66. Die Konjunktur in Hamburg nach den napoleonischen Kriegen
Die Republik versucht sich in Wirtschaftspolitik
Konnte der Staat im 19. Jahrhundert erfolgreich Wirtschaftspolitik betreiben? Nicht im Sinne einer keynesianischen Ankurbelung der Nachfrage. Er konnte aber für verbesserte Rahmenbedingungen der Privatwirtschaft sorgen.
Dies ist Teil 66 der Aufklärung in Hamburg: Johann Heinrich Bartels, Amandus Augustus Abendroth, Ferdinand Beneke und die Verbesserung einer deutschen Republik 1790–1835. Die Einleitung beschreibt, worum es geht, und ein Überblick über die bisher veröffentlichten Kapitel findet sich hier.
Im Frühjahr 1814 sah es so aus, als würde die Hamburger Konjunktur ohne staatliche Hilfe nicht anspringen. Die wirtschaftliche Lage war schlecht. Nötig war eine die Circulation belebende Thätigkeit,[1] so Dr. Abendroth. Es ging um Konjunkturbelebung. Aufgefordert war auch der Staat: wer z.B. bauen kann, muß aufgemuntert werden, durch Bauen Menschen zu beschäftigen; die Tobacks- und Kattunfabriken sind auf alle mögliche Art zu favorisiren. Es muß den Besitzern abgebrochener und abgebrannter Häuser, die oft mit großen Summen fremden Geldes so hoch beschwert sind, daß es ihnen unmöglich ist, aus eigenen Kräften wieder zu bauen, mit Geld aufgeholfen werden, damit sie nur Muth bekommen, wieder anzufangen; hernach wird ihre eigne Industrie schon weiter helfen. Hiedurch werden theils die Eigner dem Staate erhalten, theils viele Menschen beschäftigt, theils den Creditoren ihre Geldpöste gerettet. Derjenige verdient den Namen eines Patrioten fast noch mehr, der ein solches nützliches Geschäft beginnt, wenn gleich mittelbar sein eigner Vortheil dabey einritt, als der, welcher ein selbst beträchtliches Allmosen giebt; denn durch ersteres bekommt die niedre Klasse wieder Zutrauen zu sich selbst, durch letzteres gewöhnt sie sich an Unthätigkeit, und sinkt immer tiefer.[2] Es war staatliche Konjunkturpolitik mit Anleihen bei Adam Smith, klassischer Wirtschaftsliberalismus also. Der patriotische Investor sorgte für sich und gleichzeitig für das Gemeinwohl. Und gegen Armut halfen Investitionen und Wirtschaftswachstum mehr als die Armenanstalt.
Aber ohne öffentliches Geld und staatliche Wirtschaftspolitik ging es auch nicht. Die Republik selbst musste auf den Prüfstand. War sie vielleicht eine Belastung für den wirtschaftenden Bürger? Verschwendete sie Geld? Verbrauchte sie zu viel von der Wirtschaftsleistung? Störte sie die Wertschöpfung durch falsche Steuersysteme und zu hohe Steuern? Ja, lautete tendenziell die Antwort und die Folge war eine Generalüberholung der gesamten Finanzstruktur. Hier lag der eigentliche Schwerpunkt der Reformen von 1814.
Die Republik also eine Belastung der Wirtschaft. Wirklich? In Lübeck, der ehrwürdigen und verwandten, im Laufe der Zeit etwas zurückgebliebenen Hansestadt, pflegte der Senator und Bürgermeister Georg Eschenburg hundert Jahre später seinem Neffen zu erzählen, das bisschen Staat koste doch gar nicht so viel.[3] Dem schien das ganz einleuchtend, er erinnerte sich an geliehene Staatskarossen und knauserige Senatoren. Oberflächlich betrachtet sah es in Hamburg ähnlich aus. Die Gehälter in Senat und Gerichten waren knapp bemessen. Die senatorischen Geschäftsleute arbeiteten sparsam zu Hause. Die Zeit repräsentativer Chefbüros war noch nicht gekommen. Es könnte aber sein, dass Bürgermeister Eschenburg in seiner Gemütlichkeit den Preis der Republik unterschätzte. Zu finanzieren waren in Lübeck wie in Hamburg nicht nur Gehälter, sondern umfangreiche kommunale Aufgaben in der Sozialfürsorge, beim öffentlichen Bau und der Bedienung der Staatsschulden.
