71. Die Gründung der Hamburger Sparkasse 1827
Kleinsparer und Gewerbekredite – aber eine Sozialversicherung schlägt fehl
Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts experimentierten Hamburgs Sozialpolitiker mit Alternativen zur Armenanstalt. Sie wollten individuelle Vorsorge fördern, einen Kapitalstock für Altersrenten aufbauen und das Kreditsystem für Handwerk und Kleingewerbe öffnen. Das Unternehmen war ehrgeizig und riskant. Millionensummen mussten in Bewegung gesetzt werden und mehrere Male standen einzelne Institute kurz vor der Zahlungsunfähigkeit.
Dies ist Teil 71 der Aufklärung in Hamburg: Johann Heinrich Bartels, Amandus Augustus Abendroth, Ferdinand Beneke und die Verbesserung einer deutschen Republik 1790–1835. Die Einleitung beschreibt, worum es geht, und ein Überblick über die bisher veröffentlichten Kapitel findet sich hier.
Die Hamburger Republik versagte lange Zeit bei der Organisation eines funktionierenden Spar- und Kreditsystems für kleine Handwerker und Unternehmer, stand damit aber nicht allein. Hohe Kreditzinsen waren ein altes Problem der europäischen Wirtschaft, vielfach und vergebens bekämpft durch gesetzlich vorgeschriebene Zinssätze und staatliche kontrollierte Pfandleihen. So auch in Hamburg.[1] Wucher war verboten, maximal 6 Prozent Zinsen pro Jahr waren gesetzlich erlaubt. Allerdings war es nicht einfach, Kreditgeber zu diesen Konditionen zu finden. Dann sprang der Lombard ein, das öffentliche Leihhaus. Mitte 1812 hatte es 435.000 Mark ausgeliehen.[2] Aber das reichte nicht.
Es war Zeit, das alte Kontrollsystem der Zinsen über Bord zu werfen, meinte Johann Arnold Günther von der Patriotischen Gesellschaft und erinnerte an eine Preisaufgabe Kaiser Josephs II., wie dem Wucher ohne Strafgesetze zu steuern sei.[3] Von der Antwort erwartete er Großes, eine weitläufige Erndte für muthige Pfleger der Menschheit![4] Kredit war ein Grundpfeiler der produktiven bürgerlichen Gesellschaft. Grundsätzlicher ging es nicht und Günther erläuterte, warum. Der unproduktive Reiche durfte sein Kapital nicht der Industrie entziehen. Der Staat hatte dafür zu sorgen, dass er es der Erwerbsamkeit … minderwohlhabende Bürger anvertraut, die dadurch in den Stand gesetzt werden, mit Hülfe dieser Mittel einen höhern Grad der Indüstrie und des Wohlstandes zu erringen, den sie mit eignen Mitteln nicht würden erringen können.[5]
Darin lag der volkswirtschaftliche Sinn des Kredits. Ergebnis: Mehr Wohlstand für alle. Dann schrieb er ein Buch darüber. Es war ein bemerkenswerter Text. These: Markt und Konjunktur bestimmten den Zinssatz. Demnach konnte ein Zins von 12 Prozent, aber auch von 2 Prozent angemessen sein. War also ein gesetzlicher Maximalzins sinnvoll und zweckmäßig? Schnelle Antwort: Nein.[6] Der Staat musste nur für ein zweckmäßiges Banken- und Sparkassensystem sorgen.[7] Er musste noch einiges mehr tun, zum Beispiel Verträge und Zinskalkulationen standardisieren, Prozesse abkürzen, das Konkursrecht reformieren und generell für einen schnellen Geldumsatz sorgen. Das erforderte funktionierende Kreditinstitute: Solide und wohlgeordnete Banken und Disconto–Cassen befördern die Erleichterung des Umsatzes sowohl, als die Sicherheit desselben, durch die Simplicität der Transportirung und durch die Solidität der Aufbewahrung; und vermehren die umlaufende Geldmasse dadurch, daß ein mäßiger Theil der ihnen anbetrauten Baarschaften zu Anleihen auf unzweifelhaft sichre Pfänder und zur Unterhaltung von Magazinen für unentbehrliche Lebensbedürfnisse verwendet werden kann.[8] Das war die aufgeklärte Zauberformel für die Mobilisierung der Wirtschaft: Verwandlung von totem Geld in produktives Kapital.
Der Geldmarkt der Republik war weit von diesem Ziel entfernt. Die berühmte Hamburger Bank hatte Millionen in schwerem Silber in ihren Kellern liegen. Dieser Schatz bildete die Grundlage für einen florierenden Giroverkehr: Kaufleute überschrieben bei ihren Transaktionen Riesensummen von einem Konto auf das andere und bewegten dabei nicht ein Gramm Silber. So praktisch, so modern.
Die Bank lieh das Geld aber nicht aus. Es gab keine Kapitalmobilisierung zur Förderung der Indüstrie der mittleren Klassen. Aber das Handwerk brauchte Kredite zur Zwischenfinanzierung von Aufträgen.[9] Dabei handelte es sich oft um einige Hundert Taler, um Darlehen bis etwa 1.000 Mark. Den kleinen Unternehmern blieb nichts anderes übrig, als sich an den Wucherer um die Ecke zu wenden. Es gab ihn in allen Höfen und Gassen und der Kundschaft wurde bei jeder Gelegenheit das Fell über die Ohren gezogen. Das geschah durch verschiedene Gebühren, die auf den Zins aufgeschlagen wurden, so dass am Ende ein jährlicher Effektivzins von 40 Prozent herauskam, ohne dass dies dem Kunden wirklich klar war.[10] Half vielleicht eine Sparkasse? Seit 1778 gab es die Ersparungsklasse der Allgemeinen Versorgungsanstalt – sie hieß in der Tat Erparungsklasse mit einem l, war aber der Sache nach eine Sparkasse. Hier konnte auch der kleine Kunde sparen, bekam jedoch keinen Kredit. Ab und an wurden schüchterne Vorschläge gemacht, das Geld der Sparkasse gegen 6 bis 8 Prozent, bei ganz kleinen Summen sogar für 12 Prozent auszuleihen.[11] Selbst 12 Prozent war ja erträglich im Vergleich mit den 40 Prozent beim Wucherer. Es kam aber nicht dazu, weil die wirtschaftliche Orthodoxie forderte, das Geld der Sparkasse in hypersicheren Hamburger Staatsanleihen anzulegen.
