65. Hamburger Magnifizenzen
Die Bürgermeister, ihre Wahl und ihre politische Rolle
Die Stadt hatte vier Bürgermeister, formell anzureden als Magnifizenzen, aber Bürgermeister war nicht gleich Bürgermeister. Sie rotierten im Präsidium von Senat und Obergericht, verfügten aber über keine Richtlinienkompetenz, ihr Einfluss hing stark von persönlicher Autorität, Arbeitseinsatz und politischem Gespür ab. Nach außen allerdings wurden Spannungen selten sichtbar. Gravitätisch feierte die Republik sich selbst.
Dies ist Teil 65 der Aufklärung in Hamburg: Johann Heinrich Bartels, Amandus Augustus Abendroth, Ferdinand Beneke und die Verbesserung einer deutschen Republik 1790–1835. Die Einleitung beschreibt, worum es geht, und ein Überblick über die bisher veröffentlichten Kapitel findet sich hier.
Gegen Ende der 20er-Jahre hatte sich der Streit um die Verfassung gelegt. Es herrschte keineswegs politische Windstille, wie das Polizeigesetz zeigte, bei dem im Senat die Fetzen flogen. Aber Senat, Kollegien und Kammern stellte kein Mensch mehr in Frage. Im Gegenteil, die Republik gönnte sich einen feierlichen Moment, den 300. Geburtstag ihres Grundgesetzes.[1]
Nichts wurde ausgelassen. Georg Nicolaus Bärmann brachte ein patriotisches Werk zur Aufführung: Bürgertreue. Ein Dominikanermönch spielte den Schurken. Das gefiel wahrscheinlich Bürgermeister Bartels nach seinen italienischen Klostererfahrungen. Missgünstige Kritiker, Ferdinand Beneke auch, fanden das Stück inhaltlich unzulänglich, um nicht zu sagen dämlich.[2] Das Publikum liebte es, besonders die Hymne Stadt Hamburg in der Elbe Auen. Der Rezensent verzeichnete stürmischen Beifall.[3]
Ein offizielles Festprogramm gab es auch und Senator Abendroth bewährte sich einmal mehr als humoristischer Skeptiker. Am 29ten Sept wird es hier sehr flott hergehen – ich meine zu flott – die fête wird ein Heydengeld kosten. Aus gegebenem Anlass schickte er Freund Hartung das Festprogramm nach Ritzebüttel, ein paar unterhaltsame Bemerkungen gab es gratis dazu. Das Programm ist nothwendig weil die wenigsten Leute wissen was eigentlich los ist – Es ist nun beschlossen daß Senatus und die Bürgerschaft sich erst auf dem Rathhause versammeln nachdem man vorher in der Kirche gewesen – Das praesidium und praeses der OberAlten wird schöne Redensarten hervorbringen es wird aber bey der Beschränktheit des Plazes eine Menge schiefer Gesichter geben von Leuten die nicht gebeten sind – man brumt schon über das viele Geld was ausgegeben wird, wovon die wenigsten etwas geniessen werden.[4] Wenn Hamburger Republikaner Geld ausgaben, wollten sie wenigstens etwas davon haben. Überraschenderweise bekamen sie es auch, trotz schlechten Wetters. Die Feier fiel über Erwarten schön aus. Bürgermeister Bartels stellte sein Rednertalent unter Beweis und selbst Abendroth war angetan. Die Feierlichkeit auf dem Rathhause hat alle Leute ergriffen – Bartels und der alte Rücker[5] haben beyde sehr schön gesprochen es machte einen herrlichen Eindruck Die Kirchen waren gedrängt voll, die Illumination allgemein das Feuerwerk konnte des Unwetters wegen nicht gegeben werden – Auf der Fete im Stadthaus herschte Frohsinn und Herzlichkeit der Sahl ist sehr schön decorirt.[6] Man hatte sich für Renaissance entschieden.
