67. Die Republik auf schiefer Bahn
Staatsschulden, Kapitalkonzentration und Interessenpolitik in Hamburg nach 1814
Nach den napoleonischen Kriegen waren die Hamburger Schuldenpapiere auf einen Bruchteil ihres Nennwerts gesunken. Die Wiederherstellung des Kredits erforderte einen ausgeglichenen Haushalt und die glaubwürdige Entschlossenheit, Kapital und Zinsen der Staatsschuld ohne wenn und aber zurückzuzahlen. Das war Konsens. Die Reichen allerdings wurden dabei reicher, der Mittelstand ärmer.
Dies ist Teil 67 der Aufklärung in Hamburg: Johann Heinrich Bartels, Amandus Augustus Abendroth, Ferdinand Beneke und die Verbesserung einer deutschen Republik 1790–1835. Die Einleitung beschreibt, worum es geht, und ein Überblick über die bisher veröffentlichten Kapitel findet sich hier.
Wie sollte die Republik mit der Altlast ihrer Schulden umgehen? Es waren Stand 1814 runde 33 Millionen Mark, das Siebenfache eines typischen 5-Millionen-Haushalts. Das war gewaltig. 200 Jahre später liegt das Verhältnis in Hamburg bei etwa 2:1, nicht bei völlig unvorstellbaren 7:1.
Aber mit den Schulden war es nach den napoleonischen Kriegen überall das Gleiche. Europäische Schuldenmeister aller Klassen waren die Briten, die es über die Jahre geschafft hatten, 785 Millionen Pfund mehr auszugeben, als sie eingenommen hatten. Immerhin gewannen sie mit dem Geld mehrere Kriege gegen Frankreich. Alles eine Frage des Vertrauens, und daran mangelte es bei den Käufern der britischen Papiere trotz einiger Schreckmomente nicht. Das geliehene Geld hatte allerdings erhebliche Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen Arm und Reich auf den Inseln. 250.000 Anleihebesitzer strichen jedes Jahr Zinsen ein, die 7% des britischen Nationaleinkommens ausmachten. Die Hälfte des jährlichen Haushalts floss in ihre Taschen. Zwei Drittel aller Steuern hingegen bestanden aus Konsumabgaben, die überproportional die unteren Bevölkerungsklassen belasteten.[1] Die Frage war, ob es in Hamburg zu einer ähnlichen sozialen Schieflage kommen würde.
1814 war allen Verantwortlichen in der Republik klar, dass es eine finanzielle Katastrophe gegeben hatte. Die Schulden hatten einen gewaltigen Sprung nach oben gemacht und dann war auch noch die Zahlung der Zinsen eingestellt worden. Es war kurz nach der Vereinigung mit Frankreich passiert. Über nichts sind sie mehr erstaunt gewesen, das schrieb der gut informierte Karl Gries Anfang 1811 über die neuen französischen Beamten, als über die Größe der öffentlichen Schuldenlast, welche 32 Millionen Mark Banco beträgt (wovon die Hälfte seit 1806 hinzugekommen ist). Im Anfange wurden die Zinsen regelmäßig bezahlt, dann fing es an zu stocken, und seit drei Wochen ist die Auszahlung ganz sistiert. Wenn Du weißt, in welchen Händen die Kammerbriefe größtenteils sich befinden, daß jeder, der sein kleines Ersparnis recht sicher belegen wollte, es in die Kammer trug, daß Vormünder in der Regel v e r p f l i c h t e t waren die Habe ihrer Pflegebefohlenen hier anzulegen, so wirst Du Dir vorstellen können, was das Zurückhalten der Zinsen für traurige Wirkung haben muß. Die konnte Gries mit eigenen Augen beobachten. Es ist ein jammervoller Anblick, wenn man Sonnabends die Kammer von Weibern und Männern belagert sieht, die vergebens ihre Hände ausstrecken und unbefriedigt nach Hause geschickt werden. - [2] Ein Teil der Mittelklasse war direkt von den Zinszahlungen abhängig. Die Kammer, das Finanzministerium der Republik, war ihre Sparkasse.
