61. Assimilation der Juden
Spuren der Judaität und bigotter Aberglaube
Hamburgs Aufklärer wollten die jüdische Bevölkerung der Republik integrieren und setzten auf Assimilation. Der Ton war kämpferisch, worauf sich Traditionalisten sowohl unter den Juden als auch unter den Christen einzustellen hatten. Die Freunde der Vernunft kritisierten bigotten Aberglauben in allen Lagern.
Dies ist Teil 61 der Aufklärung in Hamburg: Johann Heinrich Bartels, Amandus Augustus Abendroth, Ferdinand Beneke und die Verbesserung einer deutschen Republik 1790–1835. Die Einleitung beschreibt, worum es geht, und ein Überblick über die bisher veröffentlichten Kapitel findet sich hier.
Senator Bartels wollte Juden und Christen in den Zivilstandsregistern friedlich vereinen. Nur noch die Spalte Konfession sollte sie unterscheiden. Die kirchliche Reaktion verhinderte es. Das ließ nichts Gutes ahnen, denn die Zivilstandsregister waren für die Juden der Stadt das kleinste Problem. In Hamburg herrschte Segregation allenthalben, wie der aufgeklärte Dr. Rambach analysierte, auch und insbesondere im geselligen Leben. Juden durften sich in den meisten öffentlichen Häusern und BelustigungsOertern nicht sehen lassen und waren aus fast allen Gesellschaften ausgeschlossen.[1] Das war Stand 1802. Es gab Ausnahmen. 1806 widmete John Parish seinen jüdischen Geschäftspartnern, meinen Freunden, den Juden, ein ausgiebiges Diner.[2] Unter den Gästen waren die Senatoren Jänisch, Sontag, Gabe und Syndikus Doormann, was darauf hindeutet, dass es im senatorischen Milieu wenig Berührungsängste und viel aufgeklärte Toleranz gab. An der Intoleranz der Gesamtgesellschaft änderte das wenig.
Die Republik wusste noch in den 1820-er Jahren nicht so genau, wie groß ihre jüdische Bevölkerung eigentlich war. Von 10.000 war in einem Handbuch die Rede, von 5.536 in einem statistischen Kompendium und von 4.000 in einer Stadtbeschreibung.[3] Juden bildeten einen sichtbaren Fremdkörper in der Stadtgesellschaft. Das sollte aus der Perspektive aufgeklärter Optimisten nicht sein. Sie forderten Integration und Assimilation.[4]
Im Umkehrschluss bedeutete das, dass selbst Aufklärer so etwas wie Judaität registrierten und daran Anstoß nahmen. Ferdinand Beneke meinte es als Kompliment, wenn durchaus nichts Jüdisches in Sprache, Physiognomie, Sitten usw.[5] zu beanstanden war. Aufklärer und Verbesserer forderten Assimilation, auch Johann Heinrich Bartels. Er meinte, daß der ganze Physiognomische Unterschied der Juden bei uns von ihrer auszeichnenden Kleidung – ihrer Haartracht – ihrer von den Christen so sehr verschiedenen Lebens Art … – und dem schwarzen Haar mit dem sie beständig ungepudert gehen – herkömt. Näherten sie sich in diesem Stük ein wenig den Christen, so würde unvermuthet und allmählig das äußere Auszeichnende wegfallen.[6] In einer Florentiner Gesellschaft traf er seine Idealjuden, alles gebildete höfliche und unterhaltsame Leute, die gar keine Spuren der Judaität und des dummen bigotten Aberglaubens unsrer Juden auch nichts von dem merkantilischen Geist derselben an sich hatten.[7] Dass der alte Glaube ein Störfaktor war, verstand sich von selbst, galt aber eben auch für frömmelnde Christen, die ihre Bibel allzu wörtlich verstehen wollten. Bigotten Aberglauben, der von vernünftiger Bibelkritik einmal kräftig durchlüftet werden musste, gab es an vielen Orten. Aufklärer von der natürlichen Religion hatten vorexerziert, wie so etwas ging.