Überhaupt war das Fest ein voller Erfolg. 10.000 Besucher kamen in die Stadt und es wurde bis spät in die Nacht gefeiert. An den Toren wurden über 5.000 Mark an Sperrgeldern eingenommen, ein Rekord.[7] Und Bürgermeister Bartels hatte wie erwartet die Gelegenheit ergriffen, die Verfassung der Republik in strahlendes Licht zu rücken. Nur sie war fähig, den Gemeinsinn zu wecken, den Parthei-Geist selbst im Entstehen zu zerstören, dagegen Friede und Eintracht zu befördern.[8] Das war ein Klassiker der schönen Rede und wärmte die Herzen. Die Verfassung sollte Parteien verhindern. Sie tat es wirklich, wenn sie auch neuerdings mit dem Phänomen politischer Mobilisierung zu kämpfen hatte. Erstaunlicherweise lobte der Bürgermeister dann auch die Opposition – wenn sie denn sachliche und vernünftige Einsichten beförderte. Oberaltensekretär Beneke lobte dann auch noch - die politische Eintracht zwischen Senat und Bürgerpräsidium. Gott erhalte diese Eintracht, und gründe sie fester, als bisher, auf Christenthum, und Deutschheit! – [9] Das sah ihm ähnlich.
Die Verfassung war ein weites Feld. Viel war verbessert worden, vor allem im praktischen Leben, auf den Straßen, im Hafen, in der Gesundheitsfürsorge, in den Gerichten und bei der Polizei. Aber die Republik war und blieb ein aristokratisches Gemeinwesen, eben eine Eliterepublik. Das fühlte sich nach überstandenem Ancien Régime, das ja, wie Dr. Bartels früh erkannt hatte, von vielen Dummköpfen in leitender Stellung bevölkert war, [10] auch ganz modern an. Die Besten, also die aufgeklärtesten unter den Bürgern sollten regieren und taten das auch, diejenigen nämlich, die durch Geld oder Bildung bewiesen hatten, dass sie dem Staat etwas geben konnten und ihn nicht als Selbstbedienungsinstitut der Privilegierten missbrauchten. Das schloss per definitionem die große Masse aus, die daran aber bis auf Weiteres wenig Anstoß nahm. Das Prinzip war nicht gelockert, allerdings auch nicht auf die Spitze getrieben worden, wie es einige Aufklärer, an prominenter Stelle Senator Abendroth und Bürgermeister Amsinck, versuchsweise gefordert hatten, denen in der Bürgerschaft zu viele Zünftler, Weinhändler und Eigentümer von Kleinimmobilien saßen - die ungesunde Mehrheit eben, die nur nach ihren Interessen stimmte. Ein erhöhter Zensus war nie ernsthaft diskutiert worden, was wahrscheinlich nicht unklug war, da ein steil hervorgekehrtes Zensusregime die stille Loyalität der kleinen Bürger, der Mittelklasse, auf die Probe gestellt hätte.