Es kam zu dramatischen Szenen auf der Straße. Aber noch dramatischer war, was sich im Hintergrund abspielte. In ihrer Panik fingen die Kleinsparer an, ihre Papiere an Spekulanten zu verschleudern. Die hatten den langen Atem, um bessere Zeiten und höhere Kurse abzuwarten. Eine gewaltige Vermögensverschiebung von Arm zu Reich nahm Fahrt auf. Das blieb den Verantwortlichen nicht verborgen. Abendroth und Kollegen berichteten darüber 1812 an die Pariser Ministerien. Der Exodus von Kapital und Vermögen vom guten Bürger zum verantwortungslosen Spekulanten war eine erstrangige Gefahr für den sozialen Frieden. Die Kommission bittet Seine Exzellenz – das richtete sich an Innenminister Montalivet – zu berücksichtigen, daß die Ansprüche der Gläubiger – der kleinen Sparer bei der Kammer also – sich durch die Machenschaften von Spekulanten in Nichts auflösten, welchletztere sich ihrer zu einem Spottpreis bemächtigt hätten, so wie dies auch in Holland geschehen sei;[3] Die Kommission fragte sich, ob die Spekulanten überhaupt als rechtmäßige Eigentümer der Staatspapiere anzusehen seien. Abendroth und die Deputierten entwickelten den Gedanken, daß die Anleihescheine … das unmittelbare Eigentum derer seien, die in gutem Glauben, freiwillig oder der Staatsgewalt folgend, in barem Geld dem Staat genau die Summe geliehen hätten, die auf den Effekten oder Depositenscheinen zum Ausdruck gebracht worden sei.[4] Es handelte sich ihrer Ansicht nach eigentlich um eine Enteignung kleiner Vermögen. Noch konnte dieser Prozess gestoppt werden – durch eine Garantie der Schuld und die Nachzahlung der ausstehenden Zinsen.[5] Das forderten sie oder vielmehr brachten sie diesen Wunsch vorsichtig zum Ausdruck, was schon etwas anderes war. Ohne Erfolg.
1814 war die wiedererstehende Republik also mit einer gewaltigen Altlast konfrontiert. Abendroth fürchtete, der Schuldenberg würde sie unter sich begraben. Es bestand die Gefahr, dass zu hohe Abgaben für die Zinszahlung eine fragile Konjunktur in eine ungebremste Abwärtsspirale treiben würden: hohe Steuern, weniger Handel, dadurch weniger Steuereinnahmen, noch höhere Steuersätze, noch weniger Handel, so in etwa. Hierdurch würde … der Handel sich verlieren, warnte der ökonomisch versierte Senator, und die wohlhabenden Bürger gar nicht wiederkehren, oder sich bald entfernen, also im nächsten Jahre die Auflagen wieder erhöhet werden müssen, und so das Unglück sich jährlich in einer schrecklichen Progression vergrößern; nach einigen Jahren würden wir dann doch mit der Zahlung aufhören müssen, und unsern Staat ruinirt haben.[6] Das verstand jeder liberale Wirtschaftspraktiker. Es war damals nur noch nicht die Rede von Konjunktur. Zirkulation hieß das Schlüsselwort und die sollte durch niedrige Steuern angeregt werden, die Circulation des Geldes wird wieder entstehen, so erklärte Abendroth hoffnungsfroh, und so wird wieder neues Leben in alle Classen der Einwohner kommen.[7]
Aber was war zu tun? Staatliche Sparsamkeit war unstrittig. Eine vorübergehende Halbierung der Zinszahlungen schlug der Senator des Weiteren vor, flankiert durch freien Börsenhandel der Schuldpapiere und kurspflegende Maßnahmen des Staates.[8] Es lief auf die unbewiesene These hinaus, den Gläubigern des Staates sei gewiß mehr damit gedient, wenn diese Papiere eine geringere Ausbeute, und dabey einen sichern Cours haben.[9] Das war zweifelhaft. Keine staatliche Kurspflege würde die Papiere bei reduzierten Zinszahlungen auf Nennwert bringen. Und würde der öffentliche Kredit, würde das Vertrauen, von dem in der Republik alles abhing, eine Halbierung der Zinsen schadlos überstehen? Wohl kaum.