Entscheidend für die Probleme war der gesetzliche Ausschluss aus der Bürger- und Wirtschaftsgesellschaft. Der galt 1800 und er galt auch noch 1835, als Dr. Bartels, Bürgermeister und Staatschef der Hamburger Republik, einmal mehr Besserung forderte. Ich halte es für ein höchst dringendes Staats-Bedürfnis, daß in Hinsicht des Verhältnisses der Israeliten zum Staat eine Verbesserung eintrete, weniger wegen der Reichern und Gebildeteren, als wegen der großen Zahl der ärmern Juden, denen man kein anderes Gewerbe gestattet, als das Schachern und Hausiren, und die unfehlbar dem Staat zur unerträglichen Last werden würden, wenn einmal die Zahl der reichern Juden, die unglaublich viel für ihre ärmern, ungebildeten, verwahrloseten und zurückgesetzten Glaubensgenossen thun, abnehmen sollte.[8] Diskriminierung durchzog alle Bereiche des Lebens. Mieteten Juden in rein christlichen Gegenden, gab es Proteste. Wollten sie ein Haus kaufen, war die Zustimmung des Senats nötig, der sie nur für die Neustadt erteilte.[9] Um Zeughaus- und Großneumarkt herum lag das jüdische Quartier, anders als das spätere hochbürgerliche Grindelviertel nicht gerade eine Heimstatt der Eleganz.[10] Zentrum des jüdischen Kleinhandels war der Neue Steinweg, der aus der Innenstadt zum Altonaer Tor führte. Es gab viel Laufkundschaft, kleine Leute, die ihre Schillinge eher drei- als zweimal umdrehen mussten. Das Angebot war entsprechend. Der Steinweg war ein großer Trödelmarkt, fliegende Händler bestimmten das Bild. Anständige Bürger rümpften die Nase. Die christliche Konkurrenz ärgerte sich über die Preise und nahm missbilligend wahr, dass diese Geschäftigkeit mittlerweile schon den Burstah erreicht hatte. Dass es keine jüdischen Senatoren und keine jüdischen Bürger in den Rat- und Bürgerkonventen gab, muss nicht eigens erwähnt werden.
Das änderte sich kurz 1811, es wehte gerade imperial-französischer Wind durch die Stadt. Moses Isaac Hertz wurde in den Munizipalrat berufen, zum großen Jubel der Israeliten „einer von unsern Leuten“.[11] Mit dem Ende des Kaiserreichs in Hamburg nahm aber alles ein schnelles Ende, obwohl die Aufklärer im Senat versuchten, den Fortschritt zu retten. Sie forderten – zumindest im Ansatz – Bürgerrecht, Wohnungs- und Gewerbefreiheit für die jüdische Bevölkerung und wollten darüber hinaus auch jüdische Kandidaten zur Commerzdeputation, zum Handelsgericht und zur Bürgerschaft zulassen. So stand es im Herbst 1814 im Gesetzentwurf für die Bürgerschaft. Die Generalversammlung der jüdischen Gemeinde sollte je zwei Repräsentanten für jede der fünf Kammern der Bürgerschaft wählen.[12] Die Generalversammlung wäre dadurch auf dieselbe Ebene gehoben worden, wie die fünf christlichen Kirchspiele der Stadt. Abendroth wollte eigentlich noch einen Schritt weiter gehen, war aber auch mit dieser Lösung einverstanden. Ob es bey der nicht zu läugnenden Uncultur der untern Klassen unter den Israeliten, die die cultivirten Israeliten selbst eingestehen, rathsam ist, schon jetzt auch die Israeliten an der Gesetzgebung im Allgemeinen Theil nehmen zu lassen, sobald sie erbgesessen sind, oder ob es nicht vielmehr besser ist, einer bestimmten Anzahl, etwa 10, zwei für jedes Kirchspiel, aus den Gebildetern derselben die Bürgerschaft zu besuchen zu gestatten, ist noch zu untersuchen.[13] Die 10er-Lösung stand dann auch in der Senatsvorlage. Ehrenvoll, meinte Dr. Bartels zufrieden.[14]