Abendroth sah 1830 keinen grundlegenden Bedarf für eine Reform der Verfassung, und die Bürger der Republik schienen ihm darin, trotz wilder Auftritte auf den Straßen im Sommer des Jahres, auch zuzustimmen. Es ist zwar nicht schicklich und anständig, so der Senator, der auch nicht mehr der Jüngste war und kurz vor seiner Wahl zum Bürgermeister stand, sich und die Verfassung, unter der man lebt, beständig und öffentlich zu rühmen und zu lobpreisen; allein dies kann doch niemandem verdacht und als unschickliches Selbstlob ausgelegt werden, daß wir, wenn wir uns in unserer Lage glücklich und behaglich fühlen, uns keine wesentliche gesetzliche Veränderung in unserer Staatsverfassung wünschen; wir wissen was wir haben, wissen aber nicht, was uns werden würde.[11] Praktische Reformen standen trotzdem permanent auf der Tagesordnung. Die Republik musste die verspürten Mängel und Fehler zu verbessern sich angelegen seyn lassen und so immer zum Bessern fortschreiten. Thun wir aber dies nicht täglich?[12]
Kollege Bürgermeister Bartels sah das ähnlich und er war nach den Aufregungen und Unsicherheiten von 1814 heilfroh darüber, dass sich alles beruhigt hatte. Das Vertrauen war zurückgekehrt. Ohne dieses Grundvertrauen konnte eine Republik auf Dauer nicht bestehen. Es liegt, wie mich dünkt, etwas charakteristisches darin, daß gewöhnlich bei uns gleich nach dem Sturme das alte Zutrauen unerwartet schnell, und als ob nichts vorgefallen wäre, wieder zurückgekehrt. Gutmüthigkeit allein ist nicht die einzige Ursache davon, sondern vorzüglich die Ueberzeugung, daß es doch so schlimm nicht sei, als man geglaubt habe. Man folgte in der Regel unbesonnen einigen wenigen Aufrührern und Schreiern, die sich für den Augenblick geltend zu machen wußten. Ein allgemeines Mißvergnügen aber war nicht vorhanden.[13] Die Republik konnte sich dazu beglückwünschen. Bartels warnte allerdings vor u n n ö t h i g e n Reformen,[14] konnte jedoch sehr schön erklären, wie sich das mit der Verbesserung der Welt vertrug. Ich meines Theils bin ein Verteidiger des Bestehenden, wünsche aber das Bessere und ringe nach demselben.[15] Das Hamburger Gemeinwesen erlebte sein Age of Improvement, sein Zeitalter der Verbesserungen. Revolution und Gewalt waren dabei zu vermeiden. Randale auf der Straße vertrug sich schlecht mit aufgeklärter Reform.
Im Laufe der Jahre wurden Bartels und Abendroth beide zu Bürgermeistern gewählt, zuerst im März 1820 Dr. Johann Heinrich Bartels. Auf der Kandidatenliste standen er, vorgeschlagen von Senator Graepel, und Abendroth, vorgeschlagen von Senator Widow, einem engen Freund Eduard Rentzels,[16] sowie Thomas Brunnemann.[17] Die Partei der aufgeklärten Verbesserung sorgte für die richtige Vorauswahl. Die Entscheidung fiel durch das Los, so sah die Verfassung es vor. Es war also Zufall, dass Bartels gewählt wurde. Es war aber kein Zufall, dass der neue Bürgermeister aus der Riege der aufgeklärten Vielarbeiter und Reformer stammte. Für den Gewählten bedeutete es einen tiefen Einschnitt. Seine Rolle wandelte sich vom Administrator zum Staatsmann, vom Entscheider zum Vermittler, vom Spezialisten mit Detailkenntnis zum Verantwortlichen für das Große und Ganze.
Bartels wandte sich mit Energie seinen neuen Aufgaben zu. Es wird mir eine Freude seyn, schrieb er nach Bremen, wenn ich in dem neuen Geschäftskreise, der mir izt angewiesen ist, und der verschieden von dem frühern, in welchem ich der lästigen Details wegen, denn Ueberblik über das Ganze kaum erhalten konnte, mich auf den Punct hinstellt, wo nur dieser allein mich beschäftigen soll, meiner Vaterstadt nüzlich werden kann.[18] Seit 1821 übernahm er alternierend in einem Jahr das Senats-, im folgenden Jahr das Obergerichtspräsidium.[19] Auf die dekorative Rolle eines Staatsoberhaupts ließ er sich nicht festlegen. Er hatte regelmäßig eine Agenda, 1828 die Vormundschafts-, Wechsel- und Gewerbegesetze. Überall vermeldete er Fortschritt.[20] Ein paar Jahre später 1832 sah es kritischer aus. Am Sonnabend übernehme ich das Präsidat des Senats während deßen ich die revolutionairen Scenen, die täglich in unsrer einen Vorstadt vorfallen, so wie die Bundesgesezmäßige Vertretung der Gebieths Bewohner zu erledigen, und einen Zusaz zu unsern Verfaßungs Gesezen promulgiren zu können hoffe.[21] Das war schon schwieriger. Aber wenn ihn ein Thema interessierte, griff er sehr tatkräftig zu. Ich suchte mich … der Relation zu bemächtigen,[22] so beschrieb er eine Aktivität, bei der er in der Regel erfolgreich war und die ihn zum Herrn des Verfahrens machte.
