70. Hamburger Sozialpolitik auf Sparflamme
Die Abschaffung der Armut scheitert
1814 forderten Wirtschaft und Politik in Hamburg staatliche Sparsamkeit, um die Konjunktur zu beleben und den öffentlichen Kredit zu sichern. Damit waren weitreichende Folgen für die Sozialpolitik verbunden.
Dies ist Teil 70 der Aufklärung in Hamburg: Johann Heinrich Bartels, Amandus Augustus Abendroth, Ferdinand Beneke und die Verbesserung einer deutschen Republik 1790–1835. Die Einleitung beschreibt, worum es geht, und ein Überblick über die bisher veröffentlichten Kapitel findet sich hier.
Das gesellschaftliche Klima war rauer geworden und die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt härter. Zwischen 1817 und 1830 vermehrte sich die Bevölkerung Hamburgs um 12.000 Menschen.[1] Das wiesen die Sozialpolitiker der Armenanstalt nach. Überbevölkerung hieß die Diagnose und zwar überall, in Hamburg und auch im kleinen Ritzebüttel an der Elbmündung.[2] Die Sozialpolitik der Republik stellte sich darauf ein und suchte nach Erklärungen. Wenn wir jetzt eine vergrößerte Population annehmen, kommentierte Amandus Augustus Abendroth im Frühling 1830 die Lage, so ging in früheren Zeiten bei großen Geschäften und geringerer Volksbildung mancher schlechte Mensch mit durch …, statt daß jetzt bei mehr Menschen der Privatmann sich die bessern aussuchen kann, und die schlechten dann dem Publico zu Last fallen. – Wodurch ist dies aber veranlaßt? Gewis nicht durch Einwanderungen, wie so oft behauptet, die uns so nothwendig wie das tägliche Brod sind.[3] Abendroth tippte auf die Pockenimpfung, die die alten demografischen Verhältnisse revolutionierte und die natürliche Relation zwischen Geburten und Todesfällen aus dem Gleichgewicht brachte. Ich meine daß diese Überbevölkerung mit allen ihren guten und schlimmen Folgen der so wohlthätigen Vaccine zuzuschreiben ist, die alle Süßmilchschen Tabellen durchaus unnütz und unrichtig gemacht hat. Deswegen bleibt die Vaccine aber immer eine große Wohlthat für die Menschheit und wird die gütige Vorsehung wie immer auch diesen Nachtheil anderweitig auszugleichen wissen, daß wir aber dabey die Hände nicht müssig in den Schoß legen dürfen, versteht sich ja wohl von selbst.[4] Aber was genau war zu tun? Wohltat hin, Wohltat her, es blieb für die Bevölkerungspolitiker der Republik, in der Regel eher die geborenen Optimisten, eine ziemlich entmutigende Einsicht, die in einem sehr kurzen Satz zusammenzufassen war, was Abendroth denn auch tat: Alle Staaten und Städtchen leiden jetzt an der Ueberbevölkerung.[5] Das war in jedem Falle ein Thema für die Armenanstalt, die aber hatte ihre eigenen Sorgen.
Die Armenanstalt musste 1814 von vorn anfangen.[6] Es war ein vielstimmiges Unternehmen. Auch Ferdinand Beneke ließ sich vernehmen. Er war Ende 1815 in die Chefetage, in das Armenkollegium, gewählt worden – allerdings gegen seinen Willen.[7] Schon seit längerer Zeit war er Feind der aufgeklärten Sozialpolitik, die dort ihren Sitz hatte. Nach seiner Wahl zum Oberaltensekretär akzeptierte das Kollegium seinen Rücktritt – vielleicht nicht ungern.[8] Ideen für die Armenfürsorge der Republik hatte auch er, nur hatten sie mit Aufklärung und der Analyse von Arbeitsanreizen und Einkommensverhältnissen nicht viel zu tun. Er ersetzte Soziologie durch Religion und Mitleid trat an die Stelle konkreter sozialpolitischer Ziele. Es war so gläubig und romantisch wie nur möglich. Das Betteln als ein heiliges Naturrecht[9] stand im Mittelpunkt. Der Armenpfleger sollte sich direkt um seine Schutzbefohlenen kümmern und dabei für die Verlorenen und Verarmten ein Herz voll Liebe in sich[10] tragen. Das hatte Folgen: 1822 ließ er sich wieder zum Pfleger ernennen. Unter den alten Aufklärern sorgte dieser Schritt für hochgezogene Augenbrauen. Ein ehemaliger Chefadministrator der städtischen Sozialpolitik kletterte in dem scheuslichen Elendswinkel des Doovenfleets[11] wieder in die Säle und Buden seiner Klienten. Ihnen war das unerklärlich.
Beneke war jetzt für 80 Familien zuständig. Es dauerte allerdings nicht lange, bis er sich über die lästigen Besuche seiner Armen zu beklagen anfing.[12] Sechs bis zehn Bittsteller kamen an manchen Vormittagen und klagten ihm ihre Not. Trotz meiner Idéen über die Geisterbahn, und das inwendige Leben, denen zufolge ich zuweilen durch die Runzeln eines Greises den beynahe fertigen Engel herdurchblicken sehe, will mir doch zuweilen die Geduld ausgehen, zumahl wenn die eingefleischten Geister allzu unsauber sind, überdem ihre Rede lang, meine Zeit kurz ist. Dann flüstert mir aber mein Engel zu: ‚Alles Gottes Kinder!‘ – oder: ‚Lasset die Kindlein zu mir kommen!‘ … Dann wird auch sofort meine Stirn wieder glatt, und das Wort freundlich, und Gott hilft mir, und ihnen - [13] Christliche Nächstenliebe, bei der es manchmal etwas roch. Aber da wollte er durch.