Die erfolgversprechende Alternative war auf den Londoner Finanzmärkten zu besichtigen. Das englische Rezept hatte gezeigt, dass eine Republik, die sich im Vertrauen der Investoren sonnte, keine unüberwindlichen Schwierigkeiten bei der Bedienung ihrer Schulden haben würde. Sie musste sich nur unbedingt und unter allen Umständen entschlossen zeigen, ihren Verpflichtungen nachzukommen. Diesem Modell folgte dann Hamburg und in der politischen Klasse gab es dagegen keine große Opposition. Von Zinsreduktionen war nicht weiter die Rede. Erster Schritt: Zentralisierung der öffentlichen Schuld. Die Republik übernahm die Schuldpapiere der Admiralität, des Ratsweinkellers und der Rat- und Bürgerdeputation.[10] Diese Institute hatten zwar immer schon halbstaatlichen Charakter, aber eine klare Aussage, auch diese Verpflichtungen zu honorieren, musste für das Vertrauen der Investoren Wunder wirken. Zweiter Schritt: Umtausch der verschiedenen Typen von Schuldverschreibungen in ein Standardpapier, um seine Handelstauglichkeit, seine Zirkulationsfähigkeit zu verbessern.[11] Dieser Punkt fand in der Allgemeinen Zeitung aus Augsburg kurz vor dem entscheidenden Konvent besondere Beachtung. Es sei bereits der Plan gemacht, diese Kammerbriefe und die andern Schulden der Stadt gegen Scheine zu verwechseln, welche transportabel sind, und also vollkommen den englischen Stoks gleichen werden. Hierdurch müßte die Cirkulation im Handel außerordentlich gewinnen.[12] Das Blatt berichtete von der großen öffentlichen Unterstützung für diesen Plan.
Dritter Schritt: Einrichtung eines Schuldentilgungsfonds. Dieser Fonds war das Herzstück der Operation. Er sollte Staatspapiere aufkaufen und damit den Kurs der Anleihen heben. Ohne Schuldtilgungsfonds kann kein Staat bestehen,[13] so Abendroth 1814. Der kommerzielle Trick bestand darin, dass die Republik die Papiere aufkaufte und dafür eben an diesen Schuldentilgungsfonds Zinsen zahlte. Dadurch entstand ein immer w a c h s e n d e r H e b e l[14] zur Reduzierung der Schulden. Es war die Finanzorthodoxie der Zeit, getestet und für gut befunden in England, im Übrigen für jeden Mathematiker leicht nachzuvollziehen, selbst wenn er auch nicht die Wunder beachtet, die England damit ausgeführt hat.[15] Die Kammer war von diesem Modell nicht begeistert, es schränkte ihre Macht ein. Sie versuchte zu mauern, konnte aber die Zustimmung des Konvents Mitte September 1814 nicht verhindern.[16] Der Fonds erhielt aus dem Haushalt – das war der vierte und letzte Schritt – die finanziellen Mittel für die Durchführung seiner Operationen.
In die Konsolidierung und Fundierung der Schulden steckte Abendroth viel Energie. Er wusste warum. Die Finanztheoretiker des 18. Jahrhunderts waren darauf gekommen, dass Staatsschulden sich in eine Rückversicherung für die bürgerliche Gesellschaft verwandeln konnten. Erzeugte nicht der Besitz von Staatsanleihen Loyalität? Durchaus denkbar. Wer sollte größeres Interesse am Gemeinwesen haben, als der Inhaber der Kammerbriefe? Ohne zahlungsfähige und zahlungswillige Regierung kein schönes Leben als Rentier – und keine Republik im Interesseneinklang mit ihren Bürgern. Das war der Hintergrund für Abendroths Idee, die alte Erbgesessenheit neu zu definieren und den Bürger nur bei Besitz von 3.000 oder 6.000 Mark in Hamburger Staatspapieren zur Bürgerschaft zuzulassen.[17] Deutlicher war der Zusammenhang von Staatsschuld und politischer Loyalität der rentenbesitzenden Klassen kaum zu beschreiben. Senatskollege Westphalen nahm das leicht ironisch, als er seinem theuren Freund nach Ritzebüttel schrieb: Zu Ihrer Erbauung melde ich Ihnen, daß die Kammer 250.000 Mk für Zinsen zurükgelegt hat.[18] Wahrscheinlich traf er den Gemütszustand Abendroths in puncto Erbauung ziemlich gut. In Anbetracht der Umstände – Westphalen schrieb im Oktober 1814 – waren 250.000 Mark keine kleine Summe. Das bürgerliche Gemeinwesen setzte ein Zeichen. Den Verantwortlichen, auch Senator Abendroth, war klar geworden, dass ohne volle Zinszahlung auf die öffentliche Schuld das Vertrauen in das Kreditsystem nicht zu reparieren war. Die Operation war ein Erfolg. Der öffentliche und Privatkredit steigt hier wieder bedeutend,[19] schrieb schon im August 1814 die Allgemeine Zeitung. 1816 legte die Republik noch einmal nach: Haushaltsüberschüsse und Verkaufserlöse von staatlichem Eigentum wurden für die Schuldentilgung reserviert.