Das Unternehmen endete mit einem Fehlschlag. Beim Bürgerschaftspräsidium, bei den Oberalten, gab es für die Senatsvorlage eine Mehrheit, aber schon die 60er stellten sich quer. Die Angelegenheit wegen der Juden ist bei den 60ern durchgefallen, schrieb der frisch gewählte Oberalte Otto von Axen an seinen Freund Abendroth nach Cuxhaven, sie kommt aber an die Bürgerschaft – 8 Oberalten waren dafür und 2 dagegen – sehen Sie, wie helle es bei uns wird – wir mußten aber einiges darüber bei den Herren 60ern hören.[15] Das konnte man wohl sagen. Sie hatte den Antrag mit 26 : 2 Stimmen zurückgewiesen.[16] In die Bürgerschaft gelang die Vorlage trotzdem. Die Oberalten bestanden darauf. Für den Konvent setzte das Präsidium auf parlamentarische Taktik, tüftelte eigens ein besonderes Abstimmungsverfahren aus – und erlebten ein Fiasko: in mehreren Kirchspielen sind die Haupt Momente des Reglements ausgehoben worden, um den Votanten Gelegenheit zu geben, sich für diesen und gegen jenen Punkt zu erklären, indeß ist der Versuch schon bey der ersten, sich auf die Zulassung zum Bürgerrechte beziehenden Umstimmung gescheitert. Die Beförderer dieser Sache – und als solche waren die Präsiden der Bürgerschaft eigentlich in einer hervorragenden Position, da sie zuerst ihre Stimme abgaben – haben alle für dieselbe sprechenden Gründe geltend zu machen gesucht, sie haben alles aufgebothen um die Widersacher von dem Gewinn, der dem Staate daraus erwachsen würde, zu überzeugen, sie haben jedoch kein Gehör gefunden.[17]
In den Kammern war nichts zu machen. Es war eine schwere und lang nachwirkende Niederlage der aufgeklärten Reform. Krämer und Kleinhändler waren keine Freunde der Emanzipation und stimmten sie nieder. Das jedenfalls war die Analyse des Bürgerschaftspräsidiums. Ein Hauptmotiv scheint … die Besorgnis gewesen zu seyn, daß die Israeliten durch Erweiterung ihrer Rechte binnen kurzem den Klein-Handel an sich reißen würden, und dadurch den Wohlstand des commercirenden Publici, in Sonderheit der Kleinhändler untergraben dürften.[18] Damit war aber das letzte Wort noch nicht gesprochen.
Es gab eine sehr progressive Alternative: die gesetzlich verordnete Integration in die bürgerliche Wirtschaftsgesellschaft. In Cuxhaven war sie das offizielle Programm der Administration Abendroth. Nach der Zählung von 1819 gab es dort 135 Bewohner jüdischen Glaubens, etwa 3 Prozent der Bevölkerung, Tendenz steigend, da sie sich im benachbarten Hannover nicht sehen lassen durften.[19] Die Republik hingegen zeigte sich großzügig. Ich habe gar keine Bedenken gehabt ihnen zu erlauben Häuser zu kaufen, erklärte Abendroth dem Hamburger Senat.[20] Aber dafür verlangte er auch etwas: Dagegen sind sie … verpflichtet alle Lasten der Einwohner, sowohl persönlich als dinglich zu tragen.[21] Die vernünftige Administration wollte Gleichheit ohne Ausnahmen, gleiche Rechte, gleiche Pflichten.
Heraus kam eine massive Intervention des aufgeklärten Staates – im Cuxhavener Kleinformat. Die alte Gesellschaft verbot den Juden das Handwerk und drängte sie in den Hausierhandel, Abendroth verbot ihnen den Hausierhandel und drängte sie ins Handwerk. Assimilation war das Ziel, ohne Wenn und Aber. Nur ein einziger Sohn jeder jüdischen Familie durfte in Cuxhaven in den Handel gehen, die anderen mussten Handwerksberufe lernen, welchen auch immer, nur in keinem Falle sollten sie Händler werden, Order des Gouverneurs Abendroth: Der kontrollierte: und darf … nur einer der Söhne bey der Handlung bleiben, die andern müssen ein Handwerk lernen oder ein anderes Gewerbe treiben; Wenn die Knaben 14 Jahre alt sind, so muß der Vater bei Strafe der Aufkündigung des Schutzes sich erklären was die Söhne anfangen sollen, um hierin eine Uebersicht zu haben müssen sie … jährlich mit ihrem Neujahr einen vollständigen Etat, der Gründe aufmachen, damit sie aber … zu Handwerkern und andern christlichen Gewerben im Stande sind, dürfen sie nur einen Lehrer annehmen, der Deutsch schreiben, Rechnen kann und sonst die Fähigkeit hat, den Elementar Unterricht zu geben, weshalb er examinirt wird und diese Stunden zu geben gehalten ist.[22] Radikaler war schwer möglich. Das war der Befehl zu Integration, bei Verweigerung drohte Abschiebung.