Er fühlte sich jetzt verantwortlich für die Art und Weise, wie im Senat diskutiert wurde, für die Pflege einer spezifischen Debattenkultur, die viel mit Aufklärung, Herausarbeitung der Fakten und gegenseitiger Belehrung zu tun hatte. Die Form der Debatte wurde selbst zum Thema der Debatte, weil es neuerdings an einem anderen Ort, in den Kammern der Bürgerschaft, zu Szenen kam, bei denen von sachlichem Diskurs nicht mehr die Rede sein konnte. Wenn das die Zukunft sein sollte, dann gefiel sie Bürgermeister Bartels nicht sonderlich. Er leitete die Beratungen des Senats in der klassischen Form sachlicher und vernünftiger Deliberation, so dass jeder zu Wort kam und jedes Argument gehört wurde. Für das Gemeinwohl durften sich die Kollegen gerne etwas Mühe mit den Fakten geben und sollten idealerweise auch Bereitschaft zeigen, eigene Vorurteile anhand des Sachvortrags einsichtsvoller Referenten zu korrigieren.
Vordergründig waren klare Entscheidungen und Mehrheiten zu organisieren. Aber es ging eben auch um das Wie, um die Einhaltung der Regeln des vernünftigen Gesprächs. Darin lag die Pflicht der Präsidenten im Senat. Da sprach Dr. Bartels über sich selbst. Wie oft arrivirt es nun da nicht, daß der lezte Votant etwas sagt, welches die früheren übersehen, und zur Abänderung mehrerer Votorum führt. Wird dadurch die Majorität ungewis, so wird zum zweiten Mal umgestimmt. Mich dünkt dies liegt in der Natur der Sache. Wie oft verlangen auch nicht einzelne Votanten über Rüksichten die ihnen bei dem Antrage nicht vorgekommen zu sein scheinen, vor der Abstimmung unterrichtet zu werden; wie oft geben sie nicht vorher einen Gesichtspunct an, den der Antragende nicht gefaßt hat, und das alles geschieht mit gehöriger Ruhe, Ordnung, Anstand und Gründlichkeit.[23] Es arriviert, sagte seine Magnifizenz. Sie war auch zu anderen Formulierungen im Stande, die Karre in’n Dreck fahren zum Beispiel.[24] Aber diesmal arrivierte es. Vielleicht hatte es damit zu tun, dass Dr. Bartels sich an einen jungen Akademiker aus Süddeutschland wandte, der sichtlich Ambitionen hatte. Es war Christian Friedrich Wurm. Er gehörte zur neuen Generation der Patriotischen Gesellschaft und kannte sich mit englischem Parlamentarismus aus. Dem wollte man nicht mit Hamburger Plattheiten kommen, sondern ihm die Schönheiten der aufgeklärten Republik und ihrer politischen Kultur vor Augen führen. Wären da nur nicht die Entgleisungen in den Kammern. Der Bürgermeister musste davor warnen und kehrte zu seinem Thema der Ruhe und Ordnung bei den Abstimmungen zurück. Warum sollte das nicht eben so gut in den Kirchspielversammlungen geschehen können? und geschehen müßen, wenn die Majorität aus freien und ungezwungenen, nicht aus unfreien und gezwungenen votis bestehen soll.[25] Damit war er bei seinem Lieblingsthema, seiner großen Sorge angelangt, der neuerlichen Beeinträchtigung des politischen Prozesses durch Mobilisierung, Agitation und die Flutung der Kammern mit organisierten Interessenvertretern, die dort zuvor noch nie gesehen worden waren. Gegen diese Zumutung musste die freie Stimme jedes einzelnen Mitglieds der Bürgerschaft verteidigt werden.