Die Allgemeinen Versorgungsanstalt, unter deren Dach die Ersparungsklasse operierte, war eine Gründung der Patriotischen Gesellschaft. Sie bot verschiedene Typen von Rentenversicherungen und eine Sparkasse für kleine Leute an, eben die Ersparungsklasse. Der freie Bürger plante, versicherte, sparte und nahm seine Zukunft in die eigene Hand. Die Versorgungsanstalt erzielte große Erfolge. 1806 hatte sie fast 2 Millionen Mark angesammelt.[12] Sie verfügte somit über ein Kapital, das fast der Hälfte des jährlichen Haushalts der Republik entsprach, und war zu einem Institut geworden, dergleichen in ganz Deutschland bis itzt noch keines einen so gemeinnützigen Umfang mit so vieler Solidität vereinigt.[13]
Zu ihren Direktoren und Deputierten zählten die Leuchten der Hamburger Aufklärung: Johann Michael Hudtwalcker, Johann Valentin Meyer, Johann Arnold Günther, Georg Heinrich Sieveking und Otto von Axen,[14] auch Ferdinand Beneke, der aber 1809 seinen Abschied nahm.[15] Bei der Sparkasse eröffneten Arbeiter und Dienstboten Anfang der 1790er-Jahre jeden Monat an die 100 Konten und legten zwischen 15 und 150 Mark an. Die kumulierte Sparsumme betrug zu diesem Zeitpunkt mehrere Hunderttausend Mark, der Umsatz des Instituts nach eingezahlten und wieder abgehobenen Geldern addierte sich in den 15 Jahren seit seiner Gründung auf mehrere Millionen. Groß, sehr groß, berichtete Johann Arnold Günther in der Patriotischen Gesellschaft, ist schon der Nutzen des hier zur künftigen eignen Wirthschaft zurückgelegten Spaar- und Nothpfennigs an und für sich selbst. Aber noch wigtiger ist der Vortheil, daß nun der Bediente sparen lernt, Sparsamkeit liebgewinnt, sich nicht an unnöthigen Aufwand gewöhnt … sondern mehr der Einschränkung gemäß leben lernt, die für sein künftiges Verhältniß paßt.[16] Arbeitgeber drängten ihre Beschäftigten, Konten bei der Sparkasse anzulegen. Ihren Höchststand erreichten die Gesamtersparnisse im August 1810 mit 1,06 Millionen Mark.[17]
Die Versorgungsanstalt refinanzierte sich auf sozialpolitisch moderne und orthodoxe Weise zugleich. Sie investierte ihr Kapital in Hamburger Staatsanleihen. Das taten alle, die ihr Geld sicher anlegen wollten. Aber um Anreize zum Sparen zu schaffen, subventionierte die Republik den Zinssatz der Anleihen – nach oben. Damit hob sie eine staatliche Sparförderung aus der Taufe. Kleine Sparer konnten sich über höhere Zinsen freuen. Das war sozialpolitisch wegweisend. Per Rat- und Bürgerschluss vom September 1778 sicherte der Staat der Versorgungsanstalt einen Zinssatz von fast 4 Prozent zu. Im Gegenzug durften diese Anleihen mit Vorzugsverzinsung 25 Jahre lang nicht gekündigt werden.[18] Sparförderung allerdings kostete Geld und kollidierte deshalb mit dem Wunsch nach staatlicher Sparsamkeit.
1794 deckelten Senat und Versorgungsanstalt in einer Konvention die Gesamtsumme der bevorzugt verzinsten Anleihen auf 1,75 Millionen Mark, hielten auch fest, dass die Republik für das Unternehmen im Falle des Falles keine Garantie übernehmen würde.[19] Immerhin überlebte der staatlich subventionierte Zins. Noch 1807 schien Dr. Meyer, dem Chef der Patrioten, ein mäßiges Opfer des Staats durch den höhern Zinsfuß, für die Erhaltung der Anstalt nicht allein sehr zuläßig zu sein, sondern auch die mehrseitigen Vortheile derselben, dieses unvermeidliche Opfer wenigstens für jetzt weit zu überwiegen.[20]
Es war eine elegante Lösung: Die Versorgungsanstalt gewann eine lukrative Anlagemöglichkeit, ohne die das Versicherungskonzept nicht tragfähig war, sie stärkte den Sekundärmarkt für die Hamburger Staatsanleihen[21] und sicherte die Republik gegen plötzliche Kündigung ihrer Schuldtitel. Zu diesem Zeitpunkt sah noch alles gut aus, das Institut, so ließ die Patriotische Gesellschaft verlauten, genießt das Zutrauen des Publikums auf eine unbeschränkte Weise.[22] Eine allgemeine Risikoanalyse im April 1803 ergab ein höchst beruhigendes Ergebnis. An der Solidität der Versorgungsanstalt bestanden keine Zweifel.
Oder doch? 1805 mussten die Leibrenten neu berechnet werden. Zuvor war die Aufnahme neuer Kunden in dieser Sparte gestoppt worden, da sich Verluste abzeichneten. Die Beschränkung der Zinssubventionen von 1794 machte eine niedrigere Verzinsung der Neuverträge nötig.[23] Im weiteren Sinne hing das möglicherweise auch damit zusammen, dass die Kalkulationen, die ja sehr langfristige statistische Annahmen über Mortalität und Lebenserwartung enthalten mussten, teilweise auf den berühmten Süßmilch’schen Tabellen basierten, und zwar auf der zu Berlin herausgekommenen neuen Auflage der 4ten Ausgabe der göttlichen Ordnung.[24] Trotz des eigenartig altmodischen Titels waren sie das Haus- und Handbuch aufgeklärter Bevölkerungsstatistik. So der Stand 1829. Es war aber die Frage, ob sich die göttliche Ordnung durch den Fortschritt nicht gerade grundsätzlich veränderte. Senator Abendroth vermutete das, der Pockenschutzexperte der Republik. Die Impfungen hatten seiner Meinung nach alle Süßmilchschen Tabellen durchaus unnütz und unrichtig gemacht.[25] Ob das stimmte, stand dahin, aber es ist nicht unwahrscheinlich, dass sich der Senator auch gelegentlich mit seinem Freund Otto von Axen darüber unterhielt, dem Direktor der Versorgungsanstalt. Auf jeden Fall war zu bemerken, dass statistische Projektionen gewisse Gefahrenmomente enthielten. Die Zeitgeschichte auch.