1832 trat er allerdings auch als Pfleger zurück. Es lag vielleicht am Alter, aber wahrscheinlich gab es noch andere Gründe. Betteln als heiliges Naturrecht war das Allerletzte, was die Armenanstalt zu ihrer offiziellen Sozialpolitik erklären würde. Für sie ging es um den vernünftigen und zielgerichteten Einsatz beschränkter Mittel. Herrschaft der Ökonomisten über die Philanthropen,[14] kritisierte Beneke. Unvermeidlich, antwortete Abendroth, die Armenanstalt konnte für ausgefeilte Präventionsprogramme kein Geld ausgeben, das sie nicht hatte. Und es stellte sich auch die Frage, ob sich das je gelohnt hatte. Es war ein hartes, aber unerläßlich nothwendiges, so kommentierte der Senator ein paar Jahre später, durch die Umstände herbeigeführtes Ereignis, diese so schöne menschenfreundliche Idee gänzlich aufzugeben; die Occupation durch die französischen Truppen ersparte dem Armen-Collegio nur dies Geständniß. Dies schöne Gebäude war auf brillante Zeit berechnet, einem Herbststurme vermochte es nicht zu widerstehen.[15]
Die Armenanstalt hatte kein Geld mehr. Es war ein ziemlich starkes Argument, wenn das alles regierende Geld fehlte,[16] so beschrieb der praktische Abendroth das einmal. Mindestens genauso wichtig war es, dass die Armenanstalt einen Teil ihrer Aktivitäten mittlerweile selbst kritisch betrachtete – die Maßnahmen zur Prävention von Armut nämlich und das ganze System des Social Engineering, das damit verbunden war. Das allerdings war keineswegs Konsens – und es waren die Senatoren Bartels und Abendroth, die von der neuen Sparsamkeit sichtlich abwichen oder zumindest abweichen wollten.
Im Kollegium im Allgemeinen aber hatte sich Desillusion ausgebreitet. Bei manchen Vorstehern schwang eine gewisse kleinliche Beleidigung mit. Man glaubte die Beobachtung gemacht zu haben, dass der Arme, dem man so hochherzig Institute zu seiner Regeneration gestiftet hatte, immer mehr haben wollte, am liebsten Bargeld. Von Dankbarkeit schien er auch noch nichts gehört zu haben und führte in lästigen Verhandlungen gerne den Nachbarn an, der ein paar Schilling mehr ergattert hatte. Das verstimmte. Alles war für die Armenfreunde nur ein Indikator dafür, dass die Prävention ins Leere gelaufen war. Beispiele wurden herumgereicht von Eltern, die verschwanden und ihre Kinder sitzen ließen, Bindgarnspinnern in der Arbeitsbeschaffung, die nichts taten, aber die Prämien kassierten, Handwerkern, die den Vorschuss nicht zurückzahlten, Pseudokranken, die es auf das Krankengeld abgesehen hatten, und dann das alte Leid, mit dem Abendroth sich jahrelang herumgeschlagen hatte: Die Leute heirateten ohne einen Gedanken an die Zukunft und immer mehr uneheliche Kinder landeten bei der Fürsorge. Die Armenanstalt zog die Konsequenz und strich das Programm der Prävention. Man gedachte wehmutsvoll mancher Träne, die man getrocknet hatte. Aber es musste sein.
Realismus machte sich breit und der Rotstift wurde angesetzt. Im Kern blieb für die Armenanstalt die Versorgung der Arbeitsunfähigen und Alten. Verschiedentlich wurden Beihilfen für Kleidung, Heizung und Miete angeboten, aber das war es denn auch. So die Vorschläge des Armenkollegiums. Durch die Vermittlung seines hochverdienten Praesidis[17] – damit war Senator Bartels gemeint – bat der Vorstand der Armenanstalt 1814 im Senat um die Genehmigung. Sie erfolgte umgehend und die neuen Richtlinien bildeten die Grundlage der Sozialpolitik der kommenden Jahre.
Ein Problem aber blieb ungelöst. Die Führung der Armenanstalt hatte sichtlich an Dynamik verloren. Das Armenkollegium war zu groß und die Vorsteher saßen wie festgeklebt auf ihren Posten. Es war nicht gerade ein Rezept für Innovation. Dr. Abendroth wollte das ändern – ohne Erfolg. Mit einem Vorschlage jährlich 2 Vorsteher abgehen zu lassen wodurch sie also 10 Jahre lang blieben, und ohne den Geist aus dem Collegio zu vertreiben doch immer neue Ideen und ein neues Leben hineinkomt, bin ich ganz und gar abgefahren, die älteren waren auf dem point dies als Beleidigung aufzunehmen, und doch hat eine zu lange Perennirung oder Versteinerung wie die Erfahrung sagt (vide das HiobsKapitel) grosse Nachtheile.[18]
Wie nicht anders zu erwarten tauchte die Frage der Finanzierung Jahr für Jahr wieder auf. Die ursprünglichen Ansätze von 1814 waren niedrig. Die Armenanstalt taxierte ihren Jahresbedarf auf 170.000 Mark und beantragte dafür einen staatlichen Zuschuss von 80.000 – kein Vergleich mit der halben Million, die sie 1809 ausgegeben hatte. Senat und Bürger billigten diese Vorlage ohne größere Probleme im Dezemberkonvent von 1814.[19] Das Präsidium der Bürgerschaft hatte sich kurz zuvor noch auf den Standpunkt gestellt, der Staat solle die gesamte Finanzierung der Kosten übernehmen.[20] Damit wäre das System der freiwilligen Beiträge, weggefallen. Abendroth in Ritzebüttel hätte zugestimmt. Er stellte die Sozialpolitik in seiner Provinz komplett auf staatliche Finanzierung um.[21] In Hamburg gab es dafür keine Mehrheiten.