Senator Bartels rechnete kurz vor der Union mit Frankreich mit jährlichen Staatsausgaben von knapp 8 Millionen Mark,[4] nach 1814 umfassten sie zwischen vier und fünf Millionen. Wie hoch lag im Vergleich dazu die jährliche Wirtschaftsleistung der Republik? Das ist nur in sehr groben Umrissen zu beantworten. Thomas Piketty gibt in seinem Buch über Das Kapital im 21. Jahrhundert die britische Wirtschaftsleistung um 1800 mit 30 Pfund pro Erwachsenem an.[5] Kann der Wert auf Hamburg angewandt werden? Möglicherweise. Großbritannien war damals die fortschrittlichste Volkswirtschaft der Welt, Teile des platten Landes hatten allerdings von der industriellen Revolution noch nicht viel gesehen. Hamburg lag im rückständigen Deutschland, war in diesem Rahmen aber überdurchschnittlich kapitalkräftig und produktiv. Der Versuch führt zu folgendem Ergebnis: Umgerechnet in Hamburger Währung zum Kurs von 1 : 13 waren 30 Pfund rund 400 Mark. Bei 60.000 Erwachsenen in der Stadt[6] würde sich eine jährliche Wirtschaftsleistung von 24 Millionen Mark ergeben. Möglicherweise lag damit die Staatsquote bei mehr als 20 %, im Extremfall sogar bei mehr als 30 %, wenn die Zahlen von Senator Bartels zugrunde gelegt werden. Von dem bisschen Staat konnte keine Rede sein.
Die öffentliche Hand belastete also die Wirtschaft der Republik ganz erheblich und war dabei nicht sonderlich gut organisiert, was Abendroth 1814 zu einem energischen Aufruf zur Umkehr veranlasste. Eine Sache, die ganz besonders die größte Aufmerksamkeit verdient, ist die bessere Organisirung unserer Finanzadministration, und der Zweige des öffentlichen Dienstes, mit welchen Ausgaben verbunden sind. … Unordnung in den Finanzen hat jeden Staat, wo sie sich einfand, über kurz oder lang ins Verderben gestürzt, nur die größte Oekonomie kann uns retten;[7] Größte Ökonomie, das war der Leitgedanke. Der Staat sollte die Bürger entlasten. Dafür aber fehlte das Instrument, ein parlamentarisch verabschiedeter Haushalt, der mit öffentlichem Konsens alle Ausgaben dem Sparsamkeitsdiktat unterwarf, sie mit etwas Glück ins defizitfreie Gleichgewicht brachte und damit den wirtschaftenden Bürger entlastete und anregte.
Bisher war viel Geld versickert – beim Bau zum Beispiel. Die Ausgaben überstiegen die Voranschläge oft um das Doppelte und Dreifache.[8] Die Fortifikation, zuständig für die Befestigungsanlagen, in der Praxis oft mit Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen beschäftigt, hatte ähnliche Probleme.[9] Der Jahresabschluss der öffentlichen Hand ebenso wie ihr Schuldenstand konnten nur durch verschiedene arithmetische Operationen näherungsweise ermittelt werden.[10] Das machte dem Maire und seinem Gemeinderat enorme Arbeit. Wo waren die Staatsanleihen, wer besaß diese Papiere und wie viele davon? Man musste die Gläubiger fragen, was Maire Abendroth auch umgehend tat, die Wincklersche Armenschule zum Beispiel. Da es zur Formirung des Budgets der Commune Hamburg durchaus erforderlich ist zu wissen, in wessen Händen die Schuldpapiere der Commune sich befinden, aus denen bey der Commune Caße sich befindlichen Büchern aber nur ratione der Kammerbriefe dieses ersehen werden kann, so ersuche ich Sie, Abendroth wandte sich an die Vorsteher der Schule, mir so bald als irgend möglich und spätestens in den letzten Tagen dieser Woche, nach dem beygehenden Schema zu sagen, wie viel das Ihrer Verwaltung untergebene Institut von den verschiedenen Papieren … besitzt.[11] Es war alles etwas mühsam.
Eine Gesamtreform war nötig und das Programm lautete kurzgefasst: Senkung der Staatsausgaben und Konsolidierung der Schulden durch einen öffentlichen, von Senat und Bürgerschaft verabschiedeten Haushalt, nur die größte Oekonomie kann uns retten.[12] Von der Senkung der Ausgaben war steuerliche Erleichterung der Bürger zu erwarten, von der Fundierung der Schulden eine Stärkung des Kreditsystems, vom öffentlichen Haushalt mehr Verantwortungsbewusstsein im Umgang mit Steuergeldern und von allen Reformen zusammen Wiederbelebung der Wirtschaft und neue Prosperität. Die Reformer erhofften etwas, was Bartels Jahre zuvor in Italien registriert hatte: ungewohnte Thätigkeit …, erwekt durch die Aufhebung der vielen drükenden Abgaben.[13] Die ökonomisch schwer mitgenommene Republik konnte es gebrauchen.