Es folgten schlechte Zeiten, und am Ende löste die Konzentration auf vermeintlich so sichere Hamburger Staatsanleihen bei der Versorgungsanstalt eine finanzielle Katastrophe aus. Erste Anzeichen des systemischen Problems hatte es schon im Herbst 1799 gegeben.[26] Es war das große Krisenjahr, das viele Handelsfirmen der Republik in den Konkurs trieb. Davon war die Sparkasse nicht direkt betroffen. Die allgemeine Verunsicherung wirkte sich jedoch auch auf ihre Geschäfte aus. Im Oktober lösten die Kunden massiv Konten auf. Runde 100.000 Mark forderten sie innerhalb eines einzigen Monats zurück. Die Kasse hatte das Geld nicht und lieh es von Privatleuten an. Das musste finanziert werden und verursachte seinerseits Verluste.
Diese aufregende Zeit ging aber, wie die Handelskrise auch, schnell vorüber. Kurz darauf brachten viele Sparer ihr Geld zurück. Ein gutes Jahrzehnt später aber geriet die gesamte Versorgungsanstalt in die Krise. Ursache war die Union mit Frankreich, in deren Folge die Zinszahlungen für Hamburger Staatsanleihen ausblieben. Das Kaiserreich fühlte sich nicht für die Schulden der Republik zuständig. Jetzt wurde es lebensbedrohlich ausgerechnet für die Sparkasse, die nach Einschätzung Senator Hudtwalckers von allen Sparten die beträchtlichsten[27] Summen eingenommen und angelegt hatte.[28] Schon Ende 1810 war unterirdisches Grollen vernehmbar. Im Dezember standen die Kunden vor den Schaltern und verlangten die Auszahlung ihres Geldes – auch außerhalb der offiziellen Öffnungszeiten.[29] Die Sparkasse genehmigte das, es half aber nicht. Ein Hochedler Rath versuchte, die Öffentlichkeit zu beruhigen, und schilderte erst einmal die Sachlage. In den letzten Tagen, so der Senat in einer offiziellen, auf den Heiligen Abend 1810 datierten Mitteilung, sey aber der Zudrang der Einhaber solcher Scheine, welche ohne Abwartung des Termins zur Zurück-Erhebung ihrer Capitale sich gemeldet hätten, so groß gewesen, daß es dadurch unmöglich gemacht worden sey, die Scheine gleich auf einmal abzulösen; denn die bey der Löblichen Cämmerey und in den Immobilien belegten Capitalien könnten Ordnungs- und Verfassungsmäßig nicht sogleich erhoben werden.[30]
Sonderlich beruhigend klang das nicht. Vielen Sparern standen sorgenvolle Weihnachtstage ins Haus. Im Februar 1811 war es dann so weit, die Sparkasse stellte ihre Zahlungen ein.[31] Eine Lösung des Problems war für die nächsten Jahre nicht zu haben. Wahrscheinlich war das der wirtschaftspolitische Kardinalfehler des neuen Regimes. Von enteigneten Kleinsparern war staatsbürgerliche Loyalität für den Kaiser eher nicht zu erwarten. Maire-Bürgermeister Abendroth versuchte, das Desaster zu verhindern. Die Versorgungsanstalt ist ein Institut, das dem Gouvernement nicht genug empfohlen werden kann,[32] erklärte er den Pariser Behörden. Aber die wollten kein Geld für die Bedienung der alten Staatsschulden der Republik herausrücken.
Wie sollte die 1814 neuerlich unabhängige Republik damit umgehen? Eine Option war, Sparkasse und Versorgungsanstalt die Kündigung ihrer Staatsanleihen zu erlauben. Das aber konnte einen Staatsbankrott auslösen, denn zu diesem Zeitpunkt hätte der Staat eine massive Kündigung der Staatsanleihen nicht überlebt. Keine so gute Idee also. Die Versorgungsanstalt ist darauf berechnet, so der resolute Abendroth, der auch dann Realist blieb, wenn die Realität unangenehm wurde, daß sie die vollen Zinsen regelmäßig erhält und daß ihre Capitalien disponibel sind. Wenn es auch möglich wäre, ihr das erste durch einen Zuschuß zu geben, so ist doch das letztere, abseiten des Staats, ganz unmöglich. Disposition über ihre Kapitalien bedeutete in der Praxis, dass sie ihr Geld jederzeit aus den Staatsanleihen abziehen konnte. Das aber durfte wegen der angespannten finanziellen Lage der Republik in diesen Jahren unter keinen Umständen passieren. Die Versorgungsanstalt hätte also rechtzeitig auf eine Streuung des Anlagerisikos achten müssen. Das Unglück der Versorgungsanstalt beruht darauf, daß sie ihr Geld bey der Stadt und nicht in Häusern belegt hat.[33]
Das Problem bestand nur darin: Diese riskante Investitions-Konzentration auf eine einzige Anlageklasse ließ sich nicht mehr korrigieren. Die Versorgungsanstalt hatte aber Glück im Unglück. 1814 nahm die Republik die Zinszahlungen wieder auf. Die Sparkasse jedoch ging in Liquidation, ein Prozess, der sich bis 1823 hinzog. Er endete mit der vollständigen Befriedigung aller Forderungen einschließlich der rückständigen Zinsen. Die sparenden Dienstboten und Seeleute waren mit einem blauen Auge davongekommen. Die Versorgungsanstalt fand ihr finanzielles Gleichgewicht wieder. Das Institut erlangte aber nicht mehr die frühere Bedeutung. 1841 belief sich der Kapitalfonds auf 1,3 Millionen Mark.[34]
Nach der Neugründung der Republik war also eine Revitalisierung des Projekts des gemeinnützigen Sparens dringend erforderlich. Im Oktober 1821 schlug Abendroth im Großen Armen-Kollegium die Gründung eines neuen Instituts vor. Dominus Praeses proponierte, so fasste stilsicher das Protokoll zusammen, eine für die unteren Volksklassen einzurichtende, mit der allgemeinen Versorgungs-Anstalt in keine Kollision kommende Ersparungskasse. Ein Gedanke stand dabei im Mittelpunkt: Die Sparer sollten auf eigenen Füssen … stehen, das ist der Hauptzweck der Sparkasse.[35] Zu den Mitgliedern der Kommission zählten Otto von Axen, Caspar Hartung und später auch August Christian Theodor Meier, der nach Abendroths Ausscheiden zum zweiten Präses der Sparkasse gewählt wurde. Im Oktober 1826 erstattete sie ihren Bericht. Eine Gegenstimme kam überraschend und mit merkwürdiger Begründung von Senator Westphalen. Er sieht, so das Protokoll über den Sparkassen-Kritiker in der dritten Person, in derselben eine Anstalt, welche darauf ausgeht oder zur Folge haben wird, dem noch nicht ganz Verarmten seine letzte Freude zu nehmen, ihm jeden Genuss zu entziehen, und ihn in dieser Hinsicht dem ganz Armen gleichzusetzen.[36] Wie es aussieht, gönnte der joviale Herr Senator auch den kleinen Leuten ihr Amüsement und fand, dass das ewige Sparen seine freudlose Seite haben konnte. Das hielt jedoch Abendroth und Kollegen nicht auf. 1827 gründeten sie die Hamburger Sparkasse.