Natürlich fielen dann die Aufwendungen erheblich höher aus. Von 170.000 Mark 1815 stiegen die Ausgaben Jahr für Jahr, bis sie 1819 rund 290.000 Mark erreichten, um dann für einige Jahre auf diesem Niveau zu verharren. Den größten Sprung verzeichneten sie von 1816 auf 1817 mit einer Zunahme von 180.000 auf 250.000 Mark.[22] 1818 standen die Verantwortlichen erneut vor der Frage, wie es weitergehen sollte. Die Zahl der Antragsteller war sprunghaft gestiegen, Otto von Axen sprach im Vorstand der Armenanstalt von der ungeheuren Vermehrung der Hülfsbedürftigen.[23] Das war mit ziemlicher Sicherheit eine Fernwirkung des großen Ausbruchs des Tambora in Niederländisch-Indien im April 1815. Die Bürger der Republik ahnten nichts davon, erlebten aber schon im Sommer 1815 die ersten Auswirkungen. Sie mussten mitten in den Hundstagen zum Überrock greifen.[24] Im dunklen und regnerischen Sommer des folgenden Jahres kam der erste schöne Sommertag erst im September,[25] und schon Ende November war die Alster so fest zugefroren, dass Polizeichef Bartels das Schlittschuhlaufen erlaubte.[26] Otto von Axen verdarb das schlechte Wetter die Badereise ins Weserbergland. Einem Starkregenereignis im Juli mit Blitz und Donner begegnete er mit aufgeklärtem Humor, die Bestürzung war allgemein und einige ängstliche glaubten schon das der Professor in Bolongne sich versehen und statt den 22en den 18. July das Ende der Welten berechnet hätte.[27] Der verrückte italienische Prophet aus Bologna, so die Londoner Presse, versetzte gerade ganz Europa in Aufregung. Ein Pariser Druckwerk kannte Details über das Ende der Welt und fand reißenden Absatz. Auch die Badegesellschaft im Weserbergland konnte sich der Panik nicht entziehen, Herr von Axen aber wahrte aufgeklärte Ruhe.[28] Der Bürger zog seinen Überrock an und machte Witze. Für die ärmeren Klassen begann die Hungerkrise.
Manche Politiker der Republik reagierten radikal, Senator Pehmöller zum Beispiel. Je mehr Leistungen, desto mehr Arme, warnte er und befürchtete, dass diese fehlgeleitete Sozialpolitik am Ende in völlige Gleichheit ausarten würde.[29] Um Himmels Willen. Die Armenanstalt schien selbst zur Gefahr zu werden. Entsprechend senkte der Senat, Sorgenfalten auf der Stirn, den vom Armenkollegium beantragten Staatszuschuss für 1819, verbunden mit der Drohung, nie, aber auch wirklich nie wieder, mehr zu bewilligen, obwohl sich für das kommende Jahr schon wieder Mehrausgaben abzeichneten.
Eine Überraschung erlebte das Hohe Haus jetzt mit Senator Bartels. Der bot alles auf, um weitere Sparmaßnahmen zu verhindern, und rief dabei auch noch seinen alten Plan einer Zentraladministration der milden Stiftungen in Erinnerung. Mit gemischtem Ergebnis. Wenn einstens, so Mitte 1819 sein Plädoyer im Ratssaal für mehr Geld, alle unsre Wohlthätigkeits-Anstalten vereint worden sind, - /: ein Ereignis welches gewiß die wohlthätigsten Folgen haben würde :/ - wenn wir unseren erwerbsfähigen Armen erst wieder Arbeit anweisen können; - wenn dem Einschleichen der Fremden erst wird kräftig gewehrt werden können; - wenn Fremde nur unter Bürgschaft, dem Staat in 5 Jahre nicht zur Last fallen zu wollen, Bürger werden können; - wenn leichtsinnige Ehen gesteuert, Lottospieler bestraft, Spielhäuser vertilgt und Tanzsäle beschränkt worden sind, und manche kleine Festtage, jezt dem Herumtreiben und Schwärmen gewidmet, in Arbeits und Erwerbstage verwandelt worden sind; - und wenn endlich die bittern Lehren der Erfahrung und die ernsten Lehren der Religion erst wieder die untere Volksklasse gebeßert haben werden – dann können wir hoffen, Verminderung der Ausgaben auch für die Armen Anstalt zu erleben; - bis dahin gilt es nur der Hülfsbedürftigkeit abzuhelfen. - [30] Es war das alte Programm der Aufklärer, jetzt aber in konservativem Kostüm: Armutsprävention, Arbeitsbeschaffung, Kontrollen der Zuwanderung, Reduzierung der Eheschließungen, vom Lotto ganz zu schweigen. Dieser Aufklärer fühlte sich verantwortlich für die Menschen der Stadt und war auch bereit, dafür mehr Geld auszugeben. Auf seinem Programm stand aber eben auch die Besserung, und zwar die Besserung angeordnet und überwacht von oben, von einsichtsvollen und wohlwollenden Politikern der alten Schule. Widerspruch der zu verbessernden Menschheit war nicht wirklich vorstellbar. Seine Kollegen Senatoren hörten es nicht mehr gern. Im Juli beharrten sie auf Sparsamkeit, ließen sich im Oktober aber doch noch zu einer außerordentlichen Bewilligung erweichen.[31]
Dabei gerieten besonders zwei Posten des Budgets in Bedrängnis: Krankenversorgung und Schulbesuch, nicht ganz zufällig die Reste des alten Präventionsprogramms. Sie überschritten konstant die Haushaltsansätze. Im Frühjahr 1821 war Abendroth aus Cuxhaven nach Hamburg zurückgekehrt. Als neuer Polizeisenator und Präses der Armenanstalt nahm er sich der Sache an. Die offene Frage war, in welchem Sinne er dies tun würde. Auch hier eine Überraschung. Es stellte sich schnell heraus, dass er nicht den Sparkommissar abgeben wollte. Als erstes verschaffte er sich ein Bild der Lage. Nach seiner Übersicht gab es 2.600 registrierte arme Familien. Jede dieser Familien taxierte er auf vier Personen, die Armenanstalt sorgte also für 10.400 Menschen. Dazu kamen 1.800 Bedürftige in Krankenhof und Zuchthaus sowie 1000 Kinder im Waisenhaus, für die kleineren Stiftungen nannte er keine Zahlen. Das bedeutete, dass in der 100.000-Einwohner-Stadt Hamburg knapp 15% der Bevölkerung direkt von der Fürsorge abhing.[32]