Aber: Die Republik kaufte ihre Schuldpapiere zum jeweiligen Tageskurs, der 1814 in der Regel erheblich unter dem Nennwert lag.[20] Kleinbesitzer konnten immer noch schnell in die Verlegenheit kommen, gegen Verlust realisieren zu müssen. Ursprünglich war dies nicht so. Der Mittelstand spekulierte mit seinen Sparbüchern nicht an der Börse, die Circulation unserer Staatspapiere war bisher nie sehr beträchtlich, meinte Abendroth 1814, in ruhigern Zeiten wird der Umsatz auch ferner geringe seyn.[21] Die Zeiten waren aber gerade alles andere als ruhig und indirekt war aus dieser Betrachtung abzuleiten, dass die Umsätze der Staatsanleihen für den Moment sehr erheblich waren. Waren die Kleinsparer in Staatsanleihen vielleicht gerade dabei, in ihrer Not diese Papiere an kapitalkräftige Spekulanten zu verkaufen und das zu allem Überfluss noch weit unter Wert? Es gibt Hinweise darauf. Das war ja schon 1812 so gewesen, als Maire Abendroth in den Pariser Ministerien Alarm geschlagen hatte, und einige Jahre später gab es große Handelsfirmen, die sich auf Staatspapiere konzentrierten, nicht immer zu ihrem Vorteil. Die Sillems machten mit großem Knall bankrott, ihre FondsSpekulazionen entsprangen großenteils den sanguinen Erwartungen ihres Ultraliberalismus. - [22] Anscheinend hatte sich in kommerziellen Kreisen der Republik ein Biotop entwickelt, in dem extremer Liberalismus mit scharfen spekulativen Praktiken einherging. Auch die Rothschilds waren dabei. Von London aus lenkten sie ihre Partner Salomon Heine und den jüngeren Martin Johann Jenisch. Heine war etwas schwierig und eigenwillig. Mit den Informationen aus London spekulierte er nebenbei auf eigene Rechnung. Jenisch nicht. I prefer the little Jenisch. He acted exceedingly well for me. Sometimes a little stupid and obstinate, but he takes care of my interest, without speculating himself.[23] Das hörte Syndikus Karl Sieveking direkt aus dem Munde Nathan Rothschilds in London. Wenn das alles so war, dann würden die Gelder, die die Republik zur Bedienung ihrer Schulden aufwandte, nicht mehr an kleine Sparer, an die sprichwörtlichen Witwen und Waisen gehen, sondern an kapitalkräftige Spekulanten.
Es sieht so aus, als hätte Abendroth diesen Besitzwechsel der Staatsanleihen mit Sorge betrachtet und versucht, den ursprünglichen Eigentümern ihr Kapital zu sichern. In Cuxhaven entwickelte er ein Alternativmodell, das besonders Rücksicht auf die Interessen des Mittelstands, also auf die ursprünglichen Inhaber nahm. Auch diese kleine Provinz hatte 300.000 Mark Schulden gemacht. Spekulanten kauften die Papiere zu Schleuderpreisen. Abendroth richtete den obligatorischen Tilgungsfonds ein. Dabei gab es einen unvermeidlichen Interessenkonflikt. Für den Staat war es am besten, die Schuldverschreibungen so billig wie möglich aufzukaufen. Er verhielt sich damit allerdings selbst wie ein Spekulant, der im eigenen Interesse Kollateralschäden, also Kapitalverluste, bei den ursprünglichen Besitzern billigend in Kauf nahm. Die brauchten Geld jetzt und konnten nicht auf bessere Konjunkturen am Anleihemarkt warten.