Im April wählte der Senat ihn zum Präses, im Juni wurde sie eröffnet.[37] Der Correspondent berichtete, Öffentlichkeitsarbeit war essentiell. Alle anderwärts bestehenden Institute dieser Art, hieß es dort, haben den wohlthätigsten Einfluß auf Ordnung, Sittlichkeit und Familienglück der untern Volksclasse gehabt. Mit Freuden brachte der Tagelöhner, der fleißige Dienstbote, der kleine Handwerksmann etc. jeder sein kleines Ersparnis herbey, um in der Zeit der Bedrängniß oder bey Krankheitsfällen einen Nothschilling zu haben.[38] Ziel war es, für kleine Beträge eine Spar- und Anlagemöglichkeit zu schaffen. Kaum hatte Abendroth es in Hamburg geschafft, plante er die Einrichtung einer Filiale in Ritzebüttel, seiner alten Lieblingsprovinz an der Elbmündung, wo er mit dem neuen Gouverneur Caspar Hartung über einen passenden Partner verfügte. Die von mir hier etablirte Sparcasse, schrieb er ihm Anfang 1828 aus Hamburg, hat seit ihrer Errichtung … einen so segensreichen Effect, daß voriges Jahr über 150.000 Mark eingehoben, sollte es nicht möglich seyn, dort etwas ähnliches einzuführen? Denken Sie darüber nach und theilen Sie mir Ihre Meinung mit, vielleicht lässt sich ein Modus ersinnen, daß dort ein Filial errichtet wird. Es ist eine gar herrliche erfreuliche Sache.[39] Dienstboten und Arbeiter konnten in Hamburg in den beiden Büros im Eimbeck’schen Haus und im Stadthaus zwischen 8 Schilling und 30 Mark pro Einzahlung anlegen. Man brauchte also nur 8 Schilling, dann war man dabei. Bei der alten Sparkasse der Versorgungsanstalt musste der Kunde mindestens 15 Mark mitbringen. Sparen sollte noch einmal einfacher werden.
Anderthalb Jahre nach ihrer Gründung stellte die Hamburger Sparkasse allerdings fest, dass mehr als 80 Prozent ihres Einlagenbestandes durch Einzahlung von jeweils 30 Mark entstanden war.[40] Es konnten nicht die ganz kleinen Sparer sein, die sie eigentlich im Auge hatte, für die 30 Mark gut und gerne fast ein Zehntel ihres Jahreseinkommens ausmachten. Das fiel auch der Sparkassenleitung auf, sogar von Missbrauch war die Rede. Die Senkung der Zinsen begründete Präses Abendroth dann auch mit den Einzahlungen der vielen vergleichsweise hohen Summen.[41] Von Anfang an schien sich die Sparkasse zu einer Einrichtung für die Mittelklasse zu entwickeln. Für ihr Guthaben bekamen die Sparer 3,125 Prozent Zinsen (1,5 Schilling pro Taler). Die Sparkasse zahlte damit erfreulich hohe Zinsen, bei den Bremer und Lübecker Instituten lagen sie deutlich niedriger.[42] Schon 1829 wurden sie allerdings um mehr als einen vollen Prozentpunkt gekürzt.[43] Die Zinsen für Hypotheken und Staatspapiere seien gefallen, hieß es, die Zinsen der Sparkasse müssten angepasst werden.