Das war die allgemeine Lage, aber es waren genauere Daten nötig und die führten Abendroth eher zu den kleinen Leuten knapp oberhalb der Armutsgrenze. Die lag bei 400 Mark pro Jahr, darunter fiel keine Lohnsteuer an. Diese Gruppe machte 80% der Bevölkerung aus.[33] Wie sah ihr Familienbudget aus? Dafür analysierte Abendroth die Verdienst- und Bedarfsrechnung einer Arbeiterfamilie mit sechs Kindern.[34] An 288 Arbeitstagen verdiente sie im Durchschnitt 1 Mark 8 Schilling pro Tag, also 432 Mark im Jahr. Der tägliche Bedarf lag bei 26,5 Schilling, aber an 365 Tagen des Jahres und nicht nur an Tagen, an denen es etwas zu verdienen gab. 605 Mark hätte die Familie eigentlich gebraucht. Das Defizit dieses Haushalts lag also bei jährlich 173 Mark. Es waren ernüchternde Zahlen und die Politik tat gut daran, sie wahrzunehmen. Wenn es nun erwiesen ist, erklärte Abendroth im August 1822 im Senat, und daran hatte er keinen Zweifel, daß diese Leute unter keiner Bedingung auskommen können, und also nur die Wahl bleibt, sie verhungern zu lassen, oder sie zu unterstützen, so kann, da man das erste nicht wird wollen, nur die Frage seyn, welche Unterstützung die wohlfeilste und nützlichste ist, und hier kann ich nicht leugnen, daß eine Unterstützung in kranken Tagen … und Unterricht für die Kinder immer das wohlfeilste und zweckmäßigste scheint, aber eben deshalb würde ich auch diese Hülfe auf das Bedürfnis nach der Kopfzahl der Familie beschränken, und ist es in der Wirklichkeit einerley, ob man diese eingezeichnete Arme, oder wie sonst nennt; genug Unterstützung muß ihnen werden.[35] Der neue Präses der Armenanstalt weitete damit ihren Einzugsbereich, ohne die Sache an die große Glocke zu hängen, in die mittleren Bereiche der kleinen Einkommen aus.
Mehr Geld also für die Krankenversorgung. Die Armenanstalt dürfe auch den arbeitenden Armen mit knappem Einkommen nicht die Hoffnung nehmen, meinte Dr. Abendroth, so ist der Glaube an die Kraft des Arztes doch so allgemein, daß man unmöglich ohne die größte Härte den Angehörigen eines Kranken, er mag reich oder arm seyn, den Trost versagen kann, ihrem Kranken einige Hülfe zu geben.[36] Trost wurde gegeben, das humane Zeitalter verlangte es, und genau genommen verstieß die Armenanstalt dabei jedes Jahr gegen das Gesetz, indem sie ihr Budget überschritt. Im August 1816 hatten Senat und Bürger für die Krankenpflege eine jährliche Pauschale von 30.000 Mark bewilligt.[37] Sie reichte nie. 1821 kostete das Medizinalwesen 56.000 Mark, davon 42.000 für nicht eingezeichnete Kranke. Diese Kategorie war wichtig. Nicht eingezeichnete Arme versuchten, sich mit eigener Arbeit durchzubringen und es möglichst zu vermeiden, von der Wohlfahrt abhängig zu werden. Sie ließen sich also nicht als Hilfsempfänger einzeichnen. Das waren genau die Leute, um die Abendroth sich sorgte. Arbeiter und kleine Handwerker, die durch ihre Familiengröße schnell in finanzielle Bedrängnis gerieten und dann durch den kleinsten Unglücksfall – eine Krankheit zum Beispiel – aus der Bahn geworfen wurden. Das waren eben auch genau die Leute, die sich auf keinen Fall bei der Armenanstalt einzeichnen wollten. Sie fanden das ehrenrührig.
Es frägt sich nun was hiebey anzufangen? Es war Armenpräses Abendroth, der sich das fragte, und seinen Kollegen Senatoren eine bemerkenswert liberale Antwort empfahl. Am angenehmsten würde es seyn, wenn der Senat sich dahin entschlösse zu bestimmen, daß dieser von uns gewünschten wohlthätigen Würkung unsres Medicinal-Wesens der freye Lauf gelassen werden mögte, und daß, da die guten Folgen nicht ausbleiben können, dies seinen bisherigen Gang ruhig fortgehe.[38] Und für den Fall, dass sie es nicht verstanden hatten, unterstrich er es noch einmal. Ich komme immer wieder auf meinen vorigen Wunsch zurück, daß es scheint, daß das Wohlthätigste, was geschehen kann, … darin besteht, einer Familie die erkrankt, sobald als möglich wieder zum Erwerb zu verhelfen, da während der Krankheit nicht nur der Erwerb stockt, sondern auch große außerordentliche Ausgaben vorfallen, und bey längerer Dauer dieses Zustandes eine unvermeidliche Verarmung entsteht, und daß daher diese Ausgaben nicht zu beschränken.
Die Wiederholung half nicht viel, da die Herren im Ratssaal immer wieder auf ihren Wunsch nach Einsparungen zurückkamen. Es mussten Vorschläge her, die Wirkung versprachen, ohne allzu großen Schaden anzurichten. Die Liste war nicht lang. Von der Einschränkung des Krankengeldes war die Rede und von der besseren Kontrolle der Armenärzte, von denen einige auffällig großzügig verfuhren. Etwas ratlos und zweifelnd stimmte der Senat zu. Drastische Auswirkungen waren nicht zu erwarten. Das war vielleicht ganz gut so. Immerhin fielen die Ausgaben für die Gesundheit vorübergehend auf 36.000 Mark – das war 1827. Drei Jahre später im Krisenjahr 1830 sprangen sie wieder auf fast 60.000 Mark.[39]
Die Administration bestand weiterhin darauf, die Krankenfürsorge nicht auf Arme zu beschränken. Von gut 14.000 Leistungsempfängern waren mehr als 10.000 nicht bei der Armenanstalt eingezeichnet.