In seiner Provinz Cuxhaven zeigte Abendroth, wie das ging. 1. Privatisierung von Staatsgütern.[14] Gewöhnlich werden, analysierte Abendroth, wie die Erfahrung lehrt, Kameralgüter schlecht verwaltet.[15] Die Überführung staatlicher Kameralgüter in Privatbesitz sollte zu mehr Produktivität und mehr Einnahmen führen; 2. Senkung der Kosten des öffentlichen Bauwesens und 3. Abschaffung der Garnison, des bezahlten Militärs also.[16] Verringerte Ausgaben machten Steuersenkungen möglich. Die Vermögens- und Einkommenssteuer, die Landeskontribution, reduzierte er nach 1814 von 1 Prozent auf 0,5 Prozent vom Kapital. Alle mussten sie zahlen und das war auch kein Problem, da die jetzigen Lasten mit den früheren in keiner Proportion stehen.[17] Das Ergebnis bestätigte die Strategie: Mit Einnahmen von 32.000 Mark und Ausgaben von 30.000 Mark wies der Haushalt Cuxhavens einen erheblichen Überschuss aus. Damit erreichten die Steuersenkungen allerdings eine natürliche Grenze, auch wenn die Belastungen nach wie vor eigentlich zu hoch waren. So sehr wünschenswerth also auch die Herabsezung der sehr hohen Contribution ist, so ist es durchaus unmöglich daran schon jetzt zu denken.[18] So Abendroth, es war der Stand 1820.
Umso wichtiger war Sparsamkeit bei den öffentlichen Ausgaben. Zu erreichen war sie nur mit verantwortungsbewussten Bürgern, die die finanzielle Lage ihres Gemeinwesens kannten. Abendroth sorgte dafür: ich berufe die adjuncten – das Landesparlament von Cuxhaven – Ende Dezember und fertige dann ein Budget an, wie das von mir geführte Protocoll der Landesversammlung dies zeigt.[19] So sah der transparente, öffentliche Haushalt im Kleinformat Ritzebüttels aus. Die Aufklärer versprachen sich davon nicht nur finanzpolitische Vorteile, sie hofften auf inneren Ausgleich und bessere soziale Balance im Gemeinwesen.
Wie es nicht sein sollte, wusste Senator Bartels aus seiner Zeit auf Sizilien. Dort wirtschafteten aristokratische Würdenträger in die eigene Tasche und das alles unter dem Deckmantel des tiefsten Geheimnisses. Warum das? fräget das Volk … Müssen wir doch bezalen, warum sollen wir denn nicht wissen, wie viel wir bezalen müssen? Dr. Bartels hatte da seine Vermutungen. Haben etwa die Beamten dabei ihren Vorteil? … In diesem Unwillen des Volkes, liget unstreitig richtiges Gefül von natürlichem Rechte;[20] Transparenz bei Steuern und Ausgaben als natürliches Recht des Volkes, mehr Öffentlichkeit war kaum möglich. Dann wurde er vorsichtiger. Der Beobachter der vorrevolutionären Verhältnisse in Frankreich musste sich eingestehen, dass ein Staatshaushalt, der in den Salons der Reichen und den Werkstätten des Mittelstandes diskutiert wurde, eine sehr zweischneidige Sache sein konnte, wenn er für alle den Luxus und die Verschwendung der herrschenden Klasse sichtbar machte. Jacques Necker, der Finanzminister Ludwigs XVI., hatte 1781 seinen berühmten Comte rendu veröffentlicht, aber trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, wurde die revolutionäre Agitation immer heftiger. Es gibet bekanntlich viele Freunde und viele Feinde einer solchen Publizität … ; sollte man daher nicht auf die Vermutung geraten, es lasse sich darüber im Allgemeinen nichts entscheiden? und es sei hier die Regel anzuwenden, duo cum faciunt idem, non est idem? Es sei das, was in einem Staate höchste Weisheit ist, verschidener Umstände wegen im andern Torheit? Die Geschichte unserer Zeit gibet uns darüber die deutlichsten Beweise, was in dem einen Staate zur festern Konsistenz beiträget, zerrüttet den andern![21] Zu festerer Konsistenz führte offensichtlich der parlamentarisch abgesegnete Haushalt in Großbritannien, wo die kapitalkräftigen Klassen Riesendefizite finanzierten, ohne mit der Wimper zu zucken. Anscheinend gefiel ihnen, wofür das Geld ausgegeben wurde und dass ihnen gleichzeitig für ihr Kapital eine sichere Anlage angeboten wurde. Dr. Abendroth bevorzugte das englische Beispiel und hatte keinen Sinn für dieses vorsichtige Hin und Her, jede Geheimnißkrämerey kann in unserer jetzigen Lage nur schaden, er schrieb das im Frühling 1814, und unsern Kredit schwächen, die Bürger haben das Recht, von der Verwendung der Gelder des Staats unterrichtet zu seyn, es sichert dies die oberen Behörden gegen manche Zumuthungen.[22] Die Offenlegung des Staatshaushalts stärkte den Kredit. Unser Credit bedarf jedes Hülfsmittels.[23] Und das erste Hülfsmittel waren Transparenz und Öffentlichkeit der staatlichen Finanzpolitik.