Es war ein Dilemma, das der Gouverneur im Interesse der kleinen Besitzer auflöste. Der Staat kaufte die Papiere zu hohen Kursen, um die guten Bürger, die ihr Geld im öffentlichen Interesse investiert hatten, wieder flüssig zu machen. Geld sollte in Umlauf gebracht, Zirkulation war das Schlüsselwort. Der Ankauf der Staatsanleihen durch den Tilgungsfonds verwandelte sich dadurch in ein staatliches Cuxhavener Konjunkturprogramm für die Mittelklasse. Der Tilgungsfonds besizt in diesem Augenblik schon 10.000 Mark Nominalwerth, es war der Stand Ende 1816, den Abendroth hier nannte, also ist schon fast 1/30 der Schuld eingelöset … – Mit diesen aufgekauften Fonds ist besonders den Einwohnern geholfen die besonders an dem so sehr drükenden Geldmangel litten, die mehrsten sind zu 80 pCt die besten zu 85 pCt eingekauft.[24] Auf dem freien Markt hingegen wurde für diese Papiere kaum 25 % des Nennwerts bezahlt.[25] Die Administration Abendroth zahlte also bestimmten Eigentümern, den Einwohnern, viel höhere Preise als der Markt forderte. Das waren höchst wahrscheinlich die ursprünglichen Besitzer der Papiere. Der Sinn der Operation: Der Mittelklasse sollte ihr Vermögen erhalten werden, damit sie wieder investieren und die Konjunktur flottmachen konnte.
Der Senator differenzierte gern und nachdrücklich zwischen investierender Mittelklasse und der Geldjagd der Spekulanten. Durften zum Beispiel die milden Stiftungen ihre Hypotheken in kritischer Lage veräußern? Wenn sie in Not waren ja, aber nur an solche Käufer, die damit keinen Wucher treiben, die nicht heute kaufen und morgen den Geldposten kündigen, damit sie von dieser Verlegenheit Vortheil ziehen.[26] Staatsanleihen und Hypotheken waren von besonderer Bedeutung für mittlere Eigentümer. In beiden Fällen bedrohten Spekulanten das Eigentum der Mittelklasse. Gelang es einem dieser – ein Originalausdruck Senator Abendroths - heimlichen Geldmäckler,[27] eine Hypothek weit unter Wert an sich zu bringen, so konnte er sie kündigen und damit den Besitzer aus seinem Haus vertreiben. Bei Staatsanleihen war der Weg noch kürzer. Verkaufte der ursprüngliche Eigentümer aus Not zu 25% vom Nennwert, hatte der drei Viertel seines Vermögens verloren, der neue Eigentümer konnte hingegen mit einer Vervierfachung seines Kapitals rechnen, wenn der Staat zukünftig seine Schulden in vollem Umfang bediente. Ob er das tun würde, war Anfang 1814 nicht sicher, aber kurze Zeit später sah alles danach aus. Nur hatten viele keine Zeit, darauf zu warten.
Generell scheint der Hamburger Republik die eigene Kassenlage wichtiger gewesen zu sein als die volle Entschädigung ihrer Bürger. Die Bewohner von Wilhelmsburg hatten Abendroth gebeten, in Frankreich für Schadenersatz für ihre Verluste zu sorgen. In Paris ging alles gut, aber trotzdem gelang es dem berühmten Senator Abendroth[28] nicht, den ganzen Betrag wirklich an die Wilhelmsburger weiterzugeben. Sie bekamen nur die Hälfte, die Hamburger Staatskasse reklamierte Vorrechte.[29] Abendroth hatte versucht es zu verhindern, um die produktive lokale Mittelklasse zu schützen. In diesem Falle war es misslungen.