Im Sommer 1831 wurde auch Dr. Abendroth zum Bürgermeister gewählt, vorgeschlagen vom Senator Martin Hieronymus Hudtwalcker – ausgerechnet.[26] Bürgermeister Amsinck war am 21. Juni gestorben. Anders als Bartels liebte Aspirant Abendroth das tägliche Getümmel, fühlte sich in seinem Element, wenn in aller Frühe Dutzende von Klienten vor seinem Schreibtisch vorbeizogen – so war es in seinen Jahren als Polizeichef gewesen. Jetzt verhandelte er als Landherr gerade mit den demonstrierenden Bürgern von St. Georg, die vollberechtigte Mitglieder der Republik werden wollten, wofür er viel Verständnis hatte. Das würde jetzt zu Ende sein und er war nicht ganz glücklich darüber. Unter uns gesagt mir ist gar nicht wohl zu Muth bey der Wahl wenn Schlüter oder ich erwählt werden … wer soll dann die Landherrschaften übernehmen? Westphalen ist sehr schwach, hat sein Gedächtnis sehr verlohren, und doch es sich nicht nehmen lassen, Landherr zu werden Wenn Schr – das war Schrötteringk, von dem nach Abendroths Ansicht wenig zu erwarten war – die Geestländer Prätur bekommen sollte so ist es noch schlimmer da noch gar nichts geordnet ist – und in diesem Conglomerat durchaus niemand sich finden kann als ich allein.[27] Das war etwas unbescheiden, aber der Senator wusste wohl, wovon er sprach.
Dr. Bartels sah das ähnlich. Die Wahl Abendroths findet allgemeinen Beifall,[28] berichtete er im Juli 1831 nach Bremen. Der Kandidat war populär, und dieser Faktor blieb bei Wahlen nicht ganz unberücksichtigt. Aber ein Bürgermeister der Republik hatte eben andere Aufgaben als ein Senator. Er hatte Verhandlungen zu leiten und das Hohe Haus funktions- und entscheidungsfähig zu halten. Das erforderte Fingerspitzengefühl, was diesem sehr entschlossenen und meinungsstarken Kandidaten nicht immer gegeben war. Bartels wusste es. Abendroths Wahl zum Bürgermeister freut mich sehr, wenn gleich ich ihn beßer für die Ausführung als für die Deliberation halte. Und mit der lezten hat der Bürgermeister bei uns hauptsächlich zu schaffen.[29] Leichte Kritik war nicht zu überhören. Bartels rechnete mit Schwierigkeiten. Möglicherweise hatten noch nicht alle vergessen, wie unbesorgt Abendroth seine Kompetenzen ausgelegt hatte.
Seine Popularität scheint sogar etwas Originalhaftes an sich gehabt zu haben. Im Theater drohte unpassende Heiterkeit. Goethes Faust stand auf dem Spielplan und dort war bekanntermaßen von einem Bürgermeister, der täglich dreister wurde, die Rede.[30] Die Zensur sorgte sachte für die Auslassung der beiden Zeilen. Es war nicht die einzige Kritik. Der erweckt-reaktionäre Beneke reagierte maulig. Abendroth zum Bürgermeister gewählt, Gott beßre’s!,[31] schrieb er in sein Tagebuch, als er vom Gratulationsbesuch nach Hause kam. Es ärgerte ihn besonders, weil er unterwegs auch noch bei Axens vorbeigeguckt hatte, wo der alte Herr, sein Schwiegervater, sich doch lebhaft der Erwählung seines alten Freundes[32] freute. Wie auch immer, Bartels hätte Johann Georg Mönckeberg vorgezogen, der es als Kandidat immerhin bis ins Los geschafft hatte, aber auf der anderen Seite einer der jüngsten Senatoren war. Womit sich die Frage stellte, welche Rolle die Seniorität bei Bürgermeisterwahlen spielte.