1814 führte die Republik die zentrale Haushaltsplanung ein. Die gesamte Bürgerschaft sollte dabei mitreden, nicht nur die Kämmerei, das Finanzministerium.[24] Es war die Umsetzung des Programms Abendroth, das er in bewusst altmodischer Sprache der Öffentlichkeit präsentiert hatte. So wie ein vernünftiger Hausvater vor der Ausgabe einen Ueberschlag seiner Ausgabe und Einnahme macht, so müssen wir es auch mit unsrer Staatskasse machen, wir müssen ein Budget haben, was in England, Frankreich, Preußen und fast allen Staaten längst eingeführt war; … Dieses Budget … muß der Bürgerschaft zur Approbation oder Verwerfung i m G a n z e n vorgelegt werden, und weder der Rath allein, noch vereint mit den Oberalten, noch die Finanzadministratoren dürfen davon abgehen und eine Ausgabe veranlassen oder machen, wenn sie nicht in dem Budget bewilligt ist.[25] Der Effekt: Ohne Bewilligung des Haushalts durften keine Beamten mehr eingestellt, keine Gehälter mehr bezahlt und keine Bauprojekte mehr initiiert werden.[26] Das neue System verpflichtete alle Behörden, ihre Einzelbudgets einer Kommission vorzulegen. Ihren Entwurf leitete sie zur Begutachtung an eine Revisionskommission weiter. Senat und Bürgerschaft mussten den Haushalt dann gemeinsam in einem Konvent genehmigen.
Senator Abendroth ahnte, dass der Haushalt den politischen Horizont der Republik verrücken würde. Der Vorschlag des Budgets an die Bürgerschaft, wird also auch die Proposition der Auflagen des nächsten Jahres enthalten, und ist also diese Bürgerschaft, in der das Budget proponirt wird, die wichtigste im ganzen Jahre.[27] Der klassische Parlamentarismus des 19. Jahrhunderts kündigte sich an. In diesem Falle allerdings mit einer wichtigen Ausnahme, die typisch war für die inneren Spannungen zwischen verbessernder Aufklärung und Liberalismus. Abendroth wollte die Bürgerschaft nur über den Haushalt insgesamt mit Ja oder Nein abstimmen lassen. Es war wohl seine Vorliebe für die vernünftige Administration von oben, die ihn auf dieses stark verkürzte Verfahren brachte.
Schon in den Vorlagen für die Bürgerschaft war davon aber nicht mehr die Rede. Die Vorlagen für das neue Finanzsystem hatte sein Partner und Verbündeter Syndikus von Sienen konzipiert, immer der respectabelste Mann in unserm Collegio,[28] so Abendroth. Widerstand in der Bürgerschaft gab es nur punktuell wie beim geplanten Generalkassenverwalter.[29] Zu viel Zentralisierung und eine Entmachtung der Kammer, die Bürger wollten es nicht genehmigen. Das öffentliche Budget passierte die Bürgerschaft ohne Schwierigkeiten. Damit hatte die Republik einen parlamentarisch verabschiedeten Haushalt, öffentlich zumindest für einige hundert Stimmbürger in den Konventen. Unterstrichen wurde diese Entwicklung in die Moderne durch eine Personalie. Ein Schwergewicht des Senats und der aufgeklärten Führungsriege der Republik, Syndikus von Sienen, übernahm das Finanzressort.[30] Faktisch wurde er zum mächtigen Finanzminister der Republik, an dem in Geldsachen kein Weg vorbeiführte.