Das Institut war zu einem Opfer seines Erfolgs geworden. Es war nicht ganz einfach, die eingenommenen Gelder in die avisierten sicheren Papiere zu investieren. Auch deshalb die Zinssenkung. Zinsen sind nicht die Hauptsache, sondern die Gewöhnung an Spaaren, meinte Sparkassengründer Abendroth.[44] Die Kundschaft nahm es gelassen. Im ersten vollen Geschäftsjahr 1828 erreichten die Einlagen 540.000 Mark, 1833 überschritten sie die Millionengrenze, 1837 hatte die zukünftige Haspa die Sparkassen in Frankfurt am Main, Bremen und Lübeck überholt. Mit einer Einlage von mehr als 2 Millionen Mark war die jüngste von ihnen zur größten geworden.[45]
Aber schon Anfang 1831 geriet die Hamburger Sparkasse in eine Krise – wenn auch ohne eigene Schuld. Auslöser des Debakels war der Bankrott der Centralkasse. Die Centralkasse war ein ganz und gar kommerzielle Unternehmung, die sich zu allem Überfluss auf riskante Immobilienspekulationen eingelassen hatte. Sie erzielte in ihren besten Jahren Gewinne von 20 Prozent pro Aktie.[46] Aber das hielt nicht vor. Auch dort konnten kleine Summen angelegt werden. Die Folge war, dass Kleinsparer massenweise ihr Geld verloren. Ausnahmsweise schrieb Senator Abendroth Sorgenbriefe: Ein grosses Unglük für Hamburg ist der Fall der Centralcasse nachdem sie sich so ausgebreitet – was alle vernünftigen Leute längst vorausgesagt … – Es ist besonders traurig in zwiefacher Hinsicht 1) für kleine Leute die man durch allerley Anlokung zur Hergabe kleiner Geldsummen vermocht 2) für Handwerker denen Schädtler[47] die Actien gegeben und die … nun 80 pCt werden nachschiessen müssen, worauf die Creditores gewiss drängen werden.[48] Es kam, wie es kommen musste, die Centralkasse ging im Mai 1831 bankrott.[49] Ihr Konkurs versetzte die Stadt monatelang in Aufruhr.
Auf den Straßen gab es lautstarke Proteste, im Sommer 1831 lag Gewalt in der Luft und Bürger fühlten sich vom Volk bedroht. Dr. Bartels, Bürgermeister und Staatschef der Republik, war im höchsten Grade alarmiert. Die Sache wegen der Central Caße, die eine Maße von Menschen um ihren Sparpfennig betrügt, macht uns jezt viel zu schaffen, und droht mit innern Unruhen. Die Leute nehmen sich heraus haufenweise in die Häuser der Directoren zu gehen, und ihr Geld zu verlangen. Eine Maße von Vagabonden vermehrt ihren Zug, und die Bürgerbewaffnung scheint nicht ungeneigt ihre Parthei zu nehmen.[50] Der Zeitpunkt war gerade sehr ungünstig, die revolutionären Erschütterungen des Vorjahres lagen vielen noch gut in der Erinnerung, ebenso wie die damalige unzuverlässige Haltung des Bürgermilitärs. Der soziale Friede war eine zerbrechliche Sache, besonders für eine Republik, die sich manchmal der Loyalität ihrer bewaffneten Bürger nicht ganz sicher sein zu können glaubte.
Der Bürgermeister war durchaus geneigt, die Schuld auch bei den besitzenden Klassen zu suchen. Er ging von einem betrügerischen Bankrott aus und betrügerische Bankrotte wurden in der Regel nicht von Kleinsparern ausgeheckt, sondern von einer Elite mit ausgeprägter krimineller Energie. Dr. Bartels trieben ab und zu merkwürdige Ideen um, Ideen von einem Klassenkampf nämlich der Reichen gegen die Armen. Davon später mehr. Wie dem auch sei, der Konkurs war eine große Sache und wie vorhersehbar erreichten die Wellen der Erschütterung die gerade neu gegründete Sparkasse. Auch dort stürmten die Kunden die Schalter. Einen Grund hatten sie eigentlich nicht. Sie waren aber auf dem besten Wege, selbst einen Crash zu verursachen. Die Kündigungsfrist für die Konten betrug acht Tage, es konnte schnell kritisch werden.
Die Sparkasse war vorbereitet, aber sie überlebte den Sturm eher mit Glück als Verstand. Es gab ausreichende Barreserven. Bey unserer Sparcasse haben wir, schrieb Abendroth im April an Hartung nach Ritzebüttel, zufällig und eigentlich gegen meinen Willen 80.000 Mark stehen, wenn also unwissende Leute die Cassen miteinander verwechseln sollten so sind wir parati … alle bezahlen zu können … – Unsere Casse ist ganz einfach im kleinen was unsere Bank im grossen – Ehe ganz Hamburg nicht zu Ende geht können wir nicht fallen.[51] Das war zu hoffen.
Natürlich verwechselten die Sparer die Kassen. Aber am Schalter sorgte Senator Abendroth persönlich für Beruhigung. Der Sturm setzte Anfang April wie erwartet ein, ich habe mich aber doch da wir noch 3 Sonnabende zur Kündigung haben in Positur gesezt, wenn das erste Chaos vorüber ist, so werden wir uns desto glorreicher aus der affaire ziehen.[52] Zwischenzeitlich wurde es trotz des posierenden Senators noch schlimmer. In den Büros der Sparkasse stauten sich die Kunden und an einem einzigen Tag, dem 7. Mai 1831, forderten sie 91.000 Mark zurück. Dann beruhigte sich die Lage. Am Ende des turbulenten Jahres 1831 hatten sich die Einlagen um 120.000 Mark vermindert.[53] Größerer Schaden war aber nicht entstanden.
Bei der Central-Casse sah es hingegen nicht so gut aus. Die mechante CentralCasse macht viele Leute unglüklich, war Abendroths kurze Zusammenfassung.[54] Aber Kleinsparer hatten immerhin Glück. Guthaben von weniger als 200 Mark wurden voll ausgezahlt.[55]
Die Hamburger Sparkasse wollte ihren Kunden über schwierige Zeiten hinweghelfen. Verliehen wurde aber auch dort kein Geld. Man musste schon vorher gespart haben. Daher ja auch der Name Sparkasse. Wie das ging, zeigte sich im Winter 1829/30. Die Sparcasse, schrieb ihr Chef Abendroth optimistisch, wo Leute für trübe Zeiten sich etwas ersparen, was sie dann sogleich erhalten können, wirkt oft wohlthätiger als ein Vorschuß, der nur immer sehr mühsam abbezahlt werden kann, die Sparcasse ist auch dazu benuzt. Im Januar 1830 wurden 21.000 Mark zurückgefordert und zurückbezahlt.[56] Der Senator war zufrieden. Die Sparkasse legte ihr Geld in Hamburger Staatspapieren oder in Hypotheken an. Im Ausnahmefall durfte sie sogar diskontieren. Ein Kundenkreditgeschäft hatte sie jedoch nicht. Nach wie vor blieb deshalb die Frage unbeantwortet, woher kleine Handwerksbetriebe ihr Geld nehmen sollten, ohne sich mit 40 % Wucherzinsen zu belasten. Auch hier tat sich etwas, allerdings ohne die Hamburger Sparkasse.