Mehr Geld auch für den Schulbesuch der Kinder der arbeitenden Klassen. Die Zentralschule am Sagerplatz, deren Bau Bartels geleitet hatte, gab es 1814 nicht mehr.[40] Die Kinder gingen wieder auf die allgegenwärtigen kleinen Privatschulen, wegen ihrer pädagogischen Leistung auch gerne Klippschulen genannt. Die Armenanstalt unterstützte dort aber mehr Schüler als je zuvor. Der Arbeiterfamilie mit ihrem Jahreseinkommen von 432 Mark, die aber eigentlich 605 Mark brauchte, half sie bei der Finanzierung des Schulgelds.[41] Das war pragmatisch und kostengünstig und es verhinderte, dass Arbeiter und kleine Handwerker in wirkliche Armut abrutschten. Die Sozialpolitik dürfe nach der Aufgabe des Präventionsapparats nicht in das andere Extrem verfallen, so Abendroths Plädoyer, und durch Nichtbeförderung des Unterrichts oder Vernachlässigung desselben diese Menschen selbst unfähig zu machen, sich dereinst fortzuhelfen und fortzukommen, ein guter Kopf hilft sich freilich selbst durch, und die Lebens Philosophie erlernt sich am besten durch das Treiben unter den Menschen, allein nicht alle Menschen sind gute Köpfe, und die es nicht sind, müssen doch auch weiter, und müste doch fast alle Vernunft und Erfahrung unterdrückt werden, wenn man nicht eine angemessene Erziehung und einen zweckmäßigen, nicht über den zukünftigen Wirkungskreis der Leute hinausgehenden Unterricht für etwas nützliches halten wollte.[42]
Wie bei der Gesundheitsfürsorge ignorierte die Sozialbehörde die gesetzlichen Limits von 2.600 Schülern und 25.000 Mark Zuschuss. Effektiv unterstützte sie 1830 2.880 Schüler mit rund 60.000 Mark. Faktisch wurde ein Teil der Grundschulen durch die Armenanstalt finanziert. Präses Abendroth sah keinen Grund sich dafür zu entschuldigen, mit Recht hat das Armen-Collegium die … gesetzte Gränze nicht beachtet; nützlicher kann kein Geld ausgegeben werden.[43] Es war eine ziemlich frische Äußerung, die ihm im Senat wahrscheinlich nicht nur Freunde machte.
Eiserner Grundsatz aber war und blieb: Arbeit musste sich immer lohnen, so Sozialsenator Abendroth. Wenn wir nicht dasselbe Unglück erleben wollen, was England mit seiner Armentaxe beinahe ruinirt, so muß der Arme es auf keine Weise so gut oder gar besser haben, wie der fleißige ordentliche Arbeiter, der sich selbst hilft.[44] Andererseits gab es in den strategisch wichtigen Bereichen von Krankenfürsorge und Schulbesuch auch Leistungen für arbeitende Familien, ohne dass die sich in die Armenregister eintragen lassen mussten. Es wurden keine großen Theorien mehr gebaut, aber die Armenanstalt wollte praktisch helfen und tat das in den 20-er Jahren auch. Sie hatte Leute im Auge, die knapp oberhalb der Armutsgrenze lebten. Sie sollten nicht darunter rutschen und schon gar nicht den demoralisierenden behördlichen Stempel der Armut aufgedrückt bekommen. Es war das System Abendroth.
Nicht alle verstanden es. Bei manchen Bürgern war die Armenanstalt zu einer zutiefst unpopulären Institution geworden. Es zeigte sich im frühen Jahr 1830. Die Armen der Republik hatten einen harten Winter hinter sich und Ferdinand Beneke ging in sein Armenquartier, wo wir izt aus freiwilligen Gaben mehrere 100 Mark verteilen, um das Mißverhältnis der kargen ArmenAnstalt zu diesem harten Winter auszugleichen.[45] Die Zeitungen berichteten, wie wenig sich die offizielle Sozialpolitik, die karge Armenanstalt also, darum kümmerte.[46] Eine sechsköpfige Familie war durch private Wohltätigkeit gerade so eben gerettet worden, der Mann arbeitslos, die Frau musste sich um die Kinder kümmern. Sie standen kurz davor zu verhungern. Die Armenanstalt schien es nicht wahrhaben zu wollen. Bei ihr herrschte Unlust, so die öffentliche Wahrnehmung. Gern angeführt wurde eine Sitzung des großen Armenkollegiums, bei der von 38 Mitgliedern nur 17 anwesend waren.[47] Kurz nach ihrer Gründung wäre das nicht passiert, so wurde suggeriert, und Hilfe schnell auf den Weg gebracht worden. Der Mann hätte bei der Fortifikation eine Halbtagsbeschäftigung gefunden, die andere Hälfte seines Lohns hätte die Armenanstalt als Zuschuss gegeben, die Kinder wären in die Zentralschule am Sagerplatz gegangen und hätten durch ihre Prämien die Eltern unterstützt. So die goldenen Erinnerungen Caspar Voghts, mittlerweile weit über 70 Jahre alt. Er hatte den Artikel verfasst und forderte denn auch prompt einen neuen sozialpolitischen Anlauf nach dem Muster von 1788. Das ganze aufgeklärte Instrumentarium der Armutsprävention sollte zum Einsatz kommen. Es gab in der Tat Grund zum Nachdenken.
Das bürgerliche Misstrauen gegen die Fürsorge der Republik spiegelte sich in rapide sinkenden freiwilligen Beiträgen. Sie hatten sich halbiert. 1789 bis 1808 betrug das jährliche Subskriptionsvolumen im Durchschnitt 137.000 Mark, 1830 nur noch 70.000.[48] Dabei war die Spendenbereitschaft an und für sich keineswegs zurückgegangen. Die Beiträge flossen, aber eben an diverse Vereine, die sich spontan zur Bekämpfung der Not bildeten. Der Bürger gab gern, nur nicht mehr der Armenanstalt, weil er dort vermeintlich beobachtete, dass seine Beiträge die Bedürftigen nicht erreichten. Noch problematischer war es, dass die Anstalt auch in Zeiten der Not weiter daran arbeitete, ihr Kapital zu erhöhen, anstatt das Geld den Armen zukommen zu lassen.[49] Auch aus politischen Gründen war eine Antwort auf die Vorwürfe Voghts dringend nötig.