Es gab Einwände und Widerstände. Abendroth ließ sie nicht gelten und setzte sein Integrationsprogramm durch. Ich zweifle nicht an einem guten Erfolge, wenn diese Maasregel, wogegen freylich allerley kleine Ausflüchte gesucht werden, kräftig erhalten wird.[23] Möglich, dass die Widerstände auch bei jüdischen Familien zu finden waren und dazu führten, dass ihre Zahl zum Ende der Abendroth-Administration abnahm. Aber immerhin hatte er es 1820 geschafft, zwei jüdischen Jungen einen Ausbildungsplatz bei Handwerkern zu verschaffen.[24] Voraussetzung dafür war eine gute Bildung. Der Gouverneur ließ einen jüdischen Lehrer nur zu, nachdem es sich gezeigt daß er würklich nachzudenken im Stande ist.[25] Es könnte wohl sein, dass mit offen ausgesprochenen orthodoxen Ansichten dieser Beweis nur schwer zu führen war. Aber auch hier konnte er einen personalpolitischen Erfolg erzielen. Der neue Lehrer, geprüft vom Leiter der weiterführenden Schule in Cuxhaven, erwies sich als Musterbeispiel der Assimilation. Es war Hirsch Moses Kalisky, ein ungemein gebildeter, rechtlicher, bescheidener Mann.[26] So stand es 1839 in der gerade gegründeten Zeitung des Judenthums, die zur erfolgreichsten jüdischen Publikation Deutschlands werden sollte. Das Blatt feierte Abendroth als Wohlthäter der Gemeinde.[27]
Seine Administration war die vernünftige Administration von oben, die sich zutraute, tiefsitzende Strukturen per Gesetz und Lehrplan aufzubrechen. Als Ergebnis erwartete der Senator eine voll integrierte Gesellschaft, die Unterschiede im Kultus zwar noch kannte, nicht jedoch im bürgerlichen Leben – und findet fast kein Unterschied statt, als daß wir in die Kirche und sie in die Synagoge gehen.[28] Das hatte in der Tat viel für sich, aber es gab doch gewisse Probleme. Manchmal dachte Abendroth an den berühmten Reformkaiser Joseph II. aus dem österreichischen Erzhause, der seine Untertanen auch ohne und sogar gegen ihren Willen glücklich machen wollte.[29] Vielleicht erkannte er dabei sich selbst. Übereilte Reformen konnten Volk und Bürger, die so gern mit dem alten Bocksbeutel in der Hand spazieren gingen, in oppositionelle Stimmung versetzen, so darf man, ohne die Leute zu verwirren und dem Guten zu schaden, nicht zu viel auf einmahl anfangen.[30] Wie dem auch sei, in Ritzebüttel mochte Gesellschaftsreform per Befehl der Obrigkeit möglich sein, in Hamburg, wo die Republik so vielen so viele Mitspracherechte einräumte, nicht.
1814 hatte der Senat dem Bürgerschaftspräsidium noch einen Entwurf vorgelegt, der auch die Prosperität der ärmeren jüdischen Bewohner fördern sollte, so sind sie auch insonderheit von der Aufnahme der Lehrlinge bey den Handwerkern und sogenannten Aemtern keineswegs ausgeschlossen.[31] Das war die Signatur der Zeit, alles sollte besser werden, auch die fliegenden jüdischen Händler auf den Straßen. Bürgermeister Amsinck erklärte, wie das funktionierte, er war nicht sehr weit von der Strategie des Kollegen Abendroth entfernt. Dagegen wird die niedrigste Classe der Hausierer, Gassenschreyer, an Plätzen Ausstehenden … dergestalt lästig, daß jeder sie ganz entfernt wünscht. Auch ist ihre Vermehrung wegen der so leicht eintretenden Verarmung zu verhüten. Das klang etwas ominös, schlug dann aber in die optimistische Sprache der Verbesserung um. Giebt man diesen nur Gelegenheit, sich ordentlich, auch selbst in Handwerken zu nähren, so werden sie nach und nach besser werden, und man kann künftig, wenn man will, weiter gehen.[32] Schöne Absicht, aber mit dem Widerstand der rüstigen Handwerker und Kleinhändler war zu rechnen – schon wieder die ungesunde Mehrheit,[33] die Amsinck in der Bürgerschaft ausgemacht hatte. Es war wohl etwas daran.