Alles in allem war das Programm zur Schuldenkonsolidierung ein durchwachsener Erfolg. Einerseits: Von 1816 bis 1830 sank die Staatsschuld der Republik von 33 auf 27 Millionen Mark,[30] das Vertrauen des Kapitals kehrte schnell zurück und die Kurse stiegen. Andererseits: Die Verluste der Kleinsparer blieben Verluste, auch wenn Gouverneur Abendroth in Paris und Cuxhaven Versuche gemacht hatte, den Prozess zu bremsen. Seit 1810 sind die meisten Staatspapiere in andere Hände übergegangen.[31] So das Eingeständnis, das der Senat der Republik seinen eigenen Bürgern machen musste. Nach Lage der Dinge konnte das nur bedeuten, dass viele Papiere von Kleinsparern mit Verlust in die Hände einer kapitalkräftigen kommerziellen Führungsschicht übergegangen waren.
Wer aber finanzierte die Zinszahlungen? Die reichen Kaufleute, die mit den Staatspapieren so schöne Gewinne gemacht hatte? Es sah nicht so aus. Senat und Bürgerschaft vereinfachten nach 1814 das Steuersystem ganz erheblich. Diese Vereinfachung folgte allerdings einem System, das Abendroth schon 1814 kurz umrissen hatte und das nicht ganz unproblematisch war. Es scheint bey unserm jetzigen Vermögenszustande von der höchsten Wichtigkeit, die directen Contributionen, so viel irgend möglich, zu vermeiden;[32] Noch 1810 bildeten die direkten Steuern mit 1,5 Millionen Mark den größten Einnahmeposten der Republik. Verbrauchssteuern erbrachten nur 500.000.[33] Wie sich das auswirkte, konnte Abendroth bei seinem Freund Johann Georg Mönckeberg erkunden. In den Jahren 1807 bis 1811 zahlte er mehr als 1000 Mark an direkten Steuern pro Jahr, was immerhin dem Mehrfachen eines einfachen Arbeiterlohns entsprach.[34] Nicht mehr lange. Vorhersehbar war, und das wussten auch Hamburgs Politiker, dass eine Verlagerung auf indirekte Steuern zu einer Mehrbelastung kleiner Einkommen führen musste. Die konnte möglicherweise vermieden werden, wenn es gelang, die indirekten Steuern als Luxussteuern auszugestalten. Abendroth scheint so etwas vorgeschwebt zu haben, alles, was nur den Schein einer Luxussteuer hat, muß allerdings eingeführt werden.[35] Das führte zu Widerständen bei den vermeintlich Luxusbesteuerten, den Weintrinkern zum Beispiel.
Es ist das Weintrinken fast als Luxus anzusehen; und so wäre es sehr gegen alle Regeln einer klugen Staatswirthschaft, diesen Consumtionsartikel mit einer Abgabe zu verschonen, während Mehl und Bier damit belegt ist.[36] So Senator Abendroth, die soziale Balance im Auge. Diese Ansicht teilten nicht alle und das schlug sich auch in der hansestädtischen schönen Literatur nieder. Weinhändler Köppen, der im Hause Buddenbrook ein- und ausging und noch nicht lange reich war, ließ diese sozialpolitischen Rücksichten auf sich beruhen und brachte gemütlich hochkarätige Weine unter die Leute – selbstverständlich unversteuert. In der Mengstraße wurden sie gerne genommen. Die Praxis war in Hamburg nicht unbekannt. Im Dezember 1807 wurden deshalb scharfe Kontrollen für die Verbrauchssteuer auf Wein eingeführt.[37]
Aber die Bürger wollten lieber preiswert genießen. Dabei unterstützte sie Rechtsanwalt Dr. Beneke. Es war im Februar 1808, um 9 in den BürgerKonvent, so schrieb er gut gelaunt in sein Tagebuch, wo wir Weinhändler nach leichtem Kampfe einen vollständigen Sieg puncto der neuen AcciseVerordnung erfochten.[38] Es war eine Sache, über die sich Senator Abendroth ernsthaft aufregen konnte, gerade weil er wusste, dass dieser Sieg erstens dem Gemeinwohl schadete und zweitens auch noch mit unsauberen Methoden errungen worden war. Die Weinhändler betrieben Interessenpolitik und organisierte Opposition – aus purem Eigennutz. Es waren Leute am Werke, die ihre Partheysache zur Staatssache machen wollten.[39] So, sehr scharf, das Urteil Senator Abendroths. Dr. Beneke sah das offensichtlich lockerer. Das Ergebnis aber war sozialpolitisch bedenklich. Die Einnahmen aus den Verbrauchssteuern stiegen bis 1820 auf eine runde Million – 1810 waren es nur 500.000 Mark gewesen.[40] Nicht die Luxussteuer auf Wein verursachte diesen Anstieg, sondern die Besteuerung alltäglicher Lebensmittel wie Fleisch und Mehl, die primär die arbeitenden Klassen traf.