Er hatte sie mit maximaler Wirkung erhoben und obwohl kein Name fiel – das galt im öffentlichen Diskurs nach wie vor als unhöflich –, war doch der politischen Klasse der Republik und dem Angesprochenen selbst völlig klar, um wen es sich handelte: Um Senator Amandus Augustus Abendroth nämlich, den Präses der Armenanstalt. Er musste reagieren. Eine Untersuchungskommission war nicht zu vermeiden, vielleicht war sie auch gar nicht so schlecht. Die Kritik an der Sozialpolitik, davon war Abendroth überzeugt, beruhte letzten Endes auf Unkenntnis. Das Zetergeschrey über vorherrschende Noth, schrieb er zu Beginn des Jahres 1833 an Voght, in diesen so höchst brillanten Zeiten, rührt zum Theil von wohlwollenden Leuten her, die plötzlich, ohne beym Armenwesen herumgekommen zu seyn, die Armen in ihren inneren Verhältnissen zu Gesicht bekommen.[50] Über eine Faktenfindungskommission konnte vielleicht die fehlgeleitete Spendenfreudigkeit der erschrockenen Bürger eingefangen werden. Sie werden schon von der hier herrschenden Epidemie der Wohlthtätigkeit gehört haben, schrieb Abendroth im Februar 1830 nach Ritzebüttel, sie wird wie jede Crisis grosse Schwäche nachlassen – ernstlich gesprochen die Sache fängt an mir grosse Besorgnis zu machen, es werden Erwartungen und Hoffnungen erregt die man weder in diesem Jahre des Wohlstandes noch viel weniger aber im folgenden Jahr befriedigen kann – endlich ist doch iezt mancher Noth abgeholfen – es ist aber ein gutgemeinter Irrthum wenn man sich der sanguinischen Hofnung überläst der Noth ex fundamento abzuhelfen.[51] Und für alles gab es einen unwiderleglichen Beweis, zu finden beim Altonaer Lottozirkus gleich vorm Millerntor. Nach einer außerordentlichen Zahlung an die Armen war dort die Einnahme um das Doppelte gestiegen, so berichtete Abendroth nach Ritzebüttel.[52]
Es war höchste Zeit, die Tatsachen klarzustellen. Es war ein alberner Geist an der Tagesordnung, schrieb Abendroth an Hartung, nachdem er seine Analyse 1832 veröffentlicht hatte, während ein Theil der obern Behörden immer schrie: der Staat wird durch die Unterstüzung der milden Stiftungen ruinirt, es mus Wandel geschaffen werden, und die andre Seite immer declamirte: die ArmenAnstalt unterstüzt zu kärglich ist zu engherzig in Unterstüzung und verlihrt so die Liebe des Publicums so habe ich mich daran gemacht, und mit Zahlen zu demonstriren gesucht daß die Sache ganz anders sey daß iezt viel mehr geschehe und geschehen müsse als früher in den Zeiten des Ruhmes, wo die Verwaltung die Sache eigentlich als ein Plaisirfach betriben hat … .[53] Vom Plaisirfach war dann öffentlich nicht weiter die Rede, zu provokant.
Dafür rückten die Zahlen in den Mittelpunkt. Präses Abendroth machte sich ans Rechnen. Und wie standen die Dinge? 1827 gab die Armenanstalt 250.000 Mark aus. Das war wesentlich weniger als der Durchschnitt der Krisenjahre 1804 bis 1809. Damals hatte sie über ein jährliches Budget von 420.000 Mark verfügt. Dafür gab es jetzt schlicht kein Geld mehr. Aber waren ihre Leistungen tatsächlich so schlecht, wie der Artikel in den Gemeinnützigen Nachrichten sie dargestellt hatte? 1829 unterstützte die Armenanstalt 2.661 Familien mit insgesamt 190.000 Mark. 1799 hatte sie dafür weniger ausgegeben, 183.000 Mark für 2.349 Familien. Ähnlich der Befund bei den Volksschulen und der Gesundheitsfürsorge, wo Abendroth ja selbst für mehr Geld gesorgt hatte und senatorische Spargebote auch gerne einmal ignorierte.
So ist für alle Dürftigen gesorgt, versicherte er und erlaubte sich jetzt grundsätzlich zu werden, sehr grundsätzlich. Weiter muß man nicht gehen und nicht gehen wollen, wenn nicht durch eine vormundschaftliche unzwekmässige Humanität, die in der Theorie sehr schön erscheint, aber praktisch durchaus nicht ausführbar ist, alle Verhältnisse verrückt, aller Antrieb redlich für die Seinigen zu sorgen unterdrückt und der Schlechte dem Guten gleich, vielleicht noch besser gestellt werden soll, welches letztere doch gewiß für die Moralität höchst nachtheilig seyn würde. Mehr noch, man dürfe nicht aus Humanität die natürliche Freiheit zu sehr begränzen, nicht zu mächtig der Gerechtigkeit der überall waltenden Nemesis eingreifen wollen;[54] Das war der offizielle Abschied von der alten, aufgeklärten Sozialpolitik, die glaubte, alles regeln, alles bessern zu können, die dabei aber oft genug dem Armen zumutete, längere Zeit im Arrest zu verbringen, im Besserungsarrest versteht sich, von dem sie alle möglichen ersprießlichen Folgen erwartete.