Die Republik konnte sich glücklich schätzen, wenn alles friedlich blieb. Aber 1819 kam es – wie in ganz Deutschland – zu schweren antijüdischen Tumulten. Senator Bartels leitete den Polizeieinsatz und versuchte die Öffentlichkeit zur Raison zu bringen – mit einem Artikel in der Börsen-Halle.[34] Aber der vernünftige Diskurs half nicht viel. Das Bürgermilitär wurde aufgerufen, zeigte allerdings deutliche Abneigung, die jüdische Bevölkerung zu schützen. Schlimmer noch, das Präsidium der Bürgerschaft stellte sich klar und eindeutig auf die Seite der Feinde der Emanzipation und machte die Reformer selbst für die Unruhen verantwortlich. Das große Wort führte Sekretär Beneke – deutsch, national und christlich: Ich hielt eine lange Rede, in welcher ich das allmähliche Aufkommen der Juden in Hamburg, (mit allen seinen die Physiognomie unseres eigenen Volks total verändernden Folgen) und ihre jetzige höchstbedenkliche Ausbreitung in Volkszahl, Wohnsitzen, und Gewerben darstellte, und Mittel dagegen in Vorschlag brachte; hoffentlich wird auf diesem Wege Gutes geschafft; der Senat, durch den letzten JudenTumult geschreckt, wird jetzt einmal Ohren für die Hamburger (Christen) haben.[35]
Für die Senatoren war der Seitenwechsel der Oberalten eine höchst unangenehme Überraschung. Noch 1814 hatte das Bürgerschaftspräsidium mit Energie die politische und wirtschaftliche Gleichstellung der jüdischen Bevölkerung vorangetrieben. Jetzt setzte es sich an die Spitze der aggressiven Judenfeinde. Es war unerklärlich, wäre da nicht der neue Sekretär der Oberalten gewesen, Ferdinand Beneke, der den kürzlich auch bey uns wieder verspürten Nazional Widerwillen gegen die Juden[36] deutlich selbst verspürte und die Oberalten so lange bearbeitete, bis sie ihm mit seinen antisemitischen Anträgen freie Bahn ließen. Die Sache selbst, so formulierte er die Resolution der Oberalten, erscheint ihnen … höchst wichtig und dringend, – nicht bloß fernerer Tumulte wegen, sondern, und vielmehr, weil eine billig-mäßige … Beschränkung der Juden unerläßlich ist, wenn nicht Tausende unsrer, von ihnen leidenden, Mitbürger in unabsehbarer Abnahme, und Nahrungs Sorgen gerathen sollten.[37]
Dann fuhr er sein schwerstes Geschütz auf: Nation und Christentum: E.O. – die Oberalten – sagen absichtlich: ‚unsre Mitbürger‘ weil sie glauben, daß … in Kollisions Fällen unsre christlichen Mitbürger an den Staat … ein näheres Anrecht geltend machen dürfen, als die Jüdische Nazion, welche immerdar fremdartig verbleibt, und solange sie nicht zum Christenthum übergeht, auch nicht anders kann, indem ihre Nazionalität eben so unzertrennlich mit ihrer Religion verknüpft, und amalgamirt, als das Wesen unseres Staates auf das Christenthum gegründet, und dadurch bedingt ist.[38] Das bedeutete in der Konsequenz die Einweisung in ein Ghetto: Bestimmen wir durch ein Gesetz auf das Genaueste den bisher Observanzmäßigen Wohnbezirk der Juden, so ermäßigen wir dadurch von selbst ihren an die Wohnung gebundenen Kleinhandel, und setzen auch stillschweigend ihrer progressiven Volks Vermehrung ein endliches Maaß, und Ziel.[39] Diese Forderung brachte Beneke Ende August 1819 zu Papier. Er nutzte die Unruhen zur Durchsetzung seiner politischen Agenda.
Ausgerechnet Bartels, der sich immer für gleiche Rechte eingesetzt hatte, wurde als Polizeisenator damit beauftragt, illegale jüdische Wohnungen zu räumen. Unmittelbarer Anlass waren die energisch angebrachten Proteste des Kleinhandels, die vom Bürgerschaftspräsidium offen unterstützt wurden. Die vernünftigen und wohl auch etwas eingeschüchterten Herren vom Rat sahen keine andere Chance, als dem tobenden Volk, diesem reißenden Tiger, nachzugeben. Auf Antrag mehrerer Detailhändler beschloss der Senat Mitte September, daß allen den Juden die seit den 1ten Juny 1814 … sich in Gegenden der Stadt wo den Juden nicht gestattet ist zu wohnen eingemiethet haben & das Gewerbe des Detail Handels betreiben, sofort anbefohlen werden soll ihre Wohnungen in einer nach Billigkeit anzusetzenden Zeitfrist sub poena Exmissionis zu räumen.[40] Unterschrieben war der Beschluss von Johann Arnold Heise und Johann Heinrich Bartels. Gern taten sie es nicht. Es war ein Fall von höherer Gewalt oder vielmehr von drohender Gewalttätigkeit auf den Straßen der Stadt.