Die Entwicklung der Verbrauchssteuern von einer Luxusbesteuerung – Stichwort Weinkonsum – zur Besteuerung breiter Bevölkerungsschichten stellte die Republik vor zwei Probleme: Wenn direkte Steuern für das liberale Wirtschaftsmodell nicht zuträglich waren, und das war ja die weitverbreitete These, dann führte diese Form der indirekten Besteuerung zu einem immer regressiveren Steuersystem insgesamt. Und es zeigte sich auch noch ein anscheinend systemimmanentes Problem der republikanischen Regierungsform an und für sich: Sie war anfällig für wirtschaftliche Interessen bürgerlicher Machteliten. Das Gemeinwohl, für die alten Aufklärer Ziel jeder politischen Aktion, geriet unter die Räder. Wirtschaftliche Interessengruppen machten ihre Partheysache zur Staatssache. Die res publica konnte sich auf keinen Konsens mehr über die Bedeutung von publica einigen.
Immerhin gelang es der Republik, die Steuerbelastung insgesamt zu senken. Eine Flugschrift, die während der Unruhen von 1830 kursierte, behauptete das Gegenteil. Senator Abendroth war empört. Es ist u n w a h r und e r l o g e n, daß die Abgaben jezt stärker sind als früher, sie sind nicht nur nicht in die Höhe geschroben, sondern bedeutend geringer als früher, wie jeder weiß, der früher und jetzt contribuirt hat. – Außer dem Häuserschoß hatten wir früher Nachtwach- und Leuchtengeld, den geheimen Schoß oder ¼ pCt. einfache und doppelte Kopfgelder, oft 8 Grabengelder in einem Jahre zu entrichten, ausserdem öftere gezwungene Anleihen, Accise und Zoll. [41]
In der Tat verschwanden nach 1814 die direkten Steuern, die Kopfgelder, Grabengelder und wie sie alle hießen. Das gesamte Steuersystem bewegte sich von direkter zu indirekter Besteuerung und gleichzeitig sanken die Ausgaben. Sie fielen von 8 Millionen Mark, kalkuliert von Senator Bartels 1809,[42] auf etwa viereinhalb Millionen in den 20-er Jahren.[43] Der Staat ließ seinen Bürgern mehr Geld in der Tasche, das in private Investitionen und privaten Konsum fließen konnte. Das war der Beitrag der aufgeklärten und liberalen Republik zur wirtschaftlichen Erholung nach 1814. Auch Dr. Bartels vermeldete Erfolg und erklärte sämtliche Wünsche hinsichtlich der reformierten Finanzorganisation für erfüllt.[44] In sozialpolitischer Hinsicht war das aber etwas übereilt. Bei näherem Hinsehen entwickelte sich eine Situation wie in England. Ein Haushalt, der zu einem großen Teil aus den Steuerleistungen der arbeitenden Klasse gespeist wurde, finanzierte auf der Ausgabenseite die Zinsen für die öffentliche Schuld, wovon vor allem die kapitalkräftigeren Bewohner der Republik profitierten.
Auf Dauer blieb das nicht verborgen. Als nach der Zollsenkung von 1828 die Verbrauchssteuern noch einmal erhöht wurden, kam es zu heftigen Protesten, die erheblich dazu beitrugen, dass es im Sommer 1830 auch in Hamburg zu revolutionären Unruhen kam. Es wird noch die Rede davon sein.