Den ersten Haushalt in der Bürgerschaft erwartete Abendroth schon für den Herbst 1814.[31] Das war deutlich zu optimistisch. 1816 war dann der neue Termin. Doch zuvor geschah etwas Merkwürdiges. So schnell die Bürgerschaft das Budgetrecht gewonnen hatte, so schnell gab sie es auch wieder auf. Es scheint, als hätten alle Beteiligten beim Blick auf die Nachbarschaft kollektiv kalte Füße bekommen. Kleine Staaten müssten Rücksicht auf die auswärtigen Mächte nehmen, hieß es, und denen sollte kein allzu tiefer Einblick in die Finanzwirtschaft der Republik eröffnet werden. Plötzlich wollte kein Mensch mehr etwas von Haushaltsberatungen in der Bürgerschaft wissen, da sie wegen der dabey unvermeidlichen Publicität …, dem allgemeinen Wohl der Stadt höchst nachtheilig würde werden können und sind darüber Ehrbare Oberalten, das löbliche Collegium der LXger, - also der Sechziger – Verordnete der Kämmerey, die Mitglieder der Schulden Administrations Deputation und der Revisions Commission mit Senatu völlig gleicher Meinung.[32] Möglicherweise hatte diese überraschende Wende etwas mit einer Entwicklung zu tun, die noch im Mai 1814 niemand vorausgesehen hatte. Die Republik erlebte ein Wirtschaftswunder. Das Anspringen der Konjunktur hatte externe Ursachen – das Ende der Kontinentalsperre und den neu erwachenden Welthandel. Ohne flankierende Wirtschaftspolitik der Republik aber wäre der Boom womöglich schnell wieder verpufft.
Schon im Sommer deuteten alle Anzeichen auf Wachstum. Hamburg eilt seinem neuen Wohlstande mit Riesenschritten entgegen,[33] berichtete atemlos die Allgemeine Zeitung aus Augsburg, die ja in Deutschland bekanntermaßen viel gelesen wurde. Versicherungsgesellschaften schrieben solide Zahlen. Die Feuerversicherung, Direktion Herr Moller, hatte zwar 1807 bei einem Großbrand von Königsberg 1,1 Millionen Mark auszahlen müssen, dann auch noch 800.000 Mark bei der Konfiskation der Silberbestände der Hamburger Bank durch das französische Militär verloren. 1814 erwies aber die Veröffentlichung ihrer Bilanz, daß die Kompagnie noch ganz unerschüttert ist, und die Aktionairs nicht einmal den geringsten Zuschuß leisten dürfen, welches glückliche Resultat sie kaum zu hoffen wagten.[34]
Geldgeschäfte am Hamburger Platz nahmen gewaltige Ausmaße an. Ein Handelshaus allein verkaufte innerhalb weniger Monate Wechsel in Höhe von 1,25 Millionen Pfund Sterling. Pfund Sterling! Das waren mehr als 16 Millionen Mark, das Dreifache eines Hamburger Staatshaushalts dieser Jahre. Diese Transaktionen trieben den Wechselkurs des Pfunds gegenüber der Mark in die Höhe und der wiederum trieb die Gewinne. Dieser plötzlich … gestiegene Wechselkurs hatte für die meisten hiesigen Häuser die glükliche Folge, daß sie ihr Geld, welches sie … nach England übermachten, jetzt mit außerordentlichem und nie erwartetem Vortheile zurückzogen. Damals gaben sie für 1 Pfund Sterling 9 Mark 12 Schilling Banko, und jetzt bekommen sie für dasselbe Pfund 12 Mark 3 bis 4 Schilling Banko wieder. Es gibt hier viele reiche Kaufleute, welche blos durch diese glükliche Konjunktur im Kurse mehr als 100,000 Mark Banko gewonnen haben, und mit diesem Gewinn manchen harten Verlust wieder ausgleichen, den sie früher durch die Franzosen erlitten.[35] So stand es in der Zeitung und die Leser rieben sich die Augen.
Die Konjunktur füllte die öffentlichen Kassen. Ende August kündigte die Allgemeine gleich auf ihrer ersten Seite einen Bericht über die günstigen Finanzverhältnisse der Republik an. Im Artikel selbst war dann von rasant steigenden Steuereinnahmen und der schnellen Nachzahlung rückständiger Zinsen der Staatsschuld die Rede.[36] Von Kammerbriefen also, die sich aus einem Stück Papier zurückverwandelten in ein Vermögen.