Es wurden zwei Institute für Kleinkredite, also Vorschüsse, gegründet, beide als sozusagen wohltätige Aktiengesellschaften. Die Bürgergesellschaft hatte noch keine klare Vorstellung, ob eine Aktiengesellschaft wohltätigen oder schnöden kommerziellen Prinzipien folgen sollte. Das erste Institut entstand 1831. Bis 1841 lieh es 756 Kreditnehmern 36.000 Mark, meistens zwischen 30 und 90 Mark pro Kredit.[57] Das zweite richtete sich eher an Gewerbebetriebe und vergab in vier Jahren etwa 500 Kredite bis maximal 1.200 Mark. Die meisten hatten ein Volumen von 150 bis 600 Mark.[58] Hier geriet der statistisch-nüchterne Franz Heinrich Neddermeyer, Senatskanzlist, der diese Werte zusammenstellte, einmal in Begeisterung. Mit dieser Anstalt ist einem großen Bedürfnis unserer Vaterstadt abgeholfen und es steht zu hoffen, daß dieselbe ihre Wirksamkeit immer mehr ausbreiten werde.[59] Merkwürdig nur, dass die Gründer der ersten Sparkassen nie auf die Idee kamen, sie zu Spar- und Darlehenskassen auszubauen. Vielleicht fanden sie das zu riskant und der Fall der Centralkasse bestätigte die Bedenken.
Neben der Sparkasse und der Versorgungsanstalt gab es noch eine weitere Option: eine Sozialversicherung für die arbeitende Klasse. Die Idee der Versicherung breitete sich in der Republik Ende des 18. Jahrhunderts schnell aus. Wenn Immobilien und Schiffe versicherbar waren, dann vielleicht auch Alter, Arbeitslosigkeit und Krankheit von Dienstboten und Tagelöhnern?
Die Patriotische Gesellschaft hielt es für möglich. Sie entwickelte ein Programm, unsern niedern Klassen mehr Selbstgefühl und Selbstständigkeit dadurch zu geben, daß sie sich ein Auskommen im Alter erwerben können.[60] Dahinter stand Caspar Voght, der mit der Sozialversicherung die bloße Fürsorge der Armenanstalt ersetzen wollte und dafür gerade die Patriotische Gesellschaft mobilisierte. Es war ein Modell mit allergrößter Zukunft. Erwerben war das Schlüsselwort. Auf eigene Kraft und eigene Leistung kam es an. Der Staat sollte aber auch einen Beitrag leisten. Vorbild waren die Vorzugszinsen für die Versorgungsanstalt. Die Patriotische Gesellschaft forderte staatliche Zuschüsse zur Erhöhung der Zinsen für das Geld, das die neue Sozialversicherung in Hamburger Staatsanleihen anlegen würde. Höhere Renten wären die Folge und eine befriedete und republiktreue Arbeiterklasse, weil dadurch das Interesse jedes Individuums näher an das Interesse des Staats geheftet wird … Daher muß hier jeder Grund wegfallen, der einst … gegen den der Versorgungs-Anstalt verwilligten höhern Zinsfuß gemacht wurde; und ist mit Sicherheit voraus zu setzen, daß die Kammer dieser Anstalt den Zinsfuß von 3 Prozent Geld von Geld nicht versagen würde.[61]
Das Programm war zugleich staatstragend und revolutionär. Eine Alters- und Krankenversicherung machte die kleinen Leute schon aus Eigeninteresse zu treuen Bürgern der Republik. Einen Bonus gab es auch noch: Die teure Armenanstalt würde den größten Teil ihrer Arbeit einstellen können. 1805 lebten 2.200 Menschen von der Fürsorge, davon 1.500 älter als 60 Jahre.[62] Im Idealfall sollten fast zwei Drittel von ihnen im neuen System Altersrenten beziehen. Der Irrtum bestand allerdings darin anzunehmen, der Hamburger Staat wolle dazu einen Beitrag leisten. Er wollte nicht.
Die kurze Geschichte der Hamburger Sozialversicherung hatte 1794 begonnen. Sekretär Dr. Meyer kündigte in der Patriotischen Gesellschaft die Gründung einer Sparkasse für Fabrikarbeiter und Unternehmer an, wie so oft eine Idee Georg Heinrich Sievekings.[63] Die Bezeichnung war allerdings irreführend, denn es handelte sich eigentlich um eine Arbeitslosenversicherung. Die Unternehmer sollten einen Teil des Lohns im Sommer einbehalten und im Winter als Arbeitslosengeld wieder auszahlen.
Die Ökonomen der Republik mussten nicht lange nach Beispielen für saisonale Arbeitslosigkeit suchen. Die Kattunfabriken der Stadt beschäftigten an die 600 Frauen und Mädchen. Im Sommer verdienten sie nicht schlecht, aber im Winter waren fast alle arbeitslos. Es wäre zu wünschen, schrieb der umtriebige Professor Brodhagen, der sich ja auch schon für Kohleheizung und Handwerkerbildung engagierte, daß diejenigen Fabrikanten, die ihre Arbeiter im Winter nicht beschäftigen können, sich vereinigten, einen Theil des Tagelohns in eine Sparkasse zu legen, woraus den Arbeitern, während der Zeit, da sie nicht arbeiten können, wöchentlich etwas, oder wenigstens Geld zur Feuerung und Miethe gegeben würde.[64] Brodhagen stammte selbst aus schwierigem sozialen Umfeld und wusste, wovon er sprach.[65] Aber vorerst rührte sich nichts.