Natürliche Freiheit – die Aufklärer hatten bisher nicht so viel Wert darauf gelegt. Vielleicht dachte der Senator an die alten Forderungen Caspar Voghts: Zwangsarbeit für mindestens zwölf Monate hatte er für Bettler gefordert, um sie an musterhaftes Arbeiten zu gewöhnen. Das war vorbei. Die neue Sozialpolitik beschränkte sich, verlor dabei aber nie das Gefühl helfen zu müssen. Sie wurde liberal, aber nicht brutal. Sie senkte ihre Erwartungen, legte aber nicht die Hände in den Schoß. Ohne Wenn und Aber lautete die Erklärung des Senators also bestimmt und ganz entschieden gegen die Herstellung aller der Zweige der Armenanstalt, wie sie vor der Occupation waren, und seit der Befreiung abgeschafft sind. Unterzeichnet: Abendroth.[55]
Diese Einsichten legte er der nolens volens berufenen Kommission vor. Dort überraschte Senator Westphalen. Der insistierte freundlich aber bestimmt auf Arbeitsbeschaffung, um die Menschen in Stand zu setzen, mehr auf eigenen Füssen zu stehen.[56] Senator Abendroth verlor langsam die Geduld, auch mit der Patriotischen Gesellschaft, die überflüssigerweise eine Preisfrage ausgeschrieben hatte, es sollen schon 9 Anmeldungen geschehen seyn, allein eine noch unverdaulicher als die andere.[57] Dann regte er sich über die ewigen Kommissionen auf, die nur die Kosten erhöhten.[58] Im Vorstand der Armenanstalt kam dann wider Erwarten eine neue Armenordnung zu Stande, die gleich im ersten Paragrafen zur Vorbeugung der Verarmung aufrief. Sie wollte sich wieder auf das weite Feld der Arbeitsbeschaffung vorwagen. Die Armenanstalt hatte die Rechnung ohne den Senat gemacht. Der strich die Passage.[59] Dabei blieb es fürs erste. Abendroth hatte sich durchgesetzt. Das bedeutete aber nicht, dass er im Notfall die Hände in den Schoß legte. Es war Herbst 1830, die Republik hatte gerade einige gewalttätige Demonstrationen erlebt und für den Winter waren steile Preissteigerungen zu erwarten. Präses Abendroth forderte schnelle Gegenmaßnahmen: Ankauf von Getreide, von Torf und eine Verlängerung der öffentlichen Arbeiten zur Beschäftigung von Arbeitslosen.[60] Es geschah und beruhigte vielleicht die Lage.
Eine nachhaltige Lösung aber war das nicht. Die Krise schwelte. Immer häufiger waren jetzt radikale Ansichten zu hören. Die alte Sozialpolitik der Aufklärung wurde in Bausch und Bogen verurteilt. Staat und Armenanstalt hätten sich durch ihre verfehlte Politik selbst eine Klasse von Proletariern herangezüchtet.[61] So sprach sich Syndikus Karl Sieveking gegenüber seinen Kollegen aus. Es war die neue Generation, die gerade die Erfahrung der Julirevolution machte und dadurch nicht zu sozialpolitischer Milde veranlasst wurde. Die Pariser Barrikaden sorgten für einen Anflug von Panik in der bürgerlichen Republik. Sieveking gönnte sich noch einen Hieb gegen die Armenanstalt. Zuvörderst, fügte er etwas schnippisch hinzu, scheint es mir durchaus an der Zeit, die philanthropische Voraussetzung, der Staat habe die Verpflichtung, jedem so viel zu geben, als er zur Befriedigung der nothwendigsten Bedürfniße für sich und seine Familie bedarf, in die bestimmten Grenzen des polizeilichen Interesses zurückzuführen.[62]
Das war ein anderer Ton. Zu Zeiten der ersten Revolution hatten Bartels und Abendroth immer mit Nachdruck mehr Aktivitäten der Armenanstalt gefordert, um die innere Ruhe zu erhalten. Die neue Generation war geneigt, stattdessen die Polizei zu rufen. Verwerfungen auch an anderen Orten. Die gewerbetreibende Öffentlichkeit demonstrierte ihre Unzufriedenheit, indem sie ihre freiwillige Unterstützung für die Armenanstalt kürzte und dann politische Forderungen stellte. Bevor die Erhebung des Chaussée Geldes für die Fuhren nach der Mühle nach Billigkeit nicht geordnet wird, kann ich der Armen-Anstalt statt 80 Mark – nur 2 Mark – geben.[63] Es grüßte hochachtungsvoll ein P. Danckert. Die Armenanstalt bat ihren Präses, diese sehr unpassenden Bemerkungen dem Senat zur Kenntnis zu bringen. Die Zeiten hatten sich geändert.
Aber konnte die Republik ihre Sozialpolitik nicht auf eine ganz andere Basis stellen? Eine Rentenversicherung, möglicherweise ergänzt durch Kranken- und Arbeitslosenversicherung, versprach die Zahl der Almosenempfänger zu reduzieren und den Arbeiter zu einem unabhängigen Mitglied des Gemeinwesens zu machen. Die entscheidende Frage lautete allerdings: Pflichtversicherung oder individuelle Vorsorge? Obligatorische Beiträge oder freiwilliges Sparen? Im ersten Fall würde ein System der Sozialversicherung, im zweiten eine Sparkasse entstehen. Die Republik experimentierte und tastete sich vor.
Die Abkürzungen StAHH, StAB und StACux beziehen sich auf Bestände der Stadt- und Staatsarchive von Hamburg, Bremen und Cuxhaven; die Fußnoten auf die Literaturliste.
[1] StAHH, Allg. Armenanstalt I 6, Memorandum J.E.F. Westphalen, 8.4.1830.
[2] Abendroth: Ritzebüttel, Tl. 1, S. 13.
[3] StAHH, Allg. Armenanstalt I 6, Memorandum Abendroths, März 1830.
[4] StAHH, Allg. Armenanstalt I 6, Memorandum Abendroths, März 1830.
[5] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel I Fach 2 Vol A II, S. 4f, Abendroth Handbuch Ritzebüttel.
[6] StAHH, Senat Cl VII Lit Qa No 3 Vol 12 Fasc 42a, Kommissionbericht zur Wiederherstellung der Armenanstalt, 27.6.1814.
[7] Beneke: Tagebücher, 27.4.1816.
[8] Beneke: Tagebücher, 23.12.1816.
[9] Beneke: Tagebücher, 11.1.1816.
[10] Zitiert nach Pielhoff: Religiosität, S. 46.
[11] Beneke: Tagebücher, 31.10.1822.
[12] Beneke: Tagebücher, 2.5.1822 und 16.7.1822.
[13] Beneke: Tagebücher, 23.6.1832.
[14] Beneke: Tagebücher, 28.4.1816.
[15] Abendroth: Bemerkungen, S. 14.
[16] Abendroth: Bemerkungen, S. 28.