Die Hamburger Republik legte Wert darauf, nicht immer, eher von Fall zu Fall, es kam auf den Kandidaten an. Bartels hielt es ähnlich. 1824 hatten die Bremer Kollegen in dieser Hinsicht ein ziemlich forsches Beispiel gegeben. Bartels war skeptisch. Höflichkeit im politischen Prozess konnte auch nicht schaden. Welche Ordnung beobachten Sie bey den Bürgermeisterwahlen? fragte er beim Kollegen Smidt an. Es sind ja 5 ältre Mitglieder in ihrem Senat, warum ist keiner von diesen und gerade Herr Duntze[33] gewählt? Heist das nicht die ältern zurüksezen?[34] Gute Frage, es war wohl so. Ein Blick in die Runde im heimischen Ratssaal hätte Bartels aber gezeigt, dass das auch in Hamburg vorkam. Dort saß seit 1782 Johann Georg Bausch. Alle vier im Jahr 1824 amtierenden Bürgermeister waren später in den Rat gewählt worden als er, hatten ihn bei der Bürgermeisterwahl also überholt. Bausch war der etwas behäbige Kollege mit dem unverdienten Belobigungsdekret zum 50. Dienstjubiläum. Auch das Jahr 1832 erlebte er noch als einfacher Senator.[35] Die Formulierung mit dem unverdienten Belobigungsdekret hatte Abendroth sich ausgedacht. Er trennte die Menschheit gerne in die Fleißigen und die Faulen, und letztere wurden auch in Hamburg nicht immer zum Bürgermeister gewählt – trotz qualifizierenden Alters.
Es gab andere Diensteinschränkungen. Die kaufmännischen Bürgermeister waren geschäftlichen Risiken ausgesetzt. Wenn ein Bankrott in der höchsten Sphäre drohte, versuchte die Republik so weit wie möglich, den äußeren Schein zu wahren und die Magnifizenz vor dem entehrenden Sturz zu bewahren. Aber die direkt betroffenen Kollegen konnten nicht so tun, als wäre nichts passiert. Diese Fälle waren selten, aber sie kamen vor. Die traurige Geschichte von unserm ehmals sehr reichen Bürgermeister Koch werden Sie gehört haben, berichtet Bartels im Winter 1826 nach Bremen. Er ist altersschwach und beinah kindisch, und hat durch seinen in England etablirten Sohn verleitet sich in Accepten bis auf 1 700 000 Mark eingelaßen. Er würde haben Insolvenz erklären müßen, wenn ihm die Kaufmannschaft nicht geholfen hätte. Am Ende Februar soll ich das Präsidat mit ihm antreten. Das Präsidat des Kaufmanns ist nur Form. Daher werde ich keine Notiz von ihm nehmen, ihn als krank entschuldigen, und für mich und ihn das Präsidat übernehmen.[36]
Viel Geld, aber an Kenntnissen arm, das war Benekes Einschätzung bei der Senatswahl des Herrn Johann Daniel Koch vor einem Vierteljahrhundert.[37] Jetzt war auch noch das Geld weg. Bürgermeister Dr. Bartels äußerte sich kühl und entschuldigte. Vielleicht hing es damit zusammen, dass er von kaufmännischen Senatoren im Allgemeinen wenig hielt.[38] Formale Existenzen im Senat, die von den juristischen Geschäften nicht viel Ahnung hatten und durch ihre Firmen abgelenkt waren.[39] Das galt aber eben nicht von den juristisch versierten Aufklärern Bartels und Abendroth. Mit ihnen war politisch jederzeit zu rechnen. Richtlinienkompetenz hatten sie keine, aber zur Not bemächtigten sie sich eben der Relation, schrieben also praktisch die Gesetzentwürfe selbst und lotsten sie durch die Deliberationen und Verhandlungen. Juristen konnten das, Kaufleute nicht.