Auch den Hamburgern selbst fiel diese Prosperität auf. Im Hafen liefen 1814 nach der Öffnung der Elbe fast 900 Seeschiffe ein.[37] Und an der Börse wurde es eng. Die Börse … ist fast so voll gedrängt als in den besten Zeiten und kein Ort mehr für zarte Füße. … Der Hafen prangt schon mit den Flaggen aller Nationen: in einem einzigen Stücke des Wochenblattes standen neulich 32 allein aus London angekommene Schiffe. Die Speicher füllen sich wieder; wer nur Warenraum hat, kann ihn für hohe Miete anbringen. Zahlreiche Ever beleben die Fleete. In den Gassen tummelt sich das rührige Volk der Krahnzieher, Quartiersleute, Litzenbrüder und Karrenschieber. Die unverzüglich wieder geöffnete Bank beherbergt schon wieder einen Schatz, den man auf vier Millionen anschlägt. Die Handwerker haben vollauf zu tun die zu Kasernen, Magazinen, Hospitälern pp. gebrauchten Gebäude herzustellen, welche zum Teil schrecklich zugerichtet sind.[38] Ein paar Jahre später regierte die Bancomark, die Hamburger Silberwährung, den Handel Europas.[39]
Das war alles hocherfreulich, aber es kam politisch in gewisser Weise ungelegen. Für die Verarmten der Belagerung hatten wohltätige Vereine viel Geld gesammelt, an der Spitze Senator Abendroth höchstselbst.[40] Mussten sich die Spender nicht düpiert fühlen, wenn sie erfuhren, dass am Neuen Wall schon wieder ganz prächtig Geld verdient wurde? Dann liefen gerade komplizierte Verhandlungen mit Frankreich. Hamburg wollte entschädigt werden und addierte Millionen über Millionen an Verlusten und Besatzungsschäden. Nur untergrub eine brillante Handelskonjunktur – für jeden zu besichtigen an den Zolleinnahmen im Haushalt – auf unangenehme Weise die eigene Verhandlungsposition. Und die Konkurrenz in Süddeutschland fing auch schon wieder an, sich über die Ausbeutung durch das Hamburger Handelskapital zu beklagen. Da war es wohl keine gute Idee, die so schnell wiederauflebende Prosperität im Triumph auszuposaunen.[41]
Syndikus Gries wollte im September 1814 einen Artikel in der Allgemeinen Zeitung lancieren, um den Eindruck zu verwischen, die Republik lebe schon wieder in Saus und Braus.[42] Genau diese Prosperität hätte ein öffentlicher Haushalt gezeigt, das schwante womöglich Senat, Oberalten, Sechzigern und allen anderen Bürgern. Senator Bartels mochte sich daran erinnern, dass freie Sicht auf die Finanzen eines Staates sowohl Weisheit als auch Torheit bedeuten konnte.[43] In diesem Fall optierte der Senat für Torheit und empfahl die Rücknahme des öffentlichen Budgets. Er schickte Syndikus von Sienen und Senator Christian Daniel Benecke – nicht verwandt oder verschwägert mit Ferdinand Beneke – mit dieser Botschaft ins Bürgerschaftspräsidium, auswärtige Mächte würden vielleicht durch die Entdeckung so bedeutender Ressourcen in dem kaum von den Plünderungen der Franzosen befreyten Hamburg zu überspannten Begriffen von unsern Geldquellen[44] kommen, warnten sie dort mit Erfolg. Sie wussten ja sehr gut, was sich abspielte, dass nämlich die überspannten Begriffe ziemlich nahe an der Realität lagen. Die Vorlage des Haushalts in der Bürgerschaft wurde ersatzlos gestrichen. Das schöne Geld in der Hamburger Staatskasse ging das Ausland gar nichts an.