Für den Winter 1800/1801 projektierte dann die Patriotische Gesellschaft die Gründung einer Versicherungsassoziation – als Beispiel und Testfall. Im gemeinnützigen Volksalmanach für das Jahr 1801 sollte sie mit praktischen Tipps über Beitritt, Leistungen und Beiträge angekündigt werden.[66] Caspar Voght modellierte nach englischem Vorbild den Hamburger Versicherungsverein: eine freiwillige Assoziation mit 150 bis 200 Mitgliedern und Wochenbeiträgen zwischen zwei und vier Schilling. Damit sollten ganz erhebliche Leistungen finanziert werden: Krankengeldzahlungen von zwei bis drei Mark pro Woche und Rentenzahlungen für Mitglieder über 60 von drei bis vier Mark, ab dem 70. Lebensjahr fünf bis sechs Mark.[67] Im Krankheitsfall sollte die Versicherung also etwa ein Drittel des Lohns ersetzen, im hohen Alter mehr als die Hälfte – und das bei einem Beitragssatz von etwa 5 %. Die Kalkulationen waren optimistisch.
Einige Jahre später fielen sie bescheidener aus, auch hieß es, dass der durchschnittliche Wochenlohn der meisten Tagelöhner auf das ganze Jahr verteilt nur bei 4 Mark 8 Schilling liege.[68] Versichern sollten sich jedenfalls alle, Männer und Frauen, Verheiratete und Ledige, Handwerker und einfache Wasserträger. Das war der Plan Caspar Voghts: Seht, liebe Mitbürger! das ist es, was wir hier auch gerne für euch thun und veranstalten wollten.[69] Tagelöhner und Handwerker mussten sich nur noch zur Gründung entschließen, die Bürger der Patriotischen Gesellschaft wollten sie unterstützen. Einer von ihnen, Senator Günther, versprach 25.000 Mark zur Anschubfinanzierung.[70] Von gesetzlicher Versicherungspflicht war nicht die Rede. Sie war in der liberalen Republik nicht zu erwarten. Alle Beteiligten setzten auf Vernunft und Öffentlichkeitsarbeit.
Versicherungsvereine waren ein potenzielles Großprojekt. Bei ihrer Realisierung wären Gesundheitsfürsorge und Altenversorgung der Armenanstalt überflüssig geworden. Aus Fürsorgeempfängern hätten sie freie Menschen mit Eigentumsansprüchen gemacht, so die Hoffnung. Schon in der Planung zeigte sich allerdings, dass die Versicherungsvereine mindestens eine Kapitalverzinsung von 4 Prozent erreichen mussten, um attraktive Pensionszahlungen anbieten zu können. Dieser Punkt war wichtig, weil Mittelstand und kleine Leute freiwillig und verlässlich über einen langen Zeitraum sparen mussten. Schon in seinen ersten Vorschlägen hatte Sieveking deshalb eine Verzinsung von 6 Prozent verlangt, aufzubringen durch Zuschüsse der Wohlhabenden.[71] Eine Altersversicherung musste sich auch für den Hamburger Sparer mit einem Jahreseinkommen von 300 oder 400 Mark rechnen. Ohne Anhebung des Zinssatzes der Staatsanleihen war das nicht möglich. Aber die Republik sperrte sich.[72] Alternativ waren höhere Beiträge denkbar, aber dafür fehlte den ärmeren Klassen das Geld.[73] Zusätzlich sorgten konjunkturelle Wechselfälle für Verunsicherung. Niemand wagte sich an die Realisierung des Plans.[74] Der Fortschritt kam ins Stocken, bevor er begonnen hatte. Voght tat es noch Jahrzehnte später leid um die verpasste Chance. Wie viel würde der Staat ersparen, wenn er den Armen selbst 5 pCt. gebe – als Verzinsung ihrer Rentenbeiträge – und dafür keine alten Armen zu unterstützen hätte.[75]
War die Idee der Sozialversicherung damit tot? Nicht ganz. 1828, ein Jahr nach Abendroths Gründung der Hamburger Sparkasse, richtete Heinrich Christian Meyer in seinem Betrieb eine Kranken- und Hinterbliebenenversicherung für 200 Arbeiter ein.[76] Er produzierte mit Dampfmaschinen Spazierstöcke, daher der populäre Name Stockmeyer. Auch viele Zünfte unterhielten Unterstützungskassen.[77] Für Bürgermeister Bartels spielte das eine nicht unerhebliche Rolle bei der Reform der Gewerbegesetze: Zünfte sollten entmachtet, ihre sozialpolitischen Funktionen aber erhalten werden. In dieser Form konnte die Sozialversicherung auch in einem konservativeren Gesellschaftsmodell ihren Platz finden. Und 1833 richtete die Republik eine Pensionskasse für Witwen und Waisen von Staatsbeamten ein. Sie finanzierte sich je zur Hälfte aus Mitgliedsbeiträgen und einem Staatszuschuss. Die Rente betrug 20 Prozent des Einkommens. Ein paar Jahre später wurde sie auf Militär, Bürgermilitär, Nachtwache und Kirchenangestellte ausgedehnt.[78]
Zum größten und wichtigsten Vorsorgeinstitut der Republik aber wurde die Hamburger Sparkasse. Auf Sozialversicherungen und auf Kreditinstitute für den kleinen und mittleren Bedarf mussten Handwerker und Arbeiter hingegen noch einige Zeit warten.
Die Abkürzungen StAHH, StAB und StACux beziehen sich auf Bestände der Stadt- und Staatsarchive von Hamburg, Bremen und Cuxhaven; die Fußnoten auf die Literaturliste.
[1] Buek: Handbuch, S. 316f.; Heß: Hamburg, Teil 2, S. 402–405.
[2] Neddermeyer: Statistik, S. 590.
[3] Günther: Versuch, S. 186.
[4] Günther: Versuch, S. 186.
[5] Günther: Versuch, S. 180.
[6] Günther: Versuch, S. 193f. und 268.
[7] Günther: Versuch, S. 280f.
[8] Günther: Versuch, S. 303.
[9] Verhandlungen und Schriften, Bd. 7 (1807), S. 418f.
[10] Ein Beispiel dafür bei Günther: Versuch, S. 251.
[11] Verhandlungen und Schriften, Bd. 7 (1807), S. 418.
[12] Verhandlungen und Schriften, Bd. 7 (1807), S. 369.
[13] Verhandlungen und Schriften, Bd. 1 (1792), S. 83.