Der Beschluss bot etwas Spielraum für den Polizeichef. Schließlich waren mehrere Bedingungen bis zur Räumung der Wohnung zu erfüllen. Das konnte wohlwollend genutzt werden. Persönlich ungefährlich war das nicht. Dem Mob war so ziemlich klar, dass Bartels zu den Freunden der Emanzipation gehörte. Es kam zu giftigen Angriffen auf den Senator, unter der Hand und anonym, was die Sache auch nicht besser machte. Mich mishandelt man bei den noch nicht ganz gedämpften Unruhen sehr, beschwerte sich Bartels bei Beneke. Drohungen erhalte ich über Drohungen, man wirft mir wiederholt Bestechung durch die Juden vor. So gehts in einer Republik den thätigen Männern!.[41] Die Verunsicherung war groß. Bartels formulierte für den Senat etwas von falschem Zeitpunkt. Aber was sollte man tun? Zeitgewinn war vielleicht das Beste.[42]
Es gab weiterhin Forderungen nach Einschränkungen des jüdischen Gewerbes. Ferdinand Beneke entdeckte im christlichen Mittelstand seine Klientel. Die antisemitischen Unruhen des Jahres 1819 zeigten aus seiner Sicht eine Spaltung in zwei feindliche Parteien, die sich immer weiter ausdehnende jüdische Nazion und den verarmenden Mittelstand.[43] Beneke hatte sein politisches Thema gefunden. 1823 erklärte er aufgeregt, das Problem der Eingriffe der Juden in die Privilegien des Krameramts sei akuter denn je. Die senatorische Antwort fiel etwas genervt aus. Der Rat habe nichts von Beschwerden über Benachteiligung durch die Juden … vernommen, teilte Bürgermeister Bartels den Parlamentariern etwas kurz angebunden mit und mokierte sich dann offiziell über ein Uebel über welches E.O. fortdauernd jedoch ohne specielle Nachweisungen klagen.[44] Nur an grundlegende Verbesserungen am Status der jüdischen Bevölkerung war unter diesen Umständen nicht zu denken.
Jahrzehnte später gab es im Senat einen neuen Anlauf – Déjà vu in jeder Hinsicht. Beneke war immer noch Sekretär des Präsidiums und wieder komponierte er salbungsvolle Resolutionen: Und wie könnte diese Verschmelzung der Juden und Christen in den politischen Verhältnissen je als ein Fortschritt zum Bessern betrachtet werden, wenn wir die Sache von der moralischen Seite betrachten! Die orthodoxen Juden (und das sind in gewißem Betracht doch die ehrenwerthesten unter ihnen) würden sich nie innig mit uns verbinden, und die sogenannten aufgeklärten … würden stets jeden positiven Glauben verachtend, hochmüthig auf Christen wie auf Juden herabsehen, die Zahl der Indifferentisten unter uns vermehren, und die von ihnen je länger, desto mehr durchdrungene Bürger-Masse nicht veredeln, sondern eine, aller religiöse Bürgschaft ermangelnde, moralische Haltlosigkeit immer weiter verbreiten und endlich auch selbst den Volkscharakter umschaffen.[45]
Kurz gesagt, das Präsidium lehnte die Gleichstellung der jüdischen Bevölkerung ab, und die Senatoren wagten sich nicht darüber hinwegzusetzen. Es war eine Konstellation, über die auch die Zeitungen berichteten, die Allgemeine zum Beispiel.[46] Sie nannte Namen: Bürgermeister Dr. Bartels für die Emanzipation, die starrsinnige Bürgerschaft dagegen. Und Oberaltensekretär Beneke stellte sicher, dass das Präsidium der Bürgerschaft sofort blockierte, wenn aus dem Senat eine Vorlage zur Gleichberechtigung drohte. Dahinter steckte eine Kombination aus Nationalismus, erwecktem Christentum und sehr handfesten Interessen und Vorurteilen der kleinen Handwerker und Händler. Am Senat lag es jedenfalls nicht. Der fühlte sich möglicherweise einmal mehr bestätigt in seinen Ansichten über ungesunde Mehrheiten in der Bürgerschaft.