Technisch gesehen arbeitete der neue Mechanismus der zentralen Haushaltsplanung zufriedenstellend, auch ohne Budgetvorlage. Das jedenfalls war die Ansicht Abendroths. Die Kammer wird, schrieb er ein paar Jahre später 1828 an seinen Freund Hartung nach Ritzebüttel, … ordentlich mit dem Nothwendigen versehen … Dies ist eine neue Erfindung, zu meiner Zeit war dies noch nicht – Die Welt wird immer besser und vollkommener.[45] Es klang etwas ironisch, aber das vertrug sich gut mit den Erfolgsbilanzen. Senator Abendroth hatte Überschüsse angestrebt und mit dem neuen Budgetverfahren kamen sie auch, es muß so lange die Ausgabe vermindert oder die Einnahme vermehrt werden, bis diese Balance da ist.[46] So ging das also. Die Haushalte der 20-er Jahre schwankten zwischen vier und fünf Millionen Mark pro Jahr und zeigten in der Tat einen kumulativen Überschuss von 700.000 Mark, auch wenn es einzelne Budgets mit Defizit gab. Diese Defizite wurden sofort im folgenden Jahr durch Überschüsse wieder ausgeglichen. Genau das war der gewünschte Effekt.[47]
Der gewünschte politische Effekt eines öffentlichen Haushalts, breiter Bürgerkonsens über die Finanzpolitik, wurde jedoch nicht erreicht. Das sollte kurze Zeit später zum Problem werden. Als sich 1829/30 Senat und Bürger hoffnungslos über den Zoll zerstritten, hätte vielleicht eine Haushaltsvorlage in der Bürgerschaft zu einem Kompromiss über die Höhe des Zolls und die kompensatorischen Steuererhöhungen führen können. Bürgermeister Bartels fand das hörenswert, aber eher privat. Seinem Freund und Kollegen, dem Bürgermeister Smidt in Bremen, schrieb er, dass man durch einen von der Bürgerschaft genehmigten Haushalt vielleicht die großen Einnahmeverluste der Zollsenkung revidieren könnte. Aber ietzt spricht man schon wieder von größerer Oeffentlichkeit in dem Rechnungswesen, und da wird es die Frage seyn, ob man nicht der Bürgerschaft mit etwas der Art entgegen kommen müßte? Dies würde besonders nüzlich seyn, wenn es dahin führen könnte, daß wir die 6 – 700.000 Mark die wir beim Zoll eingebüßt haben, ohne daß irgend jemand Vortheil davon hat, restituirt erhielten.[48] Welch ein Zutrauen in die Wirkung öffentlicher Vernunft.
Es kam wirklich dazu. Im Oktoberkonvent des Jahres 1832 erklärte der Senat den Bürgern lang und breit und im Detail die finanzielle Lage der Republik – selbstverständlich unter liebevoller Berücksichtigung des Defizits, das die Zollsenkungen versursacht hatten und dessen Deckung man von den vielgeliebten Mitbürgern erwartete.[49] Das Ergebnis konnte sich sehen lassen. Die Bürgerschaft stimmte einer Einkommenssteuer zu. Einkommen unter 1000 Mark zahlten nichts, darüber steigerten sich die Steuersätze langsam von 0,25% auf ein Maximum von 1,75%.[50] War der Steuerpflichtige im Besitz von Landhäusern, Kutschen oder Pferden oder hatte er Dienstboten, wurden Zuschläge erhoben. Das wurde als Luxussteuer bezeichnet. Die parlamentarische Präsentation der Finanzen setzte sich in den kommenden Jahren fort – ein großer Schritt in die Moderne. Faktisch war der öffentliche Haushalt jetzt da, wenn er auch nicht so genannt wurde. Denn abstimmen musste die Bürgerschaft, nicht eigentlich zwar über den Haushalt, sondern über die Steuern, die sie klugerweise immer nur für einen kurzen Zeitraum genehmigte. Es war ein Durchbruch, allerdings tat die Versammlung im Rathaus dem Bürgermeister nicht den Gefallen, die Senkung der Zölle rückgängig zu machen. Es wird noch die Rede davon sein.
Hamburgs Wirtschaftspolitik konnte nach 1814 deutliche Erfolge verzeichnen: Verringerte Staatsausgaben, ein Haushalt mit Überschüssen und die faktische Öffentlichkeit der Finanzpolitik führten zu einer deutlichen Belebung der Konjunktur und förderten den Wohlstand. Der Erfolg hatte jedoch seinen Preis. Es gab Anzeichen für eine deutliche Zunahme der Kapitalkonzentration in den oberen Klassen.
Die Abkürzungen StAHH, StAB und StACux beziehen sich auf Bestände der Stadt- und Staatsarchive von Hamburg, Bremen und Cuxhaven; die Fußnoten auf die Literaturliste.
[1] Abendroth: Wünsche, S. 174.
[2] Abendroth: Wünsche, S. 174f.
[3] Eschenburg: Also hören Sie mal zu, S. 32.
[4] Bartels: Abhandlungen, S. 92. Der Senator hatte scheinbar keine Hemmung, nach oben abzurunden. Wahrscheinlich rechnete er auch die vollen Kosten von milden Stiftungen und Armenanstalt in die öffentlichen Ausgaben ein, für die effektiv aber nur einen kleinen Teil ihrer Ausgaben direkt aus der Staatskasse erhielten.
[5] Piketty: Kapital, S. 145f.