[14] Verhandlungen und Schriften, Bd. 7 (1807), S. 366–368.
[15] Beneke: Tagebücher, 26.3.1809.
[16] Verhandlungen und Schriften, Bd. 2 (1793), S. 159f.
[17] Heyden: Sparkasse, S. 5.
[18] Verhandlungen und Schriften, Bd. 7 (1807), S. 348f.
[19] Verhandlungen und Schriften, Bd. 7 (1807), S. 358f.
[20] Verhandlungen und Schriften, Bd. 7 (1807), S. 355.
[21] Verhandlungen und Schriften, Bd. 7 (1807), S. 354.
[22] Verhandlungen und Schriften, Bd. 7 (1807), S. 360 und 364.
[23] Revidirte Anordnung, S. 5.
[24] Anordnung, S. 10.
[25] StAHH, Allg. Armenanstalt I 6, Memorandum Abendroths, März 1830.
[26] Verhandlungen und Schriften, Bd. 7 (1807), S. 361f.
[27] Hudtwalcker: Bemerkungen, S. 70.
[28] Hudtwalcker: Bemerkungen, S. 70.
[29] Heyden: Sparkasse, S. 5.
[30] Anderson: Sammlung, Bd. 8, S. 151.
[31] Stubbe da Luz/Wurm: ‚Hamburg‘, Bd. 2, S. 296 und 344.
[32] Abendroth an F.J.L. Meyer, den Geschäftsführer der Gesellschaft, zitiert nach Tilgner: Abendroth, S. 59.
[33] Abendroth: Wünsche, S. 143.
[34] Neddermeyer: Statistik, S. 597.
[35] Protokolle des Armenkollegiums, zitiert nach Heyden: Sparkasse, S. 8 und 11.
[36] Protokoll des Armenkollegiums, zitiert nach Heyden: Sparkasse, S. 10.
[37] Tilgner: Abendroth, S. 117f.; der Organisationsplan bei Anderson/Lappenberg: Sammlung, Bd. 10, S. 18–42.
[38] Hamburgischer Correspondent, 19.6.1827.
[39] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel I Fach 13 Vol B Fasc 2 Dok 20, Abendroth an Hartung, 3.1.1828.
[40] Böer: Anfänge, S. 119.
[41] Heyden: Sparkasse, S. 27–29.
[42] Böer: Anfänge, S. 61.
[43] Böer: Anfänge, S. 108; Anderson/Lappenberg: Sammlung, Bd. 11, S. 12.
[44] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel I Fach 13 Vol B Fasc 2 Dok 120, Abendroth an Hartung, 22.4.1831.
[45] Heyden: Sparkasse, S. 34–37.
[46] Gallois: Geschichte, Bd. 3, S. 189.
[47] Das war H.D. Schädtler, der Bevollmächtigte der Centralkasse. Er hatte sich in Immobilienspekulationen mit C. D. G. Schwieger verstrickt, was großes Aufsehen verursachte: Stoff zur Unterhaltung gab hier die Transaction, wodurch der Bauunternehmer C.D.G. Schwieger der Centralkasse 61 Erben, worauf sie Vorschuß gegeben hatte, zur Disposition und Administration stellte. Gallois: Geschichte, Bd. 3, S. 244. Die Centralkasse aber hatte Probleme, die Häuser zu Geld zu machen. Gallois: Geschichte, Bd. 3, S. 259f. und 407. S. auch Heyden: Sparkasse, S. 35.
[48] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel I Fach 13 Vol B Fasc 2 Dok 118, Abendroth an Hartung, 5.4.1831.
[49] Gallois: Geschichte, Bd. 3, S. 407–409.
[50] StAB, 2 B 5 a 7 Vol 2, Bartels an Smidt, 16.7.1831. Vgl. auch Beneke: Tagebücher, 15.7.1831.
[51] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel I Fach 13 Vol B Fasc 2 Dok 118, Abendroth an Hartung, 5.4.1831.
[52] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel I Fach 13 Vol B Fasc 2 Dok 119, Abendroth an Hartung, 12.4.1831.
[53] Böer: Anfänge, S. 106 und 109.
[54] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel I Fach 13 Vol B Fasc 2 Dok 119, Abendroth an Hartung, 12.4.1831.
[55] Gallois: Geschichte, Bd. 3, S. 443.
[56] StAHH, Allg. Armenanstalt I 6, Memorandum Abendroths, März 1830.
[57] Neddermeyer: Statistik, S. 600f.
[58] Neddermeyer: Statistik, S. 604.
[59] Neddermeyer: Statistik, S. 604.
[60] Verhandlungen und Schriften, Bd. 7 (1807), S. 397.
[61] Verhandlungen und Schriften, Bd. 7 (1807), S. 398. Mit Kammer meinte er die Kämmerei, das Finanzministerium der Republik.
[62] Verhandlungen und Schriften, Bd. 7 (1807), S. 414.
[63] Verhandlungen und Schriften, Bd. 4 (1797), S. 67–69, Bd. 7, S. 381.
[64] Verhandlungen und Schriften, Bd. 3 (1795), S. 141.
[65] Stubbe da Luz/Wurm: ‚Hamburg‘, Bd. 1, S. 357.
[66] Verhandlungen und Schriften, Bd. 6 (1801), S. 179–181.
[67] Verhandlungen und Schriften, Bd. 6 (1801), S. 497–503.
[68] Verhandlungen und Schriften, Bd. 7 (1807), S. 402 und 410.
[69] Verhandlungen und Schriften, Bd. 6 (1801), S. 501.
[70] Voght: Gesammeltes, S. 79.
[71] Sieveking: Georg Heinrich Sieveking, S. 62.
[72] Verhandlungen und Schriften, Bd. 7 (1807), S. 417.
[73] Verhandlungen und Schriften, Bd. 7 (1807), S. 54.
[74] Verhandlungen und Schriften, Bd. 7 (1807), S. 382.
[75] Voght: Gesammeltes, S. 79.
[76] Klessmann: Geschichte, S. 418.
[77] Neddermeyer: Statistik, S. 627.
[78] Gallois: Geschichte, Bd. 3, S. 333 und 372.