Die Abkürzungen StAHH, StAB und StACux beziehen sich auf Bestände der Stadt- und Staatsarchive von Hamburg, Bremen und Cuxhaven; die Fußnoten auf die Literaturliste.
[1] Ferguson: Ascent, S. 100.
[2] Karl Gries an seinen Bruder Diederich, 28.-30.3.1811, zitiert nach Reincke: Briefwechsel, S. 257.
[3] Kommissionsprotokoll der norddeutschen Deputierten des Corps législatif, 3.8.1812, zitiert nach Stubbe da Luz: Hamburg, Bd. 2, S. 54.
[4] Kommissionsprotokoll der norddeutschen Deputierten des Corps législatif, 3.8.1812, zitiert nach Stubbe da Luz: Hamburg, Bd. 2, S. 55.
[5] Stubbe da Luz: Hamburg, Bd. 2, S. 55.
[6] Abendroth: Wünsche, S. 132f.
[7] Abendroth: Wünsche, S. 135.
[8] Abendroth: Wünsche, S. 133f.
[9] Abendroth: Wünsche, S. 133.
[10] Abendroth: Wünsche, S. 134. Das war die Forderung des Senators. Die Umsetzung machte aber Schwierigkeiten und führte bei der Admiralität zu Prozessen ihrer Gläubiger gegen den Staat. Gallois: Geschichte, Bd. 3, S. 59.
[11] Hudtwalcker: Bemerkungen, S. 68f.
[12] Allgemeine Zeitung, 31.8.1814; Die Umschreibung der Schuldpapiere begann Ende 1814, vgl. Anderson/Lappenberg: Sammlung, Bd. 1, S. 327f.
[13] Abendroth: Wünsche, S. 146.
[14] Hudtwalcker: Bemerkungen, S. 64.
[15] Hudtwalcker: Bemerkungen, S. 64.
[16] StAHH, Familie Voigt B 76 Unterakte 2, Axen an Abendroth, 16.9.1814.
[17] Abendroth: Wünsche, S. 22.
[18] StAHH, Familie Voigt B 76 Unterakte 2, Westphalen an Abendroth, 7.10.1814.
[19] Allgemeine Zeitung, 9.8.1814.
[20] Gallois: Geschichte, Bd. 3, S. 64f.
[21] Abendroth: Wünsche, S. 147.
[22] Beneke: Tagebücher, 6.4.1832.
[23] Zitiert nach Poel: Bilder, Bd. 2, Abtlg. 2, S. 129.
[24] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel II Fach 1 Vol F1 Dok 2, Abendroths Bericht über Ritzebüttel 1816.
[25] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel II Fach 1 Vol F1 Dok 16, Abendroths Bericht über Ritzebüttel 1820, Entwurf.
[26] Abendroth: Wünsche, S. 160.
[27] Abendroth: Wünsche, S. 160.
[28] Heusinger: Geschichte, S. 106.
[29] Heusinger: Geschichte, S. 106.
[30] Gallois: Geschichte, Bd. 3, S. 275.
[31] Gallois: Geschichte, Bd. 3, S. 348f.
[32] Abendroth: Wünsche, S. 109.
[33] Schmidt: Hamburg, Teil 1, S. 370.
[34] Mönckeberg: Jahren, S. 90.
[35] Abendroth: Wünsche, S. 129.
[36] Abendroth: Wünsche, S. 118f.
[37] Anderson: Sammlung, Bd. 7, S. 217–225, 238f. und 272–279.
[38] Beneke: Tagebücher, 8.2.1808.
[39] StAHH, Familie Beneke Ferdinand Beneke C 11, Abendroth an Beneke, 4.8.1818.
[40] Beiträge zur Statistik Hamburg‘s, S. 124.
[41] Abendroth: Beleuchtung, S. 7.
[42] Bartels: Abhandlungen, S. 92.
[43] Gallois: Geschichte, Bd. 3, S. 274.
[44] Bartels: Abhandlungen, S. 386.