[6] Beiträge zur Statistik Hamburg’s, S. 12. Die Zahl basiert auf der Zählung von 1811 und bezieht sich auf das Stadtgebiet plus St. Georg.
[7] Abendroth: Wünsche, S. 97f.
[8] Abendroth: Wünsche, S. 102f.
[9] Abendroth: Wünsche, S. 149.
[10] Abendroth: Wünsche, S. 107.
[11] StAHH, Ministerium III B Band 46 1812, Abendroth an die Wincklersche Armenschule, 3.11.1812. Kammerbriefe waren Schuldverschreibungen der Kämmerei, also des Finanzministeriums der Hamburger Republik. Wollte jemand sein Geld in Hamburger Staatspapieren anlegen, kaufte er Kammerbriefe.
[12] Abendroth: Wünsche, S. 98.
[13] Bartels: Briefe, Bd. 2, S. 92.
[14] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel II Fach 1 Vol F1 Dok 15, Abendroths Bericht über Ritzebüttel 1820.
[15] Abendroth: Wünsche, S. 129.
[16] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel II Fach 1 Vol F1 Dok 15, Abendroths Bericht über Ritzebüttel 1820.
[17] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel I Fach 2 Vol A II, S. 31, Abendroth Handbuch Ritzebüttel; StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel II Fach 1 Vol F1 Dok 10, Abendroths Bericht über Ritzebüttel 1819.
[18] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel II Fach 1 Vol F1 Dok 15, Abendroths Bericht über Ritzebüttel 1820.
[19] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel I Fach 2 Vol A II, S. 31, Abendroth Handbuch Ritzebüttel.
[20] Bartels: Briefe, Bd. 3, S. 745.
[21] Bartels: Briefe, Bd. 3, S. 786f. Duo cum… Wenn zwei dasselbe tun, ist es nicht dasselbe.
[22] Abendroth: Wünsche, S. 104.
[23] Abendroth: Wünsche, S. 108.
[24] Buek: Handbuch, S. 461ff.; Bohnsack: Finanzverwaltung, S. 155ff.
[25] Abendroth: Wünsche, S. 99.
[26] Abendroth: Wünsche, S. 100.
[27] Abendroth: Wünsche, S. 102.
[28] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel VIII Fach 3 Vol A Fasc 2 Conv I, Abendroth an Graepel, 19.2.1815.
[29] StAHH, Senat Cl VII Lit Da No 2 Vol 4.
[30] Er präsidierte der Kommission zur Formierung des Budgets und der Schulden-Administrationskommission. Hamburgischer Staats-Kalender, 1817, S. 69 und S. 71.
[31] Abendroth: Wünsche, S. 119f.
[32] StAHH, Senat Cl VII Lit Da No 2 Vol 6a Fasc 6 Cameralia Dok 13a Anlage I, Senatsresolution für den Bürgerkonvent vom 22.8.1816.
[33] Allgemeine Zeitung, 19.7.1814.
[34] Allgemeine Zeitung, 1.8.1814. Wie oft in den Quellen der Zeit meint das Wort dürfen: müssen.
[35] Allgemeine Zeitung, 11.9.1814.
[36] Allgemeine Zeitung, 31.8.1814.
[37] Gallois: Geschichte, Bd. 3, S. 116.
[38] Karl Gries an seinen Bruder Diederich, Juli 1814, zitiert nach Reincke: Briefwechsel, S. 261f.
[39] Haller: Briefe, S. 50.
[40] Mönckeberg: Hamburg, S. 257.
[41] In der Beilage der Allgemeinen Zeitung vom 13.10.1814 erschien ein Bericht, der die wirtschaftlichen Aussichten Hamburgs wesentlich zurückhaltender darstellte. War er offiziell inspiriert?
[42] Dreyer: Hamburg, S. 58.
[43] Bartels: Briefe, Bd. 3, S. 786f.
[44] Erläuterungen Sienens und Beneckes bei den Oberalten, 26.4.1816, zitiert nach Stieve: Kampf, S. 167.
[45] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel I Fach 13 Vol B Fasc 2 Dok 33, Abendroth an Hartung, 12.8.1828.
[46] Abendroth: Wünsche, S. 101.
[47] Gallois: Geschichte, Bd. 3, S. 274.
[48] StAB, 2 B 5 a 7 Vol 2, Bartels an Smidt, 8. Mai, 1832
[49] Gallois: Geschichte, Bd. 3, S. 326f.
[50] Anderson/Lappenberg: Sammlung, Bd. 12, S. 121-129.