Die Abkürzungen StAHH, StAB und StACux beziehen sich auf Bestände der Stadt- und Staatsarchive von Hamburg, Bremen und Cuxhaven; die Fußnoten auf die Literaturliste.
[1] Stieve: Kampf, S. 184-187.
[2] Beneke: Tagebücher, 29.9.1828.
[3] Klessmann: Geschichte, S. 426-428.
[4] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel I Fach 13 Vol B Fasc 2 Dok 49/3, Abendroth an Hartung, 11.9.1828.
[5] Das war der Präses der Oberalten Siegmund Diederich Rücker.
[6] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel I Fach 13 Vol B Fasc 2 Dok 52, Abendroth an Hartung, 30.9.1828.
[7] Bolland: Senat, S. 21.
[8] Rede Bartels‘ zum Jubiläum der Verfassung 1828, zitiert nach Stieve: Kampf, S. 185.
[9] Beneke: Tagebücher, 6.10.1828.
[10] Bartels: Briefe, Bd. 3, S. 166.
[11] Abendroth: Beleuchtung, S. 5.
[12] Abendroth: Beleuchtung, S. 5.
[13] Beneke: Bürgermeister, S. 58.
[14] Bartels: Abhandlungen, S. 96.
[15] Bartels: Abhandlungen, S. 97.
[16] Rentzel: Andenken.
[17] Voigt: Wahlen, S. 118.
[18] StAB, 2 B 5 a 7 Vol 2, Bartels an Gröning, 21.4.1820.
[19] Beneke: Bürgermeister, S. 15.
[20] StAB, 2 B 5 a 7 Vol 2, Bartels an Smidt, 20.1.1829.
[21] StAB, 2 B 5 a 7 Vol 2, Bartels an Smidt, 21.2.1832.
[22] StAB, 2 B 5 a 7 Vol 2, Bartels an Smidt, 24.7.1821.
[23] SUB, Nachlass Christian Friedrich Wurm Bd 52 Dok 7, Bartels an Wurm, 11.6.1833.
[24] StAHH, Senat Cl VII Lit Ma No 5 Vol 3i, Bartels an Syndikus von Sienen, o.D., wahrsch. Mai 1804.
[25] SUB, Nachlass Christian Friedrich Wurm Bd 52 Dok 7, Bartels an Wurm, 11.6.1833.
[26] Voigt: Wahlen, S. 118.
[27] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel I Fach 13 Vol B Fasc 2 Dok 127, Abendroth an Hartung, 28.6.1831.
[28] StAB, 2 B 5 a 7 Vol 2, Bartels an Smidt, 6.7.1831.
[29] StAB, 2 B 5 a 7 Vol 2, Bartels an Smidt, 12.7.1831.
[30] Tilgner: Abendroth, S. 132.
[31] Beneke: Tagebücher, 29.6.1831.
[32] Beneke: Tagebücher, 29.6.1831.
[33] Das war Johann Michael Duntze, 1807 Senator, 1824 Bürgermeister von Bremen.
[34] StAB, 2 B 5 a 7 Vol 2, Bartels an Smidt, 21.7.1824.
[35] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel I Fach 13 Vol B Fasc 2 Dok 148, Abendroth an Hartung, 27.3.1832.
[36] StAB, 2 B 5 a 7 Vol 2, Bartels an Smidt, 31.1.1826.
[37] Beneke: Tagebücher, 18.3.1799.
[38] StAB, 2 B 5 a 7 Vol 2, Bartels an Smidt, 22.11.1825; Vgl. auch Gallois: Geschichte, Bd. 3, S. 209.
[39] Mit sehr seltenen Ausnahmen … waren die Kaufleute im Senat den Juristen in keiner Weise gewachsen, schreibt Richard Evans: Tod, S. 40 über das ausgehende 19. Jahrhundert. Es stimmte schon früher.


