bartels zu Vorsicht riet. Dr. Beneke giftete dagegen, welch ein feiges Abstehen von männlichem Widerstehen! - [59] Das sagte man dem Staatschef der Republik wohl besser nichts ins Gesicht. Aber der kannte das ganze Gehabe ja schon von 1813/14, als die Nationalen auch gerne über Memmen und Feiglinge hergezogen waren. Die konservative Rhetorik wurde hysterisch, wie damals schon. Vor dem Schlangentron der Welttyranney[60] gruselte sich Dr. Beneke. Der stand natürlich in Paris, von wo aus eine revolutionäre Explosion nach der anderen gezündet wurde. Die europäische Politik war für ihn zu einer riesigen Verschwörung geworden. Spätestens Anfang 1831 war sein Standpunkt allen klar – ich gelte für einen Feind der … „mouvements“.[61] Die Öffentlichkeit hatte den Sekretär der Bürgerschaft politisch korrekt eingeordnet, als Feind der Bewegung. Er selbst hatte nichts dagegen. Das ist auch keine Verläumdung. - [62]
Die Abkürzungen StAHH, StAB und StACux beziehen sich auf Bestände der Stadt- und Staatsarchive von Hamburg, Bremen und Cuxhaven; die Fußnoten auf die Literaturliste.
[1] Beneke: Tagebücher, Beilage zum 21.7.1830, Bartels an Beneke, 7.7.1830.
[2] Beneke: Tagebücher, Beilage zum 21.7.1830, Bartels an Beneke, 7.7.1830.
[3] StAB, 2 B 5 a 7 Vol 2, Bartels an Smidt, 28.8.1830.
[4] Beneke: Tagebücher, 9.8.1830.
[5] StAB, 2 B 5 a 7 Vol 2, Bartels an Smidt, 28.8.1830.
[6] Beneke: Tagebücher, 12.8.1830.
[7] Beneke: Tagebücher, 6.10.1830.
[8] Pastor Johann Wilhelm Rautenberg war Gründer der Sonntagsschule von 1825 und gehörte zu den religiös Erweckten, die Dr. Bartels gerne als Mystiker bezeichnete und die er so gar nicht leiden konnte. Man könnte auf die Idee kommen, dass er die Forderung Rautenberg weg ganz gerne las.
[9] StAB, 2 B 5 a 7 Vol 2, Bartels an Heineken, 7.9.1830.
[10] Beneke: Tagebücher, Beilage zum 5.9.1830.
[11] StAB, 2 B 5 a 7 Vol 2, Bartels an Smidt, 28.8.1830.
[12] StAB, 2 B 5 a 7 Vol 2, Bartels an Heineken, 14.9.1830.
[13] StAB, 2 B 5 a 7 Vol 2, Bartels an Heineken, 14.9.1830.
[14] Abendroth: Beleuchtung, S. 13.
[15] Abendroth: Beleuchtung, S. 14f.
[16] Beneke: Tagebücher, 16.9.1830.
[17] Allgemeine Zeitung, 24.9.1830.
[18] Abendroth: Beleuchtung, S. 7.
[19] Abendroth: Beleuchtung, S. 7f.
[20] Abendroth: Beleuchtung, S. 9.
[21] Abendroth: Beleuchtung, S. 12.
[22] Mann: Werke, Buddenbrooks (1981), S. 196.
[23] Abendroth: Beleuchtung, S. 12f.
[24] Abendroth: Beleuchtung, S. 5.
[25] Abendroth: Beleuchtung, S. 15.
[26] Kritische Blätter der Börsen-Halle, 4.10.1830, S. 111.
[27] StAB, 2 B 5 a 7 Vol 2, Bartels an Heineken, 23.10.1830.
[28] StAB, 2 B 5 a 7 Vol 2, Bartels an Heineken, 23.10.1830.
[29] StAB, 2 B 5 a 7 Vol 2, Bartels an Heineken, 7.9.1830.
[30] StAB, 2 B 5 a 7 Vol 2, Bartels an Heineken, 14.9.1830.
[31] Anderson, Lappenberg: Sammlung, Bd. 11, S. 257f.; 1840 kalkulierte der Senat die Belastung der ersten Lebensbedürfnisse durch Verbrauchssteuern auf 6-10 %, was erstaunlicherweise ziemlich genau dem ermäßigten Satz der modernen Mehrwertsteuer auf Nahrungsmittel entspricht. Vgl. Gallois: Geschichte, Bd. 3, S. 391.
[32] StAB, 2 B 5 a 7 Vol 2, Bartels an Heineken, 14.9.1830.
[33] Gallois: Geschichte, Bd. 3, S. 109. Unstreitig trug hiezu die in diesem Jahre unter der Mittel- und Unterklasse herrschende große Gährung das Ihrige bei, heißt es dort.
[34] Hudtwalcker: Jahrhundert, Bd. 3, S. 366.
[35] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel I Fach 13 Vol B Fasc 2 Dok 115, Abendroth an Hartung, 22.2.1831.
[36] Vgl. Willms: Paris, S. 269f.
[37] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel I Fach 13 Vol B Fasc 2 Dok 28, Abendroth an Hartung, 25.3.1828.
[38] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel I Fach 13 Vol B Fasc 2 Dok 118, Abendroth an Hartung, 5.4.1831.
[39] Beneke: Tagebücher, 31.10.1794.
[40] Abendroth: Beleuchtung, S. 6.
[41] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel I Fach 13 Vol B Fasc 2 Dok 119, Abendroth an Hartung, 12.4.1831.
[42] StAB, 2 B 5 a 7 Vol 2, Bartels an Smidt, 28.8.1830.
[43] StAB, 2 B 5 a 7 Vol 2, Bartels an Smidt, 10.3.1832.
[44] StAB, 2 B 5 a 7 Vol 2, Bartels an Smidt, 10.5.1832.
[45] StAB, 2 B 5 a 7 Vol 2, Bartels an Smidt, 10.5.1832.
[46] StAB, 2 B 5 a 7 Vol 2, Bartels an Smidt, 15.5.1832.
[47] StAB, 2 B 5 a 7 Vol 2, Bartels an Smidt, 15.5.1832.
[48] StAB, 2 B 5 a 7 Vol 2, Bartels an Smidt, 15.5.1832.
[49] Beneke: Tagebücher, 14.7.1832.
[50] Beneke: Tagebücher, Jahresrückblick 1833.
[51] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel I Fach 13 Vol B Fasc 3 Dok 22, Abendroth an Hartung, 25.10.1832.
[52] Beneke: Tagebücher, Jahresrückblick 1832.
[53] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel I Fach 13 Vol B Fasc 3 Dok 50, Abendroth an Hartung, 18.4.1833.
[54] Baasch: Geschichte Hamburgs, Bd. 1, S. 61. So berichtete der preußische Gesandte von Hänlein seiner Regierung.
[55] Beneke: Tagebücher, 16.12.1830.
[56] Beneke: Tagebücher, 27.10.1830.
[57] Beneke: Tagebücher, Beilage zum 5.9.1830.
[58] Beneke: Tagebücher, Beilage zum 5.9.1830.
[59] Beneke: Tagebücher, 5.2.1831.
[60] Beneke: Tagebücher, Jahresrückblick 1830.
[61] Beneke: Tagebücher, 3.3.1831.
[62] Beneke: Tagebücher, 3.3.1831.