Benekes Ressentiments wurden nach und nach zur Obsession. Louise von Axen, die Schwester seiner Frau, hatte sich 1827 mit Carl-Wilhelm Asher verlobt. Der war promovierter Rechtsanwalt, einige Zeit Redakteur der eher oppositionellen Neuen Zeitung, die Familie war in der zweiten Generation christlich. Beneke gruselte es trotzdem. Physiognomie, Sprache, und äußeres Wesen stehen noch dicht an der Wurzel altjüdischer Nazionalität.[47] Vorzeiten hatte er von einer ähnlichen Konstellation geträumt. Jetzt kam ihm dieser Traum – ein Albtraum – wieder in den Sinn. Ich hatte einmal einen angstvollen Traum, daß ich ganz wider Willen eine von mir verabscheute Jüdin heyraten sollte; die verzweiflungsvolle Stimmung jenes Traums über das Hineingerathen meiner Persönlichkeit in die widerwärtigsten Verstrickungen mit einer erzjüdischen Familie hat … Aehnliches mit dem Gefühle, womit ich mich dieser Verwandtschaft nähern muß.[48] Er musste dann doch nicht, Louise löste die Verlobung – wegen finanzieller Unzulänglichkeiten des Kandidaten.[49]
Der Senat hingegen kannte keine Berührungsängste. 1834 ernannte er Dr. Asher zum Kriminalaktuar, was einen großen Teil der Bevölkerung stark verletzte.[50] Der Teil der Bevölkerung, der sich mit politischen Personalien auskannte, wusste nämlich, dass es vom Kriminalaktuar zum Senator nicht sehr weit war. Caspar Hartung, Abendroths Freund und zwischenzeitlich ebenfalls Gouverneur von Ritzebüttel, hatte diesen Karriereschritt 1827 getan.
Die Abkürzungen StAHH, StAB und StACux beziehen sich auf Bestände der Stadt- und Staatsarchive von Hamburg, Bremen und Cuxhaven; die Fußnoten auf die Literaturliste.
[1] Rambach: Versuch, S. 189.
[2] Zitiert nach Ehrenberg: Haus, S. 111.
[3] Buek: Handbuch, S. 19; Neddermeyer: Statistik, S. 264; Hübbe/Plath: Ansichten, Bd. 1, S. 210f.
[4] StAH, Familie Bartels Johann Heinrich Bartels III e 1 b, Tagebuch, 12.1.1786.
[5] Beneke: Tagebücher, 21.4.1797
[6] StAHH, Familie Bartels Johann Heinrich Bartels III e 1 b, Tagebuch, 28.10.1785.
[7] StAHH, Familie Bartels Johann Heinrich Bartels III e 1 b, Tagebuch, 12.1.1786.
[8] Bartels: Abhandlungen, S. 374f.
[9] Buek: Handbuch, S. 38.
[10] Heß: Hamburg, Teil 1, S. 458f.; Hübbe/Plath: Ansichten, Bd. 1, S. 18f.; Hamburg und Altona, 1. Jahrgang, 1. Bd., 1801, S. 40–42.
[11] Karl Gries an seinen Bruder Diederich, 18.8.1811, zitiert nach Reincke: Briefwechsel, S. 261.
[12] Bartels: Abhandlungen, S. 375.
[13] Abendroth: Wünsche, S. 26.
[14] Bartels: Abhandlungen, S. 375.
[15] StAHH, Familie Voigt B 76 Unterakte 2, Axen an Abendroth, 11.10.1814.
[16] StAHH, Senat Cl VII Lit Hf No 1 Vol 4 Fasc 2 Dok 22, Resolution der Sechziger, 10.10.1814, anliegend Notiz an Bartels mit dem Abstimmungsergebnis.
[17] StAHH, Senat Cl VII Lit Lb No 18 Vol 7a Fasc 1b Dok 6, Resolution des Bürgerschaftspräsidiums, 2.11.1814.
[18] StAHH, Senat Cl VII Lit Lb No 18 Vol 7a Fasc 1b Dok 6, Resolution des Bürgerschaftspräsidiums, 2.11.1814.
[19] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel II Fach 1 Vol F1 Dok 10, Abendroths Bericht über Ritzebüttel 1819.