[17] StAHH, Senat Cl VII Lit Qa No 3 Vol 12 Fasc 42a, Armenkollegium an den Senat, 27.7.1814.
[18] StAHH, Familie von Voght Caspar von Voght I 39, Abendroth an Voght, 12.7.1832.
[19] Anderson/Lappenberg: Sammlung, Bd. 1, S. 348.
[20] StAHH, Senat Cl VII Lit Qa No 3 Vol 12 Fasc 42a, Beschluss der Oberalten, 21.12.1814.
[21] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel II Fach 1 Vol F1 Dok 15, Abendroths Bericht über Ritzebüttel 1820.
[22] Abendroth: Publikum, S. 6.
[23] StAHH, Senat Cl VII Lit Qa No 3 Vol 12 Fasc 43 Dok 14, Memorandum Otto von Axens, o. D.
[24] Beneke: Tagebücher, 17.8.1815.
[25] Beneke: Tagebücher, 15.9.1816.
[26] Anderson/Lappenberg: Sammlung, Bd. 3, S. 176f.
[27] Otto von Axen an Beneke, 29.7.1816, Beneke: Tagebücher, Bd. III/6, S. 443f.
[28] Behringer: Tambora, S. 56-58.
[29] StAHH, Senat Cl VII Lit Qa No 3 Vol 12 Fasc 43 Dok 12, Memorandum Pehmöllers, 30.12.1818.
[30] StAHH, Senat Cl VII Lit Qa No 3 Vol 12 Fasc 43 Dok 24, Stellungnahme Bartels‘ und der Armenanstalt zu den Sparplänen, 14.6.1819.
[31] StAHH, Senat Cl VII Lit Qa No 3 Vol 12 Fasc 43 Dok 27, 31, 32 und 33.
[32] StAHH, Senat Cl VII Lit Qa No 3 Vol 12 Fasc 45 Dok 6, Vortrag Abendroths im Senat, 19. und 22.4.1822.
[33] Kraus: Unterschichten, S. 73f. (VII, 113); Stadtarchivar Johann Martin Lappenberg schätzte Mitte des Jahrhunderts den Durchschnittslohn eines ungelernten Arbeiters auf 400 Mark pro Jahr, vgl. Kraus: Unterschichten, S. 64 und Evans: Tod, S. 111. Caspar Voght gab um 1800 den durchschnittlichen Wochenlohn mit 6 bis 9 Mark an, also 300 bis 450 Mark pro Jahr, Verhandlungen und Schriften, Bd. 6, S. 502. Dabei ist zu bedenken, dass 1800 eine Zeit hoher Preise und hoher Löhne war.
[34] StAHH, Allg. Armenanstalt I 39, Vorlage Abendroths im Senat, August 1822.
[35] StAHH, Allg. Armenanstalt I 39, Vorlage Abendroths im Senat, August 1822.
[36] StAHH, Allg. Armenanstalt I 39, Vorlage Abendroths im Senat, August 1822.
[37] Anderson/Lappenberg: Sammlung, Bd. 3, S. 137f. und S. 152-159.
[38] StAHH, Senat Cl VII Lit Qa No 3 Vol 12 Fasc 45 Dok 6, Vortrag Abendroths im Senat, 19. und 22.4.1822.
[39] Abendroth: Publikum, S. 13. (IV, 809)
[40] Buek: Handbuch, S. 363.
[41] StAHH, Allg. Armenanstalt I 39, Vorlage Abendroths im Senat, August 1822.
[42] StAHH, Allg. Armenanstalt I 39, Vorlage Abendroths im Senat, August 1822.
[43] Abendroth: Publikum, S. 14.
[44] Abendroth: Bemerkungen, S. 22.
[45] Beneke: Tagebücher, 11.2.1830.
[46] StAHH, Allg. Armenanstalt I 6, Artikel Caspar Voghts in den Gemeinnützigen Nachrichten, 19.2.1830.
[47] StAHH, Allg. Armenanstalt I 6, Memorandum Westphalens, 8.4.1830.
[48] Abendroth: Bemerkungen, S. 16.
[49] StAHH, Familie Beneke Ferdinand Beneke C 13, Politischer Jahresrückblick 1829, S. 13.
[50] StAHH, Familie von Voght Caspar von Voght I 42, Abendroth an Voght, 3.1.1833.
[51] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel I Fach 13 Vol B Fasc 2 Dok 94, Abendroth an Hartung, 17.2.1830.
[52] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel I Fach 13 Vol B Fasc 2 Dok 94, Abendroth an Hartung, 17.2.1830.
[53] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel I Fach 13 Vol B Fasc 2 Dok 148, Abendroth an Hartung, 27.3.1832.
[54] StAHH, Allg. Armenanstalt I 6, Memorandum Abendroths, März 1830.
[55] StAHH, Allg. Armenanstalt I 6, Memorandum Abendroths, März 1830.
[56] StAHH, Allg. Armenanstalt I 6, Memorandum Westphalens, 8.4.1830.
[57] StAHH, Senat Cl VII Lit Mb No 2 Vol 9 Fasc 1 Dok 28, Memorandum Abendroths, Sept./Nov. 1832.
[58] StAHH, Allg. Armenanstalt I 6, Kommentar Abendroths zum Memorandum Westphalens, 25.3.1831.
[59] StAHH, Senat Cl VII Lit Qa No 3 Vol 12 Fasc 51 Dok 14, Senatsbeschluss, 5.3.1834.
[60] StAHH, Senat Cl VII Lit Qa No 3 Vol 12 Fasc 47a.
[61] StAHH, Senat Cl VII Lit Qa No 3 Vol 12 Fasc 47b Dok 5, Vortrag Sievekings im Senat, 4.8.1830.
[62] StAHH, Senat Cl VII Lit Qa No 3 Vol 12 Fasc 47b Dok 5, Vortrag Sievekings im Senat, 4.8.1830.
[63] StAHH, Senat Cl VII Lit Qa No 3 Vol 12 Fasc 47b Dok 10, Beilage zum Protokoll des großen Armenkollegiums, 8.3.1832.