[20] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel I Fach 2 Vol A II, S. 18f., Abendroth Handbuch Ritzebüttel.
[21] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel I Fach 2 Vol A II, S. 18f., Abendroth Handbuch Ritzebüttel.
[22] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel I Fach 2 Vol A II, S. 18f., Abendroth Handbuch Ritzebüttel.
[23] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel II Fach 1 Vol F1 Dok 10, Abendroths Bericht über Ritzebüttel 1819.
[24] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel II Fach 1 Vol F1 Dok 15, Abendroths Bericht über Ritzebüttel 1820.
[25] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel II Fach 1 Vol F1 Dok 15, Abendroths Bericht über Ritzebüttel 1820.
[26] Allgemeine Zeitung des Judenthums, 13.7.1839.
[27] Allgemeine Zeitung des Judenthums, 13.7.1839.
[28] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel I Fach 2 Vol A II, S. 18f., Abendroth Handbuch Ritzebüttel.
[29] StAHH, Familie von Voght Caspar von Voght I 39, Abendroth an Voght, 19.4.1835.
[30] StACux, Amtsarchiv Ritzebüttel II Fach 1 Vol F1 Dok 15, Abendroths Bericht über Ritzebüttel 1820.
[31] StAHH, Bürgerliche Kollegien A 2 Mappe 3 Dok 29, Reglement über die Aufnahme der Israeliten nach den bürgerlichen und religieusen Verhältnissen in Hamburg, Anlage D zur Senatsresolution vom 10.9.1814.
[32] StAHH, Senat Cl VII Lit Lb No 18 Vol 7a Fasc 1b Dok 3, Anmerkungen zum Entwurf eines Reglements für die Juden von Bürgermeister Amsinck, o.D.
[33] Erklärung Amsincks vom 3.11.1816, zitiert nach Dreyer: Hamburg, S. 134.
[34] StAHH, Senat Cl VII Lit Lb No 18 Vol 8 Fasc 1, der Artikel als Dok 26, Dok 27 der handschriftliche Entwurf Bartels’.
[35] Beneke: Tagebücher, 20.9.1819.
[36] StAHH, Senat Cl VII Lit Lb No 18 Vol 7a Fasc 7 Dok 6b, Resolution des Bürgerschaftspräsidiums, verfasst von Beneke, 27.8.1819.
[37] StAHH, Senat Cl VII Lit Lb No 18 Vol 7a Fasc 7 Dok 6b, Resolution des Bürgerschaftspräsidiums, verfasst von Beneke, 27.8.1819.
[38] StAHH, Senat Cl VII Lit Lb No 18 Vol 7a Fasc 7 Dok 6b, Resolution des Bürgerschaftspräsidiums, verfasst von Beneke, 27.8.1819.
[39] StAHH, Senat Cl VII Lit Lb No 18 Vol 7a Fasc 7 Dok 6b, Resolution des Bürgerschaftspräsidiums, verfasst von Beneke, 27.8.1819.
[40] StAHH, Senat Cl VII Lit Lb No 18 Vol 7a Fasc 7 Dok 6a, Senatsresolution, 15.9.1819.
[41] StAHH, Familie Beneke Ferdinand Beneke C 11, Bartels an Beneke, 16.9.1819.
[42] StAHH, Senat Cl VII Lit Lb No 18 Vol 7a Fasc 7 Dok 7, von Bartels formulierte Senatsresolution, 8.10.1819.
[43] StAHH, Familie Beneke Ferdinand Beneke C 13, Politischer Jahresrückblick 1819, S. 13.
[44] StAHH, Senat Cl VII Lit Lb No 18 Vol 7a Fasc 7 Dok 7, von Bartels formulierte Senatsresolution, 19.11.1823.
[45] StAHH, Senat Cl VII Lit Lb No 18 Vol 7a Fasc 12 Dok 71, von Beneke verfasste Beilage zur Resolution des Bürgerschaftspräsidiums, 13.1.1845.
[46] Allgemeine Zeitung, 24.9.1841.
[47] Beneke: Tagebücher, 9.8.1827.
[48] Beneke: Tagebücher, 9.8.1827.
[49] Beneke: Tagebücher, 23.1.1828.
[50] Das war die Meinung des preußischen Gesandten von Haenlein, zitiert nach Baasch: Geschichte Hamburgs, Bd. 1, S. 79.


